Menschen sehen dich an

Theodor W. Adorno schreibt in seinem Werk „Minima Moralia“ unter der Überschrift „Menschen sehen dich an“ Folgendes:

„Die Entrüstung über begangene Grausamkeiten wird um so geringer, je unähnlicher die Betroffenen den normalen Lesern sind, je brunetter, »schmutziger«, dagohafter. Das besagt über die Greuel selbst nicht weniger als über die Betrachter. Vielleicht ist der gesellschaftliche Schematismus der Wahrnehmung bei den Antisemiten so geartet, daß sie die Juden überhaupt nicht als Menschen sehen.

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WER GEWALT IN DIE WELT TRÄGT, KANN NICHT AUF FRIEDEN IM JENSEITS HOFFEN

Islamismus. Islamischer Extremismus. Radikaler Islam. Die Gewalttaten, die in den letzten Jahren von Tätern begangen wurden, die sich auf den Islam berufen, haben unserer Religion eine schwere Hypothek auferlegt. Viele Muslime, die aus einer zutiefst religiösen Überzeugung heraus, aus ihrem fest verankerten Islamverständnis heraus diese Gewalt- und Mordtaten ablehnen, sehen sich zur Rechtfertigung ihres Glaubens gezwungen.

Dieser menschenverachtende Terror hat dazu geführt, dass der Islam gemeinhin als aggressive, intolerante und todessehnsüchtige Religion wahrgenommen wird. Er führt zu Aussagen von Tätern, die sinnbildlich für die vermeintliche Natur des Islam geworden sind: „Ihr liebt das Leben, wir aber lieben den Tod.“ Keine Aussage könnte falscher sein, um den Islam zu beschreiben.

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Der Entschluss zum moralischen Leben

Gott fordert uns im Koran immer wieder auf, gemäß bestimmter moralischer Ideale zu handeln, etwa Wahrhaftigkeit (Sidq), Gerechtigkeit (Adl) und Barmherzigkeit (Marhamah). So etwa in Surah 16, Vers 90:

„Siehe, Gott gebietet Gerechtigkeit (Adl) und dass man Gutes tut und dem Verwandten spendet. Und Er verbietet Laster, Verwerfliches und Freveltat. Er ermahnt euch, auf dass ihr euch besinnt!“

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Wie du wirklich um Vergebung bittest und deine Taten bereust

Ein Gastbeitrag von Akif Sahin

Wir saßen damals in einem Shisha-Café und der junge Mann erzählte schließlich, wieso er sich von seiner Freundin, die eigentlich in ein paar Wochen seine Frau werden sollte, getrennt hat. Er wurde betrogen. Seine Freundin hatte etwas mit einem Anderen und gleichzeitig war er der “Dumme”, der ihren Lebensstil die ganzen Jahre über finanziert hatte. Sie dankte es ihm, in dem sie mit einem Typen ins Bett stieg. Die Trennung war endgültig, zu retten gab es da nichts.

Jahre später rief er mich an und bat mich um einen Termin. Er brachte seine Ehefrau mit und der Termin wurde zu einer Paarberatung. Er hatte den Schmerz und den Vertrauensverlust von damals immer noch nicht überwunden. Seine Frau litt darunter, weil er einfach eifersüchtig und süchtig nach Kontrolle war. Immer wieder begab er sich in Therapie und fiel letztlich wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Seine letzte Hoffnung: “Akif abi, kannst du nicht irgendwas aus dem Quran lesen, damit es mir besser geht?”

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Das Gebet – Weder Hobby noch Last

Im Quran heißt es: „Trage vor, was dir von dem Buche geoffenbart wird und verrichte das Gebet. Siehe, das Gebet bewahrt vor Schandbarem und Verbotenem. Doch das (ständige) Gedenken an Allah ist fürwahr das Größte. Und Allah weiß, was ihr tut.“ [29:45]

