{"id":839,"date":"2018-11-23T09:55:24","date_gmt":"2018-11-23T08:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=839"},"modified":"2021-03-27T18:29:17","modified_gmt":"2021-03-27T17:29:17","slug":"allein-mit-dem-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/11\/23\/allein-mit-dem-tod\/","title":{"rendered":"Allein mit dem Tod"},"content":{"rendered":"\n<p>Diesen Freitag geht es um ein sehr pers\u00f6nliches Thema. Ein Thema, das uns alle angeht, uns alle betrifft. Die Gedanken daran flackern von Zeit zu Zeit in jedem von uns auf. Sie besch\u00e4ftigen uns eine Weile und dann verdr\u00e4ngen wir sie wieder. Es ist ein Thema, das uns daran erinnert, was es bedeutet, zu leben &#8211; und sich seiner Verg\u00e4nglichkeit bewusst zu sein. Wir wissen um die Endlichkeit unseres Lebens, auch wenn wir uns in besonderen Momenten, h\u00e4ufig in Gl\u00fccksmomenten voller Euphorie und \u00dcberschwang, nahezu unsterblich f\u00fchlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wieviel Lebenszeit uns jeweils bemessen ist, wissen wir in der Regel nicht. Manchmal rei\u00dft der Tod geliebte Menschen mitten aus unserem Leben. Manchmal durchleben wir als Betroffene oder als Angeh\u00f6rige die schwere Pr\u00fcfung von Krankheit und Leid im Angesicht des bald gewissen Todes.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass jeder anders mit diesem Thema und den schwierigen Situationen von Verlust und Abschied umgeht. Ich bin mir aber auch sicher, dass es Augenblicke und Empfindungen gibt, die sich \u00e4hneln, die vergleichbar sind. Ich will von solchen Momenten in meinem Leben erz\u00e4hlen, weil ich glaube, in diesen Situationen mit Fragen konfrontiert worden zu sein, die uns alle betreffen und vielleicht auch belasten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht gelingt es, mit diesem Freitagswort einige Gedanken anzusto\u00dfen, Nachdenklichkeit herzustellen, damit wir in diesen intensiven Momenten unserer Lebenserfahrung mehr Trost und Halt finden, als es momentan oft der Fall ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe im Dezember 2015 meine Mutter nach v\u00f6llig \u00fcberraschender, kurzer und schwerer Krankheit verloren. Im vergangenen M\u00e4rz starb mein Vater in hohem Alter friedlich im Schlaf. Beide habe ich in meiner Heimatstadt L\u00fcbeck beerdigt. Ein gro\u00dfer Beistand waren mir dabei die lokale Moscheegemeinde und ihre Mitglieder. Ihre Anteilnahme, Unterst\u00fctzung und Hilfe waren wichtige Momente einer gemeinschaftlich gelebten Religion, die in den wichtigen Momenten des Lebens und Sterbens das Gef\u00fchl von Geborgenheit und R\u00fcckhalt vermitteln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb ist es mir wichtig, dass dieses Freitagswort nicht als Kritik verstanden wird, sondern als ganz pers\u00f6nliche Erfahrung und vielleicht als Selbstbefragung dar\u00fcber, ob unsere Selbstverst\u00e4ndlichkeiten und gewohnten, einge\u00fcbten Praktiken nicht besser auf unsere menschlichen Bed\u00fcrfnisse und Empfindungen angepasst werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu unseren Trauerritualen geh\u00f6rt es, die Verstorbenen m\u00f6glichst schnell zu beerdigen. In der Regel soll die Erdbestattung innerhalb von drei Tagen nach Eintritt des Todes erfolgen. Das ist ein Zeitraum, in dem der Verlust alle Gedanken und Handlungen \u00fcberlagert. Die Erfahrung des Verlustes eines nahen Angeh\u00f6rigen, eines Elternteils wirkt geradezu bet\u00e4ubend. Man kann nicht in gewohnter Weise denken und reagieren. Man f\u00fchlt sich oft einsam, auch in Gesellschaft von Trauerg\u00e4sten und Freunden, die einem beistehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ritual der schnellen Beerdigung l\u00e4sst kaum Raum f\u00fcr die Artikulation von Gef\u00fchlen, f\u00fcr das Erinnern, Reden und Gedenken an die Verstorbenen. Die Vorbereitung auf die Bestattung, das Totengebet und die tats\u00e4chliche Einbettung der Verstorbenen in das Grabfeld verl\u00e4uft meinem Empfinden nach routiniert und gehetzt zugleich. Es geht kaum darum, sich an die Verstorbenen zu erinnern, \u00fcber sie zu sprechen oder die Erinnerung an sie miteinander zu teilen. Es sind Stunden, die durch praktische Zw\u00e4nge vorbestimmt sind und kaum Raum lassen f\u00fcr eine individuelle Art der Trauer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle