Nach Christchurch

Eine Woche nach Christchurch. Schmerzen und Leid in einer Intensität und einem Ausmaß, die uns verstummen lassen, sprachlos machen. Die Frage nach dem „Warum?“ einer so sinnlosen Tat ist kaum zu beantworten. Und dennoch müssen wir eine Antwort auf das Erlebte, das Erlittene suchen. Unser Glaube hält uns dazu an, in Zeiten der Gewalt und der Not geduldig zu sein. Er erinnert uns daran, dass auch scheinbar sinnlose Augenblicke eine Bedeutung haben.

Schnell drängt sich durch die Trauer und die Verzweiflung die Frage in unser Bewusstsein, warum Gott solche Taten zulässt. Wie kann ein allmächtiger und allgütiger Gott es zulassen, dass ein dreijähriges Kind dem Hass eines Mörders zum Opfer fällt? Wenn er eine solche Tat nicht verhindern kann, ist er dann noch allmächtig? Wenn er sie nicht verhindern will, ist er dann noch allgütig?

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#Christchurch

Zum Freitagsgebet zu gehen, das hat für uns etwas von Frieden und Sicherheit. Wir treten ein in diesen Raum und schauen nach vorn. Höchstens zur Suche eines guten Freundes, eines anderen freundlichen Gesichts geht der Blick zurück zur Tür. Wir schauen nach vorn.

Manche lauschen der Predigt, andere sind in stiller Kontemplation in sich versunken. Die Ruhe ist es, die viele von uns anspricht, der Frieden, der Segen, der mit dem Frieden eng umschlungen kommt. Wir sitzen auf Teppichen, auf Steinböden, auf provisorischen Bet-Teppichen, und wir schauen nach vorn.

Ihm gedenken wir, seiner Gnade, seiner Liebe für uns, und wie wenig dieser Liebe wir ihm zurückgeben können. Das Freitagsgebet gehört zu den Zeiten, in der wir die Gegenseitigkeit am intensivsten spüren. Nebeneinander sitzen wir, schenken Almosen in Form von Lächeln nach links und rechts und wir schauen nach vorn.

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Die Frau ist kein Rippenklon des Mannes

Eine Gemeinschaft ist nur so stark und für die Herausforderungen der Zukunft nur dann gewappnet, wenn sie immer wieder aufs Neue dazu bereit ist, althergebrachte Ansichten, überlieferte Anschauungen und Wertungen zu hinterfragen. Wir müssen unser für richtig erachtetes Verhalten mit dem Licht der Offenbarung des Islam immer wieder neu beleuchten.

Denn wir Menschen sind fehlbar, irrend und unvollkommen. So sind auch unsere Ansichten stets der Gefahr ausgesetzt, in die Irre zu gehen, von der islamischen Offenbarung abzuweichen und den rechten Weg, den „siratel mustakim“ zu verlassen. Wenn wir täglich beim Verrichten unserer Ritualgebete wiederholt Gott darum bitten, uns auf diesen rechten Weg zu führen, kommt darin eben diese Überzeugung zum Ausdruck, dass unsere menschlichen Überzeugungen und tradierten Vorstellungen vom rechten Weg wegführen können. 

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Woher kommst Du?

Die Frage „Woher kommst Du?“ bewegt unser Land seit einigen Tagen. In dieser Frage und in den Diskussionen, die sie auslöst, spiegelt sich die Seele unserer Gesellschaft. In den lebendigen und teilweise scharfen Debatten, die wir miteinander und viel zu oft gegeneinander führen, verkörpert sich der Zustand unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Wir leben und reden zunehmend mit dem Anspruch auf Widerspruchslosigkeit. Die Infragestellung unserer Argumente und Ansichten empfinden wir immer häufiger als Infragestellung unseres Selbst. Im Disput legen wir es immer intensiver nicht nur darauf an, die Meinung des Anderen zu widerlegen. Wir streben danach, den Anderen selbst zu widerlegen, ihm seine Berechtigung, anders zu sein, abzusprechen. 

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Junge Menschen verstehen

Die Jugend stellt eine besondere Phase unseres Lebens dar. Zwischen Kindheit und Erwachsenensein erlebt der junge Mensch große körperliche und seelische Veränderungen, was sowohl von den Eltern als auch von den Jugendlichen meistens als schwierig empfunden wird. Junge Menschen nabeln sich von den Eltern ab und begeben sich auf Identitätssuche. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, decken sich meistens nicht mit den Vorstellungen der Eltern, was die Eltern-Kind Beziehung auf eine harte Bewährungsprobe stellt. Viele Eltern sind in dieser Zeit verzweifelt, weil sie den Zugang zu ihren Kindern verlieren. Die Kommunikation mit ihnen wird immer schwieriger, weil sie sich einer anderen Sprache bedienen. Nicht nur die Sprache verändert sich, auch der Kleidungsstil oder das Auftreten und all die anerzogenen „guten“ Verhaltensregeln scheinen verschwunden zu sein.

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Dem Menschenhass entgegentreten

Die Menschen sind unterschiedlich. Das ist ein Gemeinplatz, würde man meinen. Wenn wir allerdings einmal um uns schauen, dann werden wir schnell eines Besseren belehrt. Viele – ja, mitunter auch wir selbst – tun sich nämlich nach wie vor sehr schwer mit dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit. Menschen, die in irgendeiner Weise anders sind als wir, werden stereotypisiert, sie werden in Schubladen gesteckt, mit Klischees und Vorurteilen belegt. Immer häufiger begegnet man ihnen mit Argwohn, Ablehnung und sogar Hass.

