Was guckst du?

Es ist überliefert, dass unser Prophet (s.a.s.) während einer Freitagspredigt zu seiner Gemeinde über die Tekbir, also den Ausruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“), sprach und sie mit folgenden Worten ermahnte: „[…] Warum ruft ihr die Tekbir mit lauter Stimme? Ihr betet nicht zu einem Tauben oder einem Verirrten. Im Gegenteil: Ihr betet zu As-Semi, zu dem, der alles hört. Und zu Al-Basir, zu dem, der alles sieht. Der, zu dem ihr betet, ist euch näher als der Hals des Tieres, auf dem ihr reitet. […] Soll ich dich ein Wort aus den Schätzen des Paradieses lehren? Dieses Wort lautet „La havle vela kuvvete illa billah!“ (Die Stärke und die Kraft sind allein Gottes)

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Sommerferien

Es sind Sommerferien. Als Familie freut man sich auf die gemeinsame Zeit. Endlich kann man zusammen Urlaub machen, sich von den Pflichten des Alltags befreien und die Seele baumeln lassen. Das klingt für die meisten von uns nach einem Werbeslogan für eine Reiseagentur. Denn in der Realität sind die meisten Eltern in den Ferien mit der Gestaltung des Alltags besonders herausgefordert. Viele Familien können sich einen All Inclusive Urlaub irgendwo am Strand wie in der Werbung nicht leisten und müssen ihre Ferien zu Hause verbringen. Der Stress scheint vorprogrammiert zu sein, wenn alle Familienmitglieder plötzlich so viel Zeit miteinander verbringen. Väter werden zum Streitschlichter ihrer Kinder und bei den Müttern liegen die Nerven blank, weil sie merken, dass sie gar keine Chance gegen die herrschende Unordnung haben.

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Mit den eigenen Widersprüchlichkeiten leben

Wenn heutzutage Muslime zusammenkommen und sich über ihre gegenwärtige Situation in der Welt unterhalten, bleibt eines in der Regel nicht ausgespart: das Klagen über die mangelnde Einheit der Umma. Fast schon gebetsmühlenartig wird immer wieder beanstandet, wie unfähig doch die eigenen Glaubensgeschwister seien, selbst in wesentlichen Fragen einen gemeinsamen Nenner zu finden oder anderen gegenüber geschlossen aufzutreten.

Ob eine Gemeinschaft, in der jeder einhellig dieselbe Meinung vertritt, überhaupt möglich oder gar wünschenswert ist, sei einmal dahingestellt. Bezeichnend ist aber, dass dieses Streben nach Einheit im gemeinschaftlichen Sinne häufig seine Entsprechung auch im Bewusstsein vieler einzelner Muslime findet – nämlich in Gestalt eines unbeirrbaren Strebens nach Eindeutigkeit im Glauben.

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Von der Beliebigkeit der Werte

Wir Muslime neigen heute zu oft dazu, alle negativen Erscheinungen unserer Zeit kollektiv ‚dem Westen‘, ‚dem Kapitalismus‘ oder ‚den Andersgläubigen‘ und ihrer Kultur oder Lebensweise zuzuschreiben. Die Ursache für die Ausbeutung der Natur und des Menschen liegt in diesem einfachen Weltbild immer beim Anderen, aber nie bei einem selber.

Gleichzeitig reden wir inflationär von ‚islamischen Werten‘ und der ‚islamischen Zivilisation‘. Aber können wir auch definieren, was das genau sein soll, und können wir das auch in die Praxis umsetzen? Oder geht es bei dieser Rhetorik nur darum, dass man ‘dem Westen’ etwas entgegensetzt? Denn wenn wir uns heute die Realität in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften anschauen, dann sehen wir eine große Diskrepanz zwischen diesen ‘Werten’ und dem wirklichen geistigen und gesellschaftlichen Zustand dieser Länder.

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Die Verpflichtung des Herzens

In einem deutschen Reisepass findet sich auf der letzten Seite der Vermerk, dass dieser „Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“ sei. Vergleichbares findet sich auch in den meisten anderen Reisepässen. Folglich darf man ihn weder beschädigen, zerstören noch weggeben. Schließlich gehört er einem nicht wirklich.

Gleiches ließe sich über unser Herz sagen: Nicht wir sind seine Eigentümer, sondern Gott. Wir alle sind gleichsam Bürger im großen Staate Gottes, der sich über alles, was existiert, erstreckt. Unser Herz ist in diesem Bild der Pass, mit dem wir uns als Geschöpfe Gottes ausweisen. Wie uns Gott im Koran ermahnt: „Sind sie erschaffen wohl aus Nichts, oder sind sie selbst die Schöpfer?“ (52:35).

