Regelmäßig und wenig, statt zu viel und überfordernd

Ein Gastbeitrag von Akif Sahin

In jedem Ramadan trifft man auf Menschen, die sich quasi in einen Wettbewerb mit anderen begeben, darüber wer welche gottesdienstlichen Handlungen ausgeführt und wer welche Herausforderungen auf einer Liste erfüllt hat. Dieser „Optimierungswahn“ ist längst zu einem kommerziellen Geschäft geworden, in denen „Coaches“, natürlich nur gegen Geld, Muslim:innen erklären, wie sie sich bestimmte Ziele setzen und erreichen sollen, damit sie ins Paradies kommen. 

Der ganze Schwachsinn ist von Beginn an falsch konzipiert und wird leider in unserer „Leistungsgesellschaft“ nicht als schädlich für eine positive Persönlichkeitsentwicklung erkannt. Es ist fatal, sich in Glaubensfragen „Ziele“ zu setzen. Nehmen wir einen einfachen Fall. Man möchte im Monat Ramadan den Koran rezitieren und setzt sich als Ziel am Ende des Monats Ramadan den gesamten Koran zu lesen. Was passiert, wenn man dieses Ziel nicht erreicht hat? Welche Auswirkungen hat ein nicht erreichtes Ziel auf meine eigene Psyche? Und wird man dieses Ziel noch einmal in Angriff nehmen, wenn man dieses Jahr gescheitert ist?

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Ich fühle es nicht.

Ein Gastbeitrag von Sumayya Ahmed

Stell dir vor, eine Person erzählt, sie hat Probleme, ihre Spiritualität zu fühlen. Sie betet jeden Tag, jeden Tag erledigt sie pflichtbewusst ihre Gebete, aber sie fühlt nichts. Sie fühlt sich einfach nicht erfüllt. Sie fühlt, als würde jedes Gebet nur ein weiteres To-Do auf ihrer Checkliste sein, welches sie am Ende des Tages mit einem Haken markiert. Aber dieses Gefühl, dieses tolle Gefühl der Erfüllung stellt sich nicht ein. Was also nun?

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Unsere Realität ist Satire

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

Ich nehme an, die meisten von Ihnen haben den neuen Film von Adam McKay gesehen: „Don’t Look Up“ Für diejenigen, die ihn noch nicht gesehen haben: Es ist eine schwarze Komödie über den Weltuntergang. Ein Komet rast auf die Erde zu und die Menschen teilen sich in drei Gruppen auf: Die einen streben immer noch nach Macht und Profit, die anderen wollen den Weltuntergang verhindern und eine dritte Gruppe sagt, es gibt gar keine Covid-Pandemie – oh, Entschuldigung; ich meine natürlich, es gibt keinen Kometen. Der Film war noch in der ersten Sendewoche auf Netflix – Startschuss war Heiligabend 2021 – auf Platz 1 in Deutschland. Ich habe ihn auch gesehen; er ist amüsant, absurd. Grundsätzlich gehen Filmkritiker:innen davon aus, dass wenn Anspielungen in einem Film einfach und klar zu verstehen sind, der Film relativ schlecht ist. „Don’t Look Up“ ist in jeder seiner Anspielungen klar; jede*r, der*die an Weltgeschichte und –politik ein wenig interessiert ist, erkennt die Anspielungen sofort. Wider Erwarten liegt eben darin die Stärke des Films, und genau das ist es, was mir seit Jahren Kopfschmerzen bereitet: Unsere Realität selbst ist Satire geworden.

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Infāq: Spenden auf dem Wege Allahs

Ein Gastbeitrag von Akif Şahin

Im Islam fassen wir gute Tugenden und Charaktereigenschaften als “guter Ahlaq” zusammen. Zu diesen Tugenden gehören auch bestimmte Akte und Wohltaten für andere. Muslim*innen sind dazu angehalten, sich solidarisch zu zeigen und ihr Umfeld zu unterstützen. Als ein besonderes Charakterzeichen guter Muslim*innen gilt beispielsweise, dass sie großzügig und spendabel sind. Dabei geht es nicht um Verschwendung, sondern um Unterstützung anderer und insbesondere bedürftiger Personen.

