Die Kultur des Sprechens

Als Menschen bedienen wir uns der Sprache, um zu kommunizieren. Dies zeichnet uns Menschen aus und hebt uns von anderen Wesen ab. Sprache ist mehr als ein Mittel. Sprache ist konstituierend und spiegelt mehr als unsere Gefühle, Ideen und Eindrücke wieder. Sie ist Ausdruck unseres Seins. „Sein, dass verstanden werden kann, ist Sprache“, sagte Hans Georg Gadamer. Durch Sprache konstituieren und konstruieren wir unsere Welt und dies hat wieder Auswirkung auf uns und auf die Anderen.

Als muslimische Minderheit kommunizieren wir nicht nur in unseren Muttersprachen, sondern bedienen uns der deutschen Sprache, nicht nur weil junge Menschen die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrschen. Wir möchten Inhalte, Ideen, Thesen und Eindrücke in die deutsche Sprachwelt übertragen. Manchmal übersetzen wir oder generieren hierbei neue Inhalte. Die Grundannahme dabei ist, dass dies Teil eines offenen Diskurses ist bzw. sein sollte- der offen ist für Rede und Gegenrede. Mit diesem Diskurs prägen wir als Pioniere eines deutschsprachigen Islams eine eigene Sprachkultur, einen Habitus.

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Nicht wir sind reich, nicht die anderen arm

“Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht.” Mit diesen und anderen drastischen Worten eröffnete im Juli Feridun Zaimoglu den Bachmannpreis in Klagenfurt. Worte, gesprochen im Sommer, schon zu der Zeit schneiden sie ins Fleisch, erst recht jetzt an diesen kalten Tagen. Zu häufig begegnen wir Menschen auf der Straße, die die Hand öffnen müssen, um über die Runden zu kommen. Und schroff zurückgewiesen werden.

Die Worte erinnern an eine Mahnung in der Sura Maun:

“Hast du den gesehen, der das (Letzte) Gericht leugnet? Er ist es, der die Waise wegstößt und nicht zur Speisung des Armen anspornt.” (107:1-3)

Es ist nicht die einzige Stelle im Koran, der den Umgang mit Bedürftigen zu einer Frage des rechten Glaubens erklärt. Dabei wird nicht dazu aufgerufen, ihnen einfach nur etwas von dem Eigenen abzugeben. Nein, der Bedürftige hat einen Anspruch auf diese Unterstützung.

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Pride

Dieses Freitagswort ist notwendig. Vielleicht notwendiger als viele Freitagsworte davor. Denn dieses Freitagswort spricht ein Thema an, das wir in unserer muslimischen Gemeinschaft tabuisieren. Wir schweigen hartnäckig zu diesem Thema. Denn das, was wir in den meisten Fällen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und Ächtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert.

Unser gemeinschaftlicher Umgang mit dem Thema Homosexualität und unser Umgang mit Menschen aus der LGBT-Community offenbart mit seinen verkrampften Abwehrreflexen, wie gestört wir uns von diesem Thema, ja von queeren Menschen selbst, fühlen. Ihre Anwesenheit, ihre Nähe verstört uns. Über dieses Thema zu reden, ist uns unangenehm.

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Der Glaube im Instagram-Zeitalter

Was bedeutet es, Muslim zu sein? In unserer Kindheit haben wir in der Moschee gelernt, dass die „32 Pflichten“ (Türkisch „32 farz“) dazu gehören. Demnach realisiert sich der Glaube (iman) im Glauben an die Einheit Gottes, an die Engel, an die Offenbarungen und an die Propheten, an das Jenseits und dem Glaube daran, dass das Schicksal und alles Gute und Schlechte von Gott kommen. Die Umsetzung des Glaubens in die Praxis (islam) besteht im Aussprechen des Glaubenssatzes, im rituellen Gebet, dem Fasten im Ramadan, dem Zahlen der Armensteuer und dem Vollzug der Pilgerfahrt nach Mekka.

Das ist aber natürlich nicht alles. Heute glauben viele Muslime, das Tragen eines Kopftuchs und das Tragen eines Bartes und das räumliche und klangliche Abstandhalten zwischen nicht miteinander verheirateten Männern und Frauen gehöre ebenso zu den Glaubenspfeilern. Viele Muslime glauben auch, dass das Korrigieren von „Fehlverhalten“ von anderen Gläubigen ihnen Bonuspunkte bringt, die sie im Paradies einlösen können.

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Eine Moschee, nicht ein Kultur-Institut

Als die ersten Muslime nach Syrien oder dem Irak kamen und dort die ersten Grundstrukturen eines muslimischen Lebens etablierten, kam keiner auf die Idee, eine Moschee wie sie sie aus Medina kannten, zu bauen. Vorbild für die neu errichteten Moscheen war immer die lokale Architektur. Man braucht nur einen Blick auf eine alte Moschee in Syrien zu werfen, um frappante Ähnlichkeiten mit der römischen und byzantinischen Baukunst festzustellen oder den Turm der Samarra-Moschee im heutigen Irak zu betrachten, um darin Besonderheiten der mesopotamischen Architektur zu entdecken. Viele Moscheen in China kann man von buddhistischen oder taoistischen Tempeln nur wegen arabischer Kalligraphien unterscheiden. Eigentlich war die lokale Architektur und Baukunst immer für die Muslime Grundlage und Maßstab für ihre Moscheen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Moscheeformen, die sich von Ort zu Ort und von Epoche zu Epoche unterscheiden. Genauer gesagt, Moscheen wurden immer im Hier und Jetzt gebaut.

