Ein toxisches Religionsverständnis

Woran glauben wir? Und wozu glauben wir? Es ist von unschätzbarem Wert, sich diese Fragen immer und immer wieder zu stellen und nie anzunehmen, wir hätten sie endgültig beantwortet. Bei unserer Suche nach Antworten auf diese Fragen müssen wir uns bewusst machen, dass es einen Unterschied zwischen uns und dem Bezug unseres Glaubens gibt. Gott ist vollkommen – wir sind es nicht. Im Koran gibt es keinen Widerspruch oder Zweifel – aber wir sind voller Widersprüche und Zweifel. Gott ist die Wahrheit – aber ebenso, wie wir Gott nicht unmittelbar erfassen können, könne wir nicht beanspruchen, eine absolute Wahrheit erkannt und verstanden zu haben.

„Dies, weil Gott die Wahrheit ist“, heißt es im Koran (22, 62). Wenn also Gott die Wahrheit ist, kann die Wahrheit unseres irdischen Glaubens für uns nur so unbegreiflich wie er selbst sein. Was unsere Wahrheit des Glaubens ist, entzieht sich damit unserem Verständnis, wie auch Gott für uns rational letztlich unfassbar bleibt.

Für uns Muslime muss deshalb die Bescheidenheit im Glauben eine Grundtugend sein. Wir wissen nicht, nur Gott weiß. Wir dürfen niemals davon überzeugt sein, eine absolute Wahrheit erkannt und verstanden zu haben. Wir dürfen deshalb niemals unsere Überzeugungen anderen Menschen als vollkommene Wahrheit aufzwingen. Wo wir in der Gewissheit einer vollkommen durchdrungenen Wahrheit handeln, betreten wir einen Irrweg, der uns und andere ins Verderben führt.

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Silvesterparanoia

Auch dieses Jahr wäre es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zurückliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen für das bevorstehende Jahr für alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren.

Viele Muslime tun das sicher auch. Aber mindestens ebenso viele, allen voran innerhalb unserer organisierten Strukturen der muslimischen Gemeinschaften, sind mit etwas anderem beschäftigt. Dort entfaltet sich eine besondere Form der Kreativität, die auf verschiedenen Ebenen offenbart, wie es um die muslimische Seele vielfach bestellt ist.

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Alle Jahre wieder…

Weihnachtszeit. Jedes Jahr wiederholen sich die Rituale anlässlich dieses Festes. Unter Muslimen schwelen innere Spannungen zwischen emphatischer Freude, der Suche nach den islamischen Quellen, welche die Geburt Jesu schildern, aber auch einer verstörenden Ablehnung, christlichen Mitbürgern auch nur frohe Weihnachten zu wünschen.

Letzteres ist häufig der Ausdruck einer eigenen Unsicherheit im Glauben. Wenn sich Frömmigkeit ihrer Festigkeit dadurch vergewissern muss, andere Glaubensüberzeugungen fundamental abzulehnen und ihre Präsenz nicht als Wert einer vielfältigen Gesellschaft zu schätzen, führt das zu einer Einfältigkeit im eigenen Glauben und erstickt unsere Möglichkeiten, einander achtsam zu begegnen – und Freude an der Freude des anderen nachzuempfinden.

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Gott gibt es nicht

Eines der zentralen Themen unseres Glaubens ist die Frage nach der Natur, nach der Existenz Gottes. Oftmals wird diese Thematik in die Sphäre des Akademischen, des Theoretischen verschoben. Eine Befassung mit den vielen Ansichten und Meinungen zu dieser Frage findet in der alltäglichen Glaubenspraxis unserer Gemeinden kaum statt. Dort und auch in der höchstpersönlichen Glaubenswirklichkeit unseres Alltages finden wir vielmehr das wieder, was den Raum der ausbleibenden Befassung mit diesem Thema ausfüllt – eine stetig zunehmende Personalisierung und Instrumentalisierung Gottes: 

Häufig hören wir in Predigten oder Ansprachen gegenüber der Gemeinde Formulierungen wie: „Das sind nicht meine Worte, das sind die Worte Gottes!“ Oder „Das verlangt Gott von euch!“ Oder „Gott will, dass ihr …“

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Muslimische Impfpflicht

Unsere Gemeinschaften werden nicht müde, immerfort über die Äußerlichkeiten muslimischen Daseins zu sinnieren und zu streiten. Wie man als Mann oder Frau auszusehen hat, wie der Bart des muslimischen Mannes aussehen sollte, ob und wie die muslimische Frau ihren Kopf zu bedecken hat.

Über solche Fragen der äußeren Erscheinung muslimischen Lebens diskutieren wir Muslime mit einer Leidenschaft, die viele von uns an die Grenzen der Bereitschaft führt, andere Muslime aufgrund ihrer abweichenden Meinung zu Ungläubigen zu erklären. Manchen führt sie auch über diese Grenzen hinaus.

