#Christchurch

Zum Freitagsgebet zu gehen, das hat für uns etwas von Frieden und Sicherheit. Wir treten ein in diesen Raum und schauen nach vorn. Höchstens zur Suche eines guten Freundes, eines anderen freundlichen Gesichts geht der Blick zurück zur Tür. Wir schauen nach vorn.

Manche lauschen der Predigt, andere sind in stiller Kontemplation in sich versunken. Die Ruhe ist es, die viele von uns anspricht, der Frieden, der Segen, der mit dem Frieden eng umschlungen kommt. Wir sitzen auf Teppichen, auf Steinböden, auf provisorischen Bet-Teppichen, und wir schauen nach vorn.

Ihm gedenken wir, seiner Gnade, seiner Liebe für uns, und wie wenig dieser Liebe wir ihm zurückgeben können. Das Freitagsgebet gehört zu den Zeiten, in der wir die Gegenseitigkeit am intensivsten spüren. Nebeneinander sitzen wir, schenken Almosen in Form von Lächeln nach links und rechts und wir schauen nach vorn.

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Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes

Eine Gemeinschaft ist nur so stark und für die Herausforderungen der Zukunft nur dann gewappnet, wenn sie immer wieder aufs Neue dazu bereit ist, althergebrachte Ansichten, überlieferte Anschauungen und Wertungen zu hinterfragen. Wir müssen unser für richtig erachtetes Verhalten mit dem Licht der Offenbarung des Islam immer wieder neu beleuchten.

Denn wir Menschen sind fehlbar, irrend und unvollkommen. So sind auch unsere Ansichten stets der Gefahr ausgesetzt, in die Irre zu gehen, von der islamischen Offenbarung abzuweichen und den rechten Weg, den „siratel mustakim“ zu verlassen. Wenn wir täglich beim Verrichten unserer Ritualgebete wiederholt Gott darum bitten, uns auf diesen rechten Weg zu führen, kommt darin eben diese Überzeugung zum Ausdruck, dass unsere menschlichen Überzeugungen und tradierten Vorstellungen vom rechten Weg wegführen können. 

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Woher kommst Du?

Die Frage „Woher kommst Du?“ bewegt unser Land seit einigen Tagen. In dieser Frage und in den Diskussionen, die sie auslöst, spiegelt sich die Seele unserer Gesellschaft. In den lebendigen und teilweise scharfen Debatten, die wir miteinander und viel zu oft gegeneinander führen, verkörpert sich der Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Wir leben und reden zunehmend mit dem Anspruch auf Widerspruchslosigkeit. Die Infragestellung unserer Argumente und Ansichten empfinden wir immer häufiger als Infragestellung unseres Selbst. Im Disput legen wir es immer intensiver nicht nur darauf an, die Meinung des Anderen zu widerlegen. Wir streben danach, den Anderen selbst zu widerlegen, ihm seine Berechtigung, anders zu sein, abzusprechen. 

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Junge Menschen verstehen

Die Jugend stellt eine besondere Phase unseres Lebens dar. Zwischen Kindheit und Erwachsenensein erlebt der junge Mensch große körperliche und seelische Veränderungen, was sowohl von den Eltern als auch von den Jugendlichen meistens als schwierig empfunden wird. Junge Menschen nabeln sich von den Eltern ab und begeben sich auf Identitätssuche. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, decken sich meistens nicht mit den Vorstellungen der Eltern, was die Eltern-Kind Beziehung auf eine harte Bewährungsprobe stellt. Viele Eltern sind in dieser Zeit verzweifelt, weil sie den Zugang zu ihren Kindern verlieren. Die Kommunikation mit ihnen wird immer schwieriger, weil sie sich einer anderen Sprache bedienen. Nicht nur die Sprache verändert sich, auch der Kleidungsstil oder das Auftreten und all die anerzogenen „guten“ Verhaltensregeln scheinen verschwunden zu sein.

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Dem Menschenhass entgegentreten

Die Menschen sind unterschiedlich. Das ist ein Gemeinplatz, würde man meinen. Wenn wir allerdings einmal um uns schauen, dann werden wir schnell eines Besseren belehrt. Viele – ja, mitunter auch wir selbst – tun sich nämlich nach wie vor sehr schwer mit dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit. Menschen, die in irgendeiner Weise anders sind als wir, werden stereotypisiert, sie werden in Schubladen gesteckt, mit Klischees und Vorurteilen belegt. Immer häufiger begegnet man ihnen mit Argwohn, Ablehnung und sogar Hass.

