Erkenne dich selbst

Es gibt Ideen und Anschauungen, die von dermaßen vielen Kulturen, Religionen und Philosophien teilweise unabhängig voneinander aufgegriffen werden, dass man sie zu einem gemeinsamen menschlichen Erbe erklären muss. Die Aufforderung “Gnothi seauton” (gr.) oder “Temet nosce” (lt.), zu deutsch: “Erkenne dich selbst”, darf man wohl zu den Aussagen zählen, die eine menschheitsgeschichtlich durchdringende Wirkung haben.

Als Muslim muss man nicht unbedingt Interesse an “griechischer” Philosophie zeigen, um über diesen Ausspruch zu stolpern. Auch in der Literatur muslimischer Gelehrter hat diese Aussage sehr früh einen festen Platz eingenommen. In der abgewandelten Form “Wer seinen Nafs (sein Selbst) kennt, der kennt seinen Herrn” wird er oftmals als Hadis dem Propheten selbst zugeschrieben, auch wenn das Vorliegen einer solchen Überlieferung von Hadis-Gelehrten angezweifelt wird.

Wir stolpern über diese Aussage aber auch bei Imam Maturidi (gest. 941 n. Chr.), dem Gründer der Maturidiyya-Theologie. Dieser theologischen Schule folgen insbesondere hanefitische Muslime, die zahlenmäßig in Deutschland die Mehrheit der Muslime darstellen dürften. “Unserer Ansicht nach erkennt der seinen Herrn, der sich selbst (seinen Nafs) erkennt”, schreibt Imam Maturidi in seinem Hauptwerk “Kitāb at-tauḥīd” (Buch über den Monotheismus).

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Wissen ist Glaubenspflicht, nicht Halbwissen

Der Prophet Mohammed (Friede sei mit ihm) sagte einst:

„Nach Wissen zu streben ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann und Frau. Darum strebt nach Wissen, wo es zu finden ist, und erfragt es von all denen, die es besitzen.“

Ein sehr wichtiger Ausspruch, der gerade in der heutigen Zeit von großer Bedeutung ist. In Zeiten, in denen wir von einer Fülle von Informationen umgeben sind und es nicht immer einfach ist, sie richtig zuordnen zu können. In virtuellen Räumen, die sich manchmal den Maßstäben der Seriosität und der allgemeinen Verhaltensregeln entziehen. Gerade die derzeitigen globalen Krisen wie der Klimakrise, Corona oder auch der Entsolidarisierung der Gesellschaft mit den sozial Schwachen und Minderheiten werfen bei vielen Menschen Fragen nach den passenden Antworten auf. Denn nichts verunsichert mehr, als kein Wissen über eine Angelegenheit zu haben.

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Ende des Ramadan

Wieder neigt sich der jährliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder lässt er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unmögliches sich in ein alltägliches Ritual verwandelt und uns vor Augen führt, wie trügerisch unsere Gedanken und Vorstellungen über uns selbst sein können. Kaum sind wir in der Lage, hinter diesen Vorhang unserer Selbstwahrnehmung zu blicken, endet der Ramadan in Tagen der Freude, der familiären Verbundenheit und in vielfachen freundschaftlichen Begegnungen. Und wir fallen zurück in unser eingeübtes Verhalten und der Ramadan verblasst wieder für 11 Monate zu einer fernen Erinnerung der Überwindung von Hunger und Durst.

Dabei führt uns der Ramadan gerade in seiner letzten Phase, in seinen letzten Tagen deutlich wie nie die Macht der Veränderung vor Augen – und die Illusion von Beständigkeit. In den letzten Tagen des Fastens, wenn wir feststellen, mit wie wenig an Nahrung und Wasser wir auskommen, wie wenig es eigentlich bedarf, um uns zufrieden zu stellen, ahnen wir, dass die Beständigkeit unseres Alltages eigentlich nichts Statisches ist, sondern die schleichende Gewöhnung an Zustände und Verhaltensweisen.

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Die Einheit der Muslime

Eine der schönsten Eigenschaften unseres Glaubens ist das Prinzip der Ausgewogenheit zwischen Individualität und Kollektivität unserer Religionspraxis, aber auch unserer Glaubensfundamente. Jeder Aspekt unseres Glaubens, jedes Detail seiner praktischen, gelebten Form aber auch seiner geistigen und seelischen Berührungspunkte weist eine Balance, ein Gleichgewicht zwischen dem einzelnen Gläubigen und seiner Gemeinschaft auf.

