Ende des Ramadan

Wieder neigt sich der jährliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder lässt er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unmögliches sich in ein alltägliches Ritual verwandelt und uns vor Augen führt, wie trügerisch unsere Gedanken und Vorstellungen über uns selbst sein können. Kaum sind wir in der Lage, hinter diesen Vorhang unserer Selbstwahrnehmung zu blicken, endet der Ramadan in Tagen der Freude, der familiären Verbundenheit und in vielfachen freundschaftlichen Begegnungen. Und wir fallen zurück in unser eingeübtes Verhalten und der Ramadan verblasst wieder für 11 Monate zu einer fernen Erinnerung der Überwindung von Hunger und Durst.

Dabei führt uns der Ramadan gerade in seiner letzten Phase, in seinen letzten Tagen deutlich wie nie die Macht der Veränderung vor Augen – und die Illusion von Beständigkeit. In den letzten Tagen des Fastens, wenn wir feststellen, mit wie wenig an Nahrung und Wasser wir auskommen, wie wenig es eigentlich bedarf, um uns zufrieden zu stellen, ahnen wir, dass die Beständigkeit unseres Alltages eigentlich nichts Statisches ist, sondern die schleichende Gewöhnung an Zustände und Verhaltensweisen.

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Die Einheit der Muslime

Eine der schönsten Eigenschaften unseres Glaubens ist das Prinzip der Ausgewogenheit zwischen Individualität und Kollektivität unserer Religionspraxis, aber auch unserer Glaubensfundamente. Jeder Aspekt unseres Glaubens, jedes Detail seiner praktischen, gelebten Form aber auch seiner geistigen und seelischen Berührungspunkte weist eine Balance, ein Gleichgewicht zwischen dem einzelnen Gläubigen und seiner Gemeinschaft auf.

Dieses Gleichgewicht zwischen Individuum und Allgemeinheit beginnt bereits bei unserem Glaubensbekenntnis – wir bekunden, dass es keinen Gott gibt, außer dem Einen, dem wir uns ganz persönlich zuwenden. Und gleichzeitig bekunden wir, dass Mohammed (s.a.s.) sein Gesandter ist. Einer, der nicht nur dem Einzelnen, sondern einer ganzen Gemeinschaft gesandt wurde.

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Zeit der Erneuerung

Es ist wieder ein Jahr vergangen und der Ramadan steht uns bevor. Jedes Jahr verbinden wir diesen Monat mit positiven Erlebnissen und den Segnungen des Fastens. Was für Außenstehende häufig wie eine große Überwindung und irrationale Selbstgeißelung wirkt, erleben wir Tag für Tag als zunehmende Erleichterung, als Zeit der Beruhigung unserer körperlichen Funktionen und Schärfung unserer Sinne, die nicht von dauerhaftem Konsum und dem Verzehr viel zu großer Mengen von Allem übersättigt und abgestumpft sind. 

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Mehr als nur ein Virus

Was wir seit mehr als drei Wochen erleben, erschüttert unsere Wahrnehmung von Selbstverständlichkeiten. Wir hatten routinierte Tagesabläufe, alltägliche Gewissheiten, Pläne, wie unsere nächsten Wochen, Monate oder Jahre aussehen sollten.

All diese Vorstellungen von Normalität und Sicherheit sind nun als das erkennbar, was sie seit jeher gewesen sind – das Ergebnis unserer Verdrängung. Wir sind in Zeiten des Wohlstandes und der Zufriedenheit blind für die Natur unserer Umwelt und die Natur unseres Seins: Unser Reichtum ist auf Kosten und zum Nachteil anderer Menschen angehäuft. Und wir sind vergänglich.

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Hanau

Die Angehörigen der Opfer von Hanau werden den Rest ihres Lebens ohne ihre Liebsten verbringen müssen. Auf die Frage nach dem „Warum?“ werden sie keine Antwort finden, die ihnen Trost verschafft.

Denn die Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ der Anschläge von Hanau ist so simpel wie unerträglich. In unserer Gesellschaft gibt es in weiten Teilen die Überzeugung, dass bestimmte Gruppen von Menschen, anderen Gruppen von Menschen überlegen seien. Das ist der Nährboden, auf dem dieser erste Keim der Überlegenheitsvorstellung heranwächst bis er letztlich Früchte der Verachtung, der Entmenschlichung, des Hasses und schließlich der Tötungsrechtfertigung trägt.

