{"id":836,"date":"2018-11-16T09:55:22","date_gmt":"2018-11-16T08:55:22","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=836"},"modified":"2018-11-16T01:43:27","modified_gmt":"2018-11-16T00:43:27","slug":"die-kultur-des-sprechens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/11\/16\/die-kultur-des-sprechens\/","title":{"rendered":"Die Kultur des Sprechens"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Menschen bedienen wir uns der Sprache, um zu kommunizieren. Dies zeichnet uns Menschen aus und hebt uns von anderen Wesen ab. Sprache ist mehr als ein Mittel. Sprache ist konstituierend und spiegelt mehr als unsere Gef\u00fchle, Ideen und Eindr\u00fccke wieder. Sie ist Ausdruck unseres Seins. \u201e<em>Sein, dass verstanden werden kann, ist Sprache<\/em>\u201c, sagte Hans Georg Gadamer. Durch Sprache konstituieren und konstruieren wir unsere Welt und dies hat wieder Auswirkung auf uns und auf die Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als muslimische Minderheit kommunizieren wir nicht nur in unseren Muttersprachen, sondern bedienen uns der deutschen Sprache, nicht nur weil junge Menschen die Sprache ihrer Eltern nicht mehr beherrschen. Wir m\u00f6chten Inhalte, Ideen, Thesen und Eindr\u00fccke in die deutsche Sprachwelt \u00fcbertragen. Manchmal \u00fcbersetzen wir oder generieren hierbei neue Inhalte. Die Grundannahme dabei ist, dass dies Teil eines offenen Diskurses ist bzw. sein sollte- der offen ist f\u00fcr Rede und Gegenrede. Mit diesem Diskurs pr\u00e4gen wir als Pioniere eines deutschsprachigen Islams eine eigene Sprachkultur, einen Habitus.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es gibt nur wenige mediale Plattformen, \u00fcber die Muslime miteinander oder mit der Au\u00dfenwelt kommunizieren. Der Hauptteil der Kommunikation, wenn nicht hinter verschlossenen T\u00fcren, erfolgt \u00fcber Social Media. Es irritiert nicht nur, es ist mittlerweile entt\u00e4uschend zu sehen, dass Protagonisten des Islams in Deutschland sich \u00fcber Social Media verbal zerfleischen. Es liegt mit Sicherheit auch am Medium. Es erlaubt, teilweise durch die Erm\u00f6glichung von Fakeaccounts, Fakenews usw. Eindr\u00fccke zu vermitteln, Ideen zu transportieren, die nichts mit der Realit\u00e4t zu tun haben. Desweiteren erm\u00f6glicht es Einzelpersonen, eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Menschen zu erreichen, als dies physisch m\u00f6glich w\u00e4re. Dies gibt Akteuren die M\u00f6glichkeit Stimmung zumachen und zu manipulieren. Vor allem erm\u00f6glicht und kreiert es eine Diskussionskultur, in der zwangsweise komplexe Inhalte auf wenige S\u00e4tze reduziert werden und dabei Missverst\u00e4ndnisse vorprogrammiert sind. Zudem ist es kaum m\u00f6glich, die emotionale Betroffenheit des Gegen\u00fcber zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit schaden sie nicht nur sich selbst, sondern auch der Jugend, die Hinweise erwarten, wie ein Leben als Muslim in Deutschland aussehen kann. L\u00e4ngst haben sich viele aufgeweckte junge Menschen von den Verb\u00e4nden abgewendet, weil sie nicht erkennen k\u00f6nnen, dass diese ihre Interessen vertreten, geschweige denn ihnen Halt und Inhalt f\u00fcr ihr Leben in einem nicht-muslimischen Kontext geben k\u00f6nnen. Sie sch\u00fctteln aber auch oftmals den Kopf, wenn sie einzelne Akteure aus dem muslimischen Milieu beobachten, die an der Lebenswirklichkeit der Muslime vorbeireden, in ein Selbstgespr\u00e4ch verfallen und den Bezug zur Basis schon l\u00e4ngst verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist zu tun? Im Koran hei\u00dft es: \u201e<em>Ihr Gl\u00e4ubigen! La\u00dft euch nicht so viel auf Mutma\u00dfungen ein!Mutma\u00dfungen anstellen ist manchmal S\u00fcnde. Und spioniert nicht und sprecht nicht hintenherum schlecht voneinander. M\u00f6chte (wohl) einer von euch (wie ein Aasgeier) das Fleisch seines toten Bruders verzehren? Das w\u00e4re euch doch zuwider F\u00fcrchtet Allah! Er ist gn\u00e4dig und barmherzig.