Wie du wirklich um Vergebung bittest und deine Taten bereust

Ein Gastbeitrag von Akif Sahin

Wir saßen damals in einem Shisha-Café und der junge Mann erzählte schließlich, wieso er sich von seiner Freundin, die eigentlich in ein paar Wochen seine Frau werden sollte, getrennt hat. Er wurde betrogen. Seine Freundin hatte etwas mit einem Anderen und gleichzeitig war er der “Dumme”, der ihren Lebensstil die ganzen Jahre über finanziert hatte. Sie dankte es ihm, in dem sie mit einem Typen ins Bett stieg. Die Trennung war endgültig, zu retten gab es da nichts.

Jahre später rief er mich an und bat mich um einen Termin. Er brachte seine Ehefrau mit und der Termin wurde zu einer Paarberatung. Er hatte den Schmerz und den Vertrauensverlust von damals immer noch nicht überwunden. Seine Frau litt darunter, weil er einfach eifersüchtig und süchtig nach Kontrolle war. Immer wieder begab er sich in Therapie und fiel letztlich wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Seine letzte Hoffnung: “Akif abi, kannst du nicht irgendwas aus dem Quran lesen, damit es mir besser geht?”

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Solidarität nach Belieben

Ein Gastbeitrag von Büşra Delikaya

Es ist nicht nur einmal, dass uns die soziale Ungerechtigkeit dieser Welt schmerzlich bewusst wird. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ein Schwarzer in den USA rassistischer Polizeigewalt zum Opfer fiel. Etliche Namen wie Michael Brown und Sandra Bland gingen mit trauriger Aktualität versehener Namen wie Breonna Taylor und George Floyd voraus. Die Liste ist lang, das Problem nicht neu, vielmehr verweilte es bis dato als potenzielles Todesurteil Schwarzer Menschen unberührt im Alltag. Eine Ermordung folgte der nächsten, ein neuer Verlust und derselbe Kampf nach Gerechtigkeit.

Die brutale Ermordung ging viral – George Floyds letzten Minuten unter den drückenden Knien eines uniformierten Mörders für immer in Timelines und Privatnachrichten konserviert. Der dokumentierte Schrecken der Tat zwingt die haftende Passivität in die Knie. Die strukturelle Deklassierung Schwarzer Menschen wirft derzeit Schatten über die unbekümmerte Gedankenwelt so vieler. Das Nicht-Schwarz-Sein und die damit einhergehenden Vorzüge, die erst mit der Diskriminierung Schwarzer Menschen eine Existenz finden, bleiben einigen mehreren nun wiederholt im Halse stecken.

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Inschallah

Ein Gastbeitrag von Hakan Turan

Die Formulierungen “inschallah” und “hoffentlich” werden im Alltag der Muslime oft synonym verwendet.

Dabei ist gibt es zwischen diesen beiden interessante Unterschiede.

Ein Satz, der mit “inschallah” (Duden) bzw. “inşallâh” (türkisch) bzw. ” in shâ Allâh” (arabisch) beginnt, ist ein Konditionalsatz.

Das heißt, ein Satz wie “Inschallah regnet es nicht” bedeutet wörtlich: 

Wenn Allah will, dann regnet es nicht.”

Dieser Wenn-dann-Satz ist eine metaphysische Aussage über einen tieferen Kausalzusammenhang in der Welt.

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Über das Schicksal anderer urteilen

Ein Gastbeitrag von Hamza Tüter

Jeder Muslim hat sicherlich diesen oder einen ähnlichen Moment schon einmal erlebt: Wir kennen einen sehr netten, freundlichen und hilfsbereiten Menschen, den wir für seinen positiven Charakter unheimlich bewundern. Der anschließende Gedanke in so einer Situation ist oft: „Schade, wäre er/sie doch bloß ein/e Muslim/in“. Warum kommt bei uns Muslimen oft dieser Gedanke? Wird dieser Mensch für seine guten Taten unbelohnt bleiben? Wäre dies denn von Seiten Gottes noch gerecht?

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Gott will für euch das Leichte und nicht das Schwere

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Hin und wieder beobachte ich, wie manche Muslime die Vorstellung haben, dass je schwieriger und mühsamer ein Islamverständnis ist, desto korrekter sei es. Mit so einer Vorstellung entsteht beinahe eine Psychose und man wird ständig von der Angst verfolgt etwas Falsches zu machen.

Diese Einstellung steht allerdings im Widerspruch zu der prophetischen Botschaft. Im Koran lesen wir: „Gott will für euch das Leichte und nicht das Schwere“ (2:185) oder „Gott will euch keine Belästigung aufbürden“(5:6), sowie „Er hat euch keinerlei Beengung im Gottesdienst auferlegt.“(22:78). Diese Stellen und andere besagen, dass Gott mit seiner Kunde das Leben der Menschen nicht schwer machen möchte, sondern im Gegenteil.

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11. September

Ein Gastbeitrag von Pfarrerin Dr. Gerdi Nützel

In der kommenden Woche jährt sich der Jahrestag des 11. Septembers 2001, ein markantes Datum für die Beziehungen der Menschen unterschiedlicher Religionen. Als Huntington Mitte der 90er Jahre vom Clash der Zivilisationen und Religionen sprach, wurde er von vielen belächelt oder auch verspottet. Der Fall der Mauer in Berlin, die globalen Bewegungen und Begegnungen von Menschen, Ideen, Kulturen und Religionen schienen selbstverständlich. Wobei der Krieg im inzwischen ehemaligen Yugoslawien schon eine erste Anschauung geboten hat, wie schnell sogar ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn bereit sind, einander auf brutale Form zu vertreiben oder sogar zu töten, wenn auf einmal die religiöse oder ethnische Abstammung das Kriterium für das Lebensrecht an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit darstellt.

