Am kommenden Mittwoch begeht Deutschland den „Tag der deutschen Einheit“ und vielerorts wird mit verschiedenen Feierlichkeiten an die Überwindung der Teilung Deutschlands in jenem historischen Herbst des Jahres 1990 gedacht.
In diesem Jahr lautet das Motto zu den zentralen Feierlichkeiten „Nur mit euch“. Ein einprägsames Motto, bei dem es 28 Jahre nach dem Fall der Mauer um mehr geht, als nur um das Zusammenwachsen von Ost und West. Es geht um unsere gesamte Gesellschaft, um Zusammenhalt und darum, wie wir als Menschen mit unterschiedlichen Glaubens- und Weltanschauungsvorstellungen miteinander auskommen wollen.
Nostalgie als Opium für das Volk
Die Beschäftigung mit der Geschichte der islamischen Gelehrsamkeit ist für uns Muslime heute von großer Bedeutung. Die Reflektion über die Werke und die Persönlichkeiten, die diese Wissenstradition über die Jahrhunderte entwickelt haben, ist wichtig, um sich mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen und eigene, auf das Heute bezogene Lösungen oder Denkanstöße zu finden.
Nicht selten dominieren bei uns Muslimen aber zwei extreme Formen, wie man sich mit der eigenen Geschichte beschäftigt und sich dieser annähert. Das eine Extrem ist die Romantisierung der Vergangenheit. Man neigt ganz schnell zu einer nostalgischen Haltung, klagt dabei die eigene gegenwärtige Lage an. Man denkt, dass man durch die unreflektierte und von der Gegenwart losgelöste Nachahmung des vergangenen Erbes zur alten Blüte wiedererlangt. Dabei ist dieses Erbe jedoch nur konstruiert.
Das andere Extrem ist die totale Verdammung der eigenen Wissenstradition. Dabei wird verzweifelt versucht, ohne jegliches Fundament etwas Neues zu konstruieren. Das führt letztendlich zu einer Beliebigkeit und dem Verlust von Wissen. Beide Herangehensweisen sind am Ende oberflächlich und fern der historischen Realitäten, die über die Jahrhunderte herrschten.
Weiterlesen “Nostalgie als Opium für das Volk”Gewissensfragen
Gewöhnlich findet sich freitags an dieser Stelle ein Text, mit dem das Thema Spiritualität im Islam angesprochen wird. Oder die Autoren versuchen, eben jene Spiritualität durch ihre Texte spürbar zu machen. Aber zuweilen hat man das Gefühl, dass die äußeren Bedingungen unserer Existenz unsere Gedankenwelt derart überlagern, dass kein Platz mehr für Spiritualität bleibt, dass die Kakophonie menschlicher Verfehlungen so laut wird, dass man seine innere Stimme nicht mehr hören kann. Dieser Lärm übertönt jeden Versuch der inneren Einkehr und hindert uns daran, uns auf das Wesentliche zu besinnen.
Das Randständige, das Unbedeutende ist in solchen Momenten derart penetrant und übergriffig, dass es nicht mehr ausreicht, diese Einflüsse zu ignorieren. In den letzten Tagen war ein solcher Lärm zu hören, der die vorsichtigen und bedachten Stimmen, die sich mit den Existenzbedingungen der Muslime in Deutschland beschäftigen, zu übertönen versuchte. Es war ein Umgangston, der von Hass und dem Wunsch nach Ausgrenzung getrieben war.
Weiterlesen “Gewissensfragen”… nicht mehr Wert als der Nichtaraber
Nächstes Jahr wird es 70 Jahre her sein, seitdem in Deutschland die Verfassung, das Grundgesetz, mit den Worten “Die Würde des Menschen ist unantastbar” entworfen worden ist. Nur vier Jahre davor wurde Deutschland von Unmenschlichkeit und Barbarei regiert. Würde, Menschlichkeit, alles konnte angetastet,verletzt, missachtet werden. Menschen sollten jeweils unterschiedlich Wert sein, je nach religiösem oder ethnischen Hintergrund wurde über ihre Zukunft, über Leben und Tod entschieden. Die Nationalsozialisten waren neben anderem auch durch und durch Rassisten. Unterschiede zwischen Menschen wurden überhöht, wo es sie eigentlich nicht gab. Sie wurden künstlich geschaffen.
Doch mit dem Ende der Nationalsozialisten und der Einführung des Grundgesetzes verschwand der Rassismus nicht aus diesen, unseren Gefilden. Immer wieder bricht er durch, zuletzt ganz massiv in Chemnitz. Er zeigt, dass es noch genug Menschen in Deutschland gibt, die nicht bereit sind, Unterschiede zu akzeptieren oder gar zu respektieren.
Weiterlesen “… nicht mehr Wert als der Nichtaraber”Der liebevolle Umgang mit Tieren
Im Internet kursieren schreckliche Bilder von Tieren, die gejagt, misshandelt oder ausgehungert ihrem Schicksal überlassen werden. Die Mode- und Lederindustrie lässt Tiere gewaltsam für ihre Habgier leiden. Sogenannte Trophäenjäger, die aus Mordlust töten, posieren mit ihrer Beute, sexuell gestörte Menschen vergewaltigen Tiere, um sich zu befriedigen. Angebliche Tierliebhaber und –halter sind mit der Pflege ihrer Tiere überfordert und setzten sie einfach aus und lassen sie verhungern und verdursten. Der gewaltsame Umgang mit Tieren darf keinen Platz in unserer Gemeinschaft haben, denn Tiere sind auch Lebewesen und haben ein Daseinsrecht, das nicht gewaltsam geraubt werden darf.
