Die Illusion von Macht

Unsere Gegenwart ist geprägt von der Faszination, die unsere Möglichkeiten uns vermitteln. In dem Ausmaß, in welchem wir das Spirituelle, das buchstäblich Unbegreifbare, das Nichtkörperliche, das Transzendente aus unserem Leben und unserer unmittelbaren Orientierung verdrängt haben, in dem Maße hat das Körperliche, das Materielle, die Anhäufung des Konkreten Bedeutung für und in unserem Leben eingenommen.

Wir haben uns von der Vorstellung entfernt, dass die Belohnung im Jenseits uns in der Gestalt des Überflusses an Erkenntnis und Wissen versprochen wird. Sinnbildlich spricht der Koran von der Quelle Kevser, aus der wir unendliche Male werden schöpfen dürfen. Das Bild des auch dann nicht wirklich greifbaren, des fluiden und verrinnenden Wassers ist uns zu einer Zumutung geworden.

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Den eigenen Neid erkennen

“Da trieb ihn seine Seele, seinen Bruder zu töten.
Und er tötete ihn.
So wurde er zu einem der Verlierer.” (Maida, 30)

Dieser Vers, er ist so schwer, so traurig und tragisch. Ein kurzer Vers, der viel Leid in sich birgt. Er lässt uns in einen Abgrund blicken, in den wir eigentlich nie blicken wollen. Wie böse kann denn unsere Seele werden, dass sie uns gar zum Mord an einem der uns Nächsten treiben kann?

Der Vers stammt aus der Schilderung des Gleichnisses von Kain und Abel im Koran, oder wie sie in der islamischen Tradition genannt werden, Habil und Qabil. Das Gleichnis gehört zu den gemeinsamen Themen von Koran und Talmud. Und selbst die Sumerer haben in einem sehr alten Mythos um ihren Bauerngott Enkimdu und ihren Jagdgott Dumuzi ein ähnliches Thema der brüderlichen Auseinandersetzung vor Tausenden von Jahren aufgegriffen. Das Gleichnis, die Mahnung die in ihm steckt, scheint so alt und so tiefgründig wie die Menschheit selbst zu sein.

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Worauf es ankommt

Wir Muslime sind eine vielbeachtete Minderheit in Deutschland. Die Beschäftigung mit dem Islam hat in unserer Gesellschaft viele Facetten und unterschiedlichste Ausprägungen. Manchmal erleben wir als Muslime auch Ablehnung oder gar Anfeindung. Dieser Zustand ist eine Tatsache, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Sie darf uns aber nicht in Lethargie, Wehklagen und Untätigkeit zurückfallen lassen.

Unser Prophet (s.a.s) hat selbst Zeiten der Ablehnung und Anfeindung erfahren. Er hat Unrecht und Gewalt erdulden müssen. Im Angesicht all dieser Erfahrungen hat er das Wort Gottes verkündet, das uns in Sure 2, 177 daran erinnert: „Fromm sind auch die, […], die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig sind, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

Wenn wir Unrecht und Benachteiligung beklagen, kann die Geduld allein aber nicht der Schlüssel zur Verbesserung unserer Lebensumstände sein. Denn dazu sind wir als Muslime ja berufen: aktiv zu sein, nicht einfach zu verharren und sich in Selbstmitleid einzurichten, sondern zu handeln. Wie aber soll dieses Handeln konkret aussehen?

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Schenkt euch Zeit

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die unsere (Lebens-)zeit fest im Griff hat. Nicht wir managen unsere Zeit, sondern die Anforderungen unserer Gesellschaft. Unsere Arbeitszeiten, Essenszeiten, Freizeit- und Aktivitätenzeiten und Schlafenszeiten scheinen vorprogrammiert zu sein, um einen sozial anerkannten Platz in unserer Gesellschaft zu haben. Diese latente Fremdbestimmung führt dazu, dass wir von einem Termin zum anderen hetzen, ohne dabei zu merken, was dieser Druck mit uns macht. Am Ende des Tages sind wir erschöpft und haben weder Zeit noch Energie für die Menschen um uns, da wir den ganzen Tag wie eine Maschine funktionieren mussten.

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Macht der böse Andere mich zum Guten?

In unserer muslimischen Community im Allgemeinen und hier in Europa im Speziellen hat sich in den letzten Jahren, ja vielleicht sogar Jahrzehnten ein Automatismus entwickelt, was wir kaum in der Lage sind zu hinterfragen. Vielmehr werden wir wie ein Sog hineingezogen, getrieben von Emotionen und in Abwesenheit einer grundlegenden Reflektion darüber.

Immer wieder werden tragische Vorkommnisse oder Negativereignisse herangezogen, um Gläubige in verschiedener Weise zu mobilisieren, statt darüber zu reflektieren, welche Lehren man als Gemeinschaft aus diesen Ereignissen ziehen kann, und welche Fehlentwicklungen auf unserer Seite erst dazu geführt haben. So heißt es im Koran: „Was dich an Gutem trifft, ist von Allah, und was dich an Bösem trifft, ist von dir selbst.“ (4:79)

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Ein Zimmer zu wenig…

„Ganz gleich, wen ich frage“, schrieb einmal der türkische Dichter Özdemir Asaf (1923-1981), „jeder ist der Ansicht, dass sein Haus ein Zimmer zu wenig habe“.

