Weitergeben

Ein Gastbeitrag von Katrin Visse

Gläubige, die in einer religiösen Tradition stehen, haben ihren Glauben als etwas gefunden – oftmals wiedergefunden – was ihnen lieb und kostbar geworden ist. Dieser Glaube ist nicht wie etwas Statisches oder Logisches immer schon da; und schon gar nicht ist er immer gleich groß und stark. Glaube kann klein sein wie ein Senfkorn und so groß, dass er Berge versetzen kann, und manchmal ist er auch einfach gar nicht da. Manchmal vermissen wir Gott, und vielleicht sind wir ihm im Vermissen sogar besonders nah.

Wer Kinder oder Enkel hat – oder einfach nur: wer andere Menschen liebt! – möchte, dass jene diesen Glauben auch haben, ihn finden und heben. Deswegen bringen wir unsere Kinder zur religiösen Unterweisung, wir versuchen ihnen Vorbild zu sein und gestalten die Feste zu unvergesslichen Erlebnissen, auf dass sie ebenso in unserer Tradition beheimatet sind, wie wir es gerne immer wären. Damit eben jene Tradition den Rahmen bildet, in dem ihr Glaube wachsen kann.

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Mittendrin statt nur dabei!

Ein Gastbeitrag von Mersad Rekić

Im Gespräch stellt man bei vielen Muslimen sehr schnell fest, dass sie äußerst unzufrieden mit der Darstellung und Wahrnehmung des Islam in Deutschland sind. Während Muslime mit Islam positive Begriffe wie Frieden oder Freiheit assoziieren, sind es bei nichtmuslimischen Mitbürgern nicht selten Begriffe wie Bedrohung oder Fremdheit.

Sicherlich ist es kein richtiger Weg, wenn diese vorherrschende Unzufriedenheit in eine Frustration und Entfremdung zwischen Muslimen und auch ihrem Deutschland führt. Das stellt nämlich ein Hindernis auf dem Weg zu einer Selbstverständlichkeit dar: von „deutsch oder muslimisch“ hin zu „deutsch und muslimisch“. Daran aber entscheidet sich wieviel Teilhabe wir als Muslime am Zusammenleben in diesem schönen Land erreichen können.

Es ist zwar nicht von der Hand zu weisen, dass das Verhältnis zwischen den berichtenden Journalisten und ihrem Objekt der Beschäftigung, dem Islam, zumindest ein schwieriges ist. Falsch wäre es aber eine Verschwörung zu vermuten. Es liegt vor allem daran, dass der Alltag dieser Menschen kaum oder sehr wenig Begegnung mit Muslimen ermöglicht. Aus dieser Entfernung heraus entsteht eine Berichterstattung, die Muslime dann als verzerrt wahrnehmen.

Die Motivation zum Engagement ist höher, wenn eine Aussicht auf Erfolg gegeben ist. Erfolg aber bedeutet in einen Austausch mit seinen Mitbürgern zu gehen. Auch wenn sie im ersten Moment auf Widerstand und Ablehnung stoßen, haben Worte die Macht die Welt zu verändern. In vielen Überlieferungen lesen wir heute noch, dass sich Menschen auf den Weg machten, um unseren geliebten Propheten Muhammed (saws) zu ermorden, aber durch an sie gerichtete Worte, wurden diese Feinde zu Freunden und wichtigsten Unterstützern des Propheten (saws). Wie sieht da unsere persönliche Bilanz aus im Umgang sowohl mit wohlwollenden als auch nicht wohlgesonnenen Mitmenschen?

Konkret bedeutet es, dass Muslime raus müssen – raus unter die Mitmenschen. Durch die persönliche Begegnung innerhalb der Nachbarschaft, in dem man sich gegenseitig grüßt und aufeinander zugeht, durch aktive Elternarbeit in der Klassengemeinschaft und einen offenen Umgang mit Arbeitskollegen kann man vielfältige positive Eindrücke jenseits des medialen Diskurses hinterlassen. Dieses Engagement hat den Nebeneffekt, dass sich ein Wohlfühlen einstellt und Heimat tatsächlich nicht mehr ein Ort ist, an dem man vielleicht lediglich geboren wurde, sondern vielmehr ein Gefühl wird, welches es gilt, sich selbst zu vermitteln. Niemand sonst kann es einem abnehmen. 