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Niemandes Richter

Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Wiederholen wir diesen Satz, damit er sich uns unausweichlich aufdrängt: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Versuchen wir, diesen Satz auf all seinen Bedeutungsebenen zu verstehen und zu akzeptieren: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. 

Natürlich gilt dieser Satz auch in seiner umgekehrten Aussage: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. Auch in dieser Form verkörpert dieser Satz eine wichtige Erkenntnis, die wir uns nicht häufig genug bewusst machen können: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. 

Die Wiederholung dieses Satzes in beiden seiner Bedeutungsformen, ist von großer Dringlichkeit. Denn unsere Glaubenspraxis, unsere Glaubenstraditionen und die Art und Weise, wie wir Elemente unseres Glaubens leben und weitergeben, haben in vielen Facetten eine Gestalt angenommen, die das Gegenteil dieses Satzes verkörpert – und das tut uns nicht gut. Wir verzerren damit ganz wesentliche Kernaussagen unseres Glaubens und verbiegen ihn, bis er sich unserem Wohlbefinden anpasst und uns in unserer Selbstgewissheit nicht mehr stört.

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Die Illusion von Macht

Unsere Gegenwart ist geprägt von der Faszination, die unsere Möglichkeiten uns vermitteln. In dem Ausmaß, in welchem wir das Spirituelle, das buchstäblich Unbegreifbare, das Nichtkörperliche, das Transzendente aus unserem Leben und unserer unmittelbaren Orientierung verdrängt haben, in dem Maße hat das Körperliche, das Materielle, die Anhäufung des Konkreten Bedeutung für und in unserem Leben eingenommen.

Wir haben uns von der Vorstellung entfernt, dass die Belohnung im Jenseits uns in der Gestalt des Überflusses an Erkenntnis und Wissen versprochen wird. Sinnbildlich spricht der Koran von der Quelle Kevser, aus der wir unendliche Male werden schöpfen dürfen. Das Bild des auch dann nicht wirklich greifbaren, des fluiden und verrinnenden Wassers ist uns zu einer Zumutung geworden.

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Aufrichtigkeit ist keine Teilzeitbeschäftigung

„Sprecht: Wir glauben an Gott und an das, was zu uns herabgesandt wurde, und an das, was herabgesandt wurde zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und an das, was Mose und Jesus zugekommen ist, und an das, was den anderen Propheten von ihrem Herrn zugekommen ist. Wir machen bei keinem von ihnen einen Unterschied. Und wir sind Ihm ergeben.“ So steht es in Sure 2, Vers 136 des Koran.

Der letzte Satz dieses Verses lautet im arabischen Original „wa nahnu lahu muslimun“. Das heißt, die aufrichtige Haltung, Gott gegenüber ergeben zu sein, sich mit seinem Antlitz Gott zugewandt zu haben, wird als „muslimun“, also als „muslimische“ Eigenschaft beschrieben. Muslimische Frömmigkeit wird somit als eine authentische, eine aufrichtige und wahrhaftig empfundene Ergebenheit beschrieben, die sich in der Haltung des Menschen, in seinem Wesen und seinem Verhalten, manifestiert.

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Ihr werdet, was wir sind

Aus dem antiken Rom ist bekannt, dass während der Siegeszüge erfolgreicher Feldherren, diese von einem Sklaven begleitet wurden, der in ständiger Wiederholung folgende Worte sprach:

„Memento mori.

Memento te hominem esse.

Respice post te, hominem te esse memento.“

„Bedenke, dass du sterben wirst.

Bedenke, dass du ein Mensch bist.

Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.“

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Woran glauben wir?

In unseren muslimischen Gemeinschaften gibt es eine Redewendung, ein Zitat, welches häufig verwendet wird, wenn man aus einer vermeintlich sehr frommen, sehr religiösen Haltung heraus andere ermahnen will: „Wer nicht danach lebt, was er glaubt, wird anfangen, so zu glauben, wie er lebt.“ Das heißt, eine vermeintlich nach außen hin wenig an rituellen Praktiken und religiösen Geboten und Verboten orientierte Lebensweise führe über kurz oder lang zu einem schwächeren Glauben, ja sogar zum Glaubensverlust.
Das ist eine sehr selbstgefällige und selbstgerechte Meinung von Menschen, die sich grundsätzlich als Glaubensgeschwister begegnen wollen. Und es ist eine unaufrichtige Haltung. Denn sie weicht der Frage aus, woran wir Muslime glauben. In den letzten 20 Jahren der Islamdebatte in Deutschland erinnere ich mich an keinen Moment, in dem muslimische Stimmen in der Öffentlichkeit erklärt hätten, woran wir Muslime eigentlich glauben.

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