{"id":605,"date":"2018-04-20T09:50:39","date_gmt":"2018-04-20T07:50:39","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=605"},"modified":"2018-04-20T07:15:14","modified_gmt":"2018-04-20T05:15:14","slug":"der-judenhass-in-unserer-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2018\/04\/20\/der-judenhass-in-unserer-mitte\/","title":{"rendered":"Der Judenhass in unserer Mitte"},"content":{"rendered":"<p>Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern \u00fcber unsere religi\u00f6sen Tugenden, \u00fcber den Islam als Rechtleitung f\u00fcr unser Leben. Selten sprechen wir aber \u00fcber die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit.<\/p>\n<p>Aber wir d\u00fcrfen sie nicht hinnehmen, wir d\u00fcrfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. Denn dann laufen wir Gefahr, dass Verirrungen nicht mehr als solche erkannt werden, ja sogar als ihr Gegenteil, n\u00e4mlich als authentische muslimische Haltung missverstanden und \u00fcber Generationen hinweg aufrechterhalten werden.<\/p>\n<p><!--more-->Zu den gravierendsten Verirrungen im Verst\u00e4ndnis unseres Glaubens geh\u00f6ren zwei Ph\u00e4nomene, die wir als \u201eAntisemitismus\u201c und \u201eantichristliche Ressentiments\u201c beschreiben k\u00f6nnten. Aber eine solche Beschreibung w\u00e4re in sich bereits eine sprachliche Verharmlosung und damit ebenfalls eine Facette der Verirrung. Wir m\u00fcssen ehrlich mit uns sein. Und wir m\u00fcssen unsere Unvollkommenheiten schonungslos benennen. Nur so k\u00f6nnen wir ihnen ins Gesicht blicken und uns selbst zu Ver\u00e4nderungen bewegen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns eingestehen, dass es nicht nur an den R\u00e4ndern unserer Gemeinschaft, sondern auch und gerade in ihrer Mitte, eine wachsende\u00a0 Verachtung gegen\u00fcber dem Anderen, dem Fremden \u2013 in diesem Fall gegen Christen und Juden gibt. Es gibt unter uns einen Hass, den wir viel zu h\u00e4ufig verdr\u00e4ngen, relativieren oder vermeintlich sachlich zu begr\u00fcnden suchen. Weltgeschichtliche Ungerechtigkeit, Kriege und Verfolgungen dienen uns dazu, diese Verachtung und diesen Hass lebendig zu halten.<\/p>\n<p>Damit f\u00f6rdern wir eine Gedankenwelt, in der Christen und Juden nicht mehr als unterschiedliche Menschen, als Individuen mit pers\u00f6nlichen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen wahrgenommen werden, sondern in denen \u201eder Christ\u201c und \u201eder Jude\u201c nur mehr als kollektive Schablonen herhalten, mit denen wir ganze Gemeinschaften negativ markieren.<\/p>\n<p>Ein aktuelles Beispiel dieser Entmenschlichung hat sich erst j\u00fcngst in Berlin ereignet. Es ist dabei v\u00f6llig gleichg\u00fcltig, ob der betroffene junge Mann tats\u00e4chlich j\u00fcdischen Glaubens war oder nicht. Oder ob es zuvor einen Streit gab oder nicht. Der T\u00e4ter hat sein Ziel als Juden erkannt \u2013 und als Jude wollte er ihn treffen.<\/p>\n<p>Der Angriff wurde gefilmt und die dokumentierten Szenen m\u00fcssen jeden mitf\u00fchlenden Menschen bis ins Mark treffen. Sie ereignen sich nicht in einer Krisenregion, in einer von Gewalt und Exzessen verrohten Gesellschaft. Sie spielen sich in unserer Hauptstadt ab. Das hei\u00dft, jede und jeder von uns k\u00f6nnte sich in einer \u00e4hnlichen Situation wiederfinden.<\/p>\n<p>Da wird ein Mensch am hellichten Tag mit einem G\u00fcrtel von der Stra\u00dfe gepeitscht, weil er als Jude wahrgenommen wird. Das f\u00fchlt sich anders an als die vielen Anschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte oder Moscheeeinrichtungen. Dort lassen die T\u00e4ter ihren Vernichtungsphantasien im Schutz der Dunkelheit freien Lauf. Sie trauen sich mit ihrer Gesinnung nicht ins Licht. Sie verstecken sich, bleiben in der Anonymit\u00e4t ihrer Tat, weil sie im Grunde wissen oder zumindest ahnen, welchen Zivilisationsbruch sie begehen.