Das rituelle Gebet ist eine der fünf Säulen unserer Religion und viele lernen es bereits im frühen Kindesalter kennen: Wenn etwa die Eltern beten und wir nach Aufmerksamkeit lechzen, schreien, aber keine Reaktion folgt. Das Gebet wird zu einem Teil des Alltags; als Kind versucht man die Bewegungen nachzumachen, ohne zu wissen, was genau es damit auf sich hat. Man wartet gespannt auf das Alter, in dem man selbst bewusst beten kann, zählt – wenn es dann endlich soweit ist – die Stunden, um das nächste Gebet verrichten zu können. Es fühlt sich an, wie ein Schritt zum Erwachsenwerden und erst im Laufe der Pubertät lernt man immer mehr über den Sinn und Zweck dieses Rituals kennen. Die Faszination gegenüber dem Gebet schwindet allerdings oft mit den Jahren und den zunehmenden Verpflichtungen, die mit dem Alter einhergehen. Besonders das Morgengebet wird oft zu einem schwierigen Pflichtprogramm, im Winter womöglich mehr als im Sommer.

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Mono no aware

Sakura heißt die japanische Kirschblüte. Sie blüht in verschiedenen Gegenden Japans zwischen Ende März bis Anfang Mai und läutet mit ihrer Farbenpracht den Frühling ein. Der Kirschbaum trägt keine essbaren Früchte, hat dafür aber viele Blüten. Wenn man so will, erfüllt die japanische Kirsche ihren Lebenszweck nur für die Zeit ihres Erblühens, welches lediglich bis zu 10 Tage im Jahr anhält. In dem Moment, in dem die Blüte ihre prachtvollste Ausprägung erlangt, stirbt sie.

Die Japaner erkennen in diesem Zyklus der Sakura die Endlichkeit ihrer eigenen Existenz. Sie sind voller Trauer über die unabwendbare Vergänglichkeit dieser Schönheit. In den Schmerz und die Ergriffenheit über den Verlust nach so kurzer Freude mischt sich die Erkenntnis der Flüchtigkeit alles Irdischen. Wesentlich für die japanische Kultur ist diese Einsicht der Flüchtigkeit des Lebens und gleichzeitig die Empfindsamkeit, in dieser Flüchtigkeit eine verwundbare, zarte Schönheit zu entdecken.

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Das Fest der Nähe

Wie jedes Jahr feiern wir auch diesmal das Opferfest mit unseren gewohnten Ritualen. Dazu gehört die Schlachtung eines Opfertieres und das Verteilen eines Teils des Fleisches. 

Dieses Ritual ist buchstäblich so körperlich präsent und prägend, dass wir nahezu überwältigt von seiner physischen Kraft uns zunehmend von der ihm innewohnenden und in der Offenbarung beschriebenen Bedeutung entfernen. 

So heißt es (22, 37): „Weder ihr Fleisch, noch ihr Blut werden Allah erreichen, aber ihn erreicht die Gottesfurcht von euch. So hat Er sie euch dienstbar gemacht, damit ihr Allah als den Größten preist, dass Er euch rechtgeleitet hat. Und verkündet frohe Botschaft den Gutes Tuenden.“

Was mag diese Botschaft bedeuten? Im Koran erfahren wir auch, dass Gott uns näher ist als unsere Halsschlagader. Dass er stets mit uns ist, egal wohin wir gehen oder was wir auch tun. Weshalb brauchen wir dann noch einen Ritus, mit dem wir Allah erreichen sollen? 

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Nur Er leitet recht

Es ist nicht einfach, als gläubiger Muslim in einer mehrheitlich nichtmuslimischen, ja überhaupt nicht religiösen Umgebung zu leben. Sobald man die Moschee verlässt, in der für einen kurzen Moment die Welt „in Ordnung“ war, tritt einem die Umwelt sogleich wieder mit ihrem ganzen Irritationspotential entgegen. Wie kann man sich als Muslim erklären, dass in einem so wohlhabenden, fortschrittlichen und gebildeten Land wie Deutschland die allermeisten Menschen nichts mehr von Gott, geschweige denn von Allah wissen wollen?

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Allah ist überall

Der Moscheebau ist für uns Muslime ein wichtiges Zeichen der Sesshaftwerdung, des sich dauerhaft Niederlassens in einer neuen Heimat. Provisorische Gebetsräume werden immer mehr durch auf Dauer angelegte, entsprechend große und prunkvoll dekorierte Moscheen ersetzt. Bei der Planung wird nicht mehr nur an den Gebetssaal gedacht, sondern auch an Nebenräume für Gemeindearbeit, soziale Treffpunkte, Gastronomie.