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Gott gibt es nicht

Eines der zentralen Themen unseres Glaubens ist die Frage nach der Natur, nach der Existenz Gottes. Oftmals wird diese Thematik in die Sphäre des Akademischen, des Theoretischen verschoben. Eine Befassung mit den vielen Ansichten und Meinungen zu dieser Frage findet in der alltäglichen Glaubenspraxis unserer Gemeinden kaum statt. Dort und auch in der höchstpersönlichen Glaubenswirklichkeit unseres Alltages finden wir vielmehr das wieder, was den Raum der ausbleibenden Befassung mit diesem Thema ausfüllt – eine stetig zunehmende Personalisierung und Instrumentalisierung Gottes: 

Häufig hören wir in Predigten oder Ansprachen gegenüber der Gemeinde Formulierungen wie: „Das sind nicht meine Worte, das sind die Worte Gottes!“ Oder „Das verlangt Gott von euch!“ Oder „Gott will, dass ihr …“

Ähnlich häufig begegnen uns Predigten oder Ansprachen – insbesondere auch in der Jugendarbeit unserer Gemeinden – in denen eine konkrete Vorstellung von Gott und dem Tag der Rechtfertigung dazu dient, Auffassungen und Vorstellungen des in jenem Augenblick Redenden zu legitimieren. Manch einer verfällt in tiefe Angstpädagogik und zeichnet das Bild eines rächenden Gottes, eines bilanzierenden Gottes, der fast schon wie ein Untergebener seiner selbst nach dem Betrachten von vermeintlichen Sünden- oder Tugendregistern zu einer unumstößlich festgelegten Entscheidung zwischen Himmel oder Hölle gezwungen zu sein scheint.

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Niemandes Richter

Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Wiederholen wir diesen Satz, damit er sich uns unausweichlich aufdrängt: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Versuchen wir, diesen Satz auf all seinen Bedeutungsebenen zu verstehen und zu akzeptieren: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. 

Natürlich gilt dieser Satz auch in seiner umgekehrten Aussage: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. Auch in dieser Form verkörpert dieser Satz eine wichtige Erkenntnis, die wir uns nicht häufig genug bewusst machen können: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. 

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Der muslimische Imperativ

Traditionen sind uns wichtig. Wir legen wert darauf, dass unsere Gepflogenheiten, Bräuche und überlieferten Vorstellungen befolgt werden. Wir bewahren unsere Handlungs- und Denkmuster, also all jenes, das nicht angeboren ist, als Grundsubstanz unserer Identität.
Für soziale Gruppen in der Situation der Minderheit fungiert die Traditionsbewahrung und -pflege als wichtiger Träger von Identität, ja geradezu als identitätsstiftend. Für Gruppen in der gesellschaftlichen Rolle der Mehrheit vermittelt die Vorstellung von Tradition und ihrer Bewahrung gleichsam die Definition der eigenen Kultur.

Gerade durch die Bewahrung, die Beständigkeit von Denk- und Handlungsmustern transformiert sich eine personelle Gruppe hin zu einer Kultur. In beiden gesellschaftlichen Rollen ist diese Form der Kulturwerdung so wichtig, dass beide stets in der Furcht davor leben, die eigene Kultur könne aufgebrochen, verwässert, also verändert und damit geschwächt werden.

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Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

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Einheit und Einigkeit

Ein weiteres Mal haben wir gestern den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Wie bei allen ritualisierten Formen des Gedenkens sollten wir uns auch anlässlich dieses jährlich wiederkehrenden Datums danach befragen, was wir eigentlich feiern.

Die Überwindung der Teilung Deutschlands ist zweifelsohne ein historisches Ereignis. Aber der Tag der deutschen Einheit muss uns für die Zukunft mehr bedeuten, als die völkerrechtliche Wiedervereinigung von Gebietskörperschaften. Denn heute erkennen wir viel deutlicher als noch vor 30 Jahren, dass die Wiedervereinigung der Menschen noch längst nicht erreicht ist. Viel zu sehr dominieren die Vorurteile übereinander in Ost und West, als dass von einer Einheit der Menschen die Rede sein kann.

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