Aufrichtigkeit ist keine Teilzeitbeschäftigung

„Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und an das, was Mose und Jesus zugekommen ist, und an das, was den anderen Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.“ So steht es in Sure 2, Vers 136 des Koran.

Der letzte Satz dieses Verses lautet im arabischen Original „wa nahnu lahu muslimun“. Das heißt, die aufrichtige Haltung, Gott gegenüber ergeben zu sein, sich mit seinem Antlitz Gott zugewandt zu haben, wird als „muslimun“, also als „muslimische“ Eigenschaft beschrieben. Muslimische Frömmigkeit wird somit als eine authentische, eine aufrichtige und wahrhaftig empfundene Ergebenheit beschrieben, die sich in der Haltung des Menschen, in seinem Wesen und seinem Verhalten, manifestiert.

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Die Angst vor Veränderung

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Eines der Prinzipien, das  der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Veränderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: „Alles ist vergänglich außer Seiner Wirklichkeit“ (28:88). Nach dem osmanischen Gelehrten Karabaş Veli (gest. 1686) ist die Vergänglichkeit kein Ereignis, das zu einem späteren Zeitpunkt eintritt, sondern ein dauerhafter Zustand von allem außer Allah. Wir sind die Vergänglichkeit.

Allah, erhaben ist Er, zeigt sich selber in dieser Vergänglichkeit, denn Er nimmt die Formen der Welt an, durch welche Er sich fortdauernd zeigt. Dazu sagt Allah über sich selbst im Koran, wenn wir die Stelle 55:29 wortwörtlich nehmen: „Jede Zeit ist Er in einem Zustand (fi-scha’n)“. Die ständige Veränderung und die Flüssigkeit von allen Formen führen unmittelbar dazu, dass wir Menschen auch diesem Wandel unterliegen. 

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Ihr werdet, was wir sind

Aus dem antiken Rom ist bekannt, dass während der Siegeszüge erfolgreicher Feldherren, diese von einem Sklaven begleitet wurden, der in ständiger Wiederholung folgende Worte sprach:

„Memento mori.

Memento te hominem esse.

Respice post te, hominem te esse memento.“

„Bedenke, dass du sterben wirst.

Bedenke, dass du ein Mensch bist.

Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.“

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Woran glauben wir?

In unseren muslimischen Gemeinschaften gibt es eine Redewendung, ein Zitat, welches häufig verwendet wird, wenn man aus einer vermeintlich sehr frommen, sehr religiösen Haltung heraus andere ermahnen will: „Wer nicht danach lebt, was er glaubt, wird anfangen, so zu glauben, wie er lebt.“ Das heißt, eine vermeintlich nach außen hin wenig an rituellen Praktiken und religiösen Geboten und Verboten orientierte Lebensweise führe über kurz oder lang zu einem schwächeren Glauben, ja sogar zum Glaubensverlust.
Das ist eine sehr selbstgefällige und selbstgerechte Meinung von Menschen, die sich grundsätzlich als Glaubensgeschwister begegnen wollen. Und es ist eine unaufrichtige Haltung. Denn sie weicht der Frage aus, woran wir Muslime glauben. In den letzten 20 Jahren der Islamdebatte in Deutschland erinnere ich mich an keinen Moment, in dem muslimische Stimmen in der Öffentlichkeit erklärt hätten, woran wir Muslime eigentlich glauben.

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Der Tanz um das goldene Ich

Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Geschöpfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegenüber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll. Gleichwohl wir in dieser Beschreibung durchaus auch die zerstörerischen Ideologien um kollektiven „Lebensraum“ erkennen können, ist hier ein anderes Phänomen gemeint.

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In Ehrfurcht erbebende Herzen

Der Glauben, der Iman an den einen Gott, er ist nichts Statisches, nicht einfach nur ein Zustand. Er bewegt den Menschen, beeinflusst und zeigt sich im Handeln des Einzelnen. Der Glaube nimmt Einfluss auf die Handlung, aber die Handlung prägt auch den Glauben. Immer wieder wird im Koran der Iman zusammen mit den Taten angeführt, für die der Glauben sorgt, zu denen er die Gläubigen führt.

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DER LÖWE, DER SICH SELBST ANGRIFF

Es vergeht wohl kaum ein Tag, ohne dass wir uns über einen anderen Menschen aufregen. Sei es zu Hause, in der Familie, im Straßenverkehr, an der Kasse im Supermarkt oder auch in den sozialen Medien, immer wieder gibt es Situationen, in denen wir Anstoß nehmen am Verhalten unserer Mitmenschen. Wir entrüsten uns dann über die Ignoranz dieser Leute, über ihre Rücksichtslosigkeit, über ihre Eitelkeit und ihre mangelnde Einsicht. Zuweilen prangern wir sie sogar öffentlich an, indem wir unseresgleichen auf diese Fehlverhalten aufmerksam machen und Bestätigung für unsere Erregtheit suchen.

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Worauf es ankommt

Wir Muslime sind eine vielbeachtete Minderheit in Deutschland. Die Beschäftigung mit dem Islam hat in unserer Gesellschaft viele Facetten und unterschiedlichste Ausprägungen. Manchmal erleben wir als Muslime auch Ablehnung oder gar Anfeindung. Dieser Zustand ist eine Tatsache, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Sie darf uns aber nicht in Lethargie, Wehklagen und Untätigkeit zurückfallen lassen.

Unser Prophet (s.a.s) hat selbst Zeiten der Ablehnung und Anfeindung erfahren. Er hat Unrecht und Gewalt erdulden müssen. Im Angesicht all dieser Erfahrungen hat er das Wort Gottes verkündet, das uns in Sure 2, 177 daran erinnert: „Fromm sind auch die, […], die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig sind, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

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Das hat nichts mit Afghanistan zu tun!

Das hat nichts mit dem Islam zu tun! Wie oft haben wir diesen Satz bereits gehört? Als erste Reaktion muslimischer Vertreter auf Extremismus und Gewalt im Namen des Islam.

Gleichgültig, wie laut Terroristen sich vor, während und nach ihren Taten auf den Islam berufen – die muslimischen Vertreter waren und sind schnell zur Stelle, um deutlich zu machen: Die Täter sind gar keine richtigen Muslime. All das religiöse Lametta um die Mordtaten herum dient einzig dem Zweck, etwas als islamisch zu behaupten, was in Wirklichkeit nichts mit dem Islam zu tun hat.

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Dem Mörder die Ehre nehmen

Wieder wurde innerhalb einer Familie beschlossen, dass eine Tochter, eine Schwester, eine Frau sterben muss.

Wieder wird diskutiert, wie man so eine Mordtat nennen soll.

Wieder äußern sich muslimische Verbände und ihre Vertreter, fast alles Männer, gar nicht oder nur einsilbig zu dieser Tat.

Wieder hat die Tat nichts mit dem Glauben und der Kultur zu tun, von denen Opfer und Täter geprägt sind. Wieder wird die Tat als völlig überraschender und willkürlicher, fremder und anmaßender Einbruch in die Sphäre des Glaubens und der Kultur behandelt.

Wieder fühlen sich muslimische Verbandsvertreter für alles zuständig, was Muslime betrifft, aber für nichts verantwortlich, was Muslime tun.

Dabei ist es wichtig, genauer hinzusehen und zu begreifen, was sich wiederholt in unserer Gesellschaft ereignet.

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