Mut zum Frieden

Religion ist Verantwortung. Religion macht verantwortlich. Der Islam in seiner religionspraktischen Ausprägung weist ein beständiges Gleichgewicht von Individualität und Kollektivität aus. Religiöse Praxis hat stets eine höchstpersönliche Dimension und gleichzeitig eine gemeinschaftliche Bedeutung.

Wir verrichten das Ritualgebet, um uns fünfmal am Tag in Demut und Ergebenheit vor unserem Schöpfer zu üben. Gleichzeitig vereint uns das Ritualgebet, wenn es in einer Moschee verrichtet wird, mit anderen Menschen zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis.

Wir fasten und verspüren dabei eine sehr persönliche Veränderung. Wir erleben Verzicht, Genügsamkeit und Bescheidenheit. Wir spüren Dankbarkeit für Dinge, die uns im Alltag als selbstverständlich erscheinen. Gleichzeitig werden wir aufmerksamer für die Bedürftigkeit anderer Menschen und entdecken die Freude, die wir durch das Teilen materieller Dinge bei anderen und bei uns hervorrufen können. Wir werden uns dessen bewusst, dass uns Übermaß und Reichtum gleichzeitig auch eine Verantwortung für andere Menschen auferlegt.

Weiterlesen “Mut zum Frieden”

Freiheit ist das Einzige, was zählt

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Mit diesen beiden Sätzen beginnt unser Grundgesetz. Was bedeutet „Die Würde des Menschen“? Die Rechtswissenschaft meidet es, den Begriff präzise zu definieren, weil damit die Gefahr bestünde, den Begriff der „Würde“ in unzulässiger Weise einzuschränken. Vielmehr definiert sie negativ, wann von einem Verstoß gegen die Würde des Menschen auszugehen ist. Ein solcher Verstoß liegt immer dann vor, wenn der Mensch nicht mehr als selbstbestimmtes, freies Subjekt handeln kann, sondern wenn der Staat oder ein anderer Mensch über ihn als Objekt verfügt, ihn quasi als Gegenstand, als Sache behandelt. Denn der Mensch als von Gott erschaffenes Wesen, darf niemals zu einem Gegenstand herabgewürdigt werden, über den andere willkürlich verfügen.

Weiterlesen “Freiheit ist das Einzige, was zählt”

Zwei Jahre nach Hanau

Rassismus tötet. Das ist uns nicht erst seit gestern klar. Auch nicht erst nach Hanau. Wir wissen, dass Menschen, die aus rassistischen Motiven hassen, irgendwann auch bereit dazu sind, diesen Hass in mörderischer Weise auszuleben. Das erscheint uns kaum begreifbar. Auch wenn dieser letzte Schritt vom Hassen zum Töten uns unbegreiflich erscheint, ist uns der Hass selbst aber nicht völlig fremd.

Weiterlesen “Zwei Jahre nach Hanau”

Was guckst du?

Es ist überliefert, dass unser Prophet (s.a.s.) während einer Freitagspredigt zu seiner Gemeinde über die Tekbir, also den Ausruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“), sprach und sie mit folgenden Worten ermahnte: „[…] Warum ruft ihr die Tekbir mit lauter Stimme? Ihr betet nicht zu einem Tauben oder einem Verirrten. Im Gegenteil: Ihr betet zu As-Semi, zu dem, der alles hört. Und zu Al-Basir, zu dem, der alles sieht. Der, zu dem ihr betet, ist euch näher als der Hals des Tieres, auf dem ihr reitet. […] Soll ich dich ein Wort aus den Schätzen des Paradieses lehren? Dieses Wort lautet „La havle vela kuvvete illa billah!“ (Die Stärke und die Kraft sind allein Gottes)

Weiterlesen “Was guckst du?”

Auf alles eine (islamische!) Antwort?

