Menschen sehen dich an

Theodor W. Adorno schreibt in seinem Werk „Minima Moralia“ unter der Überschrift „Menschen sehen dich an“ Folgendes:

„Die Entrüstung über begangene Grausamkeiten wird um so geringer, je unähnlicher die Betroffenen den normalen Lesern sind, je brunetter, »schmutziger«, dagohafter. Das besagt über die Greuel selbst nicht weniger als über die Betrachter. Vielleicht ist der gesellschaftliche Schematismus der Wahrnehmung bei den Antisemiten so geartet, daß sie die Juden überhaupt nicht als Menschen sehen.

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WER GEWALT IN DIE WELT TRÄGT, KANN NICHT AUF FRIEDEN IM JENSEITS HOFFEN

Islamismus. Islamischer Extremismus. Radikaler Islam. Die Gewalttaten, die in den letzten Jahren von Tätern begangen wurden, die sich auf den Islam berufen, haben unserer Religion eine schwere Hypothek auferlegt. Viele Muslime, die aus einer zutiefst religiösen Überzeugung heraus, aus ihrem fest verankerten Islamverständnis heraus diese Gewalt- und Mordtaten ablehnen, sehen sich zur Rechtfertigung ihres Glaubens gezwungen.

Dieser menschenverachtende Terror hat dazu geführt, dass der Islam gemeinhin als aggressive, intolerante und todessehnsüchtige Religion wahrgenommen wird. Er führt zu Aussagen von Tätern, die sinnbildlich für die vermeintliche Natur des Islam geworden sind: „Ihr liebt das Leben, wir aber lieben den Tod.“ Keine Aussage könnte falscher sein, um den Islam zu beschreiben.

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Mono no aware

Sakura heißt die japanische Kirschblüte. Sie blüht in verschiedenen Gegenden Japans zwischen Ende März bis Anfang Mai und läutet mit ihrer Farbenpracht den Frühling ein. Der Kirschbaum trägt keine essbaren Früchte, hat dafür aber viele Blüten. Wenn man so will, erfüllt die japanische Kirsche ihren Lebenszweck nur für die Zeit ihres Erblühens, welches lediglich bis zu 10 Tage im Jahr anhält. In dem Moment, in dem die Blüte ihre prachtvollste Ausprägung erlangt, stirbt sie.

Die Japaner erkennen in diesem Zyklus der Sakura die Endlichkeit ihrer eigenen Existenz. Sie sind voller Trauer über die unabwendbare Vergänglichkeit dieser Schönheit. In den Schmerz und die Ergriffenheit über den Verlust nach so kurzer Freude mischt sich die Erkenntnis der Flüchtigkeit alles Irdischen. Wesentlich für die japanische Kultur ist diese Einsicht der Flüchtigkeit des Lebens und gleichzeitig die Empfindsamkeit, in dieser Flüchtigkeit eine verwundbare, zarte Schönheit zu entdecken.

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Das Fest der Nähe

Wie jedes Jahr feiern wir auch diesmal das Opferfest mit unseren gewohnten Ritualen. Dazu gehört die Schlachtung eines Opfertieres und das Verteilen eines Teils des Fleisches. 

Dieses Ritual ist buchstäblich so körperlich präsent und prägend, dass wir nahezu überwältigt von seiner physischen Kraft uns zunehmend von der ihm innewohnenden und in der Offenbarung beschriebenen Bedeutung entfernen. 

So heißt es (22, 37): „Weder ihr Fleisch, noch ihr Blut werden Allah erreichen, aber ihn erreicht die Gottesfurcht von euch. So hat Er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Allah als den Größten preist, dass Er euch rechtgeleitet hat. Und verkündet frohe Botschaft den Gutes Tuenden.“

Was mag diese Botschaft bedeuten? Im Koran erfahren wir auch, dass Gott uns näher ist als unsere Halsschlagader. Dass er stets mit uns ist, egal wohin wir gehen oder was wir auch tun. Weshalb brauchen wir dann noch einen Ritus, mit dem wir Allah erreichen sollen? 

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Allah ist überall

Der Moscheebau ist für uns Muslime ein wichtiges Zeichen der Sesshaftwerdung, des sich dauerhaft Niederlassens in einer neuen Heimat. Provisorische Gebetsräume werden immer mehr durch auf Dauer angelegte, entsprechend große und prunkvoll dekorierte Moscheen ersetzt. Bei der Planung wird nicht mehr nur an den Gebetssaal gedacht, sondern auch an Nebenräume für Gemeindearbeit, soziale Treffpunkte, Gastronomie.

