Der Löwe, der sich selbst angriff

Es vergeht wohl kaum ein Tag, ohne dass wir uns über einen anderen Menschen aufregen. Sei es zu Hause, in der Familie, im Straßenverkehr, an der Kasse im Supermarkt oder auch in den sozialen Medien, immer wieder gibt es Situationen, in denen wir Anstoß nehmen am Verhalten unserer Mitmenschen. Wir entrüsten uns dann über die Ignoranz dieser Leute, über ihre Rücksichtslosigkeit, über ihre Eitelkeit und ihre mangelnde Einsicht. Zuweilen prangern wir sie sogar öffentlich an, indem wir unseresgleichen auf diese Fehlverhalten aufmerksam machen und Bestätigung für unsere Erregtheit suchen.

Seien wir aber einmal ehrlich! Schlecht über andere zu denken ist Ausdruck eigenen Hochmuts. Ob wir es zugeben mögen oder nicht, wenn wir uns über jemanden echauffieren, dann tun wir dies doch stets in dem Glauben, ihm/ihr überlegen zu sein. Wir erheben uns über diese Person und maßen uns an, sie zu be- und zu verurteilen. Insgeheim gefallen wir uns in der Rolle des vermeintlichen Kritikers, der die Dinge beim Namen nennt, ohne uns allerdings auch nur im Ansatz unserer eigenen Vermessenheit bewusst zu werden. Unser Moralismus ist also in Wirklichkeit nur eine versteckte Selbstgefälligkeit, eine Form der Selbstüberhebung, die wiederum der Koran aufs Schärfste verurteilt: „Er (Allah) liebt nicht die Hochmütigen.“ (Koran 16:23)

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Der Preis ist hart – Podcast

Demnach sind wir als Muslime verpflichtet, sorgsam auf den Verbrauch von Ressourcen zu achten. Im Islam wird das Thema “Konsum und Verschwendung” mehrmals deutlich benannt. So heißt es im Koran „Und seid nicht verschwenderisch; siehe, er liebt die Verschwender nicht.“ (Sure 6:141). Ein bekannter Hadith sagt dazu: „Esst und trinkt, kleidet euch und spendet. Aber hütet euch vor der Verschwendung.“ (Buhari)

Der Preis ist hart

Als im April 2013 in Bangladesh das “Rana Plaza” einstürzte und über 1000 Menschen ihr Leben verloren haben, war die Bestürzung weltweit groß. 
Beim “Rana Plaza” handelte es sich um eine von zahlreichen Textilfabriken in Asien, die für verschiedene globale Bekleidungskonzerne möglichst billig Jacken, Hosen und Hemden hergestellt haben.

Oftmals genäht von Frauen, die für wenige Euro im Monat unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit und sogar ihr Leben riskieren.

Seit diesem Unglück versuchen einige Anbieter die Arbeitsbedingungen in den von ihnen beauftragten Fabriken zu verbessern. Bisher eher mit bescheidenem Erfolg.

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Allein mit dem Tod

Diesen Freitag geht es um ein sehr persönliches Thema. Ein Thema, das uns alle angeht, uns alle betrifft. Die Gedanken daran flackern von Zeit zu Zeit in jedem von uns auf. Sie beschäftigen uns eine Weile und dann verdrängen wir sie wieder. Es ist ein Thema, das uns daran erinnert, was es bedeutet, zu leben – und sich seiner Vergänglichkeit bewusst zu sein. Wir wissen um die Endlichkeit unseres Lebens, auch wenn wir uns in besonderen Momenten, häufig in Glücksmomenten voller Euphorie und Überschwang, nahezu unsterblich fühlen. 

Wieviel Lebenszeit uns jeweils bemessen ist, wissen wir in der Regel nicht. Manchmal reißt der Tod geliebte Menschen mitten aus unserem Leben. Manchmal durchleben wir als Betroffene oder als Angehörige die schwere Prüfung von Krankheit und Leid im Angesicht des bald gewissen Todes. 

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Nicht wir sind reich, nicht die anderen arm

“Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht.” Mit diesen und anderen drastischen Worten eröffnete im Juli Feridun Zaimoglu den Bachmannpreis in Klagenfurt. Worte, gesprochen im Sommer, schon zu der Zeit schneiden sie ins Fleisch, erst recht jetzt an diesen kalten Tagen. Zu häufig begegnen wir Menschen auf der Straße, die die Hand öffnen müssen, um über die Runden zu kommen. Und schroff zurückgewiesen werden.

Die Worte erinnern an eine Mahnung in der Sura Maun:

“Hast du den gesehen, der das (Letzte) Gericht leugnet? Er ist es, der die Waise wegstößt und nicht zur Speisung des Armen anspornt.” (107:1-3)

Es ist nicht die einzige Stelle im Koran, der den Umgang mit Bedürftigen zu einer Frage des rechten Glaubens erklärt. Dabei wird nicht dazu aufgerufen, ihnen einfach nur etwas von dem Eigenen abzugeben. Nein, der Bedürftige hat einen Anspruch auf diese Unterstützung.

