Todesfuge

Paul Celan (1920 – 1970) wurde in Czernowitz (Rumänien) in einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren.
Seine Eltern wurden 1942 in einem Konzentrationslager ermordet.
Paul Celan überlebte ein Arbeitslager, kehrte nach der Befreiung durch die Rote Armee 1944 in seine Heimatstadt zurück. Der 24-Jährige Dichter verfasste nach dieser traumatischen Erfahrung sein berühmtes Gedicht “Todesfuge”, ein Gedicht im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungslager.

Am 27. Januar 2020 ist der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

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Der Wert der Ruhe

In unserer lauten Gegenwart ist einer der großen Vorzüge der gelebten Religion, dem Menschen Orte und Zeiten der Ruhe zu gewähren. Gezwungenermaßen kommt der gestresste Karrieremensch fünfmal am Tag im Gebet zur Ruhe. Doch der äußere ‚Zwang’ des Pflichtrituals erweist sich dem Betenden schnell als innere Gnade, und das nicht nur im Sinne einer Verschnaufpause, in der man seine aufgezehrten Energiereserven regeneriert. Die Ruhe selbst ist ein Schlüssel zu einer starken Beziehung zu unsrem Herrn und einem lebendigen Glauben, der über die äußeren Schichten des Intellekts hinausgeht und in den Kern unsres Wesens einsinkt.

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Stirbt die Biene, stirbt der Mensch!

Seit Monaten sehen wir in den Medien die Bilder von brennenden Wäldern in Brasilien und Australien. Sie sind gewaltig und gehen nicht so leicht aus dem Kopf. Menschen flüchten, weil ihre Heimat durch die Feuer zerstört werden. Unzählige Tiere verlieren ihre Lebensgrundlage und verenden in den Katastrophengebieten. Zigtausende Hektar Bäume werden vernichtet, die uns normalerweise die Luft zum Atmen ermöglichen.

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Gott gibt es nicht

Eines der zentralen Themen unseres Glaubens ist die Frage nach der Natur, nach der Existenz Gottes. Oftmals wird diese Thematik in die Sphäre des Akademischen, des Theoretischen verschoben. Eine Befassung mit den vielen Ansichten und Meinungen zu dieser Frage findet in der alltäglichen Glaubenspraxis unserer Gemeinden kaum statt. Dort und auch in der höchstpersönlichen Glaubenswirklichkeit unseres Alltages finden wir vielmehr das wieder, was den Raum der ausbleibenden Befassung mit diesem Thema ausfüllt – eine stetig zunehmende Personalisierung und Instrumentalisierung Gottes: 

Häufig hören wir in Predigten oder Ansprachen gegenüber der Gemeinde Formulierungen wie: „Das sind nicht meine Worte, das sind die Worte Gottes!“ Oder „Das verlangt Gott von euch!“ Oder „Gott will, dass ihr …“

Ähnlich häufig begegnen uns Predigten oder Ansprachen – insbesondere auch in der Jugendarbeit unserer Gemeinden – in denen eine konkrete Vorstellung von Gott und dem Tag der Rechtfertigung dazu dient, Auffassungen und Vorstellungen des in jenem Augenblick Redenden zu legitimieren. Manch einer verfällt in tiefe Angstpädagogik und zeichnet das Bild eines rächenden Gottes, eines bilanzierenden Gottes, der fast schon wie ein Untergebener seiner selbst nach dem Betrachten von vermeintlichen Sünden- oder Tugendregistern zu einer unumstößlich festgelegten Entscheidung zwischen Himmel oder Hölle gezwungen zu sein scheint.

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Gott will für euch das Leichte und nicht das Schwere

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Hin und wieder beobachte ich, wie manche Muslime die Vorstellung haben, dass je schwieriger und mühsamer ein Islamverständnis ist, desto korrekter sei es. Mit so einer Vorstellung entsteht beinahe eine Psychose und man wird ständig von der Angst verfolgt etwas Falsches zu machen.

