Damit wir leben

Der Tod ist für den Menschen sein verstörendster “Lebensabschnitt”. Er ist endgültig und sein Kommen ist sicher. Dennoch überrascht uns jeder Todesfall – je näher uns der oder die Verstorbene stand, umso mehr. Natürlich schmerzt der Verlust, die irdisch-endgültige Trennung von einer geliebten Person. Jeder Todesfall erinnert uns aber auch an unsere eigene Sterblichkeit, unsere Vergänglichkeit, an ein abruptes Ende, das all unsere Planungen und Vorsätze beendet.

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Der Rassist in mir

Rassisten sind nicht nur die Anderen. Ein Eingeständnis, das uns schwer fällt, denn dafür braucht es eines kritischen Blickes in das eigene Selbst, in die eigene Gruppe, Gemeinschaft, Nation. Die allgemein akzeptierte Definition von Rassismus nimmt den Blick auf den Anderen in ihr Zentrum. Rassismus ist demnach eine Ideologie, die Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namen, ihrer Kultur, Herkunft oder Religion abwertet.

Antirassismus, die Auseinandersetzung mit Rassismus, baut folgerichtig  darauf auf, wie mit dem Anderen umgegangen wird, welche Haltung dem Anderen gegenüber gezeigt wird. Der rassistischen Abwertung des Anderen geht oftmals eine bewusste oder unbewusste Aufwertung des Eigenen voraus: der eigenen Person, der eigenen Gruppe, der eigenen Gemeinschaft oder Nation. Dafür braucht es jedoch keiner hochtrabenden Manifeste. An unseren Handlungen oder unserer Untätigkeit können wir bereits sehen, ob wir nicht auch selbst Gefahr laufen, in rassistische Denkstrukturen zu verfallen.

Gerade in Deutschland sind es oft Zugewanderte, aber auch Muslime als religiöse Minderheit, die immer wieder Opfer von Rassismen werden. Doch jede Minderheit hat auch Kontexte, in der sie selbst die Mehrheit stellt. Würde das Dasein als Minderheit eine immunisierende Wirkung dagegen haben, selbst zum Rassisten zu werden, würden schwarze Muslime, muslimische Sinti und Roma, aber auch zum Islam konvertierte Muslime in unseren Gemeinden keine Probleme haben. Das Gegenteil ist der Fall.

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Die Religion eurer Väter

Ambivalenz gehört zu jeder Religion. Zerrissenheit gehört dazu, wenn das Göttliche auf das Endliche, dass Transzendente auf unser irdisches Leben treffen. Ambivalent ist zumeist auch das Verhältnis der Entstehung zur darauffolgenden Tradierung einer Religion. Während die neue Botschaft Vorhandenes umstößt, verwirft, die Perspektive revolutioniert, fällt den nachfolgenden Generationen die Aufgabe zu, diese Botschaft aufrechtzuerhalten und weiterzugeben.

Diese Ambivalenz, diese Zerrissenheit zwischen Aufbruch und Tradition ist die Herausforderung, die sich jeder Generation auf ein Neues stellt. Jeder Generation fällt einerseits die Aufgabe zu, die Botschaft in all ihrer Authentizität zu empfangen, sie unverfälscht in das eigene Leben aufzunehmen, sie an die nächste Generation weiterzugeben. Andererseits erhält sie jedoch jedes Mal, als wäre es wieder das erste Mal, die Aufforderung zu hinterfragen und damit eigene Verantwortung zu übernehmen.

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Nicht zum Sterben, zum Leben sind wir erschaffen

Der Tod ist für den Menschen der verstörendste “Lebensabschnitt”. Er ist endgültig und sein Kommen ist sicher. Dennoch überrascht uns jeder Todesfall, je näher uns der oder die Verstorbene stand, umso mehr. Natürlich schmerzt der Verlust, die irdisch-endgültige Trennung von einer geliebten Person. Jeder Todesfall erinnert uns aber auch an unsere eigene Sterblichkeit, unsere Vergänglichkeit, an ein abruptes Ende, das all unsere Planungen und Vorsätze beendet.

