Worauf es ankommt

Wir Muslime sind eine vielbeachtete Minderheit in Deutschland. Die Beschäftigung mit dem Islam hat in unserer Gesellschaft viele Facetten und unterschiedlichste Ausprägungen. Manchmal erleben wir als Muslime auch Ablehnung oder gar Anfeindung. Dieser Zustand ist eine Tatsache, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Sie darf uns aber nicht in Lethargie, Wehklagen und Untätigkeit zurückfallen lassen.

Unser Prophet (s.a.s) hat selbst Zeiten der Ablehnung und Anfeindung erfahren. Er hat Unrecht und Gewalt erdulden müssen. Im Angesicht all dieser Erfahrungen hat er das Wort Gottes verkündet, das uns in Sure 2, 177 daran erinnert: „Fromm sind auch die, […], die in Not und Leid und zur Zeit der Gewalt geduldig sind. Sie sind es, die wahrhaftig sind, und sie sind die Gottesfürchtigen.“

Wenn wir Unrecht und Benachteiligung beklagen, kann die Geduld allein aber nicht der Schlüssel zur Verbesserung unserer Lebensumstände sein. Denn dazu sind wir als Muslime ja berufen: aktiv zu sein, nicht einfach zu verharren und sich in Selbstmitleid einzurichten, sondern zu handeln.

Wie aber soll dieses Handeln konkret aussehen? Manch einen unter uns Muslimen führt die Suche nach einer Antwort auf diese Frage in die Verirrung, Schlechtes mit Schlechtem zu vergelten. Er verliert sich in seiner Wut und Auflehnung gegen das Schlechte, das er erfahren hat. Wenn aber – und davon sind wir als Muslime ja überzeugt – unsere irdische Existenz eine göttliche Prüfung darstellt, dann kann unsere Antwort auf die Herausforderung des Unrechts, nicht die Vergeltung mit ähnlichem oder gar größerem Unrecht sein! Das kann nicht „der rechte, der gerade Weg“, der „siratel mustakim“ sein, den wir bei jedem unserer Gebete als den Weg beschwören, auf den uns Gott führen möge.

Wie soll also unser Handeln nun konkret aussehen? Es gibt einen Moment, von dem wir von Gott erbitten, dass er einem jeden von uns wenigstens einmal in seinem Leben vergönnt sein möge: Den Moment, in dem wir das „Haus Gottes“, die Kaaba in Mekka, mit eigenen Augen sehen und die Gnade erfahren, sie in der Tawaf zu umkreisen. Damit erinnern wir nicht nur an die Tradition unseres Propheten (s.a.s.), sondern auch symbolhaft an den Kreislauf alles Irdischen, alles Vergänglichen und damit an den Kreislauf der gesamten Schöpfung, die uns auf Erden und im Universum umgibt.

Der Vers, den wir in diesem vielleicht bedeutsamsten aller rituellen Momente eines muslimischen Lebens am häufigsten rezitieren, zeigt uns, worauf Gott seine Offenbarung konzentriert. Diesen Vers müssen wir unbedingt verinnerlichen. Wir müssen uns in jedem Moment unserer irdischen Suche nach Gott an diesen Vers erinnern, den wir bei der Tawaf wiederholt rezitieren. Und wir dürfen diesen Vers gerade auch im Angesicht des Unrechts und der Ablehnung niemals vergessen – es ist Sure 2, Vers 201:  „[…] Rabbena atina fid dunya haseneten ve fil ahirati haseneten ve kina azaben nar.“ „Unser Herr, gib uns das Gute und Schöne auf Erden und gib uns im Jenseits das Gute und Schöne und bewahre uns vor der Pein des Feuers.“

All jene, die glauben, im Wettstreit um das Jenseits sich und anderen hier auf Erden Unrecht und Gewalt antun zu müssen, sind jene, die vom Feuer ihres Zorns gepeinigt und verzehrt werden. Nur jene, die ihr Leben für das Gute und Schöne hier im Diesseits aufwenden, die wie es Gott an anderer Stelle im Koran sagt, sich in den Wettstreit um die guten Taten und um die Rechtschaffenheit begeben, können darauf hoffen, Gutes und Schönes im Jenseits zu erhalten.

Also kann unsere muslimische Antwort auf Unrecht und Klage nur sein, dass wir umso mehr, umso leidenschaftlicher Gutes und Schönes in die Welt tragen, auf das alle Menschen daran teilhaben mögen. Jeder von euch kann heute schon damit beginnen, hier und jetzt, in seiner Gemeinde, in seiner Nachbarschaft, in seiner Heimatstadt. (mk)


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