Der Judenhass in unserer Mitte

Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern über unsere religiösen Tugenden, über den Islam als Rechtleitung für unser Leben. Selten sprechen wir aber über die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit.

Aber wir dürfen sie nicht hinnehmen, wir dürfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. Denn dann laufen wir Gefahr, dass Verirrungen nicht mehr als solche erkannt werden, ja sogar als ihr Gegenteil, nämlich als authentische muslimische Haltung missverstanden und über Generationen hinweg aufrechterhalten werden.

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Wohin ihr euch hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs

Allah ist das Positivste, das man sich vorstellen kann. Er ist frei von jeglichem Makel oder Nichtexistenz. In Ihm löst sich alles auf. Wenn wir sagen, dass der Islam die Hingabe zu Allah bedeutet, dann ist auch damit eine Beziehung zur Positivität in ihrem absoluten Sinne gemeint. Diese göttliche Positivität drückt sich dadurch aus, dass überall und in jedem Augenblick die Eigenschaften und Handlungen Allahs sich aufs Neue manifestieren. Muslim zu sein bedeutet u.a., aus dieser Perspektive ein Bewusstsein für diese Eigenschaften Allahs zu entwickeln.

Der auserkorene Prophet lehrt uns, dass das Göttliche in unserem Leben sich so zeigt, wie wir halt über Allah denken. In einem Hadith lesen wir, dass Allah sagt: „Ich bin so wie mein Diener über mich denkt, so soll er über mich gut denken“. Negative Gedanken über Allah zu haben, sind im Endeffekt nur negative Gedanken über die eigene Welt und sich selbst. Nicht selten unterliegen wir in unserem Alltag der Illusion, dass es Räume, Menschen oder Momente gibt, die irgendwie leer sind, leer von der Göttlichkeit und leer von Sinn. Weiterlesen “Wohin ihr euch hinwendet, dort ist das Antlitz Allahs”

Die gebildete Unwissenheit

Wir leben in einer Zeit, in der jeder von uns mit einem Smartphone von fast überall Zugang hat zu einer Fülle von Informationen, deren Fülle man sich kaum vorstellen kann. In vielen alltäglichen Dingen bringt dies eine gewisse Erleichterung mit sich. Aber sehr schnell führt es bei uns Menschen auch zu einer Illusion, indem der Unterschied zwischen bloßer Information und fundiertem Wissen immer unkenntlicher wird. Das betrifft ganz unterschiedliche Lebensbereiche. Besonders auffällig sind die Auswirkungen bei der Verbreitung von Fake News, indem ganz unterschiedliche politische Akteure die Überflutung des einzelnen Menschen mit Informationen für sich nutzbar machen. Sie streuen gezielt Nachrichten zur Desinformation und Manipulation, welche die Emotionen und Ängste der Menschen bedienen, und sie somit für eine politische Ideologie empfänglich machen. Weiterlesen “Die gebildete Unwissenheit”

Von Osterhasen, Traditionshasen und Angsthasen

Heute ist Karfreitag. Für unsere christlichen Mitbürger ist dies ein Tag großer Trauer und des stillen Gedenkens. Ab Sonntag begehen sie voller Freude und Hoffnung das Osterfest – die im Bedeutungszusammenhang ihrer Religion betrachtet bedeutsamsten und höchsten Feiertage. Anlässlich solcher Feiertage entspinnt sich immer häufiger auch eine Debatte darüber, wie sehr solche Festtage noch geachtet und gepflegt werden oder wie sehr sie einem vermeintlich bedrängenden Einfluss des Islam unterliegen.

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Doch Allahs Hilfe ist nah!

Seit Wochen hören wir Berichte über Anschläge auf Moscheen. Bilder von abgebrannten Gebetsräumen und verkohlten Koran-Seiten brennen sich in unser kollektives Gedächtnis ein. Und als ob dies alles nicht reichen würde, stellt der frisch vereidigte Bundes-Innenminister die Zugehörigkeit des Islams in Deutschland in Frage. Frustration, Irritation, ja sogar Angst sind Reaktionen, auf die wir in der Gemeinschaft stoßen. Und eine gefährliche Hoffnungslosigkeit macht sich breit – gespeist von nicht enden wollenden Debatten, über ein Faktum, das gar nicht zur Diskussion steht – dass wir hier dazugehören.