Infāq, das Spenden auf dem Wege Allahs (swt), ist daher ein sehr wichtiges und sensibles Thema, das sowohl den Glauben als auch den Alltag betrifft. Muslim*innen müssen und sollten sich damit früh genug befassen, damit sie es später nicht so schwer haben, Solidarität mit bedürftigen Menschen und der Gesamtgesellschaft zu zeigen. Vor allem das Teilen und Spenden aus dem persönlichen Besitz und Vermögen stehen hierbei im Vordergrund.

Infāq beschreibt als religiöser Begriff, das Spenden vom eigenen Vermögen für arme und bedürftige Menschen. Das Spenden erfolgt auf dem Wege Allahs (swt) und die Absicht der Spendenden ist es Allahs (swt) Wohlgefallen zu erlangen. Infāq umfasst aus dieser Sicht sowohl die Pflichtabgabe Zakat als auch jede andere gute Tat, die aus freiem Willen erfolgt und in der das Spenden, Teilen, aber auch Opfern im Vordergrund steht.

Aus islamischer Sicht ist der wahre Besitzer aller Dinge Allah (swt). Reichtum ist etwas, das uns von Allah (swt) anvertraut und zur Verfügung gestellt wurde. Deshalb ist es notwendig, andere an diesem Reichtum teilhaben zu lassen. Nur dadurch kann ein gesellschaftlicher Ausgleich stattfinden. So stellt Infāq eine Form der gesellschaftlichen Umverteilung von Vermögen und Besitz dar.

„Glaubt an Allah und Seinen Gesandten und spendet von dem, was Er euch zur Verfügung gestellt hat. Denn denjenigen von euch, welche glauben und spenden, ist großer Lohn bestimmt.“
– (Koran, 57:7)

Im Koran wird darauf hingewiesen, dass die armen und bedürftigen Menschen ein Anrecht am Besitz und Wohlstand der Reichen haben. Die Bedeutung des Infāq stellt sich in der Idee dar, etwas Gutes tun zu wollen und dafür einen Entschluss (niyya) zu fassen. Eine Form von absoluter Solidarität mit den Bedürftigen ist der Kerngedanke des Infāq. Die Spende, das Teilen oder Opfern erfolgt dabei immer vom eigenen Vermögen bzw. Besitz.

„Und von ihrem Vermögen war ein Teil für den Bittenden und den verschämten Armen.“
– (Koran, 51:19)

„Und von deren Vermögen ein Teil für den Bittenden und den verschämten Armen bestimmt ist,“
– Koran, (70:24-25)

Im Koran wird der Begriff Infāq in mehreren Versen verwendet. Oftmals wird der Begriff als „spenden“ oder „ausgeben“ verwendet. Solche Formulierungen finden sich in etwa 70 Stellen im Koran wieder. Interessant für das Verständnis des Infāq ist besonders der zweite Vers der Sura al Baqara.

„Die da glauben an das Verborgene und das Gebet verrichten und von Unserer Gabe spenden:“
– Koran, (2:3)

Infāq (hier als „spenden“ übersetzt) wird nach dem Glauben und dem Gebet im Islam erwähnt. So wird die Stellung dieser wichtigen gottesdienstlichen Handlung innerhalb des Islam deutlich gemacht. Infāq ist also ein Teil der islamischen Verhaltens- und Glaubenslehre. Wer keinen Infāq tätigt, kann kein*e gute*r Muslim*in sein. Entsprechend gehört es zu den Aufgaben von Muslim*innen den Infāq auszuüben, sobald sie dazu in der Lage sind.

In den Versen 261 bis 274 der Sura Al Baqara wird ausführlich dargelegt, wozu der Infāq gut ist, was sein Ziel ist und mit welchen Waren, Gütern und Spenden geholfen werden kann. Selbst die Art und Weise der Zuwendung wird geklärt. Der Koran arbeitet auch mit Vergleichen und erklärt, wie das Spenden den Lohn für die einzelne Person, die spendet, deutlich erhöhen kann.