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Pride

Dieses Freitagswort ist notwendig. Vielleicht notwendiger als viele Freitagsworte davor. Denn dieses Freitagswort spricht ein Thema an, das wir in unserer muslimischen Gemeinschaft tabuisieren. Wir schweigen hartnäckig zu diesem Thema. Denn das, was wir in den meisten Fällen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und Ächtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert.

Unser gemeinschaftlicher Umgang mit dem Thema Homosexualität und unser Umgang mit Menschen aus der LGBT-Community offenbart mit seinen verkrampften Abwehrreflexen, wie gestört wir uns von diesem Thema, ja von queeren Menschen selbst, fühlen. Ihre Anwesenheit, ihre Nähe verstört uns. Über dieses Thema zu reden, ist uns unangenehm.

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Der Glaube im Instagram-Zeitalter

Was bedeutet es, Muslim zu sein? In unserer Kindheit haben wir in der Moschee gelernt, dass die „32 Pflichten“ (Türkisch „32 farz“) dazu gehören. Demnach realisiert sich der Glaube (iman) im Glauben an die Einheit Gottes, an die Engel, an die Offenbarungen und an die Propheten, an das Jenseits und dem Glaube daran, dass das Schicksal und alles Gute und Schlechte von Gott kommen. Die Umsetzung des Glaubens in die Praxis (islam) besteht im Aussprechen des Glaubenssatzes, im rituellen Gebet, dem Fasten im Ramadan, dem Zahlen der Armensteuer und dem Vollzug der Pilgerfahrt nach Mekka.

Das ist aber natürlich nicht alles. Heute glauben viele Muslime, das Tragen eines Kopftuchs und das Tragen eines Bartes und das räumliche und klangliche Abstandhalten zwischen nicht miteinander verheirateten Männern und Frauen gehöre ebenso zu den Glaubenspfeilern. Viele Muslime glauben auch, dass das Korrigieren von „Fehlverhalten“ von anderen Gläubigen ihnen Bonuspunkte bringt, die sie im Paradies einlösen können.

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Keine Strafe, sondern Prüfung

„Die Prinzessin und die Freude“ heißt ein Kinderbuch von Ulf Stark, in dem sich eine kleine Prinzessin auf eine mühsame Suche im Märchenwald begibt, um dem Papa, der seine „Freude“ verloren hat, wieder das Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Nichts scheint zu helfen, keine Geschenke, keine Überraschungen, keine lustigen Sachen. Auch auf ihrer Reise nach einem Heilmittel im Märchenwald wird die Prinzessin nicht fündig. Am Ende der Geschichte erkennt der König, dass seine kleine Prinzessin sein größtes Glück ist und findet somit sein Lachen zurück.

So einfach wie im Märchen ist die Heilung für Menschen mit Depressionen nicht. Eine Depression ist eine Krankheit, die medizinisch und therapeutisch behandelt werden muss. Leider wird sie in einigen Fällen nicht als solche wahrgenommen oder diagnostiziert und wird als „Krise“ oder „Tief“ abgetan. Der Schweregrad einer Depression kann unterschiedlich ausfallen, im schlimmsten Fall ist der Betroffene suizidgefährdet. Oft wird sie von erkrankten Menschen verheimlicht, um nicht als „labil“ oder „schwach“ stigmatisiert zu werden. Der Druck unserer Leistungsgesellschaft, immer funktionieren zu müssen, lässt es nicht zu, sich mit seiner Gefühlswelt zu beschäftigen.

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Der Islam ist nicht die Lösung

Den Muslimen dieser Welt geht es schlecht. Wo man auch hinschaut, scheinen sie Anderen unterlegen zu sein. Viele der sogenannten islamischen Länder sind gebeutelt von jahrzehntelanger Willkürherrschaft, von Krieg und Terror. Ökonomisch hinkt die islamische Welt dem Westen weit hinterher. Politisch hat sie, wenn überhaupt, nur geringen Einfluss. In den Wissenschaften und Künsten sind Muslime weltweit kaum bis gar nicht wahrnehmbar. Selbst in den wohlhabenderen Teilen des Globus, in denen es ihnen zumindest wirtschaftlich besser geht, sind sie tagtäglich Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt.

Für einige liegt die Ursache dieser Missstände ganz klar im Islam selbst. Wenn der Islam nämlich nicht rückständig, gewaltaffin und freiheitsfeindlich wäre, so die Behauptung, dann hätten seine Anhänger heute auch nicht mit all diesen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der einzige Weg aus der Misere wäre demnach ein Bruch mit der eigenen religiösen Tradition. Kurzum: der Islam sei das Problem.

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