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Der Atem und der Duft der Rose

Ganz gleich, wie gewahr wir uns unserer Fehler und Neigungen sind. Wir sind Menschen. Wir sind fehlbar und es ist sogar so, dass wir zuweilen Gefallen an unseren Fehlern finden. Wir schauen von Zeit zu Zeit mit stiller oder gar offen zum Ausdruck gebrachter Freude in die Abgründe unseres Selbst. Und mit noch größerer Freude, blicken wir in fremde Abgründe. Die menschlichen Tiefen faszinieren uns. Wir sind zu Ausgrenzung und Hass fähig. Wir sind von Eigennutz und persönlichen Begierden getrieben. Der Neid und die Missgunst nagen an uns.

Und selbst der Versuch, uns von diesem Dunklen unserer Möglichkeiten abzuwenden, birgt neue Fallstricke. Da wir die Existenz menschlicher Abgründe nicht leugnen können, sprechen wir uns von ihnen frei, indem wir sie zum Merkmal des Anderen machen. Die Anderen sind in diesen Abgründen versunken und zum Schlechten fähig, wohingegen wir die Tiefen unserer menschlichen Existenz überwunden haben und empor gestiegen sind, über die Schlechtigkeit der Anderen hinweg zu einem vollkommeneren Dasein. 

Selbst das Gute versuchen wir auf Kosten der Herabsetzung Anderer für uns zu reklamieren. Wir beanspruchen Überlegenheit für uns. Als ausschließliches Merkmal und zugleich als Legitimation für unser Handeln. Jedes Detail kann diesem Überlegenheitsanspruch zum Opfer fallen. Namen, Herkünfte, Glaubenszugehörigkeiten, Kleidung, Sprache, Hautfarbe. Wir brauchen tatsächliche oder konstruierte Unterschiede, um sie und damit letztlich andere Menschen zu hierarchisieren – mit uns ganz oben in dieser Rangfolge. 

Ein Ausweg aus dieser Verirrung findet sich in dem Moment, in welchem wir uns intensiver mit den Grundlagen unserer Existenz als von Gott erschaffene Wesen beschäftigen. Dabei finden wir uns zurückgeworfen auf ganz grundlegende Wahrnehmungen, die sich von den Grenzen, mit denen wir uns von einander zu unterscheiden suchen, abheben und uns enger zusammenführen. 

Wir entdecken dabei das hebräische Wort „ru’ach“. Es bedeutet „Wind“ und „Atem“. Es kommt uns bekannt vor: „ruh“ steht im Arabischen für den „Lebensodem“ oder den „Geist“. Das Hebräische kennt im religiösen Kontext weitere Begriffe für den Atem, etwa „nefesch“ oder „neschama“.

„Neschama“ ist der Lebensatem, den laut dem Buch Genesis, Gott seinem Geschöpf Adam einblies und ihn so zu einem lebendigen Wesen „nefesch“ werden ließ. „Nefesch“ bezeichnet dabei den „Atem“ und den „Atemweg“ , also auch die „Kehle“ oder den „Schlund“. Damit beschreibt „nefesch“ auch die Begierde des Menschen nach Nahrung und Wasser oder allgemeiner seine Begierde und sein materielles Verlangen. Dabei besteht die Vorstellung, dass der Mensch nicht eine „nefesch“ hat, sondern er ist und lebt als „nefesch“. 

All diese Vorstellungen sind uns Muslimen vertraut. „Nafs“ ist für uns die Beschreibung unserer Seele. „Nafas“ ist das verwandte Wort für den „Atem“. 

Unsere Existenz im Diesseits ist geprägt von unserem Widerstreit mit uns und unseren Seelenzuständen. Wir befinden uns permanent im Kampf mit dem eigenen Selbst, also im „Mudschahadat an-nafs“.

Dabei befinden sich unsere Seelen in unterschiedlichen Zuständen und Eigenschaften.

Unser Weg auf der Suche nach Gott beginnt mit unserer Seele als „an-nafs al-ammara“, als die Seele, die zum Übel aneifert.