Man kann es sich einfach machen, und sich ständig über mediale Debatten aufregen und empören. Oder aber man folgt dem zentralen islamischen Prinzip, und kümmert sich um das direkte Umfeld. Dieses Prinzip wohnt auch der Zakat inne, die Abgabe an arme und bedürftige Menschen und einer der 5 Säulen des Islam. Wir sind angehalten uns zunächst um die, die uns am nächsten stehen, zu kümmern. Sollten diese alle versorgt sein, dann schauen wir nach denen, die uns nicht nah sind und die wir nicht kennen. Und was ist wertvoller als Zeit, die uns gegeben ist. Kein Vermögenswert eines Menschen kommt an die Zeit, die ihm gegeben ist, heran. Daher bietet es sich doch an, dass wir dieses Vermögen und die Aufmerksamkeit, die daraus erwächst, ebenso nach dem Prinzip des Nächsten verteilen. 

Sofern Muslime sich bewegen Engagement zu zeigen, präsent in der Gesellschaft werden, neue und vielfältige Bekannten- und Freundeskreise sich erarbeiten, Allianzen schließen, Verständnis aufbringen wie sozialer Wandel von statten geht, desto mehr werden wir als Muslime Ressentiments durchbrechen und durch etwas Positives ersetzen.

Hauptsache Halal-Stempel?

Im edlen Koran teilt uns der Allmächtige mit: „So eßt von dem, womit Allah euch versorgt hat, welches erlaubt ist und gut. Und seid dankbar für das Wohlgefallen Allahs, wenn ihr Ihm allein dient!“ (Sure 16, 114) Ebenso wie es heißt „Die Erschaffung der Himmel und Erde ist größer als die Erschaffung der Menschheit, aber die meisten Menschen wissen es nicht“ (Sure 40, 57).

Für mich als ökologisch bewusst lebendem Gläubigen bedeuten unsere Speisegebote daher mehr, als nur auf Schweinefleisch und Alkohol zu verzichten, sondern meine Lebensweise in Einklang mit der Natur und den verfügbaren Ressourcen zu bringen.
Dazu gehört, unsere Erde zu schützen und alles was ihr schadet, möglichst zu vermeiden, weshalb für mich zu Erlaubtem und Gutem auch Verzicht auf Produkte bedeutet, die diesem Ziel widersprechen.

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Die Kultur des Sprechens

Als Menschen bedienen wir uns der Sprache, um zu kommunizieren. Dies zeichnet uns Menschen aus und hebt uns von anderen Wesen ab. Sprache ist mehr als ein Mittel. Sprache ist konstituierend und spiegelt mehr als unsere Gefühle, Ideen und Eindrücke wieder. Sie ist Ausdruck unseres Seins. „Sein, dass verstanden werden kann, ist Sprache“, sagte Hans Georg Gadamer. Durch Sprache konstituieren und konstruieren wir unsere Welt und dies hat wieder Auswirkung auf uns und auf die Anderen.

Als muslimische Minderheit kommunizieren wir nicht nur in unseren Muttersprachen, sondern bedienen uns der deutschen Sprache, nicht nur weil junge Menschen die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrschen. Wir möchten Inhalte, Ideen, Thesen und Eindrücke in die deutsche Sprachwelt übertragen. Manchmal übersetzen wir oder generieren hierbei neue Inhalte. Die Grundannahme dabei ist, dass dies Teil eines offenen Diskurses ist bzw. sein sollte- der offen ist für Rede und Gegenrede. Mit diesem Diskurs prägen wir als Pioniere eines deutschsprachigen Islams eine eigene Sprachkultur, einen Habitus.

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Eine Moschee, nicht ein Kultur-Institut

Als die ersten Muslime nach Syrien oder dem Irak kamen und dort die ersten Grundstrukturen eines muslimischen Lebens etablierten, kam keiner auf die Idee, eine Moschee wie sie sie aus Medina kannten, zu bauen. Vorbild für die neu errichteten Moscheen war immer die lokale Architektur. Man braucht nur einen Blick auf eine alte Moschee in Syrien zu werfen, um frappante Ähnlichkeiten mit der römischen und byzantinischen Baukunst festzustellen oder den Turm der Samarra-Moschee im heutigen Irak zu betrachten, um darin Besonderheiten der mesopotamischen Architektur zu entdecken. Viele Moscheen in China kann man von buddhistischen oder taoistischen Tempeln nur wegen arabischer Kalligraphien unterscheiden. Eigentlich war die lokale Architektur und Baukunst immer für die Muslime Grundlage und Maßstab für ihre Moscheen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Moscheeformen, die sich von Ort zu Ort und von Epoche zu Epoche unterscheiden. Genauer gesagt, Moscheen wurden immer im Hier und Jetzt gebaut.

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Ramadan – Die gemeinsame Basis

Allah hat den Koran für die Menschen als Wegweisung, als eine lebendige Botschaft auf unseren Propheten Muhammad hinabgesandt. Der Koran ist eine lebendige Schrift, die uns Hoffnung gibt, unsere Sinne aktiviert und uns Liebe und Barmherzigkeit erfahren lässt. Er enthält Botschaften, die durch die Rezitation und die Praxis belebt werden sollen.