So nachvollziehbar die Enttäuschung ist, so falsch ist das Verfallen in Resignation und das Feststecken in der Hoffnungslosigkeit. Diese Hoffnungslosigkeit bedeutet nämlich auch den Verlust des Glaubens an die eigene Wirkmächtigkeit, den Verlust der Hoffnung in sich selbst, den Verlust der Hoffnung in Allah.

Das Hoffen in Ihm ist verbunden mit dem Wissen um das von Ihm gegebene Potential, um die Hoffnung, die Er in uns gesetzt hat. Das Bestehen in schwierigen Zeiten bedeutet dann, sich diesen Ausgrenzungen und Angriffen entgegenzustellen, den Mut nicht zu verlieren und weiterhin den eigenen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander zu leisten. Weiterlesen “Doch Allahs Hilfe ist nah!”

Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft

Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft. Erst wenn man die Finsternis gesehen hat, weiß man das Licht zu schätzen.“ Ich erinnere mich noch gut an den Gesichtsausdruck eines guten, frommen Freundes, als ich diesen Satz zwischen Shisha und Schwarztee hingeknallt hatte. Ein ehrlicher Satz inmitten eines fruchtbaren Gesprächs über Sünde und Vergebung.

Zwei Muslime, die unterschiedlicher nicht sein konnten, sprachen offen miteinander, ob man Sünden verbieten sollte, um Muslime vor Schaden zu bewahren. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich weder Skeptiker noch Liberaler bin. Vernunft und eine gute Portion Intuition sind meine Weggefährten, wenn es um Schnittbereiche zwischen Religion und Gesellschaft geht. Weiterlesen “Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft”

Kein Abglanz des Mannes

Weltfrauentag.
Wieder sensible Texte.
Koranverse.
Prophetenzitate.

Und dann wieder 364 Tage Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Geringschätzung.

Frauen nur im Verhältnis zum Mann wahrzunehmen – immer nur als Mutter, Tochter, Schwester oder Ehefrau – bedeutet auch, ihnen die Achtung als selbstbestimmter, gleichwertiger Mensch zu verweigern. Weiterlesen “Kein Abglanz des Mannes”

Die Schöpfung bewahren

Wir erleben derzeit eine extreme Kältewelle in Europa. Wer morgens früh aus dem Haus muss, um zur Arbeit oder zur Schule zu fahren, wundert sich oft, wann es in den letzten Jahren solch kalte Tage und Nächte gegeben hat. Ein Blick auf die Wetterkarten der letzten Woche offenbarte erstaunliches.

So hatten wir es am Nordpol in manchen Nächten wärmer als tagsüber bei uns. Experten sprechen hier von einer Störung der Luftströmungen, wobei die zunehmende Erderwärmung hier eine gewichtige Rolle spielt. Auch die Winterstürme der letzten Monate zeigen, dass diese extremen Wetterereignisse zunehmen. Weiterlesen “Die Schöpfung bewahren”

Das Schöne in uns

„Spieglein, Spieglein an der Wand…“
Wir kennen alle das Märchen, in dem die böse Königin um jeden Preis die Schönste im Land sein möchte. Sie fragt täglich ihren Spiegel und erhofft sich die Bestätigung, die Allerschönste zu sein. Erfasst von ihrem Narzissmus ist sie bereit, alles dafür zu tun, um die Konkurrenz auszumerzen. Weiterlesen “Das Schöne in uns”

Tue Gutes, so wie Allah dir Gutes tat

Religiosität und Gläubigkeit findet für Muslime nicht in einem begrenzten sakralen Raum statt. Vielmehr spiegelt sich der Glaube in der Haltung und der Handlung der Gläubigen wieder. Der Gottesdienst beschränkt sich nicht auf das Gebet in der Moschee oder das Fasten im Ramadan, es durchzieht das ganze Leben. Religiosität ist auch nicht einzelnen Individuen zugewiesen worden: weder Priester gibt es im Islam, noch Mönche, die eine herausgehobene Stellung unter den Gläubigen einnehmen. “Das Mönchstum wurde uns nicht geboten” (Ahmad b. Hanbal, Musnad), sagte der Prophet zu seinen Gefährten.

