Nicht von der Negativität anderer anstecken lassen

Ständig sind wir konfrontiert mit medialen und politischen Debatten über uns Muslime. Gesellschaftliche Debatten – so anstrengend sie oft auch sein mögen – sind trotzdem wichtig. Wir als deutsche Muslime, denen die Zukunft dieser unseren Gesellschaft am Herzen liegt, müssen auf allen Ebenen auch unserer Verantwortung gerecht werden, in dem auch wir als Muslime unseren Beitrag für die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten.

Das ist nicht immer einfach, weil man mit den unterschiedlichsten Sichtweisen und Meinungen konfrontiert ist. Dass dies nicht so einfach ist und manche Muslime auch belastet, merkt man daran, dass manche Muslime frustriert sind und das Gefühl haben, dass man nicht weiterkommt. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber ich möchte hier den Fokus auf eine andere Facette lenken. Denn ganz schnell entwickelt sich daraus ein Geist des Ressentiments, wo man immer häufiger die eigene Legitimation aus der Ablehnung anderer zieht. Die gute Tat und die Erlangung Allahs Zufriedenheit wird ersetzt durch die Selbsteinordnung in der Gruppe der Unterdrückten.

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Zur Freiheit verurteilt?

„Und abermals wehe dir! und nochmals wehe! Wähnt der Mensch etwa, er solle ganz ungebunden bleiben?“ [75:35-36]

Für den französischen Existentialisten und Philosophen Jean-Paul Sartre war eines klar: Die wirkliche Einschränkung und Restriktion kommt von Gott her. Bis der Mensch, so Sartres anthropologische Überlegungen, diese letzte aller Fesseln nicht abgeworfen hat, bleibt er unfrei. Denn existierte ein Gott, so wäre die menschliche Existenz weitestgehend vorgegeben – zumindest Dankbarkeit, Hingabe oder Gehorsam wären unausweichliche Grundbedingungen des Lebens. Es würden auch Rückschlüsse über den Menschen folgen, so zum Beispiel, dass er ein Geschöpf ist, dass seine Natur eine Wesensbestimmung hat und anderes.

Die Quintessenz der französischen Freiheitsphilosophie von Sartre aber lautet: „Der Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht“. Ja, damit ist tatsächlich die völlige Freiheit erreicht. Ein jeder muss sich selbst erfinden. Ein jeder muss auch darüber nachdenken, was es seiner Meinung nach bedeutet, ein Mensch zu sein. Das klingt ganz hübsch, verlockend und humanistisch, oder?

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Einheit und Einigkeit

Ein weiteres Mal haben wir gestern den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Wie bei allen ritualisierten Formen des Gedenkens sollten wir uns auch anlässlich dieses jährlich wiederkehrenden Datums danach befragen, was wir eigentlich feiern.

Die Überwindung der Teilung Deutschlands ist zweifelsohne ein historisches Ereignis. Aber der Tag der deutschen Einheit muss uns für die Zukunft mehr bedeuten, als die völkerrechtliche Wiedervereinigung von Gebietskörperschaften. Denn heute erkennen wir viel deutlicher als noch vor 30 Jahren, dass die Wiedervereinigung der Menschen noch längst nicht erreicht ist. Viel zu sehr dominieren die Vorurteile übereinander in Ost und West, als dass von einer Einheit der Menschen die Rede sein kann.

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Der Reichtum des armen Herzens

Unsere Religion, unser Din, ist ohne Dankbarkeit nicht zu denken. Dankbarkeit gegenüber Allah zu zeigen bedeutet, in seinem Herzen verstanden zu haben, was einem Allah alles geschenkt hat und in jeder Sekunde schenkt. Es fängt an beim Offensichtlichen: Wir danken Gott für das Essen, das wir zu uns nehmen, für die warme Kleidung, die wir anlegen, wenn es jetzt draußen wieder ungemütlicher wird; für die liebevolle Familie danken wir Ihm, genauso wie für den Frieden draußen vor der Haustür.

Wenn wir jedoch weiter darüber nachdenken, beschenkt uns Gott noch auf viel existenziellere Art und Weise, ununterbrochen. Wir können uns durch ein einfaches Experiment schnell in die Lage höchster Dankbarkeit versetzen. Dazu müssen wir einfach nur kurz die Luft anhalten und schauen, wie lange wir durchhalten. In den ersten zehn Sekunden können wir vielleicht noch mit Gott diskutieren, Ihm zeigen, wer der Stärkere ist. Schließlich ist es ja unser Körper und unser Wille. Wenn wir uns zusammenreißen, schaffen wir vielleicht noch 20, 30, 40 Sekunden, wenn wir trainiert sind vielleicht noch ein bisschen mehr.

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Werden und Sein

Es ist das Jahr 1984. Los Angeles. Olympische Spiele. Das Finale der Judo Wettkämpfe der Männer in der offenen Klasse. Auf der Judomatte steht der Ägypter Mohamed Ali Rashwan, bereit als erster afrikanischer Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen in die Geschichte des Judo-Sports einzugehen. Sein Gegner in diesem Finale ist einer der erfolgreichsten japanischen Judoka: In seiner etwa 15 Jahre dauernden Wettkampfkarriere hat er über 500 Kämpfe gewonnen. Seit 1977 bis zu seinem Rücktritt 1985 wird er in internationalen Wettkämpfen unbesiegt bleiben und 203 Kämpfe gewonnen haben – Yasuhiro Yamashita gilt bei diesen Olympischen Spielen als unbesiegbar.