Entsprechend der Verse können folgende Punkte festgehalten werden:

  • Infāq sollte von der Zurschaustellung entfernt, ausschließlich um das Wohlgefallen Allahs (swt) erreichen zu wollen, getätigt werden.
  • Der Spendende darf die Ehre und die Moral des Spendenempfängers nicht verletzen.
  • Die getätigte Hilfe sollte, wenn nicht Geld gespendet wird, immer mit den guten und besten Waren und Gütern erfolgen.
  • Damit der Infāq auch die wahren Bedürftigen erreicht, sollte man diese vorher selbst und auf eine geeignete Weise ermitteln — gerade im eigenen Umfeld.

In Vers 195 der zweiten Sure heißt es „Infāq auf dem Wege Allahs“. Schaut man sich weitere Verse an, wird deutlich, dass mit diesem Infāq vor allem der Gehorsam gegenüber Allah (swt) gemeint ist. Ebenfalls ist damit gemeint, dem Islam und den Muslim*innen durch Hilfe und Spenden zu helfen. Spenden wird von Muslim*innen als eine religiöse Pflicht und Handlung verstanden. Muslim*innen spenden, um anderen Menschen zu helfen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Form des Infāq reicht von der Unterstützung zur Verteidigung der Heimat, der Organisation von Pilgerfahrten (Hadsch), der Unterstützung von Bedürftigen, Schulen, Bibliotheken, Moscheen, Straßen, Brücken, Brunnen sowie Heime.

Auch Investitionen in den Umweltschutz wurden als eine Form des Infāq verstanden. Viele private und gemeinnützige islamische Stiftungen (awqaf) gründeten sich auch auf dem Gedanken des Infāq, indem ein soziales Problem und dessen Lösung im Vordergrund standen.

Muslim*innen sind zuallererst dazu angehalten, ihre eigene Familie zu unterstützen und ihren Verdienst im Sinne und auf dem Wege Allahs (swt) zu nutzen. Erst wenn die Versorgung der Familie gewährleistet ist, kann man angehäuftes Vermögen mit anderen teilen.

Vorbild ist auch hier der Prophet Muhammad (saw). Dieser hat, wo immer er konnte, verwitweten Frauen und verwaisten Kindern geholten. Der Kalif Umar (ra) hat diese Praxis der Hilfe für die Bedürftigen unter anderem als Pflicht der öffentlichen Hand deklariert. Ebenso wurde diese Pflicht zur Solidarität mit den Schwachen auch eine soziale Säule des Osmanischen Reiches.

Wessen Furcht muss von uns ernstgenommen werden und über wessen Furcht dürfen wir lachen?

Ein Gastbeitrag von Patrick Isa Brooks

O Herr, meine Seele ist betrübt bis an den Tod! Es drängt mich, Dir mein Leid zu klagen. Die weltweite Pandemie, mit der wir geprüft werden, hat uns alle ärmer gemacht. Sie hat Existenzen zerstört und Träume vernichtet, Ängste erzeugt und in die Einsamkeit geführt. Unzählige Menschen haben wir zu Grabe tragen müssen; auch solche, die nicht „sowieso“ gestorben wären. Viele von ihnen fielen der Krankheit zum Opfer, weitere den Nebenwirkungen der Impfung. Wieder andere starben aufgrund von häuslicher Gewalt oder nahmen sich in ihrer Verzweiflung selbst das Leben. Die Bilder von den Intensivstationen und Krematorien haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, Todesstatistiken und Inzidenzbarometer sind zu unserem traurigen Alltag geworden. O Herr, jeder Todesfall ist einer zu viel, und doch stelle ich bestürzt fest, dass wir nicht allen Verstorbenen die gleiche Aufmerksamkeit schenken. Der Corona-Opfer gedenken wir zurecht mit einem Staatsakt und halten ihren Angehörigen tröstend Hand und Schulter hin. Über die Impftoten hingegen sowie über Totschlags- und Selbstmordzahlen im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen sprechen wir nicht. Wir betrachten sie eher als Makel, als unerwünschten Fehler im System, der den Erfolg unserer eiligen Impfkampagne bloß trüben, ja unseren gesellschaftlichen Aktionismus infrage stellen könnte. Jene Verstorbenen sind aber mehr als Kollateralschäden: Auch sie waren Menschen, die Angehörige hinterlassen haben. Auch ihrem Tod gilt es Rechnung zu tragen, auch ihre Lieben müssen wir als Gesellschaft trösten und versorgen! Hilf uns, dieses Leid ebenso anzuerkennen! Hilf uns, dafür empfänglich sein! Bitte lass es uns nicht egal sein!