Nehmen wir diese Aussage doch zum Anlass und horchen kurz in uns hinein. Verfallen nicht auch wir hin und wieder diesem Glauben? Dem Glauben nämlich, dass für das finale Glück in unserem Leben eine größere Wohnung, mehr Geld, ein teureres Auto, das neuste Smartphone, dieser oder jener Gegenstand fehle? Ist es nicht so, dass wir bereits von Kindesbeinen an lernen, Glück und eine höhere Lebensqualität seien vor allem durch mehr Besitz zu erlangen?

Nichts anderes gaukelt uns schließlich die Werbung vor, der wir tagtäglich ausgesetzt sind. Ein richtiges und gutes Leben ist demnach nur durch den Erwerb bestimmter Güter möglich. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ dröhnt es uns etwa vorwurfsvoll und gefühlt an jeder Straßenecke entgegen. „Entdecke das Leben“, werden wir andernorts aufgefordert. Eine Parfümeriekette verheißt uns ein „schöneres“, ein Jeanshersteller ein „erfolgreiches“ Leben. Die Botschaft ist klar: sich mehr Besitz anzueignen – wichtiger noch: mehr zu haben als andere –, erhöht augenscheinlich unseren Wert. Das Aufkommen immer neuer Bedürfnisse und ein uferloser Konsum sind die Folge.

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Sein oder Nichtsein

Ein Gastbeitrag von Sercan Sever

Was überhaupt ist eigentlich ein gutes Leben?

Diese Frage beschäftigt nicht nur uns, sondern Menschen rund um den Globus. Nicht selten verführt sie zur Auflistung eines ganzen Kriterienkatalogs, wonach ein gutes Leben gegeben sei, wenn a), b) c) und bestenfalls auch d) in unserem Besitz sind oder als auf diesem Weg zu erreichende Ziele festgelegt werden.

a), b), c) und d) können je nach Zeit und Ort mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden. In hiesigen Verhältnissen stehen nicht selten Karriere, Gemeinschaft und Gesundheit weit oben auf dieser Liste. Doch der Charakter ist stets derselbe: Das gute Leben oder das Glück scheint uns erst dann so richtig gegeben, wenn jene Kriterien erfüllt, jene Ziele erreicht sind. Und so trachten wir danach dieses gute Leben zu erreichen.

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Ende des Ramadan

Wieder neigt sich der jährliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder lässt er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unmögliches sich in ein alltägliches Ritual verwandelt und uns vor Augen führt, wie trügerisch unsere Gedanken und Vorstellungen über uns selbst sein können. Kaum sind wir in der Lage, hinter diesen Vorhang unserer Selbstwahrnehmung zu blicken, endet der Ramadan in Tagen der Freude, der familiären Verbundenheit und in vielfachen freundschaftlichen Begegnungen. Und wir fallen zurück in unser eingeübtes Verhalten und der Ramadan verblasst wieder für 11 Monate zu einer fernen Erinnerung der Überwindung von Hunger und Durst.

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Die Würde des Menschen

Ein Gastbeitrag von Aziz Dziri

Was bedeutet es als Gläubige und Gläubiger durch den Alltag zu gehen, Allah zu gedenken und dem Vorbild Mohammeds zu folgen? Gerade im heiligen Monat Ramadan versuchen wir uns von unseren Lastern zu befreien und uns von unserer Schokoladenseite zu zeigen. In meiner Lebenswelt bedeutet dies oftmals die Auseinandersetzung mit Armut und Würde.

In einem Hadith heißt es beispielsweise sinngemäß, dass der Prophet – Friede und Segen sei mit ihm – niemandem je eine Bitte abschlug (Sahih Muslim, 13, Nr. 1745). An anderer Stelle heißt es, dass eine gute Tat bereits eine ‘Sadaqa’ [freiwillige Abgabe/Wahrhaftigkeit] sei, es muss nicht zwingend etwas Materielles sein (Sahih Muslim, 13, Nr. 1677). Diese Aussprüche begleiten mich, wenn ich durch meine Heimat Berlin fahre und den vielen Menschen begegne, die in der U-Bahn oder der Fußgängerzone um einen Obolus bitten. Ich versuche jedes Mal mich zu überwinden etwas zu geben und wenn es nur einen Moment meiner ungeteilten Aufmerksamkeit bedeutet. An anderer Stelle habe ich schon oft mit Freundinnen und Freunden diskutiert, ob man denn bedingungslos oder eben nur bedingt spenden soll. „Wenn die das Geld, dass ich ihnen gebe, sowieso nur für Alkohol und Zigaretten ausgeben, helfe ich denen ja auch nicht!“ heißt es dann zum Beispiel.

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Zeit der Versöhnung und inneren Stärke

Das erste Drittel des Ramadans ist vorüber und nicht wenige von uns haben die Eingewöhnung auf den Verzicht von Essen und Trinken am Tag mit mehr oder weniger Mühen geschafft. Jeden Tag gibt es einen festen Zeitpunkt, ab und bis wann man wieder essen und trinken darf. Umso mehr freuen wir uns, wenn wir abends zusammen im Kreis der Familie, der Freunde oder mit den Arbeitskollegen gemeinsam das Fasten brechen dürfen.

Es ist ein liebgewonnenes Ritual, bei dem Musliminnen und Muslimen nicht nur unter sich bleiben, sondern auch Andersgläubige miteinbeziehen. Im Ramadan gilt es, neben der Konzentration auf Allah und die besondere Spiritualität des heiligen Monats, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zu festigen. Das gemeinsame Fastenbrechen zählt zweifellos dazu.

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