{"id":698,"date":"2018-08-03T09:50:49","date_gmt":"2018-08-03T07:50:49","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=698"},"modified":"2018-08-02T20:11:49","modified_gmt":"2018-08-02T18:11:49","slug":"von-beiden-seiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/08\/03\/von-beiden-seiten\/","title":{"rendered":"Von beiden Seiten"},"content":{"rendered":"<p>Wir reden in den letzten Tagen h\u00e4ufig \u00fcber unsere Erfahrungen von Rassismus, von Ausgrenzung und den willk\u00fcrlichen Entzug oder das Vorenthalten von Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Wir beklagen zu Recht die vielen Erlebnisse von Ungleichbehandlung, von Ungerechtigkeit und das, was diese Erlebnisse, diese Gef\u00fchle mit uns machen, in uns ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><!--more-->Und so, wie sich ver\u00e4ndert, was in uns ist &#8211; ob zum Guten oder zum Schlechten &#8211; so beeinflussen wir das, was um uns ist, was uns umgibt und die Bedingungen f\u00fcr unser Leben setzt.<\/p>\n<p>Es geht dabei um Grenzen, die wir uns selbst und einander setzen. Wir nennen sie \u201eKultur\u201c oder \u201eTradition\u201c oder \u201eReligion\u201c. Mit diesen Grenzen versuchen wir, zu bestimmen, was uns eigen ist, was uns ausmacht und von anderen trennt.<\/p>\n<p>Wir vergessen dabei, dass es Grenzen sind, die wir uns selbst setzen, um die Unermesslichkeit, um die grenzenlose Weite dessen, was uns als Sch\u00f6pfung umgibt, \u00fcberhaupt auf den beschr\u00e4nkten Rahmen unserer Einsichtsf\u00e4higkeit herunter zu brechen.<\/p>\n<p>Wir machen uns dabei nicht bewusst, dass die Sch\u00f6pfung Allahs diese Grenzen nicht kennt. Sie ist umfassend, alle und alles in diesem Reichtum vereinend. Wir alle blicken zum gleichen Himmel. Wir tr\u00e4umen alle beim Anblick der gleichen Wolken.<\/p>\n<p>\u201eRows and flows of angel hair<br \/>\nAnd ice cream castles in the air<br \/>\nAnd feather canyons everywhere<br \/>\nI&#8217;ve looked at clouds that way\u201c<\/p>\n<p>Und wir erleben alle, dass manche unserer Tr\u00e4ume nicht Wirklichkeit werden. Dass das Leben uns Pr\u00fcfungen abverlangt, an denen wir zuweilen scheitern.<\/p>\n<p>\u201eBut now they only block the sun<br \/>\nThey rain and snow on everyone<br \/>\nSo many things I would have done<br \/>\nBut clouds got in my way\u201c<\/p>\n<p>Diese Ambivalenz, diese Mehrdeutigkeit begegnet uns in allem, was uns umgibt. Sie ist das Wesen der uns umfassenden Sch\u00f6pfung und sie fordert uns ein Leben lang heraus.<\/p>\n<p>\u201eI&#8217;ve looked at clouds from both sides now<br \/>\nFrom up and down and still somehow<br \/>\nIt&#8217;s cloud&#8217;s illusions I recall<br \/>\nI really don&#8217;t know clouds at all\u201c<\/p>\n<p>Wir leben und leiden in der gleichen Liebe, mit all ihren unterschiedlichen Momenten.<\/p>\n<p>\u201eMoons and Junes and ferries wheels<br \/>\nThe dizzy dancing way you feel<br \/>\nAs every fairy tale comes real<br \/>\nI&#8217;ve looked at love that way\u201c<\/p>\n<p>Der Freude. Und der Verzweiflung. Und wir erleben unsere Verletzlichkeit und die Kr\u00e4nkungen, die sie in uns verursacht.<\/p>\n<p>\u201eBut now it&#8217;s just another show<br \/>\nYou leave &#8217;em laughing when you go<br \/>\nAnd if you care, don&#8217;t let them know<br \/>\nDon&#8217;t give yourself away\u201c<\/p>\n<p>Wir empfinden Bedauern, Menschen verloren zu haben, denen wir noch mehr Liebe h\u00e4tten geben wollen, sie noch mehr h\u00e4tten wissen lassen wollen, wie sehr wir sie liebten. Und dann ist da wieder dieses Gef\u00fchl der unendlichen W\u00e4rme und Geborgenheit, wenn wir in unvorhergesehenen Momenten, kleinen Augenblicken ahnen, sp\u00fcren, wie sehr wir selbst geliebt werden.<\/p>\n<p>\u201eI&#8217;ve looked at love from both sides now<br \/>\nFrom give and take and still somehow<br \/>\nIt&#8217;s love&#8217;s illusions I recall<br \/>\nI really don&#8217;t know love at all\u201c<\/p>\n<p>Wir alle sind hineingeworfen in das gleiche Leben. Die unterschiedlichen Bedingungen, die uns dabei mit auf den Weg gegeben sind, empfinden wir als schicksalhafte Grenzen. Die Nachteile empfinden wir als Ungerechtigkeit. Die Vorteile als vermeintlich verdienten Vorzug.