In diesem Zustand ist unsere Seele nicht fähig, sich Gott zu ergeben, sich ihm hinzuwenden. Unser Handeln folgt nicht den Geboten Gottes, sondern unseren eigenen Sehnsüchten, unserer Habgier, unserem Egoismus, unserer Arroganz.

Im Koran (12, 53) wird sie so beschrieben: 

„Und ich erachte mich selbst nicht frei von Schwäche; denn die Seele gebietet oft Böses, die allein ausgenommen, deren mein Herr Sich erbarmt. Fürwahr, mein Herr ist allverzeihend, barmherzig.“

Bald aber fangen wir an zu verstehen, welche Konsequenzen unser eigennütziges Verhalten hat. Wir sehen den Schaden, den unser Verhalten für andere und unsere Umwelt verursacht. Gleichwohl können wir uns unseren Trieben und Bequemlichkeiten nicht entziehen. Wir fallen immer wieder in unsere schlechten Verhaltensmuster zurück. Unser Gewissen empfindet Reue. Dennoch begehen wir die alten Fehler erneut. In diesem Kreislauf gefangen ist die „an-nafs al-lawwama“, die sich tadelnde Seele.

Im Koran (75, 1-2) wird sie wie folgt erwähnt:

„Nein! Ich schwöre beim Tag der Auferstehung. Nein! Ich schwöre bei der Seele, die sich selbst tadelt.“

Beginnen wir, Gefallen am Gebet und den religiösen Pflichten zu finden und sie nicht als lästige Formalitäten zu wiederholen? Fühlen wir uns wirklich zufrieden und erfüllt im Moment des Gebets? Gelingt es uns, einen winzigen Bruchteil der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen nachzuempfinden, uns also emphatisch, vergebend und in Zuneigung uns unseren Mitmenschen hinzuwenden, entwickelt sich unsere Seele zu einem inspirierten Ich, zur „an-nafs al-mulhima“.

Über diese Inspiration und Rechtleitung Gottes kann es uns gelingen, den Zustand einer zufriedenen, einer beruhigten Seele zu finden, die „an-nafs al-mutma’inna“. Von Achtlosigkeit befreit, gegen die Einflüsterungen der das Üble aneifernden Seele unempfänglich geworden, erreicht der Mensch den Zustand der inneren Freude, Ruhe und Zufriedenheit im Vertrauen auf Gott. 

Der Koran (89, 27-30) beschreibt dies wie folgt:

„ Oh du Seele, die du Ruhe gefunden hast. Kehre zu deinem Herrn zufrieden und mit Wohlgefallen zurück. Tritt unter Meine Diener. Und tritt ein in Mein Paradies.“

Für die Zustände der Seele und die sich verändernden Eigenschaften des Menschen auf der Suche nach Gott kennen die vielen muslimischen Gelehrten unterschiedlichste Metaphern und Gleichnisse. 

So wird der oben dargestellte Weg der Seele zu Gott auch damit beschrieben, dass der Mensch zu Beginn zwischen „deins und meins“ unterscheidet, also klare Grenzen zwischen sich und andere zieht. Danach erkennt er, dass „meins deins ist und deins ist meins“, dass wir also aufeinander angewiesen sind und niemand ohne Konsequenzen für andere für sich allein leben kann.

Wenn der Mensch nun die Wahrheit erkennt, dass er im Grunde nichts wirklich besitzt, sondern er nur auf begrenzte Zeit an der Welt teilhaben kann und ihm Anvertrautes verwaltet und an andere weitergibt, begreift er, dass es „weder meins, noch deins“ gibt.

Die zufrieden Seele erkennt schließlich, dass nichts und niemand von Gott getrennt ist, dass wir vielmehr alle in ihm geeint sind – es gibt „kein ich und kein du“. Nur die Liebe Gottes und die Liebe zu Gott. 

Diese finale Erkenntnis wird im mystischen Islam mit dem Duft einer Rose verglichen. Eine flüchtige Erkenntnis, die wir nur im Moment wahrnehmen, da wir sie durch unseren Atem in uns aufnehmen – und uns an die Schöpfung unserer Selbst durch den Atem Gottes erinnern. 