<\/em>\u201c (Sure Hudschurat, Vers 12).<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus lassen sich folgende Prinzipien f\u00fcr das Miteinander ableiten:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Sich vor Mutma\u00dfungen h\u00fcten (z.B. keine Mutma\u00dfungen dar\u00fcber anzustellen, mit welchen Absichten ein Mensch etwas sagt oder wie er\/sie handelt)<\/li><li>Ausspionieren ist verboten<\/li><li>Die Nachrede ist eine S\u00fcnde (dies wird als eine abscheuliche Tat bezeichnet, welche mit dem Essen des Fleisches eines toten Bruders verglichen wird.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wie kann nun Kommunikation gelingen?Verst\u00e4ndigung ist nach J\u00fcrgen Habermas \u201e<em>ein Proze\u00df, der Unverst\u00e4ndnis und Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, Unwahrhaftigkeit sich und anderen gegen\u00fcber,schlie\u00dflich Nicht-\u00dcbereinstimmungen auf der gemeinsamen Basis von Geltungsanspr\u00fcchen zu \u00fcberwinden sucht<\/em>\u201c (Habermas 1984, S.253).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese \u00dcberwindung hat jeder das Recht, ob in einem Verband Mitglied oder nicht, sich in den Diskurs einzubringen \u2013 unter der Bedingung, \u201e<em>dass keine Vormeinung auf Dauer der Thematisierung und der Kritik entzogen bleibt<\/em>\u201c. Und ohne irgendwelche unsachlichen Mutma\u00dfungen \u00fcber seine\/ihre Absicht aufzustellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei sollten wir uns immer wieder fragen, quasi als Selbstgespr\u00e4ch, warum wir kommunizieren: in welcher Absicht sprechen wir? Denn Allah wird uns nach unseren Absichten belohnen. Wenn wir sprechen und wenn wir schreiben,folgen wir der Absicht, uns ehrlich in einen Diskurs einzubringen oder folgen wir unserem Ego? Als Menschen k\u00f6nnen wir uns dabei nicht ganz von unseren Absichten, Trieben usw. befreien, aber es sollte zu mindestens m\u00f6glich sein,uns selbst dar\u00fcber Rechenschaft abzulegen. Ansonsten erleben wir Kritik als pers\u00f6nlichen Angriff und geraten damit in einen sprichw\u00f6rtlichen Teufelskreis geraten. Die Redlichkeit im Sinne von Habermas erfordert, dass jeder die gleichen Chancen haben sollte, am Diskurs teilzunehmen. Wir erleben aber bei Foren, auf Facebook, Onlinemagazinen usw. das Beitr\u00e4ge gel\u00f6scht, redigiert oder erst gar nicht ver\u00f6ffentlicht werden \u2013 weil sie eben nicht der eigenen Meinung entsprechen. Dies widerspricht dem Prinzip der Redlichkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer offenen, selbstkritischen Kommunikation, der Spielregeln einh\u00e4lt und auf einer sachlichen, relativ emotionsfreien Ebene bleibt, kommen wir weiter. Oftmals lassen wir uns aber von unseren Gef\u00fchlen leiten, vergessen Ermahnungen zu Nachrede und Mutma\u00dfungen im Koran,verschlie\u00dfen uns der Kritik und f\u00fchren einen Monolog von Gleichgesinnten. Wollen wir dies \u00fcberwinden, bedarf es einer eingehenden Selbstreflexion und vielleicht auch eine Horizontenverschmelzung (Gadamer), die die Andersartigkeit des Anderen im Gespr\u00e4ch anerkennt. Der Toleranz, die wir von Nicht-Muslimen f\u00fcr den Islam und die Muslime berechtigter Weise erwarten, sollten wir zuerst gegen\u00fcber unseren eigenen muslimischen Geschwistern praktizieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Folglich mein Aufruf: Lasst uns sachlich kommunizieren auf Augenh\u00f6he und von Angesicht zu Angesicht &#8211; wenn m\u00f6glich nicht \u00fcber Social Media. Dabei werden wir manchmal \u00fcber unseren Schatten springen m\u00fcssen: Aber es lohnt sich, bestimmt!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Gastbeitrag von Dr. Ismail Yavuzcan<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folglich mein Aufruf: Lasst uns sachlich kommunizieren auf Augenh\u00f6he und von Angesicht zu Angesicht &#8211; wenn m\u00f6glich nicht \u00fcber Social Media. 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