Ein Jahr nach Hanau

Rassismus tötet. Das ist uns nicht erst seit gestern klar. Auch nicht erst nach Hanau. Wir wissen, dass Menschen, die aus rassistischen Motiven hassen, irgendwann auch bereit dazu sind, diesen Hass in mörderischer Weise auszuleben. Das erscheint uns kaum begreifbar. Auch wenn dieser letzte Schritt vom Hassen zum Töten uns unbegreiflich erscheint, ist uns der Hass selbst aber nicht völlig fremd.

In jedem von uns schlummert ein Gefühl, eine Haltung, ein erster Reflex der Ablehnung, der Zurückweisung andere Menschen. Manchmal aus ganz persönlichen Gründen. Wegen schlechter individueller Erfahrungen. Manchmal aber auch aus Gründen, mit denen wir aufgewachsen sind. Mit Vorstellungen darüber, dass andere Menschen vermeintlich nicht so sind wie wir. Sie sind anders. Wir sind mit einer Vorstellung aufgewachsen, dass wir der Maßstab dessen sind, was als normal und gut zu gelten hat. Menschen, die von dieser Vorstellung abweichen, sehen wir häufig nicht als Ausdruck einer gleichberechtigten, einer gleichwertigen Verschiedenheit an. Wir bewerten diese Verschiedenheit. Wir urteilen über die Abweichungen. Dabei werten wir ab. Wir verurteilen.

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Damit wir leben

Der Tod ist für den Menschen sein verstörendster “Lebensabschnitt”. Er ist endgültig und sein Kommen ist sicher. Dennoch überrascht uns jeder Todesfall – je näher uns der oder die Verstorbene stand, umso mehr. Natürlich schmerzt der Verlust, die irdisch-endgültige Trennung von einer geliebten Person. Jeder Todesfall erinnert uns aber auch an unsere eigene Sterblichkeit, unsere Vergänglichkeit, an ein abruptes Ende, das all unsere Planungen und Vorsätze beendet.

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Unsere Leute?

Wer sind wir? Oder genauer gefragt: Wer sind „Wir“?

Für uns Muslime, die in der hiesigen Gesellschaft als Minderheit gelten, liegt in dieser Frage eine Gelegenheit und ein Hindernis zugleich.

Die Gelegenheit, durch die Definition gemeinsamer muslimischer Interessen gesellschaftlich Gehör zu finden. Oder strukturelle Benachteiligungen sichtbar werden zu lassen. Muslime bewegen sich dann als Bürger in dieser Gesellschaft, haben an ihr teil und versuchen sie aus der eigenen muslimischen Perspektive zu verbessern – zum Wohle aller.

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Ist Recycling etwa Haram?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

„Recycling im Islam“ als Überschrift hätte wahrscheinlich weniger Aufmerksamkeit erregt als die Frage nach Haram. Das Spiel um Halal und Haram habe ich nicht gern. Die Kategorie haram ist aber immer noch mächtiger als jede andere. Merkwürdig, dass ich beim Anblick einer Portion Saft „Immunbombe“, in einem recycelbaren Becher, daran denken musste.

Haram markiert Grenzen: Wir fragen zwar, ob etwas halal ist, wollen aber eigentlich wissen, dass etwas nicht haram ist. Wir denken ex negativo. Haram stiftet immer noch Identität, zeigt die Überlegenheit derjenigen, die sie nicht übertreten: Wenn etwas haram ist, ist die Übertretung so gravierend, dass man dies vor anderen Menschen versteckt. Ob es Gott sieht, interessiert leider die wenigsten. Die, die es interessiert, finden Zuflucht in der Reue (tawba). Es gibt also immer einen Ausweg aus dem haram, indem man gerade steckt. Ja, genau: Indem man immer noch steckt! Führt man eine Handlung aus, die haram ist, muss man Reue zeigen, also tawba leisten und sich fest vornehmen, in Zukunft nicht mehr so zu handeln. Selbst jene, die ihren Alltag nicht nach religiösen Vorsätzen strukturieren, achten auf diese Kategorie: Wenn sie muslimisch sozialisiert sind, würden die wenigsten den Haram begehen, Schweinefleisch zu verzehren. Alkoholkonsum; da sind wir im Umgang ein bisschen lockerer, wieso auch immer…

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Wer Vielfalt leugnet, der leugnet die Schöpfung Allahs

Ein Gastbeitrag von Fatih Seyfi

Weltweit werden viele ethnische wie kulturelle Minderheiten dazu gezwungen, sich einem Zwang der Anpassung und der Aufgabe kultureller Eigenheiten zu unterwerfen. Eines der aktuellsten Beispiele sind die muslimischen Uighuren in China. Schätzungen zufolge werden mehr als eine Millionen Uighuren sowie Angehörige anderer muslimischer Minderheiten in der Nordwest-Provinz Xinjiang in sogenannten „Umerziehungslagern“ interniert, misshandelt, zur Zwangsarbeit und zur Aufgabe ihrer religiösen und kulturellen Bräuche gezwungen.