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Die Illusion von Macht

Unsere Gegenwart ist geprägt von der Faszination, die unsere Möglichkeiten uns vermitteln. In dem Ausmaß, in welchem wir das Spirituelle, das buchstäblich Unbegreifbare, das Nichtkörperliche, das Transzendente aus unserem Leben und unserer unmittelbaren Orientierung verdrängt haben, in dem Maße hat das Körperliche, das Materielle, die Anhäufung des Konkreten Bedeutung für und in unserem Leben eingenommen.

Wir haben uns von der Vorstellung entfernt, dass die Belohnung im Jenseits uns in der Gestalt des Überflusses an Erkenntnis und Wissen versprochen wird. Sinnbildlich spricht der Koran von der Quelle Kevser, aus der wir unendliche Male werden schöpfen dürfen. Das Bild des auch dann nicht wirklich greifbaren, des fluiden und verrinnenden Wassers ist uns zu einer Zumutung geworden.

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Den eigenen Neid erkennen

“Da trieb ihn seine Seele, seinen Bruder zu töten.
Und er tötete ihn.
So wurde er zu einem der Verlierer.” (Maida, 30)

Dieser Vers, er ist so schwer, so traurig und tragisch. Ein kurzer Vers, der viel Leid in sich birgt. Er lässt uns in einen Abgrund blicken, in den wir eigentlich nie blicken wollen. Wie böse kann denn unsere Seele werden, dass sie uns gar zum Mord an einem der uns Nächsten treiben kann?

Der Vers stammt aus der Schilderung des Gleichnisses von Kain und Abel im Koran, oder wie sie in der islamischen Tradition genannt werden, Habil und Qabil. Das Gleichnis gehört zu den gemeinsamen Themen von Koran und Talmud. Und selbst die Sumerer haben in einem sehr alten Mythos um ihren Bauerngott Enkimdu und ihren Jagdgott Dumuzi ein ähnliches Thema der brüderlichen Auseinandersetzung vor Tausenden von Jahren aufgegriffen. Das Gleichnis, die Mahnung die in ihm steckt, scheint so alt und so tiefgründig wie die Menschheit selbst zu sein.

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Worauf es ankommt

Wir Muslime sind eine vielbeachtete Minderheit in Deutschland. Die Beschäftigung mit dem Islam hat in unserer Gesellschaft viele Facetten und unterschiedlichste Ausprägungen. Manchmal erleben wir als Muslime auch Ablehnung oder gar Anfeindung. Dieser Zustand ist eine Tatsache, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Sie darf uns aber nicht in Lethargie, Wehklagen und Untätigkeit zurückfallen lassen.

Unser Prophet (s.a.s) hat selbst Zeiten der Ablehnung und Anfeindung erfahren. Er hat Unrecht und Gewalt erdulden müssen. Im Angesicht all dieser Erfahrungen hat er das Wort Gottes verkündet, das uns in Sure 2, 177 daran erinnert: „Fromm sind auch die, […], die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig sind, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

Wenn wir Unrecht und Benachteiligung beklagen, kann die Geduld allein aber nicht der Schlüssel zur Verbesserung unserer Lebensumstände sein. Denn dazu sind wir als Muslime ja berufen: aktiv zu sein, nicht einfach zu verharren und sich in Selbstmitleid einzurichten, sondern zu handeln. Wie aber soll dieses Handeln konkret aussehen?

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Schenkt euch Zeit

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die unsere (Lebens-)zeit fest im Griff hat. Nicht wir managen unsere Zeit, sondern die Anforderungen unserer Gesellschaft. Unsere Arbeitszeiten, Essenszeiten, Freizeit- und Aktivitätenzeiten und Schlafenszeiten scheinen vorprogrammiert zu sein, um einen sozial anerkannten Platz in unserer Gesellschaft zu haben. Diese latente Fremdbestimmung führt dazu, dass wir von einem Termin zum anderen hetzen, ohne dabei zu merken, was dieser Druck mit uns macht. Am Ende des Tages sind wir erschöpft und haben weder Zeit noch Energie für die Menschen um uns, da wir den ganzen Tag wie eine Maschine funktionieren mussten.

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Macht der böse Andere mich zum Guten?

In unserer muslimischen Community im Allgemeinen und hier in Europa im Speziellen hat sich in den letzten Jahren, ja vielleicht sogar Jahrzehnten ein Automatismus entwickelt, was wir kaum in der Lage sind zu hinterfragen. Vielmehr werden wir wie ein Sog hineingezogen, getrieben von Emotionen und in Abwesenheit einer grundlegenden Reflektion darüber.

Immer wieder werden tragische Vorkommnisse oder Negativereignisse herangezogen, um Gläubige in verschiedener Weise zu mobilisieren, statt darüber zu reflektieren, welche Lehren man als Gemeinschaft aus diesen Ereignissen ziehen kann, und welche Fehlentwicklungen auf unserer Seite erst dazu geführt haben. So heißt es im Koran: „Was dich an Gutem trifft, ist von Allah, und was dich an Bösem trifft, ist von dir selbst.“ (4:79)

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