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Die Angst vor Veränderung

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Eines der Prinzipien, das  der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Veränderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: „Alles ist vergänglich außer Seiner Wirklichkeit“ (28:88). Nach dem osmanischen Gelehrten Karabaş Veli (gest. 1686) ist die Vergänglichkeit kein Ereignis, das zu einem späteren Zeitpunkt eintritt, sondern ein dauerhafter Zustand von allem außer Allah. Wir sind die Vergänglichkeit.

Allah, erhaben ist Er, zeigt sich selber in dieser Vergänglichkeit, denn Er nimmt die Formen der Welt an, durch welche Er sich fortdauernd zeigt. Dazu sagt Allah über sich selbst im Koran, wenn wir die Stelle 55:29 wortwörtlich nehmen: „Jede Zeit ist Er in einem Zustand (fi-scha’n)“. Die ständige Veränderung und die Flüssigkeit von allen Formen führen unmittelbar dazu, dass wir Menschen auch diesem Wandel unterliegen. 

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Eine Gemeinschaft der Mitte

Ein Gastbeitrag von Dr. Patrick Isa Brooks

„Wir haben euch zu einer ummah wasaṭ, einer Gemeinschaft der Mitte, gemacht“ (2:143), heißt es im Koran. Das Wort richtet sich zunächst zwar an die Urgemeinde um den Propheten ﷺ in Medina, doch es ist auch für das Selbstverständnis von Musliminnen und Muslimen weltweit prägend geworden. Diese Bezeichnung auf uns zu beziehen ist aber nur möglich, wenn wir dabei anerkennen, dass sie keinen Ist-Zustand beschreibt, sondern stets ein Auftrag an uns bleibt: Es ist unsere Bestimmung, eine Gemeinschaft der Mitte zu werden!

Was aber bedeutet es konkret, eine ummah wasaṭ zu sein, sprich welche Aufgabe können wir daraus für uns ableiten? Der Koran bietet zur charakterlichen Haltung der wasaṭiyya, also der Ausgewogenheit oder „Mittigkeit“, mehrere Verständniszugänge an. Einige von diesen sind uns wohlvertraut, andere dagegen oft weniger geläufig. In jedem Fall aber lohnt es sich, sie hin und wieder ins Bewusstsein zu holen.

Die bekannteste Deutung zu wasaṭiyya dürfte das Maßhalten bzw. das Streben nach der „goldenen Mitte“ zwischen zwei Extremen, wie etwa zwischen Geiz und Verschwendung (17:29), sein. Im selben Zusammenhang wird zudem argumentiert, dass der Islam ein gesundes Gleichgewicht an religiösen Regeln und persönlicher Freiheit gewährleiste oder dass er die Mitte zwischen Askese und Genussstreben suche.
Mit Blick auf das gesellschaftliche Miteinander sollte das Ideal der wasaṭiyya aber auch stets als kategorisches Nein zu jeglicher Polarisierung sowie als Offenheit für den Kompromis gedacht werden. Ein Rückzug in ideologische „Schützengräben“ ist mit der Mitte nicht vereinbar. Sie sucht den Ausgleich und ist gegen jedwede Form eines „Wir gegen die Anderen“ zu verteidigen.