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Die Angst vor Veränderung

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Eines der Prinzipien, das  der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Veränderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: „Alles ist vergänglich außer Seiner Wirklichkeit“ (28:88). Nach dem osmanischen Gelehrten Karabaş Veli (gest. 1686) ist die Vergänglichkeit kein Ereignis, das zu einem späteren Zeitpunkt eintritt, sondern ein dauerhafter Zustand von allem außer Allah. Wir sind die Vergänglichkeit. 

Allah, erhaben ist Er, zeigt sich selber in dieser Vergänglichkeit, denn Er nimmt die Formen der Welt an, durch welche Er sich fortdauernd zeigt. Dazu sagt Allah über sich selbst im Koran, wenn wir die Stelle 55:29 wortwörtlich nehmen: „Jede Zeit ist Er in einem Zustand (fi-scha’n)“. Die ständige Veränderung und die Flüssigkeit von allen Formen führen unmittelbar dazu, dass wir Menschen auch diesem Wandel unterliegen.    

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Sein oder Nichtsein

Ein Gastbeitrag von Sercan Sever

Was überhaupt ist eigentlich ein gutes Leben?

Diese Frage beschäftigt nicht nur uns, sondern Menschen rund um den Globus. Nicht selten verführt sie zur Auflistung eines ganzen Kriterienkatalogs, wonach ein gutes Leben gegeben sei, wenn a), b) c) und bestenfalls auch d) in unserem Besitz sind oder als auf diesem Weg zu erreichende Ziele festgelegt werden.

a), b), c) und d) können je nach Zeit und Ort mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden. In hiesigen Verhältnissen stehen nicht selten Karriere, Gemeinschaft und Gesundheit weit oben auf dieser Liste. Doch der Charakter ist stets derselbe: Das gute Leben oder das Glück scheint uns erst dann so richtig gegeben, wenn jene Kriterien erfüllt, jene Ziele erreicht sind. Und so trachten wir danach dieses gute Leben zu erreichen.

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Die Würde des Menschen

Ein Gastbeitrag von Aziz Dziri

Was bedeutet es als Gläubige und Gläubiger durch den Alltag zu gehen, Allah zu gedenken und dem Vorbild Mohammeds zu folgen? Gerade im heiligen Monat Ramadan versuchen wir uns von unseren Lastern zu befreien und uns von unserer Schokoladenseite zu zeigen. In meiner Lebenswelt bedeutet dies oftmals die Auseinandersetzung mit Armut und Würde.

In einem Hadith heißt es beispielsweise sinngemäß, dass der Prophet – Friede und Segen sei mit ihm – niemandem je eine Bitte abschlug (Sahih Muslim, 13, Nr. 1745). An anderer Stelle heißt es, dass eine gute Tat bereits eine ‘Sadaqa’ [freiwillige Abgabe/Wahrhaftigkeit] sei, es muss nicht zwingend etwas Materielles sein (Sahih Muslim, 13, Nr. 1677). Diese Aussprüche begleiten mich, wenn ich durch meine Heimat Berlin fahre und den vielen Menschen begegne, die in der U-Bahn oder der Fußgängerzone um einen Obolus bitten. Ich versuche jedes Mal mich zu überwinden etwas zu geben und wenn es nur einen Moment meiner ungeteilten Aufmerksamkeit bedeutet. An anderer Stelle habe ich schon oft mit Freundinnen und Freunden diskutiert, ob man denn bedingungslos oder eben nur bedingt spenden soll. „Wenn die das Geld, dass ich ihnen gebe, sowieso nur für Alkohol und Zigaretten ausgeben, helfe ich denen ja auch nicht!“ heißt es dann zum Beispiel.

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Mit Alltagsdogmen brechen

Ein Gastbeitrag von Muharrem Ünlü

Wenn man an eine Religion denkt, denkt man nicht selten an Dogmen; an nicht hinterfragbare Absolutismen. Ungeachtet dessen, dass der Begriff Dogma – nach meinem persönlichen Verständnis – negative und positive Aspekte beinhaltet, birgt auch unser Alltag viele davon. Alltägliche Denkgewohnheiten, die man durchaus auch als Alltagsdogmen bezeichnet könnte. Auch wenn beim Begriff Dogma eine historisch gewachsene religiöse Konnotation mitschwingt, haben nämlich unsere Denkansätze und Deutungsmuster in ganz weltlichen Angelegenheiten nicht selten eben solche dogmatischen Züge. Insbesondere wenn wir im Laufe unserer Entwicklung verlernt haben, die Grundsubstanz des persönlichen Wachstums am Leben zu erhalten: das ständige Hinterfragen eigener Meinungsbilder.

Einer der vielen interessanten Aspekte des islamischen Fastenmonats ist, dass man sich auf ihn vorbereitet, als würde man einen physischen Gast erwarten, obwohl es sich um einen Zeitabschnitt handelt. Solche unerwartet andersartigen Ansätze schaffen es meiner Meinung nach auf eine erfrischende Weise einen gesunden Kontrast zu eingeschlichenen Alltagsdogmen herzustellen – egal welcher Art – und bahnen ein neugieriges Hinterfragen vieler Denk- und Handlungsgewohnheiten in allen Bereichen des Lebens an. Denn nicht zuletzt geht es beim islamischen Fasten genau darum: in jedweder Hinsicht Alltagsgewohnheiten aufzubrechen, um sich in neuer Gestalt wiederzufinden; der Ursprung wiederkehrender geistiger Revolution und im Grunde das Gegenteil eines klassischen Dogmas.

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