Alter Sprengstoff

Das Unrecht schlägt uns nicht wie ein nasses Handtuch ins Gesicht. Es fällt nicht über uns her. Es überwältigt uns nicht. Das Unrecht kommt nicht als Feind, nicht als zwielichtige Gestalt, vor denen wir uns fürchten. Das Unrecht stößt uns nicht ab, es erzeugt keinen Widerwillen in uns.

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Wer wir sein wollen

Im August 2008 erstattete Marwa El-Sherbini Anzeige gegen Alex Wiens, der sie rassistisch beleidigte und trat im Verfahren als Zeugin gegen ihn auf. Als er sie erneut – diesmal im Gerichtssaal – verbal angriff, legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein, um ein höheres Strafmaß zu erreichen. Auch in dieser Verhandlung trat El-Sherbini als Zeugin auf. Wiens ging mit einem Messer auf sie los und stach 18-mal auf sie ein. Sie starb noch im Gerichtssaal. Wiens wurde im gleichen Jahr wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Es ist der erste antimuslimisch motivierte Mord in Deutschland.

Dieser Fall erweist sich auf verschiedenen Ebenen eine große Tragödie: El-Sherbini hatte alles richtig gemacht. Sie wurde Opfer einer rassistisch motivierten Straftat und wehrte sich dagegen mit den gegebenen rechtlichen Mitteln. Aber weder sie noch das Gericht rechneten mit dem Ausmaß des Hasses von Wiens. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, dass jemand tatsächlich in einem Gerichtssaal und vor Zeugen solch eine Tat planen könnte. Es gab im Gerichtsgebäude keine Sicherheitskontrollen, sodass Wiens das Messer unbemerkt mit in den Gerichtssaal nehmen konnte. Das kostete die Leben von Marwa El-Sherbini und ihres ungeborenen Kindes. Ihr Ehemann, der ihr zur Hilfe eilte, erlitt nicht nur selbst Messerstiche von Wiens, sondern wurde auch von einem Polizisten angeschossen, da dieser ihn fälschlicherweise für den Angreifer hielt. Weiterlesen “Wer wir sein wollen”

Wir verneigen uns vor dem Menschen

In dem Film Rashomon von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1950 gibt es gegen Ende eine Szene, in der ein Mönch seine Verehrung gegenüber einem anderen Menschen – dem Holzfäller – zum Ausdruck bringt, indem er sich vor ihm verneigt. Dabei ist der Holzfäller keineswegs ein Held. Im Gegenteil: wir lernen ihn kennen als jemanden, der mit allen menschlichen Makeln behaftet ist. So ist er nicht immer ehrlich, zuweilen eitel und selbstsüchtig. Er fügt anderen Menschen bewusst Schaden zu, allein um sich selbst in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Kurzum: ein durch und durch schwacher Charakter. Nichts desto trotz ist es eine scheinbar bedeutungslose Geste jenes Holzfällers, durch die der Mönch, wie er selbst sagt, seinen Glauben an die Menschheit zurückgewinnt.

Eine ähnliche Geschichte finden wir auch im Koran. Dort sind es die Engel, die sich vor einem Menschen – Adam – niederwerfen, von dem sie zuvor sagen, dass er auf der Erde „Unheil anrichten und Blut vergießen“ werde (2:30-34). Auf den ersten Blick ein Widerspruch, der zudem durch zahlreiche andere Passagen verstärkt wird. Mitunter beschreibt der Koran den Menschen nämlich als „furchtsam“ und „ängstlich“ (17:19-20), als „überhastet“ (17:11), „geizig“ (17:100) und „voller Habgier“ (4:128). Weiterlesen “Wir verneigen uns vor dem Menschen”

Zeit der Freude, Zeit der Vergebung

Wieder ist der Ramadan schnell vorüber gegangen. 30 Tage, in denen
Muslime weltweit zwischen dem Beginn der Morgendämmerung und Sonnenuntergang nicht nur auf Essen und Trinken verzichtet haben, sondern auch mit den Augen, Ohren und mit dem Mund gefastet haben. Sich von negativen Dingen ferngehalten haben.

Dabei scheint es so, als ob dieser ganz besondere Monat erst wenige Tage
alt ist. Jetzt hat man sich gerade an den Rhythmus zwischen spätem Essen
und innerer Einkehr gewöhnt, und schon folgt mit dem Beginn des
dreitägigen Ramadanfestes am Ende der Fastenzeit der sehr deutliche
Übergang in den gewohnten Alltag. Das Ramadanfest ist aber nicht nur ein
Fest, bei dem man sich darüber freut, dass man die Fastenzeit geschafft
hat und nun wieder normal essen und trinken kann.