Hierzu passt auch, dass der Koran die mittlere Haltung mit Besonnenheit gleichsetzt (68:28): Sie ruft zur Vernunft, vermittelt und ermahnt zum Tun des Rechten. Außerdem lernen wir aus der Sunna, dass wasaṭ im koranischen Gebrauch ein anderes Wort für ʿadl, also „Gerechtigkeit“ oder „Geradheit“ sein kann (Buḫārī § 3339). Eine ummah wasaṭ wäre nach dieser Auslegung also eine Gemeinschaft, die in Streitfällen unparteiisch ist, die Gerechtigkeit liebt und Frieden stiftet (49:9-10). Sie steht in der Mitte, weil sie sich zu keiner der beiden Seiten neigt. Auf diese Weise kann sie Schiedsrichterin für die gute Sache werden.
An das Stichwort „Geradheit“ lässt sich wiederum ein weiteres Verständnis von wasaṭiyya anschließen, welches erneut aus dem Koran selbst ableitbar ist: Das Konzept der Mitte wird dort nämlich auch mit Gottes geradem Pfad, dem ṣirāṭ mustaqīm, in Verbindung gebracht (2:142). Ihn zu beschreiten und dabei weder nach rechts noch nach links abzuweichen, wäre demnach ein mittlerer Weg.

Doch was kennzeichnet diesen ṣirāṭ mustaqīm, welchen wir in unseren täglichen Gebeten erwähnen und auf den wir von Gott geleitet werden möchten? Auf den Glauben bezogen, ist der ṣirāṭ mustaqīm als direkter Pfad zu Gott – und damit als Heilsweg – verstehbar (4:175). Auf die Ethik bezogen, ist er dagegen etwas, das der Koran mit den Zehn Geboten in Verbindung bringt: Der ṣirāṭ mustaqīm stellt hierbei einen Weg dar, der über die gemeinsame Achtung elementarer Prinzipien zu gesellschaftlichem Zusammenhalt führen und Gräben der Feindschaft nachhaltig überwinden will (6:151-153). In diesem Sinne ist er ebenfalls ein Heilsweg, und zwar einer, der auf das Wohlergehen der Menschen auch im Hier und Jetzt abzielt!

Sich dies bewusst zu machen, ist wichtig, denn der Prophet ﷺ und seine Gemeinde schufen in Medina keine gesellschaftliche Nische von rechtgläubigen Menschen, die abgewandt von der Welt in Ruhe ihrer Gebete und Kulthandlungen nachgingen. Vielmehr entwarfen sie das Ideal einer gerechten, aufrichtigen und gütigen Solidargemeinschaft, welche der Willkür und Rechtlosigkeit der Stammesgesellschaft ein Ende setzen würde. Alle Menschen, die dieses Ideal teilten, sollten eingeladen werden, an dieser Gesellschaft mitzubauen und auf diesem Wege eine Wertegemeinschaft zu bilden, die über religiöse Grenzen hinwegreichen würde.

Natürlich sollte in Medina auch eine Glaubensgemeinschaft entstehen, jedoch keine exklusive, die sich selbstgerecht als ummah wasaṭ betrachten und alle übrigen Gruppen der Gesellschaft sich selbst überlassen würde, nein: Eine „Gemeinschaft der Mitte“ zu sein, war von Anfang an mit der besonderen Verantwortung verbunden, ein gutes Beispiel für andere abzugeben und so aktiv für das zu werben, was als maʿrūf – d.h. „allgemein anerkannt“ und „rechtmäßig“ – galt: Wer in der Mitte steht, dessen Tun bleibt bekanntlich nicht unbemerkt.

Zu dieser Verantwortung zählte außerdem der engagierte Einsatz für die Schwachen sowie das couragierte Aufbegehren gegen Unrecht und soziale Missstände. Eine ummah wasaṭ wäre demnach weder weltvergessen noch selbstgenügsam, sondern stets mitten im gesellschaftlichen Geschehen; eine Gemeinschaft, die der Menschen Nöte und Ängste ernstnimmt, sich einmischt und beherzt zupackt; eine Gemeinschaft, die unter Frömmigkeit sowohl Gottes- als auch Nächstenliebe begreift.

