Werden und Sein

Es ist das Jahr 1984. Los Angeles. Olympische Spiele. Das Finale der Judo Wettkämpfe der Männer in der offenen Klasse. Auf der Judomatte steht der Ägypter Mohamed Ali Rashwan, bereit als erster afrikanischer Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen in die Geschichte des Judo-Sports einzugehen. Sein Gegner in diesem Finale ist einer der erfolgreichsten japanischen Judoka: In seiner etwa 15 Jahre dauernden Wettkampfkarriere hat er über 500 Kämpfe gewonnen. Seit 1977 bis zu seinem Rücktritt 1985 wird er in internationalen Wettkämpfen unbesiegt bleiben und 203 Kämpfe gewonnen haben – Yasuhiro Yamashita gilt bei diesen Olympischen Spielen als unbesiegbar.

Was Yamashita bis zu diesem Finale versucht hat, vor seinen Gegner zu verheimlichen: Im Vorrundenkampf gegen Arthur Schnabel hat er sich eine schwere Verletzung in der Wadenmuskulatur zugezogen. Die Verletzung ist so schwer, dass sie nun vor diesem Finalkampf unübersehbar geworden ist. Yamashita betritt die Judomatte mit langsamen Schritten, humpelnd. Sein rechtes Bein zieht er für alle sichtbar nach. Er kann es kaum mit seinem Gewicht belasten, geschweige denn im Kampf einsetzen. Seine Niederlage scheint gewiss, wenn sein Gegner Rashwan auch nur eine Kampftechnik gegen dieses verletzte Bein Yamashitas anwendet.

Aber Rashwan unterlässt jeden Versuch, Yamashita über dessen verletztes Bein anzugreifen. Die Kontrahenten klammern sich am Kragen des jeweils anderen fest, stürzen zu Boden, ringen miteinander, bis Yamashita seinen Gegner mit einer Haltetechnik fixiert und damit die höchst mögliche Wertung erhält. Nach einer Minute und fünf Sekunden ist der Kampf beendet, Yamashita der Sieger, Rashwan der Verlierer.

Bei der Siegerehrung wird nochmal deutlich, wie schwer die Verletzung Yamashitas ist: Rashwan stützt seinen Bezwinger, damit dieser überhaupt das Siegerpodest erklimmen kann.

Was soll diese Geschichte in den Freitagsworten? Was hat sie mit dem Islam zu tun? Sie kann hilfreich dabei sein, Grundbegriffe des Islam näher zu beleuchten, Nuancen im religiösen Vokabular sichtbar werden zu lassen, mit deren Hilfe wir uns der Frage nähern können, woran wir als Muslime überhaupt glauben.

Was ist der Unterschied zwischen Islam und Iman? Oder aus personeller Perspektive formuliert: Was ist der Unterschied zwischen einem Muslim und einem Mumin?

In der Sure 49, Vers 14 heißt es: „Die Beduinen sagen: “”Wir sind gläubig“. Sag: Ihr seid nicht wirklich gläubig. Sagt vielmehr: “Wir haben den Islam angenommen!“ Denn der Glaube ist euch noch nicht ins Herz eingegangen. Wenn ihr aber Allah und seinem Gesandten gehorcht, schmälert er euch nichts von euren Werken. Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben.“

Der Koran teilt uns hier mit, dass der Glaube mehr ist, als das förmliche Bekenntnis. Der Glaube, der Iman, ist nichts, was nur mit einer mündlichen Glaubensformel bekundet werden kann. Er beschreibt vielmehr einen Zustand des Herzens, des Gewissens und der diese Zustände beglaubigenden Tätigkeit.

Der erste Schritt, in den Islam einzutreten, ist ein bedeutsamer Schritt. Er ist Ausdruck einer Absicht, aus dem Zustand des Widerstreits, des inneren und äußeren Konflikts in den Zustand des Friedens – für sich und andere – einzutreten. So wichtig dieser Schritt ist, beschreibt er dennoch keinen Triumph, keinen Sieg und keinen errungenen Erfolg. Er beschreibt den Moment eines Versprechens, einer Zusicherung. Er ist nicht die Manifestation des „Ich bin!“ – er ist die Zusage des „Ich will sein!“.

