{"id":691,"date":"2018-07-20T09:50:20","date_gmt":"2018-07-20T07:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=691"},"modified":"2018-07-20T00:19:03","modified_gmt":"2018-07-19T22:19:03","slug":"das-anvertraute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/07\/20\/das-anvertraute\/","title":{"rendered":"Das Anvertraute"},"content":{"rendered":"<p>Als Muslime in Deutschland leben wir in einer Zeit, in der unsere Religion und wir als ihre Angeh\u00f6rigen von allen Seiten kommentiert, inspiziert, eingeordnet und stigmatisiert werden. Zunehmend geraten wir als Muslime \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 in eine Rolle, die uns dazu dr\u00e4ngt, uns st\u00e4ndig zu bestimmten Fragen und Themen zu positionieren. Anders ausgedr\u00fcckt sind wir in eine Position geraten, in der wir nicht darstellen, wer oder was wir sind, sondern uns st\u00e4ndig rechtfertigen m\u00fcssen, wer oder was wir nicht sind. \u201eLiberal oder radikal\u201c, \u201es\u00e4kular oder islamistisch\u201c, \u201epro-Erdogan oder anti-Erdogan\u201c, \u201eintegriert oder segregiert\u201c. Es scheint, dass Muslime kaum mehr selbst bestimmen k\u00f6nnen, wer sie sind, f\u00fcr was sie stehen und wie sie selbst die Dinge einordnen. Viele Muslime sind mit diesen Diskursen \u00fcberfordert und sehen sich daher gezwungen, eine dieser Positionen einzunehmen, ohne zu reflektieren, ob und was f\u00fcr Auswirkungen derartige Positionierungen f\u00fcr uns Muslime in Deutschland haben.<!--more--><\/p>\n<p>Die \u00dcberforderung in diesem Kontext hat vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde. Der wichtigste Grund ist jedoch der niedrige Stellenwert, den wir unserer Religion in unserem Leben beimessen. Schlie\u00dflich haben \u201ewichtigere\u201c Dinge im Leben wie die Arbeit, die Familie oder das Studium Priorit\u00e4t f\u00fcr uns. Religion ist in diesem Kontext blo\u00df ein \u201einner-menschliches\u201c, \u201eprivates\u201c, \u201enebens\u00e4chliches\u201c Ph\u00e4nomen f\u00fcr viele. Die Religion wird aus unserem gesellschaftlichen Leben verdr\u00e4ngt und heruntergestuft auf das Private, auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch. Wir vergessen jedoch, dass zwischenmenschliche Beziehungen (mu\u2018amalat) die pr\u00e4gende Kraft der muslimischen Gemeinschaft sind. Der individuelle oder rein psychologische Zugang zur Religion f\u00fchrt zu Widerspr\u00fcchlichkeiten in unserem religi\u00f6sen Handeln. Unsere Gebete und religi\u00f6sen Handlungen werden somit heruntergestuft zu einem Mittel, um unsere spirituelle Seite aufzupolieren, ohne jeglichen Einfluss auf unseren sozialen Charakter. Sie geh\u00f6ren nicht mehr zum Mittelpunkt unseres gesellschaftlichen und sozialen Handelns. So kann es dazu kommen, dass wir unsere Pflichtgebete verrichten, aber unbeliebt bei unseren Nachbarn sind, oder dass wir regelm\u00e4\u00dfig den Koran rezitieren, aber einen schlechten Umgang mit unseren Verwandten haben. Ein einseitiges Aufgehen in religi\u00f6sen Praktiken, die keinen unmittelbaren Einfluss auf unseren Umgang mit anderen Menschen oder unser Gewissen haben, f\u00fchrt zu Unaufrichtigkeit, schadet mit der Zeit unserem spirituellen Bezug zu Gott und l\u00e4sst ein schlechtes Licht auf Muslime werfen.<\/p>\n<p>Wir geben unser Bestes, um mehr Erfolg im Beruf, im Studium oder sogar in unserem Ern\u00e4hrungsverhalten zu haben. Jedoch setzen wir uns keine Ziele, um unseren Glaubensbr\u00fcdern oder -schwestern oder auch anderen Mitmenschen n\u00fctzlich zu sein und somit ein positives Vorbild f\u00fcr unseren Glauben darzustellen. In diesem Zusammenhang haben wir nicht verstanden, dass gute Taten, ein guter Charakter und andere Tugenden in direkter Verbindung zur Aufrichtigkeit (ikhlas) stehen.<\/p>\n<p>Nur eine aufrichtige und soziale Aktivit\u00e4t in unserem Din wird es erm\u00f6glichen, weg von einer reagierenden Rolle hin zu einer mitbestimmenden Rolle in unserer Gesellschaft zu gelangen. So m\u00fcssen auch unsere intellektuellen Diskurse eingebettet sein in eine aufrichtige Religiosit\u00e4t, welche konsequentes Handeln mit sich bringt. Denn der Islam erlaubt weder ifrad, Isolation, noch tafrid, extreme Individualisierung. Jeder Bereich unseres Lebens, den wir unserer individuellen Logik oder unseren inneren Gel\u00fcsten \u00fcberlassen, ohne unseren Glauben in Betracht zu ziehen, wird uns das wegnehmen, was uns als Muslime ausmacht. Jeder Bereich, in dem wir nicht zeigen k\u00f6nnen, wof\u00fcr wir stehen, wird dazu f\u00fchren, dass dieses Vakuum anderweitig gef\u00fcllt wird. So m\u00fcssen wir uns immer wieder rechtfertigen, wof\u00fcr wir nicht stehen und dr\u00e4ngen uns somit eigenh\u00e4ndig in eine passive und reagierende Rolle. Daher m\u00fcssen wir unser Bewusstsein dar\u00fcber st\u00e4rken, dass unser Glaube eine Verantwortung (amana) mit sich bringt, die letzte Offenbarung Gottes w\u00fcrdevoll und aktiv wirksam zu machen. Dies k\u00f6nnen wir nur vollbringen, wenn unser din der Ma\u00dfstab jeder einzelner unserer Handlungen wird, sei es in unserem privaten Leben oder in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>In diesem Sinne spricht Allah im Koran: \u201eWir haben das Anvertraute den Himmeln und der Erde und den Bergen angeboten, aber sie weigerten sich, es zu tragen, sie scheuten sich davor. Der Mensch trug es \u2013 gewi\u00df, er ist sehr oft ungerecht und sehr oft t\u00f6richt\u201c (al-Ahzab\/33:72). (fh)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir haben das Anvertraute den Himmeln und der Erde und den Bergen angeboten, aber sie weigerten sich, es zu tragen, sie scheuten sich davor. 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