Dieses Gleichgewicht zwischen Individuum und Allgemeinheit beginnt bereits bei unserem Glaubensbekenntnis – wir bekunden, dass es keinen Gott gibt, außer dem Einen, dem wir uns ganz persönlich zuwenden. Und gleichzeitig bekunden wir, dass Mohammed (s.a.s.) sein Gesandter ist. Einer, der nicht nur dem Einzelnen, sondern einer ganzen Gemeinschaft gesandt wurde.

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Der Segen der Nacht

Es sind die gemeinschaftlichen Rituale von Religion, die auf uns besonders intensiv wirken. Das Dschuma-/Freitagsgebet im Islam, der Gottesdienst am Sonntag in der Kirche oder die Zusammenkunft eines Minjan, einer Betgemeinde im Judentum. Die Bilder von solchen Gebeten werden zu Symbolen der gemeinsam erlebten Spiritualität, ob nach innen oder nach außen.

Gemeinschaftliche Gottesdienste sind jedoch nicht die einzige mögliche Form für Spiritualität in den Religionen, insbesondere im Islam. Lange vor dem gemeinsamen Gebet war es die individuelle Erfahrung, zB die Spiritualität der Nacht, die die Herzen des Propheten und seiner Gefährten bewegten.

Von Anfang an ruft Allah teala den Propheten zum Gebet in der Nacht. Dieser folgt diesem Ruf bis an sein Lebensende. Noch bevor es das rituelle Gebet fünfmal am Tag gibt, steht der Prophet mitten in der Nacht und lobpreist seinen Herrn. In der Sure Muzzammil, eines der frühesten offenbarten Suren des Korans, ist der Appell sehr eindringlich, lyrisch:

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Kein Ramadan wie jeder andere

Viele von uns haben sich in den letzten Wochen gefragt, wie denn der heilige Fastenmonat Ramadan für uns Muslime in Zeiten von „Social Distancing“ und erhöhter gesundheitlicher Achtsamkeit werden könnte. Sagen wir mal so, er wird anders sein als im letzten Jahr.

Eigentlich ist kein Ramadan so wie jeder andere. Wir haben uns daran gewöhnt, tagsüber nichts zu essen oder zu trinken, wenn um uns herum gegessen und getrunken wird. Wir haben uns auch daran gewöhnt geduldig die Fragen unserer nichtmuslimischen Freunde zum Ramadan zu beantworten, inklusive „Auch kein Wasser?“. Wir haben uns ebenfalls daran gewöhnt abends allein oder mit der Familie zusammen mit einer Dattel oder Olive das Fasten zu brechen und darauf zu achten, nicht zu viel auf einmal zu essen. Denn nichts ist bekannter, als das Gefühl mit zu vollen Magen völlig müde lieber auf der Couch einzuschlafen, als zum gemeinsamen Gebet in die Moschee zu gehen.

All das sind für uns fast schon lieb gewonnene Routinen in der Fastenzeit. Ihnen werden wir auch dieses Jahr wieder begegnen, zumindest einige dürften diesmal etwas anders ablaufen. Wir wissen nicht, ob überhaupt Gebete in den Moscheen wegen der wichtigen Corona-Sicherheitsbestimmungen stattfinden können. Viele von uns werden dieses Jahr verstärkt zuhause beten. Auch wenn einige diese Beschränkungen als Zumutung empfinden mögen, so ist sie notwendig, denn hier geht es um eines der wertvollsten Geschenke Allahs an den Menschen: die Gesundheit.

Ein Hadith besagt dazu folgendes:

„Der letzte Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, bestieg das Minbar, dann weinte er und sagte: ‘Bittet Allah um Vergebung und um Gesundheit, denn nach dem Geschenk der Gewissheit gibt es nichts besseres als die Gesundheit.“ (Tirmidhi)

Fast jeder von uns kennt im Familien- oder Freundeskreis Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind. Bei einigen sind die Einschränkungen vielleicht nur leicht und ihnen fällt das Fasten nicht schwerer als anderen. Bei anderen wiederum sind diese Einschränkungen schwerwiegender, oftmals müssen noch regelmäßig Medikamente genommen werden.