Und hier – mit dem Duft der Rose – schließt sich dann der Kreis, den wir mit dem hebräischen „Neschama“ begonnen haben: Mit der Formulierung „Prophet der Liebe“ wird im Islam Isa bin Maryam beschrieben – Jesus, der Sohn der Maria: „Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.“    

Frevler sind immer die Anderen

Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Dieser Sinnspruch ist in vielen Kulturen, in vielen unterschiedlichen Sprachen bekannt. Wir Muslime sind davon überzeugt, dass der Vorsatz, die Absicht, die unserem Handeln zu Grunde liegt, das Entscheidende ist. Wir nehmen häufig an, das Resultat unseres Handelns oder unserer Untätigkeit sei nicht so bedeutsam, wie die Absicht, die unserem Tun oder Unterlassen zu Grunde liegt. In diesem Denken liegt zugleich große Einsicht und tiefer Irrtum.

Einsicht insoweit, dass wir natürlich in Allahs Hand sind und die Ereignisse um uns allein seinem Willen folgen.

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Wir sterben, wie wir leben

Das Wissen um die eigene Sterblichkeit ist uns Menschen Segen und Bürde zugleich. Wir können in dem Wissen um die zeitliche Begrenztheit unseres Lebens diesem einen Sinn verleihen, der über den Bestand unserer körperlichen Existenz hinausreicht. Gleichzeitig hinterfragen wir den Sinn unseres Handelns, unseres Hoffens, unserer alltäglich ausgefochtenen Kämpfe um Anerkennung, Bedeutung und Wertschätzung, wenn wir noch nicht einmal wissen, ob unser Leben am morgigen Tag oder gar in der nächsten Minute überhaupt fortdauern wird. 

Der Tod ist uns in diesem breiten Spektrum der Gefühle und Gedanken manchmal ein gnädiger Freund, manchmal ein uns viel zu früh heimsuchender Gegner. Der Umgang mit dem Tod ist in den verschiedenen Religionen und Kulturen ein sehr eigener, ein sehr besonderer Lebensabschnitt der Hinterbliebenen. In unserer muslimischen Gemeinschaft nimmt dieser Umgang Formen und Gestalten an, die uns auffangen, einen behutsamen Abschied ermöglichen aber zuweilen auch irritieren können. 

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Ende des Ramadan

Wieder neigt sich der jährliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder lässt er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unmögliches sich in ein alltägliches Ritual verwandelt und uns vor Augen führt, wie trügerisch unsere Gedanken und Vorstellungen über uns selbst sein können. Kaum sind wir in der Lage, hinter diesen Vorhang unserer Selbstwahrnehmung zu blicken, endet der Ramadan in Tagen der Freude, der familiären Verbundenheit und in vielfachen freundschaftlichen Begegnungen. Und wir fallen zurück in unser eingeübtes Verhalten und der Ramadan verblasst wieder für 11 Monate zu einer fernen Erinnerung der Überwindung von Hunger und Durst.

Dabei führt uns der Ramadan gerade in seiner letzten Phase, in seinen letzten Tagen deutlich wie nie die Macht der Veränderung vor Augen – und die Illusion von Beständigkeit. In den letzten Tagen des Fastens, wenn wir feststellen, mit wie wenig an Nahrung und Wasser wir auskommen, wie wenig es eigentlich bedarf, um uns zufrieden zu stellen, ahnen wir, dass die Beständigkeit unseres Alltages eigentlich nichts Statisches ist, sondern die schleichende Gewöhnung an Zustände und Verhaltensweisen.

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Die Einheit der Muslime

Eine der schönsten Eigenschaften unseres Glaubens ist das Prinzip der Ausgewogenheit zwischen Individualität und Kollektivität unserer Religionspraxis, aber auch unserer Glaubensfundamente. Jeder Aspekt unseres Glaubens, jedes Detail seiner praktischen, gelebten Form aber auch seiner geistigen und seelischen Berührungspunkte weist eine Balance, ein Gleichgewicht zwischen dem einzelnen Gläubigen und seiner Gemeinschaft auf.

Dieses Gleichgewicht zwischen Individuum und Allgemeinheit beginnt bereits bei unserem Glaubensbekenntnis – wir bekunden, dass es keinen Gott gibt, außer dem Einen, dem wir uns ganz persönlich zuwenden. Und gleichzeitig bekunden wir, dass Mohammed (s.a.s.) sein Gesandter ist. Einer, der nicht nur dem Einzelnen, sondern einer ganzen Gemeinschaft gesandt wurde.

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