Wenn heutzutage Muslime zusammenkommen und sich über ihre gegenwärtige Situation in der Welt unterhalten, bleibt eines in der Regel nicht ausgespart: das Klagen über die mangelnde Einheit der Umma. Fast schon gebetsmühlenartig wird immer wieder beanstandet, wie unfähig doch die eigenen Glaubensgeschwister seien, selbst in wesentlichen Fragen einen gemeinsamen Nenner zu finden oder anderen gegenüber geschlossen aufzutreten.

Ob eine Gemeinschaft, in der jeder einhellig dieselbe Meinung vertritt, überhaupt möglich oder gar wünschenswert ist, sei einmal dahingestellt. Bezeichnend ist aber, dass dieses Streben nach Einheit im gemeinschaftlichen Sinne häufig seine Entsprechung auch im Bewusstsein vieler einzelner Muslime findet – nämlich in Gestalt eines unbeirrbaren Strebens nach Eindeutigkeit im Glauben.

Nicht selten gehen wir davon aus, dass es auf jede Frage, die sich uns im Leben stellt, unbedingt eine eindeutige (islamische!) Antwort geben muss. Unsere Aufgabe als Muslime scheint demnach klar vorgegeben zu sein: wir müssen uns möglichst viel Wissen aneignen, damit wir eines Tages mit Gottes Hilfe eben jene Antwort finden können. Solange wir nicht an diesem Punkt angekommen sind, gelten wir in unseren eigenen Augen als unvollkommen. Die noch nicht erreichte Klarheit im Glauben und die Widersprüchlichkeiten in unserem Denken erachten wir als Anzeichen eines defizitären und daher zu überwindenden Zustands.

Weiterlesen “Auf alles eine (islamische!) Antwort?”

EIN ZIMMER ZU WENIG…

„Ganz gleich, wen ich frage“, schrieb einmal der türkische Dichter Özdemir Asaf (1923-1981), „jeder ist der Ansicht, dass sein Haus ein Zimmer zu wenig habe“.

Nehmen wir diese Aussage doch zum Anlass und horchen kurz in uns hinein. Verfallen nicht auch wir hin und wieder diesem Glauben? Dem Glauben nämlich, dass für das finale Glück in unserem Leben eine größere Wohnung, mehr Geld, ein teureres Auto, das neuste Smartphone, dieser oder jener Gegenstand fehle? Ist es nicht so, dass wir bereits von Kindesbeinen an lernen, Glück und eine höhere Lebensqualität seien vor allem durch mehr Besitz zu erlangen?

Nichts anderes gaukelt uns schließlich die Werbung vor, der wir tagtäglich ausgesetzt sind. Ein richtiges und gutes Leben ist demnach nur durch den Erwerb bestimmter Güter möglich. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ dröhnt es uns etwa vorwurfsvoll und gefühlt an jeder Straßenecke entgegen. „Entdecke das Leben“, werden wir andernorts aufgefordert. Eine Parfümeriekette verheißt uns ein „schöneres“, ein Jeanshersteller ein „erfolgreiches“ Leben. Die Botschaft ist klar: sich mehr Besitz anzueignen – wichtiger noch: mehr zu haben als andere –, erhöht augenscheinlich unseren Wert. Das Aufkommen immer neuer Bedürfnisse und ein uferloser Konsum sind die Folge.

Weiterlesen “EIN ZIMMER ZU WENIG…”

Ein toxisches Religionsverständnis

Woran glauben wir? Und wozu glauben wir? Es ist von unschätzbarem Wert, sich diese Fragen immer und immer wieder zu stellen und nie anzunehmen, wir hätten sie endgültig beantwortet. Bei unserer Suche nach Antworten auf diese Fragen müssen wir uns bewusst machen, dass es einen Unterschied zwischen uns und dem Bezug unseres Glaubens gibt. Gott ist vollkommen – wir sind es nicht. Im Koran gibt es keinen Widerspruch oder Zweifel – aber wir sind voller Widersprüche und Zweifel. Gott ist die Wahrheit – aber ebenso, wie wir Gott nicht unmittelbar erfassen können, könne wir nicht beanspruchen, eine absolute Wahrheit erkannt und verstanden zu haben.