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Der Atem und der Duft der Rose

Ganz gleich, wie gewahr wir uns unserer Fehler und Neigungen sind. Wir sind Menschen. Wir sind fehlbar und es ist sogar so, dass wir zuweilen Gefallen an unseren Fehlern finden. Wir schauen von Zeit zu Zeit mit stiller oder gar offen zum Ausdruck gebrachter Freude in die Abgründe unseres Selbst. Und mit noch größerer Freude, blicken wir in fremde Abgründe. Die menschlichen Tiefen faszinieren uns. Wir sind zu Ausgrenzung und Hass fähig. Wir sind von Eigennutz und persönlichen Begierden getrieben. Der Neid und die Missgunst nagen an uns.

Und selbst der Versuch, uns von diesem Dunklen unserer Möglichkeiten abzuwenden, birgt neue Fallstricke. Da wir die Existenz menschlicher Abgründe nicht leugnen können, sprechen wir uns von ihnen frei, indem wir sie zum Merkmal des Anderen machen. Die Anderen sind in diesen Abgründen versunken und zum Schlechten fähig, wohingegen wir die Tiefen unserer menschlichen Existenz überwunden haben und empor gestiegen sind, über die Schlechtigkeit der Anderen hinweg zu einem vollkommeneren Dasein. 

Selbst das Gute versuchen wir auf Kosten der Herabsetzung Anderer für uns zu reklamieren. Wir beanspruchen Überlegenheit für uns. Als ausschließliches Merkmal und zugleich als Legitimation für unser Handeln. Jedes Detail kann diesem Überlegenheitsanspruch zum Opfer fallen. Namen, Herkünfte, Glaubenszugehörigkeiten, Kleidung, Sprache, Hautfarbe. Wir brauchen tatsächliche oder konstruierte Unterschiede, um sie und damit letztlich andere Menschen zu hierarchisieren – mit uns ganz oben in dieser Rangfolge. 

Ein Ausweg aus dieser Verirrung findet sich in dem Moment, in welchem wir uns intensiver mit den Grundlagen unserer Existenz als von Gott erschaffene Wesen beschäftigen. Dabei finden wir uns zurückgeworfen auf ganz grundlegende Wahrnehmungen, die sich von den Grenzen, mit denen wir uns von einander zu unterscheiden suchen, abheben und uns enger zusammenführen. 

Wir entdecken dabei das hebräische Wort „ru’ach“. Es bedeutet „Wind“ und „Atem“. Es kommt uns bekannt vor: „ruh“ steht im Arabischen für den „Lebensodem“ oder den „Geist“. Das Hebräische kennt im religiösen Kontext weitere Begriffe für den Atem, etwa „nefesch“ oder „neschama“.

„Neschama“ ist der Lebensatem, den laut dem Buch Genesis, Gott seinem Geschöpf Adam einblies und ihn so zu einem lebendigen Wesen „nefesch“ werden ließ. „Nefesch“ bezeichnet dabei den „Atem“ und den „Atemweg“ , also auch die „Kehle“ oder den „Schlund“. Damit beschreibt „nefesch“ auch die Begierde des Menschen nach Nahrung und Wasser oder allgemeiner seine Begierde und sein materielles Verlangen. Dabei besteht die Vorstellung, dass der Mensch nicht eine „nefesch“ hat, sondern er ist und lebt als „nefesch“. 

All diese Vorstellungen sind uns Muslimen vertraut. „Nafs“ ist für uns die Beschreibung unserer Seele. „Nafas“ ist das verwandte Wort für den „Atem“. 

Unsere Existenz im Diesseits ist geprägt von unserem Widerstreit mit uns und unseren Seelenzuständen. Wir befinden uns permanent im Kampf mit dem eigenen Selbst, also im „Mudschahadat an-nafs“.

Dabei befinden sich unsere Seelen in unterschiedlichen Zuständen und Eigenschaften.

Unser Weg auf der Suche nach Gott beginnt mit unserer Seele als „an-nafs al-ammara“, als die Seele, die zum Übel aneifert.

In diesem Zustand ist unsere Seele nicht fähig, sich Gott zu ergeben, sich ihm hinzuwenden. Unser Handeln folgt nicht den Geboten Gottes, sondern unseren eigenen Sehnsüchten, unserer Habgier, unserem Egoismus, unserer Arroganz.