Als Musliminnen und Muslime im Deutschland von heute gehören wir natürlich nicht der Urgemeinde um den Propheten ﷺ an und können daher auch nicht wissen, ob wir den Ehrentitel „Gemeinschaft der Mitte“ überhaupt noch verdienen. Wir können uns aber immer wieder der vielfältigen Deutungsmöglichkeiten dieses Begriffs besinnen und täglich darum bemüht sein, eine solche Gemeinschaft zu werden. Lasst uns die vielen Denkanstöße, die in ummah wasaṭ stecken, weiterführen und stets aufs Neue in gesellschaftliches Handeln übersetzen!

Freitagsworte verbinden uns

Ein Gastbeitrag von Superintendent Michael Raddatz

Von Herzen danke ich der Alhambra Gesellschaft für die Gelegenheit, ein Freitagswort zu schreiben. Die Freitagsworte sind für mich jede Woche der Auftakt in die geistliche Reise vom Freitag, über den Sabbat bis zum Sonntag. Sie verbinden mich mit Ihnen, religiös Suchenden und leidenschaftlichen Theologinnen und Theologen, eine gute Mischung, die ich nicht mehr missen möchte. So danke ich allen Autorinnen und Autoren für diese alltagsdurchbrechende Power und allen Kommentaren von Lesenden.

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Eine Moschee, nicht ein Kulturinstitut

Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour

Als die ersten Muslime nach Syrien oder dem Irak kamen und dort die ersten Grundstrukturen eines muslimischen Lebens etablierten, kam keiner auf die Idee, eine Moschee wie sie sie aus Medina kannten, zu bauen. Vorbild für die neu errichteten Moscheen war immer die lokale Architektur. Man braucht nur einen Blick auf eine alte Moschee in Syrien zu werfen, um frappante Ähnlichkeiten mit der römischen und byzantinischen Baukunst festzustellen oder den Turm der Samarra-Moschee im heutigen Irak zu betrachten, um darin Besonderheiten der mesopotamischen Architektur zu entdecken. Viele Moscheen in China kann man von buddhistischen oder taoistischen Tempeln nur wegen arabischer Kalligraphien unterscheiden. Eigentlich war die lokale Architektur und Baukunst immer für die Muslime Grundlage und Maßstab für ihre Moscheen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Moscheeformen, die sich von Ort zu Ort und von Epoche zu Epoche unterscheiden. Genauer gesagt, Moscheen wurden immer im Hier und Jetzt gebaut.

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Ist Recycling etwa Haram?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Serdar Kurnaz

„Recycling im Islam“ als Überschrift hätte wahrscheinlich weniger Aufmerksamkeit erregt als die Frage nach Haram. Das Spiel um Halal und Haram habe ich nicht gern. Die Kategorie haram ist aber immer noch mächtiger als jede andere. Merkwürdig, dass ich beim Anblick einer Portion Saft „Immunbombe“, in einem recycelbaren Becher, daran denken musste.

Haram markiert Grenzen: Wir fragen zwar, ob etwas halal ist, wollen aber eigentlich wissen, dass etwas nicht haram ist. Wir denken ex negativo. Haram stiftet immer noch Identität, zeigt die Überlegenheit derjenigen, die sie nicht übertreten: Wenn etwas haram ist, ist die Übertretung so gravierend, dass man dies vor anderen Menschen versteckt. Ob es Gott sieht, interessiert leider die wenigsten. Die, die es interessiert, finden Zuflucht in der Reue (tawba). Es gibt also immer einen Ausweg aus dem haram, indem man gerade steckt. Ja, genau: Indem man immer noch steckt! Führt man eine Handlung aus, die haram ist, muss man Reue zeigen, also tawba leisten und sich fest vornehmen, in Zukunft nicht mehr so zu handeln. Selbst jene, die ihren Alltag nicht nach religiösen Vorsätzen strukturieren, achten auf diese Kategorie: Wenn sie muslimisch sozialisiert sind, würden die wenigsten den Haram begehen, Schweinefleisch zu verzehren. Alkoholkonsum; da sind wir im Umgang ein bisschen lockerer, wieso auch immer…

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