„Dies, weil Gott die Wahrheit ist“, heißt es im Koran (22, 62). Wenn also Gott die Wahrheit ist, kann die Wahrheit unseres irdischen Glaubens für uns nur so unbegreiflich wie er selbst sein. Was unsere Wahrheit des Glaubens ist, entzieht sich damit unserem Verständnis, wie auch Gott für uns rational letztlich unfassbar bleibt.

Für uns Muslime muss deshalb die Bescheidenheit im Glauben eine Grundtugend sein. Wir wissen nicht, nur Gott weiß. Wir dürfen niemals davon überzeugt sein, eine absolute Wahrheit erkannt und verstanden zu haben. Wir dürfen deshalb niemals unsere Überzeugungen anderen Menschen als vollkommene Wahrheit aufzwingen. Wo wir in der Gewissheit einer vollkommen durchdrungenen Wahrheit handeln, betreten wir einen Irrweg, der uns und andere ins Verderben führt.

Weiterlesen “Ein toxisches Religionsverständnis”

Unsere Realität ist Satire

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

Ich nehme an, die meisten von Ihnen haben den neuen Film von Adam McKay gesehen: „Don’t Look Up“ Für diejenigen, die ihn noch nicht gesehen haben: Es ist eine schwarze Komödie über den Weltuntergang. Ein Komet rast auf die Erde zu und die Menschen teilen sich in drei Gruppen auf: Die einen streben immer noch nach Macht und Profit, die anderen wollen den Weltuntergang verhindern und eine dritte Gruppe sagt, es gibt gar keine Covid-Pandemie – oh, Entschuldigung; ich meine natürlich, es gibt keinen Kometen. Der Film war noch in der ersten Sendewoche auf Netflix – Startschuss war Heiligabend 2021 – auf Platz 1 in Deutschland. Ich habe ihn auch gesehen; er ist amüsant, absurd. Grundsätzlich gehen Filmkritiker:innen davon aus, dass wenn Anspielungen in einem Film einfach und klar zu verstehen sind, der Film relativ schlecht ist. „Don’t Look Up“ ist in jeder seiner Anspielungen klar; jede*r, der*die an Weltgeschichte und –politik ein wenig interessiert ist, erkennt die Anspielungen sofort. Wider Erwarten liegt eben darin die Stärke des Films, und genau das ist es, was mir seit Jahren Kopfschmerzen bereitet: Unsere Realität selbst ist Satire geworden.

Weiterlesen “Unsere Realität ist Satire”

Silvesterparanoia

Auch dieses Jahr wäre es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zurückliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen für das bevorstehende Jahr für alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren.

Viele Muslime tun das sicher auch. Aber mindestens ebenso viele, allen voran innerhalb unserer organisierten Strukturen der muslimischen Gemeinschaften, sind mit etwas anderem beschäftigt. Dort entfaltet sich eine besondere Form der Kreativität, die auf verschiedenen Ebenen offenbart, wie es um die muslimische Seele vielfach bestellt ist.

Weiterlesen “Silvesterparanoia”

Alle Jahre wieder…

Weihnachtszeit. Jedes Jahr wiederholen sich die Rituale anlässlich dieses Festes. Unter Muslimen schwelen innere Spannungen zwischen emphatischer Freude, der Suche nach den islamischen Quellen, welche die Geburt Jesu schildern, aber auch einer verstörenden Ablehnung, christlichen Mitbürgern auch nur frohe Weihnachten zu wünschen.

Letzteres ist häufig der Ausdruck einer eigenen Unsicherheit im Glauben. Wenn sich Frömmigkeit ihrer Festigkeit dadurch vergewissern muss, andere Glaubensüberzeugungen fundamental abzulehnen und ihre Präsenz nicht als Wert einer vielfältigen Gesellschaft zu schätzen, führt das zu einer Einfältigkeit im eigenen Glauben und erstickt unsere Möglichkeiten, einander achtsam zu begegnen – und Freude an der Freude des anderen nachzuempfinden.

Weiterlesen “Alle Jahre wieder…”