Weiterlesen “Der liebevolle Umgang mit Tieren”Das Seil, das uns an diese Welt bindet
Gestern habe ich einen Mann besucht, der kurz vor seinem Tod steht. Es gibt Zeichen, die uns das ankündigen, die Art, wie er spricht, wie er die Dinge fühlt, die passieren werden, wie er versucht, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Die Art, wie er für die Realität des Unsichtbaren offen ist. Wie seine Sinne zu verschwinden beginnen, sein Blick, sein Geruchssinn, das Gefühl für seine Angehörigen, sein Gehör, seine Sprache, sein Geschmack. Als ob Allah nach und nach alles wegnimmt, was ihn mit dieser Welt verbindet.
Weiterlesen “Das Seil, das uns an diese Welt bindet”Der Dienst am Menschen, in der Moschee
Für uns sind sie etwas Selbstverständliches. Sie waren da, als wir noch klein waren, wir sind auch in ihnen aufgewachsen und mindestens einmal die Woche finden wir uns dort wieder ein. Die kleinen und großen Moscheegemeinden um uns herum. Manche gibt es seit über 50 Jahren, manche erst seit 10-15 Jahren. Für die meisten von uns sind sie einfach da, als könnten sie aus sich heraus existieren, als würden alle Notwendigkeiten und Bedingungen für ihre Existenz von einer höheren Macht erfüllt.
Sie werden jedoch von Menschen betrieben, von Menschen wie du und ich. Von einigen wenigen Engagierten, die ihre Freizeit, ihr Können und oftmals ihr Geld aufopfern, damit wir alle in den Moscheen unsere religiösen und sozialen Bedürfnisse befriedigen können. Kaum eine Moscheegemeinde kann auf ein finanzielles Polster, hauptamtliche Verwaltungsmitarbeiter und gesicherte Einkünfte vertrauen. Für fast alle Gemeinden in Deutschland ist es Monat und Monat ein Ringen um das Notwendigste, eine stetige Mängelverwaltung, die uns am Ende unsere wertvollste Ressource Mensch, in Form von ausgebrannten Ehrenamtlichen, kostet.
Weiterlesen “Der Dienst am Menschen, in der Moschee”Wenn Allahs Hilfe kommt…
Acht Jahre waren vergangen, seit er diese Stadt fluchtartig verlassen musste. Nach seinem Leben hatten sie getrachtet, so weit waren sie damals bereit zu gehen. Über 20 Jahre waren vergangen, als er am Rande dieser Stadt die erste Offenbarung erhalten hatte. 20 Jahre voller Entbehrung, Zurückweisung, voller Sorgen aber auch Freuden. Und nun war er zurück, in der Stadt Abrahams, in der der “Freund Gottes” (Khalilullah) mit seinem Sohn die Fundamente des “Hauses Gottes” gelegt hatte.
Der Prophet war wieder in seiner Geburtsstadt Mekka, er war als Sieger eingezogen. Tage des Triumphs durchlebten der Prophet und seine Gefährten, aus dem Umland strömten Neugierige nicht nur in die Stadt, sondern auch in den Glauben. Jetzt wäre es endlich an der Zeit, den Sieg zu feiern, mit Stolz auf den Erfolg zu zeigen, auf die wachsenden Zahlen, die strömenden Mengen an Menschen.
Weiterlesen “Wenn Allahs Hilfe kommt…”Von beiden Seiten
Wir reden in den letzten Tagen häufig über unsere Erfahrungen von Rassismus, von Ausgrenzung und den willkürlichen Entzug oder das Vorenthalten von Zugehörigkeit.
Wir beklagen zu Recht die vielen Erlebnisse von Ungleichbehandlung, von Ungerechtigkeit und das, was diese Erlebnisse, diese Gefühle mit uns machen, in uns verändern.
Die Götzendiener
Das, was wir Gott nennen, ist ein Konstrukt und eine Imagination von uns. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass Gott nicht existiert, sondern vielmehr, dass egal, was wir Menschen uns unter dem Begriff „Gott“ oder „Schöpfer“ vorstellen, diese Vorstellung stets ein Produkt des eigenen Selbst bleibt. Sie sagt eher mehr über uns selbst als über Gott aus. Zu Ende gedacht bedeutet das, dass unser Lobpreis nichts anderes als ein unbewusstes Eigenlob ist und dass die eigene „Gottesvorstellung“ eine Skizze von uns ist. Aber natürlich gibt keiner dies zu. Unser Verhalten gegenüber anderen Gottesvorstellungen verrät uns allerdings. Dass die Menschen die Glaubensvorstellungen anderer ablehnen oder kritisieren, ist ein Hinweis darauf, dass wir unser Selbst als Maßstab nehmen. Weiterlesen “Die Götzendiener”