So gilt es gerade nicht als erstrebenswert, sich für die Religion aus der Welt zurückzuziehen. Weder um sich nur noch den rituellen Gebeten zu widmen, noch um das gesamte weitere Leben fastend zu verbringen. Es war gerade auch der Prophet, der mit seiner eigenen Lebensführung ein Beispiel dafür lieferte. Er zog sich nicht aus dem “normalen” Leben zurück, um sich allein dem ritualisierten Gottesdienst zu widmen. Er lebte unter seinen Gefährten und Gefährtinnen, er aß und trank mit ihnen, er scherzte mit ihnen, er handelte mit ihnen, er lehrte sie, aber er lernte auch von ihnen.

Als einige Gefährten für sich beschlossen, das gesamte Jahr ununterbrochen zu fasten, nicht zu heiraten oder die gesamte Nacht mit Gebeten zu verbringen, wies er sie darauf hin, dass er mehr als alle anderen Ehrfurcht vor Allah habe, aber dennoch außerhalb des Ramadans manchmal faste und manchmal nicht, nur einen Teil der Nacht mit Gebeten verbringe und geheiratet habe. Damit wollte er ihnen deutlich machen, dass er der Welt gerade nicht den Rücken gekehrt hat, und dass dies von den Muslimen auch nicht erwartet wird.

Kritisch wird dabei auch das Verständnis von Priester- und Mönchstum im Christentum bewertet. Im Koran werden diese Institutionen als menschliche Konstrukte beschrieben, nicht als göttliche Gebote: “… [das] Mönchtum – sie schufen es, wir schrieben es ihnen nicht vor – und zwar im Bestreben, Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Aber sie bewahrten es nicht in der rechten Weise.” (57:27) Dabei wird gar nicht der gute Wille in der Absicht in Frage gestellt. Diese Institutionen entstanden, um gerade Gottes Wohlgefallen zu erlangen. Die Menschen schafften es jedoch nicht, das nötige Gleichgewicht zwischen Jenseits und Diesseits zu bewahren.

In der koranischen Offenbarung wird immer wieder auf das Jenseits verwiesen, auf den Tag des Jüngsten Gerichts, auf das Leben nach dem Tod. Jedoch soll dieses Bewusstsein für ein Leben nach dem Tode nicht das Leben vor dem Tod nachrangig werden lassen. “Trachte mit dem, was dir Allah gegeben hat, nach dem Jenseits, und vergiss nicht deinen Anteil an dieser Welt! Tue Gutes, so wie Allah dir Gutes tat!” (28:77) Die Gnade des Lebens soll den Menschen nicht zu einer Schockstarre der Dankbarkeit verführen. Sie soll ihn vielmehr dazu anleiten, das erhaltene Gute an andere Menschen weiterzugeben.

In der Weitergabe des erhaltenen Guten zeigt der Mensch seine aufrichtige Dankbarkeit Allah gegenüber. Nicht indem er sich aus der Welt, aus dem Alltag, aus seiner Umwelt verabschiedet. Weder die jenseitige Flucht im Diesseits noch das völlige Versinken in weltlichen, vergänglichen Bedürfnissen ist der Weg, der dem Menschen von Allah gezeigt wird. Dem Menschen wird das Gleichgewicht zwischen dem, was ist und dem, was kommen wird, als gottgefälliges Leben nahe gelegt. Seine Gebete gelten sowohl dem Diesseits als auch dem Jenseits. So heißt es im Koran: “Unser Herr, gib uns im Diesseits Gutes und auch im Jenseits Gutes.” (2:201) (ek)