{"id":759,"date":"2018-09-14T09:50:50","date_gmt":"2018-09-14T07:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=759"},"modified":"2018-09-13T19:10:01","modified_gmt":"2018-09-13T17:10:01","slug":"gewissensfragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/09\/14\/gewissensfragen\/","title":{"rendered":"Gewissensfragen"},"content":{"rendered":"\n<p>Gew\u00f6hnlich findet sich freitags an dieser Stelle ein Text, mit dem das Thema Spiritualit\u00e4t im Islam angesprochen wird. Oder die Autoren versuchen, eben jene Spiritualit\u00e4t durch ihre Texte sp\u00fcrbar zu machen. Aber zuweilen hat man das Gef\u00fchl, dass die \u00e4u\u00dferen Bedingungen unserer Existenz unsere Gedankenwelt derart \u00fcberlagern, dass kein Platz mehr f\u00fcr Spiritualit\u00e4t bleibt, dass die Kakophonie menschlicher Verfehlungen so laut wird, dass man seine innere Stimme nicht mehr h\u00f6ren kann. Dieser L\u00e4rm \u00fcbert\u00f6nt jeden Versuch der inneren Einkehr und hindert uns daran, uns auf das Wesentliche zu besinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Randst\u00e4ndige, das Unbedeutende ist in solchen Momenten derart penetrant und \u00fcbergriffig, dass es nicht mehr ausreicht, diese Einfl\u00fcsse zu ignorieren. In den letzten Tagen war ein solcher L\u00e4rm zu h\u00f6ren, der die vorsichtigen und bedachten Stimmen, die sich mit den Existenzbedingungen der Muslime in Deutschland besch\u00e4ftigen, zu \u00fcbert\u00f6nen versuchte. Es war ein Umgangston, der von Hass und dem Wunsch nach Ausgrenzung getrieben war.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Solche W\u00fcnsche entstehen nicht in Momenten der St\u00e4rke. Sie sind das Ergebnis von Unsicherheit, von eigener Ungewissheit und damit Manifestationen einer verdr\u00e4ngten Schw\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>In solchen Momenten k\u00f6nnen Glaubenswelten ins Wanken geraten. Es sind Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass wesentliche Fundamente unseres Glaubens nicht mehr richtig verankert sind. Sie erzeugen dadurch Augenblicke der Unglaubw\u00fcrdigkeit und sind damit dazu geeignet, Menschen vom Glauben wegzuf\u00fchren.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht fruchtbar mit Koranversen, Glaubensgrunds\u00e4tzen, Prophetenworten oder Offenbarungsbotschaften besch\u00e4ftigen, wenn die wesentlichen Grunds\u00e4tze unseres zwischenmenschlichen Miteinanders und die wesentlichen Fundamente unserer Glaubensbereitschaft versehrt sind, wenn sie br\u00fcchig geworden sind durch die Relativierungen des Alltages und die Kompromisse, die wir eingegangen sind, um ganz pers\u00f6nlichen Geltungsanspr\u00fcchen zu gen\u00fcgen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb soll dieses Freitagswort dazu dienen, dabei helfen, uns einige wichtige Elemente &#8211; versch\u00fcttete Selbstverst\u00e4ndlichkeiten &#8211; unseres Glaubensverst\u00e4ndnisses wieder ins Bewusstsein zu bringen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Niemand ist unfehlbar. Die Gewissheit, das eigene Tun sei vollkommen, ist eine Illusion. Diese Gewissheit m\u00fcssen wir immer wieder hinterfragen, immer wieder anzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Der Islam ist keiner Organisation, keinem Verein, keiner Berufsgruppe anvertraut, sondern jedem einzelnen Menschen. Der Koran beschreibt (auch) eine individuelle Gotteserfahrung und leitet aus ihr eine individuelle Verantwortung ab \u201e [&#8230;] Fand er dich nicht irrend und leitete dich? Fand er dich nicht bed\u00fcrftig und machte dich reich? So tu der Waise nicht Unrecht, weise den Bittenden nicht ab und k\u00fcndige von der Gnade deines Herrn!\u201c (vgl. Sure 93, 7 ff.) Wer kann sich anma\u00dfen, andere Muslime daran zu hindern oder daf\u00fcr zu schelten, dass sie ihre individuelle Erfahrung von der Gnade ihres Herren mit der Welt teilen?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Berufliche oder soziale Hierarchien sind keine Hierarchien der Fr\u00f6mmigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Auch Autorit\u00e4ten, auch solche staatlichen Charakters oder aufgrund sozialen Ansehens, sind fehlbar.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Wer nicht bereit ist, sich zu ver\u00e4ndern, kann sich nicht verbessern, kann sich nicht l\u00e4utern und verweigert sich bereits dem Versuch, sich zu vervollkommnen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; \u00dcber weltliche Macht zu verf\u00fcgen, bedeutet nicht, im Recht zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; David bringt Goliath zu Fall, nicht weil sein Arm so stark ist, sondern weil Goliath sich f\u00fcr unbezwingbar h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Was Adam von den anderen Gesch\u00f6pfen unterscheidet, was ihn zum Menschen macht, ist seine F\u00e4higkeit zur Auflehnung, zum Widerspruch, seine Verweigerung unbedingten Gehorsams.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Wer Fehler verdeckt, hilft nicht dabei, sie zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Die Wahrheit, so schmerzlich sie im Augenblick auch sein mag, ist auf lange Sicht nie so sch\u00e4dlich wie die L\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Der Wettstreit in den guten Taten ist kein Konkurrenzkampf zwischen Gegnern. Er ist die M\u00fche, einander geschwisterlich zu Besserem anzuspornen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Der Glanz des Hochmuts kann einen derart blenden, dass millionenfaches Unrecht nicht mehr wahrgenommen wird &#8211; obwohl es einem Tag f\u00fcr Tag vor Augen steht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Fr\u00f6mmigkeit ist nicht messbar, schon gar nicht an \u00c4u\u00dferlichkeiten erkennbar. Deshalb sollte niemand sich anma\u00dfen, \u00fcber das Unsichtbare zu urteilen.\u00a0 \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Kritik ist keine Respektlosigkeit. Kritik ist keine Beleidigung. Kritik ist der Ausdruck gr\u00f6\u00dfter Zuneigung, denn der Kritiker will, dass der Gegenstand seiner Kritik sich verbessert.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Ein Imam betet mit dem R\u00fccken zur Gemeinde, weil die Gemeinde sich nur vor Allah verbeugt, aber nicht vor dem Imam.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; M\u00f6gen wir uns stets daran erinnern, was wir bei jedem Ritualgebet rezitieren: \u201e[&#8230;] Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe. F\u00fchre uns den geraden Weg, den Weg derjenigen, denen Du Deine Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die Deinen Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden.\u201c (Vgl. Sure 1)<\/p>\n\n\n\n<p>Machen wir uns immer wieder aufs Neue bewusst, dass ein Weg nicht zum geraden Weg wird, nur weil die scheinbar Beg\u00fcnstigten ihn beschreiten. Vielmehr m\u00fcssen wir uns auf den tats\u00e4chlich geraden Weg begeben, um Seine Gunst zu erlangen. Und m\u00f6ge Er uns die Einsicht schenken, beides voneinander unterscheiden zu k\u00f6nnen. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gew\u00f6hnlich findet sich freitags an dieser Stelle ein Text, mit dem das Thema Spiritualit\u00e4t im Islam angesprochen wird. Oder die Autoren versuchen, eben jene Spiritualit\u00e4t durch ihre Texte sp\u00fcrbar zu machen. 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