Gewissensfragen

Gewöhnlich findet sich freitags an dieser Stelle ein Text, mit dem das Thema Spiritualität im Islam angesprochen wird. Oder die Autoren versuchen, eben jene Spiritualität durch ihre Texte spürbar zu machen. Aber zuweilen hat man das Gefühl, dass die äußeren Bedingungen unserer Existenz unsere Gedankenwelt derart überlagern, dass kein Platz mehr für Spiritualität bleibt, dass die Kakophonie menschlicher Verfehlungen so laut wird, dass man seine innere Stimme nicht mehr hören kann. Dieser Lärm übertönt jeden Versuch der inneren Einkehr und hindert uns daran, uns auf das Wesentliche zu besinnen.

Das Randständige, das Unbedeutende ist in solchen Momenten derart penetrant und übergriffig, dass es nicht mehr ausreicht, diese Einflüsse zu ignorieren. In den letzten Tagen war ein solcher Lärm zu hören, der die vorsichtigen und bedachten Stimmen, die sich mit den Existenzbedingungen der Muslime in Deutschland beschäftigen, zu übertönen versuchte. Es war ein Umgangston, der von Hass und dem Wunsch nach Ausgrenzung getrieben war. 

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… nicht mehr Wert als der Nichtaraber

Nächstes Jahr wird es 70 Jahre her sein, seitdem in Deutschland die Verfassung, das Grundgesetz, mit den Worten “Die Würde des Menschen ist unantastbar” entworfen worden ist. Nur vier Jahre davor wurde Deutschland von Unmenschlichkeit und Barbarei regiert. Würde, Menschlichkeit, alles konnte angetastet,verletzt, missachtet werden. Menschen sollten jeweils unterschiedlich Wert sein, je nach religiösem oder ethnischen Hintergrund wurde über ihre Zukunft, über Leben und Tod entschieden. Die Nationalsozialisten waren neben anderem auch durch und durch Rassisten. Unterschiede zwischen Menschen wurden überhöht, wo es sie eigentlich nicht gab. Sie wurden künstlich geschaffen.

Doch mit dem Ende der Nationalsozialisten und der Einführung des Grundgesetzes verschwand der Rassismus nicht aus diesen, unseren Gefilden. Immer wieder bricht er durch, zuletzt ganz massiv in Chemnitz. Er zeigt, dass es noch genug Menschen in Deutschland gibt, die nicht bereit sind, Unterschiede zu akzeptieren oder gar zu respektieren.

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Der liebevolle Umgang mit Tieren

Im Internet kursieren schreckliche Bilder von Tieren, die gejagt, misshandelt oder ausgehungert ihrem Schicksal überlassen werden. Die Mode- und Lederindustrie lässt Tiere gewaltsam für ihre Habgier leiden. Sogenannte Trophäenjäger, die aus Mordlust töten, posieren mit ihrer Beute, sexuell gestörte Menschen vergewaltigen Tiere, um sich zu befriedigen. Angebliche Tierliebhaber und –halter sind mit der Pflege ihrer Tiere überfordert und setzten sie einfach aus und lassen sie verhungern und verdursten. Der gewaltsame Umgang mit Tieren darf keinen Platz in unserer Gemeinschaft haben, denn Tiere sind auch Lebewesen und haben ein Daseinsrecht, das nicht gewaltsam geraubt werden darf.

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Das Seil, das uns an diese Welt bindet

Gestern habe ich einen Mann besucht, der kurz vor seinem Tod steht. Es gibt Zeichen, die uns das ankündigen, die Art, wie er spricht, wie er die Dinge fühlt, die passieren werden, wie er versucht, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Die Art, wie er für die Realität des Unsichtbaren offen ist. Wie seine Sinne zu verschwinden beginnen, sein Blick, sein Geruchssinn, das Gefühl für seine Angehörigen, sein Gehör, seine Sprache, sein Geschmack. Als ob Allah nach und nach alles wegnimmt, was ihn mit dieser Welt verbindet.

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Der Dienst am Menschen, in der Moschee

Für uns sind sie etwas Selbstverständliches. Sie waren da, als wir noch klein waren, wir sind auch in ihnen aufgewachsen und mindestens einmal die Woche finden wir uns dort wieder ein. Die kleinen und großen Moscheegemeinden um uns herum. Manche gibt es seit über 50 Jahren, manche erst seit 10-15 Jahren. Für die meisten von uns sind sie einfach da, als könnten sie aus sich heraus existieren, als würden alle Notwendigkeiten und Bedingungen für ihre Existenz von einer höheren Macht erfüllt.