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“… was der Menschen Hände hat angerichtet”

Es ist der Monat der Besinnung, der Bewusstwerdung. So stellen wir uns den Ramadan vor, so wird er uns immer wieder fromm beschrieben. Nur, was sollen wir uns bewusst werden, um welche Besinnung geht es dabei?

Naheliegend ist beim Ramadan die Verknüpfung mit dem Thema Konsum und Enthaltsamkeit. Das Fasten in dem Monat, der Verzicht auf Speise und Trank von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang, rückt für uns in das Zentrum unserer Betrachtung. Das Fasten steht als Gottesdienst im Zentrum dieses Monats, wir fokussieren unser Wirken ganz selbstverständlich auf dessen Umsetzung. Wir reden über den Verzicht, welche spirituellen Zugänge uns darüber eröffnet werden. Der Ramadan soll uns in Erinnerung rufen, dass es auch Menschen ohne täglich Brot gibt.

Eine Frage bleibt dabei unbeantwortet: Warum fasten dann denn die Notleidenden mit? Es gibt zahlreiche Ausnahmen für das Fasten, Schwangerschaft, das Alter – zu jung oder zu alt -, Erkrankungen und einiges andere. Armut gehört nicht zu diesen Ausnahmen. Welchen Sinn hätte es dann denn, dass derjenige, der sowieso nicht viel hat, sich mit dem Fasten des Nicht-Viel-Habens bewusst wird? Weiterlesen ““… was der Menschen Hände hat angerichtet””

Ramadan – Spiritualität für Alle?

Im Ramadan erreicht die Spiritualität der Muslime ihren Höhenpunkt. Der Fastenmonat ist gesegnet von Gottesdiensten, die dem Gläubigen die Möglichkeit geben, körperlich und seelisch Allahs Nähe zu spüren. Sowohl das Fasten als auch das rituelle Gebet und die religiöse Pflichtgabe und Almosen sollen in diesem Monat intensiv verrichtet werden, so dass man sich im Alltag andere Prioritäten setzt muss, um von dem Segen des Ramadans möglichst viel zu empfangen.

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Nur unser Innerstes wird unsere Welt verändern

Anlässlich jedes Freitagsgebetes erleben wir Woche für Woche eine ganz wichtige, weil prägende Dimension unserer Religion. Im Gemeindegebet werden wir jede Woche mit der kollektiven Dimension unseres Glaubens konfrontiert. Unsere tägliche Erfahrung, dass Religion Privatsache ist, wird der Erfahrung, manchmal dem berührenden Moment, manchmal der schwierigen Zumutung ausgesetzt, dass Religion auch eine gemeinsame, eine gesellschaftliche, über die individuelle Erfahrung hinausgehende Wirkungsebene hat.

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Ramadan – Die gemeinsame Basis

Allah hat den Koran für die Menschen als Wegweisung, als eine lebendige Botschaft auf unseren Propheten Muhammad hinabgesandt. Der Koran ist eine lebendige Schrift, die uns Hoffnung gibt, unsere Sinne aktiviert und uns Liebe und Barmherzigkeit erfahren lässt. Er enthält Botschaften, die durch die Rezitation und die Praxis belebt werden sollen.

Im Alltag geht diese Lebendigkeit leider oft verloren. Der Koran dient dann nur als Dekorationsmittel, mit dem wir unsere Wohnzimmerschränke schmücken oder mit dessen Schrift wir unsere Handys oder Facebook-Pinnwände verzieren. Dabei enthält er Botschaften, die wir im Herzen spüren sollten. Wir sollten den Koran lesen und über seine Verse reflektieren, damit wir sie im Alltag umsetzen können. Dabei geht es nicht um die normative Ebene, die in unserer Zeit zunehmend die essentiellen Aspekte unseres Glaubens überschattet. Es ist nicht immer alles „halal“ oder „haram“. Weiterlesen “Ramadan – Die gemeinsame Basis”

Ramadan – An der Grenze zu neuen Anfängen

In der kommenden Woche beginnt der Monat Ramadan. Es ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Von Mitte Mai bis Mitte Juni werden wir einen Monat lang uns auf eine der fünf Säulen des Islam stützen – das Fasten. Verschiedene Koranverse verweisen auf das Fasten und auf den Monat Ramadan, unterstreichen den Segen, der diesem Monat und dem Fasten innewohnt und erinnern daran, dass die ersten Verse des Koran im Monat Ramadan offenbart wurden (vgl. 2, 185, 187; 97; 19, 26).

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Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Ständig sind wir konfrontiert mit medialen und politischen Debatten über uns Muslime. Gesellschaftliche Debatten – so anstrengend sie oft auch sein mögen – sind trotzdem wichtig. Wir als deutsche Muslime, denen die Zukunft dieser unseren Gesellschaft am Herzen liegt, müssen auf allen Ebenen auch unserer Verantwortung gerecht werden, in dem auch wir als Muslime unseren Beitrag für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten. Weiterlesen “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”