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Keine Strafe, sondern Prüfung

„Die Prinzessin und die Freude“ heißt ein Kinderbuch von Ulf Stark, in dem sich eine kleine Prinzessin auf eine mühsame Suche im Märchenwald begibt, um dem Papa, der seine „Freude“ verloren hat, wieder das Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Nichts scheint zu helfen, keine Geschenke, keine Überraschungen, keine lustigen Sachen. Auch auf ihrer Reise nach einem Heilmittel im Märchenwald wird die Prinzessin nicht fündig. Am Ende der Geschichte erkennt der König, dass seine kleine Prinzessin sein größtes Glück ist und findet somit sein Lachen zurück.

So einfach wie im Märchen ist die Heilung für Menschen mit Depressionen nicht. Eine Depression ist eine Krankheit, die medizinisch und therapeutisch behandelt werden muss. Leider wird sie in einigen Fällen nicht als solche wahrgenommen oder diagnostiziert und wird als „Krise“ oder „Tief“ abgetan. Der Schweregrad einer Depression kann unterschiedlich ausfallen, im schlimmsten Fall ist der Betroffene suizidgefährdet. Oft wird sie von erkrankten Menschen verheimlicht, um nicht als „labil“ oder „schwach“ stigmatisiert zu werden. Der Druck unserer Leistungsgesellschaft, immer funktionieren zu müssen, lässt es nicht zu, sich mit seiner Gefühlswelt zu beschäftigen.

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Der Islam ist nicht die Lösung

Den Muslimen dieser Welt geht es schlecht. Wo man auch hinschaut, scheinen sie Anderen unterlegen zu sein. Viele der sogenannten islamischen Länder sind gebeutelt von jahrzehntelanger Willkürherrschaft, von Krieg und Terror. Ökonomisch hinkt die islamische Welt dem Westen weit hinterher. Politisch hat sie, wenn überhaupt, nur geringen Einfluss. In den Wissenschaften und Künsten sind Muslime weltweit kaum bis gar nicht wahrnehmbar. Selbst in den wohlhabenderen Teilen des Globus, in denen es ihnen zumindest wirtschaftlich besser geht, sind sie tagtäglich Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt.

Für einige liegt die Ursache dieser Missstände ganz klar im Islam selbst. Wenn der Islam nämlich nicht rückständig, gewaltaffin und freiheitsfeindlich wäre, so die Behauptung, dann hätten seine Anhänger heute auch nicht mit all diesen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der einzige Weg aus der Misere wäre demnach ein Bruch mit der eigenen religiösen Tradition. Kurzum: der Islam sei das Problem.

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3.Oktober – Einheit in Vielfalt

Am kommenden Mittwoch begeht Deutschland den „Tag der deutschen Einheit“ und vielerorts wird mit verschiedenen Feierlichkeiten an die Überwindung der Teilung Deutschlands in jenem historischen Herbst des Jahres 1990 gedacht.
In diesem Jahr lautet das Motto zu den zentralen Feierlichkeiten „Nur mit euch“. Ein einprägsames Motto, bei dem es 28 Jahre nach dem Fall der Mauer um mehr geht, als nur um das Zusammenwachsen von Ost und West. Es geht um unsere gesamte Gesellschaft, um Zusammenhalt und darum, wie wir als Menschen mit unterschiedlichen Glaubens- und Weltanschauungsvorstellungen miteinander auskommen wollen.

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Nostalgie als Opium für das Volk

Die Beschäftigung mit der Geschichte der islamischen Gelehrsamkeit ist für uns Muslime heute von großer Bedeutung. Die Reflektion über die Werke und die Persönlichkeiten, die diese Wissenstradition über die Jahrhunderte entwickelt haben, ist wichtig, um sich mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen und eigene, auf das Heute bezogene Lösungen oder Denkanstöße zu finden.

Nicht selten dominieren bei uns Muslimen aber zwei extreme Formen, wie man sich mit der eigenen Geschichte beschäftigt und sich dieser annähert. Das eine Extrem ist die Romantisierung der Vergangenheit. Man neigt ganz schnell zu einer nostalgischen Haltung, klagt dabei die eigene gegenwärtige Lage an. Man denkt, dass man durch die unreflektierte und von der Gegenwart losgelöste Nachahmung des vergangenen Erbes zur alten Blüte wiedererlangt. Dabei ist dieses Erbe jedoch nur konstruiert.

Das andere Extrem ist die totale Verdammung der eigenen Wissenstradition. Dabei wird verzweifelt versucht, ohne jegliches Fundament etwas Neues zu konstruieren. Das führt letztendlich zu einer Beliebigkeit und dem Verlust von Wissen. Beide Herangehensweisen sind am Ende oberflächlich und fern der historischen Realitäten, die über die Jahrhunderte herrschten.

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Gewissensfragen

Gewöhnlich findet sich freitags an dieser Stelle ein Text, mit dem das Thema Spiritualität im Islam angesprochen wird. Oder die Autoren versuchen, eben jene Spiritualität durch ihre Texte spürbar zu machen. Aber zuweilen hat man das Gefühl, dass die äußeren Bedingungen unserer Existenz unsere Gedankenwelt derart überlagern, dass kein Platz mehr für Spiritualität bleibt, dass die Kakophonie menschlicher Verfehlungen so laut wird, dass man seine innere Stimme nicht mehr hören kann. Dieser Lärm übertönt jeden Versuch der inneren Einkehr und hindert uns daran, uns auf das Wesentliche zu besinnen.

Das Randständige, das Unbedeutende ist in solchen Momenten derart penetrant und übergriffig, dass es nicht mehr ausreicht, diese Einflüsse zu ignorieren. In den letzten Tagen war ein solcher Lärm zu hören, der die vorsichtigen und bedachten Stimmen, die sich mit den Existenzbedingungen der Muslime in Deutschland beschäftigen, zu übertönen versuchte. Es war ein Umgangston, der von Hass und dem Wunsch nach Ausgrenzung getrieben war. 

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