Im Alltag geht diese Lebendigkeit leider oft verloren. Der Koran dient dann nur als Dekorationsmittel, mit dem wir unsere Wohnzimmerschränke schmücken oder mit dessen Schrift wir unsere Handys oder Facebook-Pinnwände verzieren. Dabei enthält er Botschaften, die wir im Herzen spüren sollten. Wir sollten den Koran lesen und über seine Verse reflektieren, damit wir sie im Alltag umsetzen können. Dabei geht es nicht um die normative Ebene, die in unserer Zeit zunehmend die essentiellen Aspekte unseres Glaubens überschattet. Es ist nicht immer alles „halal“ oder „haram“. Weiterlesen “Ramadan – Die gemeinsame Basis”

Wohin ihr euch hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs

Allah ist das Positivste, das man sich vorstellen kann. Er ist frei von jeglichem Makel oder Nichtexistenz. In Ihm löst sich alles auf. Wenn wir sagen, dass der Islam die Hingabe zu Allah bedeutet, dann ist auch damit eine Beziehung zur Positivität in ihrem absoluten Sinne gemeint. Diese göttliche Positivität drückt sich dadurch aus, dass überall und in jedem Augenblick die Eigenschaften und Handlungen Allahs sich aufs Neue manifestieren. Muslim zu sein bedeutet u.a., aus dieser Perspektive ein Bewusstsein für diese Eigenschaften Allahs zu entwickeln.

Der auserkorene Prophet lehrt uns, dass das Göttliche in unserem Leben sich so zeigt, wie wir halt über Allah denken. In einem Hadith lesen wir, dass Allah sagt: „Ich bin so wie mein Diener über mich denkt, so soll er über mich gut denken“. Negative Gedanken über Allah zu haben, sind im Endeffekt nur negative Gedanken über die eigene Welt und sich selbst. Nicht selten unterliegen wir in unserem Alltag der Illusion, dass es Räume, Menschen oder Momente gibt, die irgendwie leer sind, leer von der Göttlichkeit und leer von Sinn. Weiterlesen “Wohin ihr euch hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs”

Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft

Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft. Erst wenn man die Finsternis gesehen hat, weiß man das Licht zu schätzen.“ Ich erinnere mich noch gut an den Gesichtsausdruck eines guten, frommen Freundes, als ich diesen Satz zwischen Shisha und Schwarztee hingeknallt hatte. Ein ehrlicher Satz inmitten eines fruchtbaren Gesprächs über Sünde und Vergebung.

Zwei Muslime, die unterschiedlicher nicht sein konnten, sprachen offen miteinander, ob man Sünden verbieten sollte, um Muslime vor Schaden zu bewahren. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich weder Skeptiker noch Liberaler bin. Vernunft und eine gute Portion Intuition sind meine Weggefährten, wenn es um Schnittbereiche zwischen Religion und Gesellschaft geht. Weiterlesen “Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft”

Seelen-Nahrung

Nehmen wir unsere Mitmenschen tatsächlich wahr? Die Menschen um uns herum, sind wir uns ihrer Existenz vollends bewusst? Morgens wenn wir beim Frühstücken unseren Kaffee schlürfen und unserem Ehepartner gegenübersitzen, sehen wir dann in ihren, in seinen Augen, wie es ihr oder ihm geht? Motiviert uns der Blickkontakt und das Wechseln ein paar netter Worte den Alltag mit Leichtigkeit zu bewältigen? Sind wir im Kopf schon bei der Arbeit, wenn unsere Kinder uns eine Frage stellen? Ach, sie stellen so viele Fragen. Sehen wir die Enttäuschung in ihren Gesichtern, wenn sie uns dabei ertappen, wie wir ihnen nicht antworten können, weil wir ihnen nicht zugehört haben? Weiterlesen “Seelen-Nahrung”

Wo Gott ist, ist Hoffnung

  1. „Ein Zeichen davon, dass man sich noch auf seine eigenen Taten verlässt, ist, dass sich bei einem Fehltritt die Hoffnung vermindert.“

Dies ist der erste Aphorismus in der Sammlung „al-Hikam“ des spirituellen Meisters Ibn Ata‘illah al-Iskandari.

Nicht umsonst ist dieser „geistreiche Sinnspruch“, wie der Duden den „Aphorismus“-Begriff vorschlägt, die Einführung zum Werk al-Iskandaris; und nicht umsonst stammt er von einem Geistlichen, einem Sufi, also einem Gottsuchenden, einem, der ungetrübt und deutlich erkennt. Weiterlesen “Wo Gott ist, ist Hoffnung”