Sie werden jedoch von Menschen betrieben, von Menschen wie du und ich. Von einigen wenigen Engagierten, die ihre Freizeit, ihr Können und oftmals ihr Geld aufopfern, damit wir alle in den Moscheen unsere religiösen und sozialen Bedürfnisse befriedigen können. Kaum eine Moscheegemeinde kann auf ein finanzielles Polster, hauptamtliche Verwaltungsmitarbeiter und gesicherte Einkünfte vertrauen. Für fast alle Gemeinden in Deutschland ist es Monat und Monat ein Ringen um das Notwendigste, eine stetige Mängelverwaltung, die uns am Ende unsere wertvollste Ressource Mensch, in Form von ausgebrannten Ehrenamtlichen, kostet.

Moscheegemeinden sind in Deutschland anders organisiert als Kirchen und werden anders finanziert. 3,4 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder kommen Sonntags zum Gottesdienst, ca. 10 Prozent sind es bei der katholischen Kirche. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass von einer Mehrheit von Kirchenmitgliedern die Infrastruktur für eine nutzende Minderheit finanziert wird. Eine mitgliedschaftliche Erfassung der Angehörigen gibt es zwar im Islam nicht. Legen wir die Zahl der Fördermitglieder und die Zahl der Besucher beim Freitagsgebet in den Moscheegemeinden zu Grunde, haben wir hier eine andere Konstellation. In größeren Moscheen mit weit über 1000 Besuchern beim Freitagsgebet sind es oftmals gerade einmal 200 bis 300 Fördermitglieder, die die laufenden Kosten der Gemeinde tragen. Hier finanzieren quasi 25 % die Infrastruktur, die von 100 % genutzt wird. Was treibt diese wenigen Menschen dann an, sich diese Belastung Woche für Woche, Monat für Monat anzutun?

“Die Anbetungsstätten Allahs soll nur unterhalten, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, wer das Gebet verrichtet und aus Mildtätigkeit ausgibt und keinen fürchtet außer Allah. Vielleicht gehören jene zu denen, die sich leiten lassen.” (9:18)

Der Vers gibt eine Hoffnung derjenigen wieder, die sich in diese Arbeit begeben. Er ist kein Ausdruck der Exklusivität, er ist eine Ermunterung, sich einzubringen und einzusetzen. Der Glaube an Allah und den Jüngsten Tag wird oftmals zusammen mit Bewusstsein, Verantwortungsbewusstsein angeführt. Die stete Verrichtung des Gebetes braucht Disziplin, die Bereitschaft zu Mildtätigkeit erfordert Selbstlosigkeit und keinen zu fürchten außer Allah Aufrichtigkeit und Selbstbewusstsein. Der Vers gibt zwischen den Zeilen Eigenschaften wieder, die einerseits im Dienst für die Gemeinde notwendig sind, andererseits auch in diesem Dienst ausgebaut werden können.

Aktuell findet die Arbeit in den Moscheegemeinden fast ausschließlich ehrenamtlich statt. Die Ehrenamtlichkeit bedeutet nicht, dass diese Arbeit dilletantisch oder amateurhaft sein darf. Der Dienst am Menschen, und darum handelt es sich bei der Arbeit in der Gemeinde, verdient Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit. Er spricht die Herzen der Menschen an und für viele Muslime ist die Moscheegemeinde der Ort, an dem sie ihre Spriritualität ausleben können. Für manche Nicht-Muslime ist es der Ort, an dem sie mit “dem” Islam in Berührung kommen. Es ist ein Ort, der es nicht verdient mit Misswirtschaft, Missgunst und Dilettantismus in Verbindung gebracht zu werden. Denn am Ende wirken sich diese Negativitäten auf die Religiosität der Menschen aus.

Dies wird nicht durch das unter den Teppich kehren von Problem erreicht. Wir können das Fernbleiben dieser Missstände nur dann gewährleisten, wenn wir in unsern Gemeinden noch penibler als sonst auf sorgsame Mittelverwendung, auf die Schulung und Fortbildung auch der ehrenamtliche Mitarbeiter und die verantwortungsbewusste Übernahme und Vergabe von Ämtern achten. Dies bedeutet dann aber auch, dass wir als Mitglieder unserer Gemeinden Transparenz einfordern und als Vorstände praktizieren müssen. Dann werden wir unserer jeweiligen Verantwortung und der Hoffnung aus dem obigen Vers gerecht werden können.