Diese Einstellung steht allerdings im Widerspruch zu der prophetischen Botschaft. Im Koran lesen wir: „Gott will für euch das Leichte und nicht das Schwere“ (2:185) oder „Gott will euch keine Belästigung aufbürden“(5:6), sowie „Er hat euch keinerlei Beengung im Gottesdienst auferlegt.“(22:78). Diese Stellen und andere besagen, dass Gott mit seiner Kunde das Leben der Menschen nicht schwer machen möchte, sondern im Gegenteil.

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Die schwangere Prophetin: Maria

Jedes Jahr um die Wintersonnenwende, wenn die kürzesten Tage des Jahres uns mit Kälte, Nebel und Dunkelheit umhüllen, zünden Christen Kerzen an und Gedenken der Geburt Jesu. Und jedes Jahr um die Weihnachtszeit fragen sich Christen und Muslime im interreligiösen Miteinander, was denn die Stellung Jesu im Islam sei. Die Antwort ist: Jesus ist ein Prophet Allahs, so wie Muhammad (sas) auch. Daraufhin kommt die Frage: Was sagt denn der Koran zu Jesus? Zu seiner Kreuzigung? Zu seiner Auferstehung? Zu seinen Wundern? Das sind berechtigte Fragen. Allah spricht im Koran aber nicht nur zu den Fragen, die wir uns heute stellen. Er hat anderes und mehr zu sagen.

Wenn wir den Koran – ohne vorformulierte Fragen – lesen, werden wir Folgendes bemerken: Maria (Maryam) erhält im Koran viel mehr Aufmerksamkeit als Jesus. Sie ist die Protagonistin der koranischen Erzählung, nicht Jesus.

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Niemandes Richter

Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Wiederholen wir diesen Satz, damit er sich uns unausweichlich aufdrängt: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Versuchen wir, diesen Satz auf all seinen Bedeutungsebenen zu verstehen und zu akzeptieren: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. 

Natürlich gilt dieser Satz auch in seiner umgekehrten Aussage: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. Auch in dieser Form verkörpert dieser Satz eine wichtige Erkenntnis, die wir uns nicht häufig genug bewusst machen können: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. 

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Der muslimische Imperativ

Traditionen sind uns wichtig. Wir legen wert darauf, dass unsere Gepflogenheiten, Bräuche und überlieferten Vorstellungen befolgt werden. Wir bewahren unsere Handlungs- und Denkmuster, also all jenes, das nicht angeboren ist, als Grundsubstanz unserer Identität.
Für soziale Gruppen in der Situation der Minderheit fungiert die Traditionsbewahrung und -pflege als wichtiger Träger von Identität, ja geradezu als identitätsstiftend. Für Gruppen in der gesellschaftlichen Rolle der Mehrheit vermittelt die Vorstellung von Tradition und ihrer Bewahrung gleichsam die Definition der eigenen Kultur.

Gerade durch die Bewahrung, die Beständigkeit von Denk- und Handlungsmustern transformiert sich eine personelle Gruppe hin zu einer Kultur. In beiden gesellschaftlichen Rollen ist diese Form der Kulturwerdung so wichtig, dass beide stets in der Furcht davor leben, die eigene Kultur könne aufgebrochen, verwässert, also verändert und damit geschwächt werden.

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Schimpfe nicht auf die Launen der Zeit

Die Menschen neigen heute sehr leichtfertig dazu, sich über die Entwicklungen auf der Welt zu empören. Man vermisst die vermeintlich gute alte Zeit, und sieht nur Krisen und Konflikte. Zweifellos gibt es die überall auf der Welt. Gerade in den sozialen Medien ist eine zunehmende Frustration und Negativität zu beobachten. Auch wir Muslime bleiben davon nicht unberührt. Auch wir Muslime liken, teilen und kommentieren in den sozialen Medien, aber auch in den Gesprächen unter uns, die Ungerechtigkeiten, die in verschiedenen Regionen der Welt den Muslimen angetan werden. Insbesondere ideologische Akteure unter uns Muslimen nutzen Videos und Bilder, um gezielt junge Muslime durch eine emotionale Ansprache in eine bestimmte Richtung zu lenken.

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Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

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