Und hierin liegt einer der wundersamsten und bewegendsten Merkmale des Islam: Das Versprechen, vom Eintritt in den Islam an den Weg zu einem nicht nur bekundeten, sondern tief empfundenen, verinnerlichten, angeeigneten Glauben, also den Weg zum Iman zu suchen. Aber diese Suche ist kein heiliger Aktionismus, kein frommer Eifer. Sie ist die Bereitschaft zur Ergebenheit.

Viel zu oft wird diese Ergebenheit im Islamdiskurs als „Unterwerfung“ missverstanden und fehlinterpretiert. Was Allah uns abverlangt, ist nicht eine passive Unterwerfung, sondern ein tätiger Akt gleichzeitiger Ab- und Hinwendung. Sich vom Zorn abzuwenden, und sich der Geduld hinzuwenden. Fort von der Vergeltung, hin zur Vergebung. Weg von Eigensucht, hin zu Mitgefühl und Mildtätigkeit.

Sich zu ergeben bedeutet in diesem Sinne die Überwindung unseres Selbst, unseres Ego und das sich Ausliefern in die Zuversicht, dass diese Überwindung für uns und jeden um uns Gutes bewirken wird. So ist auch der Vers 18 in Sure 3 zu verstehen, wo es heißt: “Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam.“

Diesen Vers als Anspruch auf Exklusivität zu verstehen, ihn als Anspruch auf Überlegenheit zu verstehen, würde bedeuten, sich dem Konflikt, dem Widerstreit, der Hybris und der Verachtung anderer zuzuwenden. Es würde bedeuten, dass die eigene Begierde nach Überlegenheit über andere sich an die Stelle der Demut und der Ergebenheit in Allah setzt. Es würde bedeuten, dass wir an unserem Versprechen, uns Allah zu ergeben, gescheitert sind.

Die Religion bei Allah ist also nicht die Beschreibung einer bestimmten Orthopraxie, nicht die körperliche Ertüchtigung in religionspraktischen Ritualen. Die Religion bei Allah ist die fortwährende Herausforderung, sich selbst zum Wohle anderer zu überwinden.

Deshalb heißt es in Sure 4, Vers 94: „Oh, die ihr glaubt, wenn ihr auszieht auf Allahs Weg, so seid achtsam und sagt nicht zu jedem, der euch den Friedensgruß bietet: “Du bist kein Gläubiger.”

Hier ist von dem die Rede, der friedlich grüßt, also den Frieden anbietet und sich und seinem Nächsten wünscht. Diesem soll nicht abgesprochen werden, ein Mumin, also ein Gläubiger zu sein.

Denn das Rituelle mag uns trennen. Aber in dem Moment, in dem wir uns über das Rituelle hinweg dem Essenziellen ergeben, können wir entdecken, was uns eint.

Diese uns einende Ergebenheit beschreibt der Koran in Sure 2, Vers 112 mit den Worten: „Doch wer Allah sein Antlitz ergeben zuwendet und gute Werke verrichtet, hat seinen Lohn bei seinem Herrn. Diese brauchen keine Angst zu haben und sollen nicht traurig sein.“

Sich vom Triumph abzuwenden, auf die Ehrungen und Titel und Siegeshymnen zu verzichten, sich besiegen zu lassen, um dem Nächsten keinen Schaden zuzufügen, keine Schwäche auszunutzen, um der Stärkere zu sein – das sind Versprechen, die wir mit Eintritt in den Islam abgeben. Mancher kann sich überwinden, sie einzuhalten. Der Lohn liegt in der Ahnung, dass wir uns in solchen Augenblicken mit unserem Antlitz Allah zugewandt haben. (mk)