Ein Entrinnen vor dem Tod, eine Möglichkeit ihn zu überwinden bietet der Islam nicht an. Vielmehr hält er den Menschen dazu an, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, das Natürliche darin zu erkennen:

“Dann wird der Todesrausch die Wahrheit bringen: Das ist es (Mensch), dem du zu entkommen suchtest.“ (Sure Qaf (50), 19)

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Tue Gutes, so wie Allah dir Gutes tat

Religiosität und Gläubigkeit findet für Muslime nicht in einem begrenzten sakralen Raum statt. Vielmehr spiegelt sich der Glaube in der Haltung und der Handlung der Gläubigen wieder. Der Gottesdienst beschränkt sich nicht auf das Gebet in der Moschee oder das Fasten im Ramadan, es durchzieht das ganze Leben. Religiosität ist auch nicht einzelnen Individuen zugewiesen worden: weder Priester gibt es im Islam, noch Mönche, die eine herausgehobene Stellung unter den Gläubigen einnehmen. “Das Mönchstum wurde uns nicht geboten” (Ahmad b. Hanbal, Musnad), sagte der Prophet zu seinen Gefährten.

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Mein Privileg gegen Deinen Islam

Die Lebensgeschichte des Propheten Mohammed (as) weist viele Höhen und Tiefen auf. Erfolge stehen neben Rückschlägen, Menschen, die an ihn glaubten neben anderen, die ihn abgrundtief hassten. Als Jugendlichen überraschte mich an diesen Erzählungen die Vehemenz derjenigen, die seine Botschaft ablehnten. Mir wurde nicht klar, warum diese Menschen dermaßen gefesselt waren von ihren Götzen, wie ihre Ohren so taub sein konnten für die Botschaft des Propheten, die ich als klar und einfach empfand.

In der jugendlichen „Klarheit“ war mir nicht bewusst, dass es weder um die banale Anbetung von in Stein gehauenen Göttern ging, noch dass die Botschaft des Propheten und des Korans weitergehender war als die Predigt einiger neuer Rituale und etwas Mildtätigkeit.

Die Mekkaner verstanden sehr wohl, was der Islam von ihnen verlangte. Es ging nicht einfach um den Wechsel von einer Gottheit zur Anderen oder um die Ersetzung veralteter Rituale. Ihr Widerstand galt nicht dem Beten zu bestimmten Tageszeiten oder dem Fasten an abgezählten Tagen. Der Islam forderte sie heraus, ihren Blick auf ihre Mitmenschen, ihre Wertvorstellungen, ihren Maßstab von Gut und Böse. Er hinterfragte die Rollenverteilung in der Gesellschaft, stellte ihre Wertzuschreibungen für unterschiedliche Gruppen von Menschen infrage, zweifelte ihre Privilegien und ihr Selbstverständnis an.

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Erkenne dich selbst

Es gibt Ideen und Anschauungen, die von dermaßen vielen Kulturen, Religionen und Philosophien teilweise unabhängig voneinander aufgegriffen werden, dass man sie zu einem gemeinsamen menschlichen Erbe erklären muss. Die Aufforderung “Gnothi seauton” (gr.) oder “Temet nosce” (lt.), zu deutsch: “Erkenne dich selbst”, darf man wohl zu den Aussagen zählen, die eine menschheitsgeschichtlich durchdringende Wirkung haben.

Als Muslim muss man nicht unbedingt Interesse an “griechischer” Philosophie zeigen, um über diesen Ausspruch zu stolpern. Auch in der Literatur muslimischer Gelehrter hat diese Aussage sehr früh einen festen Platz eingenommen. In der abgewandelten Form “Wer seinen Nafs (sein Selbst) kennt, der kennt seinen Herrn” wird er oftmals als Hadis dem Propheten selbst zugeschrieben, auch wenn das Vorliegen einer solchen Überlieferung von Hadis-Gelehrten angezweifelt wird.