Was Yamashita bis zu diesem Finale versucht hat, vor seinen Gegner zu verheimlichen: Im Vorrundenkampf gegen Arthur Schnabel hat er sich eine schwere Verletzung in der Wadenmuskulatur zugezogen. Die Verletzung ist so schwer, dass sie nun vor diesem Finalkampf unübersehbar geworden ist. Yamashita betritt die Judomatte mit langsamen Schritten, humpelnd. Sein rechtes Bein zieht er für alle sichtbar nach. Er kann es kaum mit seinem Gewicht belasten, geschweige denn im Kampf einsetzen. Seine Niederlage scheint gewiss, wenn sein Gegner Rashwan auch nur eine Kampftechnik gegen dieses verletzte Bein Yamashitas anwendet.

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11. September

Ein Gastbeitrag von Pfarrerin Dr. Gerdi Nützel

In der kommenden Woche jährt sich der Jahrestag des 11. Septembers 2001, ein markantes Datum für die Beziehungen der Menschen unterschiedlicher Religionen. Als Huntington Mitte der 90er Jahre vom Clash der Zivilisationen und Religionen sprach, wurde er von vielen belächelt oder auch verspottet. Der Fall der Mauer in Berlin, die globalen Bewegungen und Begegnungen von Menschen, Ideen, Kulturen und Religionen schienen selbstverständlich. Wobei der Krieg im inzwischen ehemaligen Yugoslawien schon eine erste Anschauung geboten hat, wie schnell sogar ehemalige Nachbarinnen und Nachbarn bereit sind, einander auf brutale Form zu vertreiben oder sogar zu töten, wenn auf einmal die religiöse oder ethnische Abstammung das Kriterium für das Lebensrecht an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit darstellt.

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Was guckst du?

Es ist überliefert, dass unser Prophet (s.a.s.) während einer Freitagspredigt zu seiner Gemeinde über die Tekbir, also den Ausruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“), sprach und sie mit folgenden Worten ermahnte: „[…] Warum ruft ihr die Tekbir mit lauter Stimme? Ihr betet nicht zu einem Tauben oder einem Verirrten. Im Gegenteil: Ihr betet zu As-Semi, zu dem, der alles hört. Und zu Al-Basir, zu dem, der alles sieht. Der, zu dem ihr betet, ist euch näher als der Hals des Tieres, auf dem ihr reitet. […] Soll ich dich ein Wort aus den Schätzen des Paradieses lehren? Dieses Wort lautet „La havle vela kuvvete illa billah!“ (Die Stärke und die Kraft sind allein Gottes)

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Sommerferien

Es sind Sommerferien. Als Familie freut man sich auf die gemeinsame Zeit. Endlich kann man zusammen Urlaub machen, sich von den Pflichten des Alltags befreien und die Seele baumeln lassen. Das klingt für die meisten von uns nach einem Werbeslogan für eine Reiseagentur. Denn in der Realität sind die meisten Eltern in den Ferien mit der Gestaltung des Alltags besonders herausgefordert. Viele Familien können sich einen All Inclusive Urlaub irgendwo am Strand wie in der Werbung nicht leisten und müssen ihre Ferien zu Hause verbringen. Der Stress scheint vorprogrammiert zu sein, wenn alle Familienmitglieder plötzlich so viel Zeit miteinander verbringen. Väter werden zum Streitschlichter ihrer Kinder und bei den Müttern liegen die Nerven blank, weil sie merken, dass sie gar keine Chance gegen die herrschende Unordnung haben.

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Mit den eigenen Widersprüchlichkeiten leben

Wenn heutzutage Muslime zusammenkommen und sich über ihre gegenwärtige Situation in der Welt unterhalten, bleibt eines in der Regel nicht ausgespart: das Klagen über die mangelnde Einheit der Umma. Fast schon gebetsmühlenartig wird immer wieder beanstandet, wie unfähig doch die eigenen Glaubensgeschwister seien, selbst in wesentlichen Fragen einen gemeinsamen Nenner zu finden oder anderen gegenüber geschlossen aufzutreten.

Ob eine Gemeinschaft, in der jeder einhellig dieselbe Meinung vertritt, überhaupt möglich oder gar wünschenswert ist, sei einmal dahingestellt. Bezeichnend ist aber, dass dieses Streben nach Einheit im gemeinschaftlichen Sinne häufig seine Entsprechung auch im Bewusstsein vieler einzelner Muslime findet – nämlich in Gestalt eines unbeirrbaren Strebens nach Eindeutigkeit im Glauben.

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Von der Beliebigkeit der Werte

Wir Muslime neigen heute zu oft dazu, alle negativen Erscheinungen unserer Zeit kollektiv ‚dem Westen‘, ‚dem Kapitalismus‘ oder ‚den Andersgläubigen‘ und ihrer Kultur oder Lebensweise zuzuschreiben. Die Ursache für die Ausbeutung der Natur und des Menschen liegt in diesem einfachen Weltbild immer beim Anderen, aber nie bei einem selber.

Gleichzeitig reden wir inflationär von ‚islamischen Werten‘ und der ‚islamischen Zivilisation‘. Aber können wir auch definieren, was das genau sein soll, und können wir das auch in die Praxis umsetzen? Oder geht es bei dieser Rhetorik nur darum, dass man ‘dem Westen’ etwas entgegensetzt? Denn wenn wir uns heute die Realität in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften anschauen, dann sehen wir eine große Diskrepanz zwischen diesen ‘Werten’ und dem wirklichen geistigen und gesellschaftlichen Zustand dieser Länder.

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