Ob Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung oder kulturelle Herkunft, anhand irgendeines beliebigen Merkmals werden Menschen als anders, unnormal oder fremd gebrandmarkt und daher angefeindet. Heute ist menschenfeindliche Hetze gegen Juden, Muslime, Roma, Homosexuelle, Asylsuchende oder allgemein Fremde nicht nur in unserem Land, sondern europa-, ja, weltweit leider Alltag geworden. Sie begegnet uns auf der Straße ebenso wie in der politischen Öffentlichkeit und ganz massiv im Internet. Hier werden komplexe Sachverhalte stark vereinfacht und in holzschnittartige Freund-Feind-Bilder übersetzt. Objektive Tatsachen spielen nur dann eine Rolle, wenn sie das eigene Weltbild bestätigen. Ansonsten werden sie schlicht ignoriert, wenn nicht verdreht.

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Das Gleichgewicht der Schöpfung

Ein Gastbeitrag von Hilal Sezgin-Just

Wir hören in diesen Tagen immer lauter die Schreie der Erde, die uns zu mahnen versuchen, doch wir lassen sie nicht zu uns durchdringen. Zu beschäftigt sind wir im Alltag, um uns mit Themen wie Umweltschutz und Konsumverhalten zu befassen, und als Einzelner können wir doch eh nichts bewirken, so denken wir. Wir schwimmen im Strom der Zeit, bevorzugen die Bequemlichkeit von Plastiktüten und waschen unsere Töpfe dreifach, bevor wir sie in den Geschirrspüler räumen. Gleiches gilt für die gesegneten Abende des Ramadan, in denen wir mit Familie und Bekanntschaft zusammenkommen, um zwanzig Minuten später mit unnötig vollgestopftem Bauch das Gebet zu verrichten. Dabei sind wir als Muslime dazu verpflichtet, isrāf, Verschwendung, zu meiden, das ökologische Gleichgewicht der Natur zu bewahren, Verantwortung für unser Tun und Handeln zu übernehmen und gute Taten zu vollbringen. In der Sure ar-Rahman heißt es:

“Allah erhob den Himmel und wahrte das Gleichgewicht. Dass ihr dieses Gleichgewicht nicht stört.” (55/7-8)

Diese Mahnung bleibt oft unerhört, bleibt in vielen Predigten und gelehrten Diskussionen unberücksichtigt. Wir beschäftigen uns fast ausschließlich mit praktischen Regeln und Ritualen, während ökologische Themen häufig auf der Strecke bleiben. Das simple Vermeiden von Plastiktüten beispielsweise, wird oft belächelt und als neumodische Marotte degradiert. Dabei sind gerade Plastiktüten ein so sinnfälliges Symptom unserer modernen Zeit, die nach dem trostlosen kapitalistischen Motto „Nutzen und Wegwerfen“ funktioniert; oder eben, anders ausgedrückt, Verschwendung.

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Schimpfe nicht auf die Launen der Zeit

Die Menschen neigen heute sehr leichtfertig dazu, sich über die Entwicklungen auf der Welt zu empören. Man vermisst die vermeintlich gute alte Zeit, und sieht nur Krisen und Konflikte. Zweifellos gibt es die überall auf der Welt. Gerade in den sozialen Medien ist eine zunehmende Frustration und Negativität zu beobachten. Auch wir Muslime bleiben davon nicht unberührt. Auch wir Muslime liken, teilen und kommentieren in den sozialen Medien, aber auch in den Gesprächen unter uns, die Ungerechtigkeiten, die in verschiedenen Regionen der Welt den Muslimen angetan werden. Insbesondere ideologische Akteure unter uns Muslimen nutzen Videos und Bilder, um gezielt junge Muslime durch eine emotionale Ansprache in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Sowohl bei diesen ideologischen Akteuren als auch bei den Gesprächen unter Freunden geht es fast nie darum, wie man die Situation ändern kann, oder wie man zumindest die Aufmerksamkeit der Menschen auf wahre Ungerechtigkeit lenken kann. Es geht im Grunde genommen nur darum, sich abzureagieren. Das Ergebnis mit dieser Art und Weise des Umgangs mit tatsächlichem – aber auch imaginiertem – Unrecht ist am Ende Frustration und indirekt auch der Verlust des Vertrauens auf Allah, unserem Schöpfer.

