Der muslimische Imperativ

Traditionen sind uns wichtig. Wir legen wert darauf, dass unsere Gepflogenheiten, Bräuche und überlieferten Vorstellungen befolgt werden. Wir bewahren unsere Handlungs- und Denkmuster, also all jenes, das nicht angeboren ist, als Grundsubstanz unserer Identität.
Für soziale Gruppen in der Situation der Minderheit fungiert die Traditionsbewahrung und -pflege als wichtiger Träger von Identität, ja geradezu als identitätsstiftend. Für Gruppen in der gesellschaftlichen Rolle der Mehrheit vermittelt die Vorstellung von Tradition und ihrer Bewahrung gleichsam die Definition der eigenen Kultur.

Gerade durch die Bewahrung, die Beständigkeit von Denk- und Handlungsmustern transformiert sich eine personelle Gruppe hin zu einer Kultur. In beiden gesellschaftlichen Rollen ist diese Form der Kulturwerdung so wichtig, dass beide stets in der Furcht davor leben, die eigene Kultur könne aufgebrochen, verwässert, also verändert und damit geschwächt werden.

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In Ehrfurcht erbebende Herzen

Der Glauben, der Iman an den einen Gott, er ist nichts Statisches, nicht einfach nur ein Zustand. Er bewegt den Menschen, beeinflusst und zeigt sich im Handeln des Einzelnen. Der Glaube nimmt Einfluss auf die Handlung, aber die Handlung prägt auch den Glauben. Immer wieder wird im Koran der Iman zusammen mit den Taten angeführt, für die der Glauben sorgt, zu denen er die Gläubigen führt.

Mit dem Glauben an Allah, an Gott endet für den Muslim nicht sein Pfad. Mit dem Glauben öffnet sich der Weg zu einem mehr an Menschlichkeit und Fürsorge für den Anderen. In vielen Versen taucht der Glaube als Teil eines Dreiklangs auf: Der Glaube, das Gebet und die gute Tat. Diese drei Elemente bedingen sich gegenseitig, sie stützen sich gegenseitig. Der Glaube wächst zum Beispiel mit dem Gedenken Gottes, mit seiner Anbetung. Die Gute Tat, auch diese lässt den Glauben wachsen. Zu Glauben bedeutet, ein feinfühliges, ein in Ehrfurcht immerzu erbebendes Herz zu haben:

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Nicht die Anderen sind arm, nicht wir reich


“Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht.” Mit diesen und anderen drastischen Worten hatte Feridun Zaimoglu den Bachmannpreis in Klagenfurt eröffnet. Worte, gesprochen im Sommer, schon zu der Zeit schneiden sie ins Fleisch, erst recht jetzt an diesen kalten Tagen. Zu häufig begegnen wir Menschen auf der Straße, die die Hand öffnen müssen, um über die Runden zu kommen. Und schroff zurückgewiesen werden.

Die Worte erinnern an eine Mahnung in der Sura Maun:

“Hast du den gesehen, der das (Letzte) Gericht leugnet? Er ist es, der die Waise wegstößt und nicht zur Speisung des Armen anspornt.” (107:1-3)

Es ist nicht die einzige Stelle im Koran, der den Umgang mit Bedürftigen zu einer Frage des rechten Glaubens erklärt. Dabei wird nicht dazu aufgerufen, ihnen einfach nur etwas von dem Eigenen abzugeben. Nein, der Bedürftige hat einen Anspruch auf diese Unterstützung.

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Schimpfe nicht auf die Launen der Zeit

Die Menschen neigen heute sehr leichtfertig dazu, sich über die Entwicklungen auf der Welt zu empören. Man vermisst die vermeintlich gute alte Zeit, und sieht nur Krisen und Konflikte. Zweifellos gibt es die überall auf der Welt. Gerade in den sozialen Medien ist eine zunehmende Frustration und Negativität zu beobachten. Auch wir Muslime bleiben davon nicht unberührt. Auch wir Muslime liken, teilen und kommentieren in den sozialen Medien, aber auch in den Gesprächen unter uns, die Ungerechtigkeiten, die in verschiedenen Regionen der Welt den Muslimen angetan werden. Insbesondere ideologische Akteure unter uns Muslimen nutzen Videos und Bilder, um gezielt junge Muslime durch eine emotionale Ansprache in eine bestimmte Richtung zu lenken.