Wir stolpern über diese Aussage aber auch bei Imam Maturidi (gest. 941 n. Chr.), dem Gründer der Maturidiyya-Theologie. Dieser theologischen Schule folgen insbesondere hanefitische Muslime, die zahlenmäßig in Deutschland die Mehrheit der Muslime darstellen dürften. “Unserer Ansicht nach erkennt der seinen Herrn, der sich selbst (seinen Nafs) erkennt”, schreibt Imam Maturidi in seinem Hauptwerk “Kitāb at-tauḥīd” (Buch über den Monotheismus).

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Der Segen der Nacht

Es sind die gemeinschaftlichen Rituale von Religion, die auf uns besonders intensiv wirken. Das Dschuma-/Freitagsgebet im Islam, der Gottesdienst am Sonntag in der Kirche oder die Zusammenkunft eines Minjan, einer Betgemeinde im Judentum. Die Bilder von solchen Gebeten werden zu Symbolen der gemeinsam erlebten Spiritualität, ob nach innen oder nach außen.

Gemeinschaftliche Gottesdienste sind jedoch nicht die einzige mögliche Form für Spiritualität in den Religionen, insbesondere im Islam. Lange vor dem gemeinsamen Gebet war es die individuelle Erfahrung, zB die Spiritualität der Nacht, die die Herzen des Propheten und seiner Gefährten bewegten.

Von Anfang an ruft Allah teala den Propheten zum Gebet in der Nacht. Dieser folgt diesem Ruf bis an sein Lebensende. Noch bevor es das rituelle Gebet fünfmal am Tag gibt, steht der Prophet mitten in der Nacht und lobpreist seinen Herrn. In der Sure Muzzammil, eines der frühesten offenbarten Suren des Korans, ist der Appell sehr eindringlich, lyrisch:

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Mit jeder Schwierigkeit kommt Erleichterung

Diskriminierung, Ausgrenzung, schwierige Lebensbedingungen – es gibt viele Gründe und Anlässe, um als Mensch die Hoffnung zu verlieren oder zu verzweifeln. Berufliche oder gesundheitliche Rückschläge, familiäre Probleme, niemand hat eine Sicherheit dafür, von solchen Schicksalsschlägen verschont zu bleiben. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit solchen Schwierigkeiten umzugehen. Jeder Mensch wird sicherlich unterschiedlich reagieren. Hoffnungslosigkeit ist dabei eine Reaktionsform, die für den Betroffenen besonders zerstörerisch sein kann.

Sowohl die Propheten von denen der Koran berichtet, als auch unser Prophet Mohammed (Allahs Friede sei mit ihm) waren nur zu gut vertraut mit Schwierigkeiten, Angriffen und Rückschlägen. Der Verlust der Hoffnung war jedoch keine Alternative für sie. Ihre Botschaft war es vielmehr, Hoffnung aufrecht zu erhalten, selbst in den schwierigsten Momenten ihrer Gemeinschaft Stärke zu vermitteln.

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In Ehrfurcht erbebende Herzen

Der Glauben, der Iman an den einen Gott, er ist nichts Statisches, nicht einfach nur ein Zustand. Er bewegt den Menschen, beeinflusst und zeigt sich im Handeln des Einzelnen. Der Glaube nimmt Einfluss auf die Handlung, aber die Handlung prägt auch den Glauben. Immer wieder wird im Koran der Iman zusammen mit den Taten angeführt, für die der Glauben sorgt, zu denen er die Gläubigen führt.

Mit dem Glauben an Allah, an Gott endet für den Muslim nicht sein Pfad. Mit dem Glauben öffnet sich der Weg zu einem mehr an Menschlichkeit und Fürsorge für den Anderen. In vielen Versen taucht der Glaube als Teil eines Dreiklangs auf: Der Glaube, das Gebet und die gute Tat. Diese drei Elemente bedingen sich gegenseitig, sie stützen sich gegenseitig. Der Glaube wächst zum Beispiel mit dem Gedenken Gottes, mit seiner Anbetung. Die Gute Tat, auch diese lässt den Glauben wachsen. Zu Glauben bedeutet, ein feinfühliges, ein in Ehrfurcht immerzu erbebendes Herz zu haben:

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