meines Vaters habe ich als n\u00e4chster Angeh\u00f6riger gleichen Geschlechts die Totenwaschung und Einh\u00fcllung des Verstorbenen in die Leichent\u00fccher vorgenommen bzw. mich dabei vom Imam anleiten und unterst\u00fctzen lassen. Es ist eine intensive Erfahrung, seinen Vater in dieser Weise zu verabschieden. Ihn ein letztes Mal herzurichten, ihn auf die letzte Reise vorzubereiten. Das Wasser und die sanfte Waschung aller K\u00f6rperglieder lockern die Totenstarre und vermitteln ein Gef\u00fchl von Nachgiebigkeit und Z\u00e4rtlichkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man empfindet Dankbarkeit. Man stellt sich vor, wie die eigenen Eltern einen selbst in fr\u00fchester Kindheit gepflegt, gereinigt, umsorgt und jeden Tag mit Freude, aber sicher auch mit \u00c4ngsten und Sorgen, auf die Unw\u00e4gbarkeiten des Lebens vorbereitet haben. Nun gibt man einen Bruchteil dieser F\u00fcrsorge zur\u00fcck und bereitet seinen Vater auf ein Leben nach dem Tod vor, das trotz aller Glaubens\u00fcberzeugung angesichts der unmittelbar sichtbaren k\u00f6rperlichen Verg\u00e4nglichkeit doch auch Momente des Zweifelns und der Ungewissheit in sich birgt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hinabsteigen in das Grabfeld und das eigenh\u00e4ndige Einbetten zur letzten Ruhe sind ein finaler Moment gro\u00dfer Intensit\u00e4t und gleichzeitig die unumkehrbare Manifestation endg\u00fcltiger Trennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit all diesen Gef\u00fchlen und Eindr\u00fccken ist man letztlich alleingelassen. Die wertvolle Hilfe der Gemeinde und des Imam wirken bei n\u00fcchterner Betrachtung gehetzt. Es wird einem bewusst, dass es die Abarbeitung praktischer Notwendigkeiten sind, denen man in seinen intimsten und verletzlichsten Augenblicken letztlich ausgeliefert ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Imam kennt den Verstorbenen nicht. Er ist nur an seinem Namen interessiert, um ihn kurz zu erw\u00e4hnen, wenn er seine routinierten Gebete rezitiert. Gef\u00fchlt immer mit Blick auf die Uhr, weil die n\u00e4chste Gebetszeit bevorsteht und er schnell wieder in die Moschee will, um seinen Dienst zu verrichten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit bleibt ihm nur f\u00fcr ermahnende Worte an die Trauergemeinde, dass das muslimische Grabfeld optisch nicht den Kriterien entspricht, die er f\u00fcr angemessen h\u00e4lt. All diese Figuren, Bilder der Verstorbenen, Laternen, Kerzen, Blumen. All das sei unislamisch und tunlichst zu vermeiden. Nochmal herzliches Beileid und auf Wiedersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erfahrung von Routine ermutigt einen nicht, im Anschluss das Gespr\u00e4ch zu suchen, um \u00fcber seine Gef\u00fchle und Gedanken zu sprechen. Eine professionelle Sterbebegleitung oder Nachsorge mit Blick auf die Angeh\u00f6rigen gibt es nicht. Seelsorgerische Beratung und Begleitung bleibt h\u00e4ufig&nbsp; dem Talent oder der Empfindsamkeit des jeweiligen Imam \u00fcberlassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das tradierte Ritual der Beerdigung l\u00e4sst keinen Raum f\u00fcr individuelles Erinnern, gar gemeinschaftliches Reden und Gedenken an die Verstorbenen. Was ihnen wichtig und lieb war, was ihnen Freude bereitet hat, an welche besonderen Momente man sich erinnert und welche Bereicherung sie f\u00fcr das eigene Leben bedeutet haben. All das bleibt unausgesprochen oder wird in die folgenden Tage des stillen Trauerns in den eigenen vier W\u00e4nden verlagert. Das Leben, das die Verstorbenen gef\u00fchrt haben, spielt im Augenblick des k\u00f6rperlichen Abschieds keine Rolle. Es bleibt unausgesprochen, unerw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob das nur ganz eigene, ganz individuelle Erfahrungen sind. Wenn sie es nicht sind, wenn sich andere in diesen Erfahrungen wiedererkennen, m\u00fcssen wir handeln und unsere gemeindliche Praxis \u00e4ndern. Denn: \u201eDie Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht\u201c. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Freitag geht es um ein sehr pers\u00f6nliches Thema. Ein Thema, das uns alle angeht, uns alle betrifft. Die Gedanken daran flackern von Zeit zu Zeit in jedem von uns auf. Sie besch\u00e4ftigen uns eine Weile und dann verdr\u00e4ngen wir sie wieder. 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