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Der beste Tag

Der Freitag ist für uns Muslime ein besonderer Tag. Wie schon unser Prophet in einem Hadith betont:

“Der beste Tag an dem die Sonne aufgeht, ist der Freitag: Adam wurde an diesem Tag erschaffen, an diesem Tag ging er ins Paradies ein und wieder an einem Freitag wurde er aus diesem hinausgeschickt; auch das Jüngste Gericht wird an diesem Tag anbrechen.” (Muslim, ‘Dschuma’, 18)

Der Freitag heißt im muslimischen Raum, dem arabischen Namen folgend, Dschuma. Das arabische Wort Dschuma kommt von dem Wortstamm “dschem”, was so viel bedeutet wie “zusammentragen, zusammenbringen”. Die Wortherkunft von Dschuma ist auch ein Hinweis auf einer der wichtigen Funktionen des Freitags für uns Muslime. Denn ein wichtiger Bestandteil dieses Tages ist, dass die muslimische Gemeinschaft zum Freitagsgebet zusammenkommt. Das Besondere daran ist dabei nicht nur das Gebet, sondern auch die Begegnung von unterschiedlichen Teilen der Gemeinschaft, von Jung und Alt, von Muslimen verschiedenster Herkünfte, Bildungsgrade und gesellschaftlicher Stellung. Diese spirituelle und physische Begegnung ist ein elementarer Bestandteil für eine lebendige Gemeinschaft.

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Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

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Nicht von der Negativität anderer anstecken lassen

Ständig sind wir konfrontiert mit medialen und politischen Debatten über uns Muslime. Gesellschaftliche Debatten – so anstrengend sie oft auch sein mögen – sind trotzdem wichtig. Wir als deutsche Muslime, denen die Zukunft dieser unseren Gesellschaft am Herzen liegt, müssen auf allen Ebenen auch unserer Verantwortung gerecht werden, in dem auch wir als Muslime unseren Beitrag für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten.

Das ist nicht immer einfach, weil man mit den unterschiedlichsten Sichtweisen und Meinungen konfrontiert ist. Dass dies nicht so einfach ist und manche Muslime auch belastet, merkt man daran, dass manche Muslime frustriert sind und das Gefühl haben, dass man nicht weiterkommt. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber ich möchte hier den Fokus auf eine andere Facette lenken. Denn ganz schnell entwickelt sich daraus ein Geist des Ressentiments, wo man immer häufiger die eigene Legitimation aus der Ablehnung anderer zieht. Die gute Tat und die Erlangung Allahs Zufriedenheit wird ersetzt durch die Selbsteinordnung in der Gruppe der Unterdrückten.

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Zur Freiheit verurteilt?

„Und abermals wehe dir! und nochmals wehe! Wähnt der Mensch etwa, er solle ganz ungebunden bleiben?“ [75:35-36]

Für den französischen Existentialisten und Philosophen Jean-Paul Sartre war eines klar: Die wirkliche Einschränkung und Restriktion kommt von Gott her. Bis der Mensch, so Sartres anthropologische Überlegungen, diese letzte aller Fesseln nicht abgeworfen hat, bleibt er unfrei. Denn existierte ein Gott, so wäre die menschliche Existenz weitestgehend vorgegeben – zumindest Dankbarkeit, Hingabe oder Gehorsam wären unausweichliche Grundbedingungen des Lebens. Es würden auch Rückschlüsse über den Menschen folgen, so zum Beispiel, dass er ein Geschöpf ist, dass seine Natur eine Wesensbestimmung hat und anderes.

Die Quintessenz der französischen Freiheitsphilosophie von Sartre aber lautet: „Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht“. Ja, damit ist tatsächlich die völlige Freiheit erreicht. Ein jeder muss sich selbst erfinden. Ein jeder muss auch darüber nachdenken, was es seiner Meinung nach bedeutet, ein Mensch zu sein. Das klingt ganz hübsch, verlockend und humanistisch, oder?

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Nach Halle: Schaue nach vorn, meine Schwester, mein Bruder

“Wenn ihr nicht glaubt, kommt ihr nicht ins Paradies und ihr glaubt nicht, solange ihr euch nicht gegenseitig liebt”, lautet ein Ausspruch, ein Hadis des Propheten. Es ist ein Aufruf zu mehr Empathie und Zuneigung unter den Gläubigen. Ein Aufruf der in der Forderung nach Nächstenliebe soweit geht, die Existenz des Glaubens an Allah an das Vorhandensein dieser Liebe zu verknüpfen. Auch wenn der Wortlaut des Hadises diesen auf die Beziehung zwischen den Gläubigen zu beschränken scheint, bin ich mir sicher, dass der Sinn dahinter weit über die Glaubensgrenze hinausgeht und eine grundsätzliche menschliche Eigenschaft formuliert.

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Einheit und Einigkeit

Ein weiteres Mal haben wir gestern den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Wie bei allen ritualisierten Formen des Gedenkens sollten wir uns auch anlässlich dieses jährlich wiederkehrenden Datums danach befragen, was wir eigentlich feiern.

Die Überwindung der Teilung Deutschlands ist zweifelsohne ein historisches Ereignis. Aber der Tag der deutschen Einheit muss uns für die Zukunft mehr bedeuten, als die völkerrechtliche Wiedervereinigung von Gebietskörperschaften. Denn heute erkennen wir viel deutlicher als noch vor 30 Jahren, dass die Wiedervereinigung der Menschen noch längst nicht erreicht ist. Viel zu sehr dominieren die Vorurteile übereinander in Ost und West, als dass von einer Einheit der Menschen die Rede sein kann.

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