<\/p>\n<p>\u201eTears and fears and feeling proud,<br \/>\nTo say &#8220;I love you&#8221; right out loud<br \/>\nDreams and schemes and circus crowds<br \/>\nI&#8217;ve looked at life that way\u201c<\/p>\n<p>Wir verdr\u00e4ngen dabei, dass wir auf dem gleichen Weg der Pr\u00fcfung sind. Wir alle ver\u00e4ndern uns und wachsen an dem, was uns herausfordert. Wir freuen uns an Dingen und Ereignissen, die sich bald als schlecht und sch\u00e4dlich f\u00fcr uns erweisen. Wir hadern mit R\u00fcckschl\u00e4gen und Niederlagen, die sich dann aber als Segen und gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck f\u00fcr uns entpuppen k\u00f6nnen. So verlieren und gewinnen wir jeden Tag aufs Neue &#8211; selbst wenn wir nichts davon wissen.<\/p>\n<p>\u201eBut now old friends they&#8217;re acting strange<br \/>\nThey shake their heads, they say I&#8217;ve changed<br \/>\nWell something&#8217;s lost, but something&#8217;s gained<br \/>\nIn living every day.\u201c<\/p>\n<p>All das verbindet uns. Auch \u00fcber die von uns willk\u00fcrlich und kurzsichtig gezogenen Grenzen von Herkunft, Sprache oder Glauben hinweg.<\/p>\n<p>Denn Allah hat uns nicht voneinander getrennt erschaffen. Unsere Empfindungen und Erfahrungen einen uns viel mehr, als jede k\u00fcnstlich gezogene Grenze uns trennen mag. Und Allah wirkt hinein in diese Welt, um uns daran zu erinnern.<\/p>\n<p>Vielleicht nicht so unmittelbar, dass wir sein Handeln erfassen k\u00f6nnen. Aber er strahlt ein in unsere Welt durch Bruchstellen unserer Existenz, so dass wir auch in Dingen, die uns scheinbar fremd sind, von denen wir scheinbar durch Grenzen der Sprache und Kultur getrennt zu sein glauben, uns selbst erkennen und von seinem Wirken ber\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>\u201eI&#8217;ve looked at life from both sides now<br \/>\nFrom win and lose and still somehow<br \/>\nIt&#8217;s life&#8217;s illusions I recall<br \/>\nI really don&#8217;t know life at all\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geschieht dies auch durch Erlebnisse oder Personen, die wir nicht als muslimisch wahrnehmen. Denn alles, was uns umgibt, kommt von ihm und ist Ausdruck seines Willens. Und es sind gerade diese v\u00f6llig unerwarteten Momente des kurzen Erkennens, der pl\u00f6tzlichen Ahnung, die uns vielleicht am meisten ber\u00fchren und fasziniert erschaudern lassen angesichts seiner grenzenlosen Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und unserer geistigen Enge, mit der wir all das zu erfassen suchen.<\/p>\n<p>Am Ende bleiben wir zur\u00fcck mit dieser Ahnung seines Wirkens und einem Hinweis, der sich in unterschiedlichen Formulierungen so h\u00e4ufig wiederholt im Koran: \u201eWir wissen es nicht, aber Allah wei\u00df es.\u201c<\/p>\n<p>So sitzt Joni Mitchell 1967 in einem Flugzeug und schaut aus dem Kabinenfenster auf die Wolken, die unter ihr dahinschweben. Sie schreibt dabei einen Song \u00fcber das Tr\u00e4umen und die Ern\u00fcchterung, \u00fcber die Liebe und das Leben.<\/p>\n<p>Sie hat mit dem Islam in Gestalt eines konkreten Glaubensbekenntnisses vermutlich nichts zu tun. Aber wie sie beschreibt, wie unser Erleben doch so ver\u00e4nderlich und widerspr\u00fcchlich sein kann &#8211; und uns alle am Ende zur\u00fcckwirft auf die Ahnung, dass wir nichts wirklich wissen, da erkennen wir, dass jede und jeder, dass alles um uns mit dem Islam als Glaubenswirklichkeit zu tun hat.<\/p>\n<p>Sie beschreibt Empfindungen und Einsichten, die uns allen vertraut sind und uns dadurch in unserer Menschlichkeit einen und anregen, die Grenzen zu \u00fcberwinden, die uns scheinbar trennen.<\/p>\n<p>Denn hier im Diesseits haben wir einander, um uns zu st\u00fctzen in immer wiederkehrenden Momenten der Ratlosigkeit. Und was h\u00e4tten wir denn gewonnen, au\u00dfer Einsamkeit, wenn wir darauf verzichteten, einander beizustehen &#8211; wenn wir wieder einmal feststellen, dass wir gar nichts wissen? Leben wir dann nicht blo\u00df eine eigens\u00fcchtige Illusion dessen, was unser Leben h\u00e4tte sein und h\u00e4tte ver\u00e4ndern k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>\u201eI&#8217;ve looked at life from both sides now<br \/>\nFrom up and down, and still somehow<br \/>\nIt&#8217;s life&#8217;s illusions I recall<br \/>\nI really don&#8217;t know life at all\u201c<\/p>\n<p>(mk)<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/m.youtube.com\/watch?v=aCnf46boC3I\">https:\/\/m.youtube.com\/watch?v=aCnf46boC3I<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir reden in den letzten Tagen h\u00e4ufig \u00fcber unsere Erfahrungen von Rassismus, von Ausgrenzung und den willk\u00fcrlichen Entzug oder das Vorenthalten von Zugeh\u00f6rigkeit. 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