Ähnliches auch bei Menschen, die im Ramadan erkranken und sich körperlich schonen müssen. Für diese Personengruppen, zu denen auch z.B. Schwangere oder Reisende gehören, sieht unser Glauben die Erleichterung vor und man ist vom Fasten befreit. Je nach persönlicher Situation speist man ersatzweise Bedürftige bzw. fastet die fehlenden Tage zu einem anderen Zeitpunkt nach.

„(…) Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.“ (Sure 2, Vers 184)

Manchmal kommt es vor, dass wir Menschen begegnen, die trotz aller gesundheitlichen Probleme fasten möchten. Sie haben es früher gerne gemacht und wollen auch dieses Mal nicht außenvor bleiben. So verständlich dieses Gefühl sein mag, so unverständlich erscheint es angesichts der vorhandenen Erleichterungen, die Allah ganz bewusst für diese Menschen erlassen hat. In diesem Fall sollten wir mit diesem Menschen das offene und ehrliche Gespräch suchen und über diese Erleichterungen sprechen. Gerade in diesem Jahr sollte uns allen der gesundheitliche Aspekt im Ramadan bewusster sein, als bisher.

Zeit der Erneuerung

Es ist wieder ein Jahr vergangen und der Ramadan steht uns bevor. Jedes Jahr verbinden wir diesen Monat mit positiven Erlebnissen und den Segnungen des Fastens. Was für Außenstehende häufig wie eine große Überwindung und irrationale Selbstgeißelung wirkt, erleben wir Tag für Tag als zunehmende Erleichterung, als Zeit der Beruhigung unserer körperlichen Funktionen und Schärfung unserer Sinne, die nicht von dauerhaftem Konsum und dem Verzehr viel zu großer Mengen von Allem übersättigt und abgestumpft sind. 

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Lailat al-Barā’

Die Nacht der Vergebung (arab. Lailat al-Barā’a) ist ein besonders gesegneter Feiertag für uns Muslime. Ein Tag, der uns jedes Jahr die Möglichkeit gibt, in uns zu horchen, über unsere Fehler und Sünden zu reflektieren und Gott um deren Vergebung zu bitten. Außerdem gibt dieser Tag uns die Gelegenheit, uns spirituell auf den bevorstehenden Fastenmonat Ramadan vorzubereiten. Nach einer Überlieferung des Propheten, ist der Monat Schabaan, in dem wir uns noch befinden, darüber hinaus der Monat, in dem der Todesengel die Namen derjenigen erhält, die in diesem Jahr sterben werden.

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Der Löwe, der sich selbst angriff

Es vergeht wohl kaum ein Tag, ohne dass wir uns über einen anderen Menschen aufregen. Sei es zu Hause, in der Familie, im Straßenverkehr, an der Kasse im Supermarkt oder auch in den sozialen Medien, immer wieder gibt es Situationen, in denen wir Anstoß nehmen am Verhalten unserer Mitmenschen. Wir entrüsten uns dann über die Ignoranz dieser Leute, über ihre Rücksichtslosigkeit, über ihre Eitelkeit und ihre mangelnde Einsicht. Zuweilen prangern wir sie sogar öffentlich an, indem wir unseresgleichen auf diese Fehlverhalten aufmerksam machen und Bestätigung für unsere Erregtheit suchen.

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Mehr als nur ein Virus

Was wir seit mehr als drei Wochen erleben, erschüttert unsere Wahrnehmung von Selbstverständlichkeiten. Wir hatten routinierte Tagesabläufe, alltägliche Gewissheiten, Pläne, wie unsere nächsten Wochen, Monate oder Jahre aussehen sollten.

All diese Vorstellungen von Normalität und Sicherheit sind nun als das erkennbar, was sie seit jeher gewesen sind – das Ergebnis unserer Verdrängung. Wir sind in Zeiten des Wohlstandes und der Zufriedenheit blind für die Natur unserer Umwelt und die Natur unseres Seins: Unser Reichtum ist auf Kosten und zum Nachteil anderer Menschen angehäuft. Und wir sind vergänglich.

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