Ein Jahr nach Hanau

Rassismus tötet. Das ist uns nicht erst seit gestern klar. Auch nicht erst nach Hanau. Wir wissen, dass Menschen, die aus rassistischen Motiven hassen, irgendwann auch bereit dazu sind, diesen Hass in mörderischer Weise auszuleben. Das erscheint uns kaum begreifbar. Auch wenn dieser letzte Schritt vom Hassen zum Töten uns unbegreiflich erscheint, ist uns der Hass selbst aber nicht völlig fremd.

In jedem von uns schlummert ein Gefühl, eine Haltung, ein erster Reflex der Ablehnung, der Zurückweisung andere Menschen. Manchmal aus ganz persönlichen Gründen. Wegen schlechter individueller Erfahrungen. Manchmal aber auch aus Gründen, mit denen wir aufgewachsen sind. Mit Vorstellungen darüber, dass andere Menschen vermeintlich nicht so sind wie wir. Sie sind anders. Wir sind mit einer Vorstellung aufgewachsen, dass wir der Maßstab dessen sind, was als normal und gut zu gelten hat. Menschen, die von dieser Vorstellung abweichen, sehen wir häufig nicht als Ausdruck einer gleichberechtigten, einer gleichwertigen Verschiedenheit an. Wir bewerten diese Verschiedenheit. Wir urteilen über die Abweichungen. Dabei werten wir ab. Wir verurteilen.

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Unsere Leute?

Wer sind wir? Oder genauer gefragt: Wer sind „Wir“?

Für uns Muslime, die in der hiesigen Gesellschaft als Minderheit gelten, liegt in dieser Frage eine Gelegenheit und ein Hindernis zugleich.

Die Gelegenheit, durch die Definition gemeinsamer muslimischer Interessen gesellschaftlich Gehör zu finden. Oder strukturelle Benachteiligungen sichtbar werden zu lassen. Muslime bewegen sich dann als Bürger in dieser Gesellschaft, haben an ihr teil und versuchen sie aus der eigenen muslimischen Perspektive zu verbessern – zum Wohle aller.

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Silvesterparanoia

Auch dieses Jahr wäre es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zurückliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen für das bevorstehende Jahr für alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren.

Viele Muslime tun das sicher auch. Aber mindestens ebenso viele, allen voran innerhalb unserer organisierten Strukturen der muslimischen Gemeinschaften, sind mit etwas anderem beschäftigt. Dort entfaltet sich eine besondere Form der Kreativität, die auf verschiedenen Ebenen offenbart, wie es um die muslimische Seele vielfach bestellt ist.

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Alle Jahre wieder …

Weihnachtszeit. Jedes Jahr wiederholen sich die Rituale anlässlich dieses Festes. Unter Muslimen schwelen innere Spannungen zwischen emphatischer Freude, der Suche nach den islamischen Quellen, welche die Geburt Jesu schildern, aber auch einer verstörenden Ablehnung, christlichen Mitbürgern auch nur frohe Weihnachten zu wünschen.

Letzteres ist häufig der Ausdruck einer eigenen Unsicherheit im Glauben. Wenn sich Frömmigkeit ihrer Festigkeit dadurch vergewissern muss, andere Glaubensüberzeugungen fundamental abzulehnen und ihre Präsenz nicht als Wert einer vielfältigen Gesellschaft zu schätzen, führt das zu einer Einfältigkeit im eigenen Glauben und erstickt unsere Möglichkeiten, einander achtsam zu begegnen – und Freude an der Freude des anderen nachzuempfinden.

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Chanukka sameach!

„Baruch Atah Adonaj, Elohejnu Melech ha’Olam, schehechejanu, vekijemanu vehigianu laSman haseh.“

„Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns hast Leben und Erhaltung gegeben und uns hast diese Zeit erreichen lassen.“

Dies ist einer der drei Segenssprüche, mit dem das erste Licht des Chanukka-Leuchters entzündet wird. Unsere jüdischen Geschwister begehen in den kommenden Tagen das jährliche Chanukka-Fest im Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem.