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Warum wir die Welt in Halal und Haram sehen

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

Wenn ein*e gläubige*r Muslim*a vor einer Entscheidung steht, oder etwas tun oder unterlassen muss, ist die erste Frage, die durch seinen*ihren Kopf geht: Ist das, was ich tue, halal oder haram? Zum Beispiel: Ist Sylvester zu feiern erlaubt oder verboten? Stellen Sie sich vor, dass Sie ein*e Arzt*Ärztin in der Notfallaufnahme sind. Sie haben alles getan, um einen Covid-Patienten zu retten, der nur geringe Überlebenschancen hat. Gleichzeitig wird der*die nächste eingeliefert, der*die sehr wahrscheinlich überleben wird. Ihre Aufnahmekapazitäten sind fast ausgeschöpft. Sie haben vorschriftsmäßig alles getan, entscheiden sich dafür, den*die Patienten*in zu behandeln, der*die wahrscheinlich überleben wird. Wieso fühlt sich der*die muslimische Arzt*Ärztin dazu verpflichtet, noch einmal nachzufragen, ob diese Entscheidung zulässig ist; also in seinem*ihrem Denkschema halal oder haram ist?

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Silvesterparanoia

Auch dieses Jahr wäre es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zurückliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen für das bevorstehende Jahr für alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren.

Viele Muslime tun das sicher auch. Aber mindestens ebenso viele, allen voran innerhalb unserer organisierten Strukturen der muslimischen Gemeinschaften, sind mit etwas anderem beschäftigt. Dort entfaltet sich eine besondere Form der Kreativität, die auf verschiedenen Ebenen offenbart, wie es um die muslimische Seele vielfach bestellt ist.

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Alle Jahre wieder …

Weihnachtszeit. Jedes Jahr wiederholen sich die Rituale anlässlich dieses Festes. Unter Muslimen schwelen innere Spannungen zwischen emphatischer Freude, der Suche nach den islamischen Quellen, welche die Geburt Jesu schildern, aber auch einer verstörenden Ablehnung, christlichen Mitbürgern auch nur frohe Weihnachten zu wünschen.

Letzteres ist häufig der Ausdruck einer eigenen Unsicherheit im Glauben. Wenn sich Frömmigkeit ihrer Festigkeit dadurch vergewissern muss, andere Glaubensüberzeugungen fundamental abzulehnen und ihre Präsenz nicht als Wert einer vielfältigen Gesellschaft zu schätzen, führt das zu einer Einfältigkeit im eigenen Glauben und erstickt unsere Möglichkeiten, einander achtsam zu begegnen – und Freude an der Freude des anderen nachzuempfinden.

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Chanukka sameach!

„Baruch Atah Adonaj, Elohejnu Melech ha’Olam, schehechejanu, vekijemanu vehigianu laSman haseh.“

„Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns hast Leben und Erhaltung gegeben und uns hast diese Zeit erreichen lassen.“

Dies ist einer der drei Segenssprüche, mit dem das erste Licht des Chanukka-Leuchters entzündet wird. Unsere jüdischen Geschwister begehen in den kommenden Tagen das jährliche Chanukka-Fest im Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem.

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Maria

Jedes Jahr um die Wintersonnenwende, wenn die kürzesten Tage des Jahres uns mit Kälte, Nebel und Dunkelheit umhüllen, zünden Christen Kerzen an und Gedenken der Geburt Jesu. Und jedes Jahr um die Weihnachtszeit fragen sich Christen und Muslime im interreligiösen Miteinander, was denn die Stellung Jesu im Islam sei. Die Antwort ist: Jesus ist ein Prophet Allahs, so wie Muhammad (sas) auch. Daraufhin kommt die Frage: Was sagt denn der Koran zu Jesus? Zu seiner Kreuzigung? Zu seiner Auferstehung? Zu seinen Wundern? Das sind berechtigte Fragen. Allah spricht im Koran aber nicht nur zu den Fragen, die wir uns heute stellen. Er hat anderes und mehr zu sagen.

Wenn wir den Koran – ohne vorformulierte Fragen – lesen, werden wir Folgendes bemerken: Maria (Maryam) erhält im Koran viel mehr Aufmerksamkeit als Jesus. Sie ist die Protagonistin der koranischen Erzählung, nicht Jesus.

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