<\/p>\n<p>Der T\u00e4ter hier will aber in aller Ausdr\u00fccklichkeit, in aller Deutlichkeit, unmissverst\u00e4ndlich und f\u00fcr alle sichtbar einen Juden aus dem \u00f6ffentlichen Leben hinauspeitschen.<\/p>\n<p>Er spricht ihm seine Berechtigung, am Leben teilzunehmen, ab. Er spricht ihm seine W\u00fcrde und seine Menschlichkeit ab. Weil er glaubt, er habe einen Juden vor sich.<\/p>\n<p>Diese Tat hat damit eine (Un-)Qualit\u00e4t, die uns aus unseren \u00fcblichen Betroffenheitsritualen aufr\u00fctteln muss. Hier ist etwas Neues passiert: Die Verachtung, der Hass, der Wille, einen Menschen aus der \u00d6ffentlichkeit zu peitschen, ihn aus dem \u00f6ffentlichen Leben zu tilgen, dieser Vernichtungswille sch\u00e4mt sich nicht mehr, sichtbar zu sein. Das ist eine erneute Verschiebung der Tabuzonen in unserer Gesellschaft. Wenn wir dazu schweigen, machen wir uns mitschuldig.<\/p>\n<p>Gerade als muslimische Gemeinschaft m\u00fcssen wir nicht mehr nur mit Worten, sondern endlich auch mit Taten zum Ausdruck bringen, dass ein solcher Hass keinen Platz in unserer Mitte haben darf. Jede Gemeinschaft, die meint, die g\u00f6ttliche Rechtleitung in H\u00e4nden zu halten, muss es besser wissen, muss es klarer erkennen, dass ein solcher Hass nicht unwidersprochen bleiben darf.<\/p>\n<p>Gerade als Muslime m\u00fcssen wir erkennen, dass wir mit Christen und Juden durch das Vorbild Abrahams untrennbar verbunden sind. Ein Vorbild, das uns nicht durch konfessionelle Unterschiede trennt, sondern durch die unmittelbare Hingabe und Ergebenheit zu Allah eint.<\/p>\n<p>Beeinflusst durch unsere menschlichen Schw\u00e4chen und die Versuchungen des Hasses haben wir selbst dieses Vorbild Abrahams zum Anlass f\u00fcr Zwist und Eifersucht genommen und streiten dar\u00fcber, ob er seinen Sohn Isaak oder Ismael hatte opfern wollen.<\/p>\n<p>\u00dcber diesen Streit vergessen wir, dass es doch die Gnade Allahs ist, die uns in jedem Fall verbindet. Wir sind im Schatten Abrahams einander fest verbunden, wir sind einander anvertraut. Wir tragen wechselseitig Verantwortung daf\u00fcr, dass unser Leib und Leben, unser Hab und Gut und unsere Gebetsst\u00e4tten unversehrt bleiben.<\/p>\n<p>Die Worte \u201eChrist\u201c und \u201eJude\u201c dr\u00fccken die Angeh\u00f6rigkeit zu zwei Gemeinschaften aus, denen Allah seine Offenbarung anvertraut hat. Wir d\u00fcrfen nicht hinnehmen oder tatenlos zusehen, dass diese Begriffe zu Schimpfworten, zu Beleidigungen abgewertet werden.<\/p>\n<p>Kein Christ und kein Jude d\u00fcrfen sich in der Gegenwart von Muslimen unsicher f\u00fchlen oder Sorge um ihr Wohl haben. Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung als Muslime, dass sich Christen und Juden nirgends sicherer und beh\u00fcteter f\u00fchlen, als in unserer N\u00e4he. Denn wir sind die Nachkommen von Br\u00fcdern. Wir sind Verwandte einer gemeinsamen Offenbarung.<\/p>\n<p>Etwaiges Unrecht, das wir beklagen, darf uns nicht daran hindern, uns gem\u00e4\u00df den Worten Allahs rechtschaffen und gerecht zu verhalten. Und wenn wir als Muslime irgendeine \u00dcberlegenheit f\u00fcr uns reklamieren wollen, dann gerade diese, dass wir geduldig mit gutem Beispiel vorangehen, um unsere Gemeinschaften zu vers\u00f6hnen und zwischen uns Gerechtigkeit und Respekt gedeihen zu lassen. (mk, ab, as, eg, ek, ns, sbk)<\/p>\n<p><em>(Anmerkung der Redaktion: Dieses Freitagswort kn\u00fcpft an das Freitagswort vom 15.09.2017 an. Die dortigen Gedanken und Worte werden hier nochmals aufgegriffen und im Licht der j\u00fcngsten Ereignisse aktualisiert.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als muslimische Gemeinschaft sprechen wir gern \u00fcber unsere religi\u00f6sen Tugenden, \u00fcber den Islam als Rechtleitung f\u00fcr unser Leben. Selten sprechen wir aber \u00fcber die Verirrungen, denen wir erliegen. Solche Verirrungen sind menschlich. Sie sind Ausdruck unserer Unvollkommenheit. Aber wir d\u00fcrfen sie nicht hinnehmen, wir d\u00fcrfen sie nicht leugnen oder verharmlosen. 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