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Alter Sprengstoff

Das Unrecht schlägt uns nicht wie ein nasses Handtuch ins Gesicht. Es fällt nicht über uns her. Es überwältigt uns nicht. Das Unrecht kommt nicht als Feind, nicht als zwielichtige Gestalt, vor denen wir uns fürchten. Das Unrecht stößt uns nicht ab, es erzeugt keinen Widerwillen in uns.

Das Unrecht nähert sich uns als alter Bekannter, als Vertrauter. Es zeigt sich uns im Gewand des Freundes, des Besorgten. Das Unrecht erscheint uns in Gestalt der Fürsorge und des legitimen Grundes. Es schleicht sich nicht von hinten an uns heran. Es sieht uns jeden Tag ins Gesicht, mindestens jeden Morgen im Spiegel. Es sagt uns, „Du hast Recht!“, „Du musst so handeln!“, „Es geht hier schließlich um Dich, um uns!“.

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Bismi ’llahi ’r-rahmani ’r-rahim

Paris. Nizza. Wien. Wieder und wieder erleben wir die Gewalt von Tätern, die für sich beanspruchen, im Einklang mit unserem Glauben zu handeln.

Sie wollen im Namen unseres Glaubens Kränkungen vergelten. Sich rächen. Oder Strafen vollstrecken.

Die Täter fühlen sich als Opfer. Sie erheben sich zum Ankläger. Und sie richten über andere.

Das Gefühl der Nachsicht ist ihnen fremd. Die Bedeutung des Erbarmens ist ihnen unbekannt. Die Möglichkeit der Vergebung ist ihnen ferner als die Möglichkeit, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.

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Frieden sei mit ihm

In dieser Woche begehen viele Muslime weltweit Feierlichkeiten zum Gedenken an die Geburt unseres Propheten Mohammed (S.A.S.). Seiner wird in Liebe und Ehrerbietung gedacht. Es gehört zu dieser Achtung und Wertschätzung, dass sein Name, wann immer er ausgesprochen oder geschrieben wird, von dem Wunsch nach Frieden begleitet wird: S.A.S. steht als Abkürzung für die Achtungsbekundung „Salla -llahu Aleyhi wa-Salam“ – „Allahs Segen und Frieden sei mit ihm“. 

Es ist vielleicht eine der rätselhaften Fügungen Allahs, dass unser Gedenken in diesem Jahr mit dem Streit um seinen Namen und seiner karikaturistischen Abbildung zusammenfällt. Wir sollten das nicht als Zufall oder Provokation begreifen.

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Der Wert des Lebens

Gewohnheiten bestimmen unser Leben. Sie gestalten unseren Alltag, prägen unsere Entscheidungen und verfestigen unsere Handlungsmuster. Über Gewohnheiten denken wir selten intensiv nach. Mit vielen wachsen wir auf und erleben sie als ganz selbstverständlich.

Unsere Gewohnheiten sind so mächtig, dass wir Verhaltensweisen einüben und nie wieder anzweifeln, selbst wenn sie unseren inneren ethischen Überzeugungen widersprechen – eben weil wir uns an sie gewöhnt haben, weil sie uns normal erscheinen. Wir müssen diese Gewohnheiten in ihrer alltäglichen Praxis nicht vor uns oder anderen rechtfertigen. Sie gelten nicht als verwerflich. Niemand hält sie uns als Übel oder grausames Verhalten vor.

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Das Wesen unseres Glaubens

Wenn wir im Alltag danach gefragt werden, was der Islam ist, antworten viele von uns mit der Aufzählung der fünf Säulen des Islam – das Glaubensbekenntnis, das Ritualgebet, das Fasten, die Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt.

Wir neigen häufig zu einer solchen Aussage, weil diese Elemente der Glaubenspraxis uns vertraut und durch häufige Wiederholungen eingeübt sind. Wir machen uns dabei aber selten bewusst, dass diese Aufzählung nur wiedergibt, in welcher Art und Weise wir unseren Glauben in ritualisierter Form leben. Es sind Elemente des „Wie“ unserer Glaubenspraxis. Sie geben aber kaum und nur mittelbar Auskunft über das „Was“ unserer Glaubens, also über die Grundsätze und Prinzipien des Islam.

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