Im Koran (12, 53) wird sie so beschrieben: 

„Und ich erachte mich selbst nicht frei von Schwäche; denn die Seele gebietet oft Böses, die allein ausgenommen, deren mein Herr Sich erbarmt. Fürwahr, mein Herr ist allverzeihend, barmherzig.“

Bald aber fangen wir an zu verstehen, welche Konsequenzen unser eigennütziges Verhalten hat. Wir sehen den Schaden, den unser Verhalten für andere und unsere Umwelt verursacht. Gleichwohl können wir uns unseren Trieben und Bequemlichkeiten nicht entziehen. Wir fallen immer wieder in unsere schlechten Verhaltensmuster zurück. Unser Gewissen empfindet Reue. Dennoch begehen wir die alten Fehler erneut. In diesem Kreislauf gefangen ist die „an-nafs al-lawwama“, die sich tadelnde Seele.

Im Koran (75, 1-2) wird sie wie folgt erwähnt:

„Nein! Ich schwöre beim Tag der Auferstehung. Nein! Ich schwöre bei der Seele, die sich selbst tadelt.“

Beginnen wir, Gefallen am Gebet und den religiösen Pflichten zu finden und sie nicht als lästige Formalitäten zu wiederholen? Fühlen wir uns wirklich zufrieden und erfüllt im Moment des Gebets? Gelingt es uns, einen winzigen Bruchteil der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen nachzuempfinden, uns also emphatisch, vergebend und in Zuneigung uns unseren Mitmenschen hinzuwenden, entwickelt sich unsere Seele zu einem inspirierten Ich, zur „an-nafs al-mulhima“.

Über diese Inspiration und Rechtleitung Gottes kann es uns gelingen, den Zustand einer zufriedenen, einer beruhigten Seele zu finden, die „an-nafs al-mutma’inna“. Von Achtlosigkeit befreit, gegen die Einflüsterungen der das Üble aneifernden Seele unempfänglich geworden, erreicht der Mensch den Zustand der inneren Freude, Ruhe und Zufriedenheit im Vertrauen auf Gott. 

Der Koran (89, 27-30) beschreibt dies wie folgt:

„ Oh du Seele, die du Ruhe gefunden hast. Kehre zu deinem Herrn zufrieden und mit Wohlgefallen zurück. Tritt unter Meine Diener. Und tritt ein in Mein Paradies.“

Für die Zustände der Seele und die sich verändernden Eigenschaften des Menschen auf der Suche nach Gott kennen die vielen muslimischen Gelehrten unterschiedlichste Metaphern und Gleichnisse. 

So wird der oben dargestellte Weg der Seele zu Gott auch damit beschrieben, dass der Mensch zu Beginn zwischen „deins und meins“ unterscheidet, also klare Grenzen zwischen sich und andere zieht. Danach erkennt er, dass „meins deins ist und deins ist meins“, dass wir also aufeinander angewiesen sind und niemand ohne Konsequenzen für andere für sich allein leben kann.

Wenn der Mensch nun die Wahrheit erkennt, dass er im Grunde nichts wirklich besitzt, sondern er nur auf begrenzte Zeit an der Welt teilhaben kann und ihm Anvertrautes verwaltet und an andere weitergibt, begreift er, dass es „weder meins, noch deins“ gibt.

Die zufrieden Seele erkennt schließlich, dass nichts und niemand von Gott getrennt ist, dass wir vielmehr alle in ihm geeint sind – es gibt „kein ich und kein du“. Nur die Liebe Gottes und die Liebe zu Gott. 

Diese finale Erkenntnis wird im mystischen Islam mit dem Duft einer Rose verglichen. Eine flüchtige Erkenntnis, die wir nur im Moment wahrnehmen, da wir sie durch unseren Atem in uns aufnehmen – und uns an die Schöpfung unserer Selbst durch den Atem Gottes erinnern. 

Und hier – mit dem Duft der Rose – schließt sich dann der Kreis, den wir mit dem hebräischen „Neschama“ begonnen haben: Mit der Formulierung „Prophet der Liebe“ wird im Islam Isa bin Maryam beschrieben – Jesus, der Sohn der Maria: „Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.“