Ob Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung oder kulturelle Herkunft, anhand irgendeines beliebigen Merkmals werden Menschen als anders, unnormal oder fremd gebrandmarkt und daher angefeindet. Heute ist menschenfeindliche Hetze gegen Juden, Muslime, Roma, Homosexuelle, Asylsuchende oder allgemein Fremde nicht nur in unserem Land, sondern europa-, ja, weltweit leider Alltag geworden. Sie begegnet uns auf der Straße ebenso wie in der politischen Öffentlichkeit und ganz massiv im Internet. Hier werden komplexe Sachverhalte stark vereinfacht und in holzschnittartige Freund-Feind-Bilder übersetzt. Objektive Tatsachen spielen nur dann eine Rolle, wenn sie das eigene Weltbild bestätigen. Ansonsten werden sie schlicht ignoriert, wenn nicht verdreht.

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Das Gleichgewicht der Schöpfung

Ein Gastbeitrag von Hilal Sezgin-Just

Wir hören in diesen Tagen immer lauter die Schreie der Erde, die uns zu mahnen versuchen, doch wir lassen sie nicht zu uns durchdringen. Zu beschäftigt sind wir im Alltag, um uns mit Themen wie Umweltschutz und Konsumverhalten zu befassen, und als Einzelner können wir doch eh nichts bewirken, so denken wir. Wir schwimmen im Strom der Zeit, bevorzugen die Bequemlichkeit von Plastiktüten und waschen unsere Töpfe dreifach, bevor wir sie in den Geschirrspüler räumen. Gleiches gilt für die gesegneten Abende des Ramadan, in denen wir mit Familie und Bekanntschaft zusammenkommen, um zwanzig Minuten später mit unnötig vollgestopftem Bauch das Gebet zu verrichten. Dabei sind wir als Muslime dazu verpflichtet, isrāf, Verschwendung, zu meiden, das ökologische Gleichgewicht der Natur zu bewahren, Verantwortung für unser Tun und Handeln zu übernehmen und gute Taten zu vollbringen. In der Sure ar-Rahman heißt es:

“Allah erhob den Himmel und wahrte das Gleichgewicht. Dass ihr dieses Gleichgewicht nicht stört.” (55/7-8)

Diese Mahnung bleibt oft unerhört, bleibt in vielen Predigten und gelehrten Diskussionen unberücksichtigt. Wir beschäftigen uns fast ausschließlich mit praktischen Regeln und Ritualen, während ökologische Themen häufig auf der Strecke bleiben. Das simple Vermeiden von Plastiktüten beispielsweise, wird oft belächelt und als neumodische Marotte degradiert. Dabei sind gerade Plastiktüten ein so sinnfälliges Symptom unserer modernen Zeit, die nach dem trostlosen kapitalistischen Motto „Nutzen und Wegwerfen“ funktioniert; oder eben, anders ausgedrückt, Verschwendung.

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Der politische Islam

Wir sind gegenwärtig in derart oberflächlichen Diskussionen und Debatten verstrickt, dass die Fragwürdigkeit der Argumente, denen wir ausgesetzt sind, aber auch derer wir uns bedienen, uns von der Essenz unseres Glaubens, von dem Wesen unseres Bekenntnisses wegführen.

Wir verirren uns immer häufiger und immer tiefer in einen Missbrauch unseres Glaubens für politische und ideologische Motive. Wir lassen es zu oder befördern sogar die Politisierung des Islam für Zwecke und Ziele, die uns erstrebenswert vorkommen. Wir instrumentalisieren unseren Glauben als billiges Mittel der Manipulation oder gar als Rechtfertigung für die Abwertung anderer Menschen. Kein Aspekt unseres Glaubens bleibt von diesem Missbrauch verschont.

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Der Rassismus in den eigenen Reihen

Ein Gastbeitrag von Aaliyah Bah-Traoré

Allah der Erhabene sagt in seiner Schrift: “O ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch.” (Sure 49:13)

Wir reden oft davon, dass wir Muslime eine Umma, eine Gemeinschaft sind. Wir loben uns, dass wir unser Handeln am Koran und der Sunna unseres Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, ausrichten. Damit müsste auch der oben zitierte Vers Grundlage für muslimisches Denken und Handeln sein.

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Den Kranken Freude bereiten

Wir sind mitten im nasskalten Winter, es wird früh dunkel und die Motivation ist bei vielen Menschen nicht gerade sehr hoch. Welch ein Glück, wenn man einigermaßen frei von Erkältung, Fieber und Husten durch diese Jahreszeit kommt. Denn nichts ist beschwerlicher als in diesen Tagen auch noch körperlich eingeschränkt zu sein.

Wen es dann doch erwischt hat bleibt dann nur noch der Weg der Schonung und Genesung. Oft verbringt man dann diese Zeit zuhause. Man möchte ja schließlich nicht andere Mitmenschen anstecken. Jeder, der das durchmacht, weiß, dass so ein Tag sehr lang sein kann. Man würde vielleicht lieber gerne mit Freunden zusammen sein oder etwas mit der Familie unternehmen. Jedoch verlangt der eigene Körper zu Recht seine Zeit und Ruhe, um wieder gesund zu werden. Nicht selten begleitet einen auch noch eine trübe Stimmung, die durchaus etwas Aufhellung gebrauchen könnte.

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