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Vom Haben zum Sein

Das fünfmal tägliche rituelle Gebet (as-salat, namaz) gehört zu den religiösen Pflichten jedes gläubigen Muslims und jeder gläubigen Muslima. Es gilt, neben dem Fasten, dem Zahlen der Armensteuer und der großen Pilgerfahrt nach Mekka, als die Bestätigung und praktische Entfaltung des muslimischen Glaubensbekenntnisses, der schahada. Die Inhalte des Glaubensbekenntnisses – der Glaube an die Einheit Gottes, der Gesandtschaft des Propheten Muhammad a.s. und an die Wahrheit der vorislamischen Offenbarungen – werden dadurch mit Leben gefüllt. Der Glaube wird somit durch die Ausführung der rituellen Pflichten praktisch gelebt.

Von allen rituellen Pflichten fällt die Einhaltung des Gebets den meisten Musliminnen und Muslimen schwer. Was erschwert aber vielen Gläubigen, das Gebet jeden Tag pünktlich zu vollziehen? Ist es der Rhythmus, weil das Gebet jeden Tag, fünf Mal zu bestimmten Tageszeiten verrichtet werden muss? Ist es die Dichte unserer kostbaren Lebenszeit, die wir Gott schenken sollen?

Wer schon einmal vor und nach dem Gebet auf die Uhr geschaut hat, wird bemerkt haben, dass es in Wirklichkeit nur wenige Minuten unseres Tages in Anspruch nimmt. Wenn wir es schaffen, fünf Mal täglich für ein paar Minuten unsere E-Mails und unsere Social-Media-Accounts zu checken, dann sollte es doch ohne Weiteres auch möglich sein, fünf Mal täglich Gott rituell zu gedenken. Was macht also dann die Einhaltung des Gebets so schwierig?

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Pride

Dieses Freitagswort ist notwendig. Vielleicht notwendiger als viele Freitagsworte davor. Denn dieses Freitagswort spricht ein Thema an, das wir in unserer muslimischen Gemeinschaft tabuisieren. Wir schweigen hartnäckig zu diesem Thema. Denn das, was wir in den meisten Fällen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und Ächtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert.

Unser gemeinschaftlicher Umgang mit dem Thema Homosexualität und unser Umgang mit Menschen aus der LGBT-Community offenbart mit seinen verkrampften Abwehrreflexen, wie gestört wir uns von diesem Thema, ja von queeren Menschen selbst, fühlen. Ihre Anwesenheit, ihre Nähe verstört uns. Über dieses Thema zu reden, ist uns unangenehm.

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Nostalgie als Opium für das Volk

Die Beschäftigung mit der Geschichte der islamischen Gelehrsamkeit ist für uns Muslime heute von großer Bedeutung. Die Reflektion über die Werke und die Persönlichkeiten, die diese Wissenstradition über die Jahrhunderte entwickelt haben, ist wichtig, um sich mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen und eigene, auf das Heute bezogene Lösungen oder Denkanstöße zu finden.

Nicht selten dominieren bei uns Muslimen aber zwei extreme Formen, wie man sich mit der eigenen Geschichte beschäftigt und sich dieser annähert. Das eine Extrem ist die Romantisierung der Vergangenheit. Man neigt ganz schnell zu einer nostalgischen Haltung, klagt dabei die eigene gegenwärtige Lage an. Man denkt, dass man durch die unreflektierte und von der Gegenwart losgelöste Nachahmung des vergangenen Erbes zur alten Blüte wiedererlangt. Dabei ist dieses Erbe jedoch nur konstruiert.

Das andere Extrem ist die totale Verdammung der eigenen Wissenstradition. Dabei wird verzweifelt versucht, ohne jegliches Fundament etwas Neues zu konstruieren. Das führt letztendlich zu einer Beliebigkeit und dem Verlust von Wissen. Beide Herangehensweisen sind am Ende oberflächlich und fern der historischen Realitäten, die über die Jahrhunderte herrschten.

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