“Siehe, Allah befiehlt euch, die euch anvertrauten Güter ihren Eignern zu übergeben. Und, wenn ihr zwischen den Menschen richtet, in Gerechtigkeit zu richten. Siehe, wie wunderbar ermahnt euch Gott darin! Siehe, Allah ist hörend, sehend.” (4:58)

(ek)

Wenn Allahs Hilfe kommt…

Acht Jahre waren vergangen, seit er diese Stadt fluchtartig verlassen musste. Nach seinem Leben hatten sie getrachtet, so weit waren sie damals bereit zu gehen. Über 20 Jahre waren vergangen, als er am Rande dieser Stadt die erste Offenbarung erhalten hatte. 20 Jahre voller Entbehrung, Zurückweisung, voller Sorgen aber auch Freuden. Und nun war er zurück, in der Stadt Abrahams, in der der “Freund Gottes” (Khalilullah) mit seinem Sohn die Fundamente des “Hauses Gottes” gelegt hatte.

Der Prophet war wieder in seiner Geburtsstadt Mekka, er war als Sieger eingezogen. Tage des Triumphs durchlebten der Prophet und seine Gefährten, aus dem Umland strömten Neugierige nicht nur in die Stadt, sondern auch in den Glauben. Jetzt wäre es endlich an der Zeit, den Sieg zu feiern, mit Stolz auf den Erfolg zu zeigen, auf die wachsenden Zahlen, die strömenden Mengen an Menschen. 

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Von beiden Seiten

Wir reden in den letzten Tagen häufig über unsere Erfahrungen von Rassismus, von Ausgrenzung und den willkürlichen Entzug oder das Vorenthalten von Zugehörigkeit.

Wir beklagen zu Recht die vielen Erlebnisse von Ungleichbehandlung, von Ungerechtigkeit und das, was diese Erlebnisse, diese Gefühle mit uns machen, in uns verändern.

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Die Götzendiener

Das, was wir Gott nennen, ist ein Konstrukt und eine Imagination von uns. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass Gott nicht existiert, sondern vielmehr, dass egal, was wir Menschen uns unter dem Begriff „Gott“ oder „Schöpfer“ vorstellen, diese Vorstellung stets ein Produkt des eigenen Selbst bleibt. Sie sagt eher mehr über uns selbst als über Gott aus. Zu Ende gedacht bedeutet das, dass unser Lobpreis nichts anderes als ein unbewusstes Eigenlob ist und dass die eigene „Gottesvorstellung“ eine Skizze von uns ist. Aber natürlich gibt keiner dies zu. Unser Verhalten gegenüber anderen Gottesvorstellungen verrät uns allerdings. Dass die Menschen die Glaubensvorstellungen anderer ablehnen oder kritisieren, ist ein Hinweis darauf, dass wir unser Selbst als Maßstab nehmen. Weiterlesen “Die Götzendiener”

Das Anvertraute

Als Muslime in Deutschland leben wir in einer Zeit, in der unsere Religion und wir als ihre Angehörigen von allen Seiten kommentiert, inspiziert, eingeordnet und stigmatisiert werden. Zunehmend geraten wir als Muslime – gewollt oder ungewollt – in eine Rolle, die uns dazu drängt, uns ständig zu bestimmten Fragen und Themen zu positionieren. Anders ausgedrückt sind wir in eine Position geraten, in der wir nicht darstellen, wer oder was wir sind, sondern uns ständig rechtfertigen müssen, wer oder was wir nicht sind. „Liberal oder radikal“, „säkular oder islamistisch“, „pro-Erdogan oder anti-Erdogan“, „integriert oder segregiert“. Es scheint, dass Muslime kaum mehr selbst bestimmen können, wer sie sind, für was sie stehen und wie sie selbst die Dinge einordnen. Viele Muslime sind mit diesen Diskursen überfordert und sehen sich daher gezwungen, eine dieser Positionen einzunehmen, ohne zu reflektieren, ob und was für Auswirkungen derartige Positionierungen für uns Muslime in Deutschland haben. Weiterlesen “Das Anvertraute”

Goldgewinnung

Islam- und Muslimfeindlichkeit ist etwas, was uns Muslime immer mehr Sorge bereitet. Es gibt in unserer Gesellschaft Akteure, die immer massiver Ressentiments gegen Muslime befeuern und Hysterie verbreiten. Der gesellschaftliche Frieden leidet darunter. Positiv zu beobachten ist allerdings auch, dass immer mehr Organisationen und Initiativen auf dieses Phänomen aufmerksam machen. Zivilgesellschaftliche Akteure sensibilisieren sowohl die Öffentlichkeit für dieses Thema, aber sie bieten auch Betroffenen Hilfe an. Aber was bedeutet dieses Phänomen der zunehmenden feindlichen Haltung gegenüber Muslimen für uns als Gläubige? Weiterlesen “Goldgewinnung”