{"id":331,"date":"2017-09-08T09:50:24","date_gmt":"2017-09-08T07:50:24","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=331"},"modified":"2017-09-08T10:44:10","modified_gmt":"2017-09-08T08:44:10","slug":"selfie-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/09\/08\/selfie-islam\/","title":{"rendered":"Selfie-Islam"},"content":{"rendered":"<p>Die Hadsch-Saison ist fast vor\u00fcber. Viele unserer Glaubensgeschwister haben auch dieses Jahr wieder M\u00fche und Strapazen auf sich genommen, um die heiligen St\u00e4tten des Islams zu besuchen. Diejenigen von uns hingegen, die zu Hause geblieben sind, haben mit freudiger Anteilnahme und tiefer Wertsch\u00e4tzung die Pilger auf ihre Reise verabschiedet, und wom\u00f6glich hat der eine oder andere von uns ihnen sogar den Wunsch mitgegeben, dass sie uns in ihre dortigen Gebete einschlie\u00dfen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Nach der Verabschiedung der angehenden Hadschis kommt gew\u00f6hnlich das gro\u00dfe, neugierige Warten auf ihre R\u00fcckkehr. Zumindest war dies in der Vergangenheit der Fall. Denn seit einigen Jahren nun haben wir dank der sogenannten sozialen Medien die M\u00f6glichkeit, ihnen auf Schritt und Tritt zu folgen. Von der Ankunft in Saudi-Arabien \u00fcber das Ausharren in Muzdalifa und den Gang zwischen Safa und Marwa bis hin zu dem ersten Erblicken der Kaaba, s\u00e4mtliche Stationen der Reise werden heute anhand von Selfies dokumentiert und flei\u00dfig auf Instagram, Facebook und Twitter geteilt.<\/p>\n<p><!--more-->Gleichwohl l\u00e4sst sich dieses Ph\u00e4nomen nicht nur w\u00e4hrend des Hadsch beobachten. Plattformgerecht aufbereitet und unentwegt gepostet werden auch Selfies aus bedeutenden Moscheen andernorts oder vom Zugegensein in sonstigen religi\u00f6sen Zeremonien. Einige Geschwister legen offenbar auch gro\u00dfen Wert darauf, dass wir an unseren Bildschirmen mitverfolgen, wie sie ihre Liebsten am Krankenbett besuchen, ihre verstorbenen Verwandten beerdigen oder mit einer (!) zur F\u00fcrbitte erhobenen Hand am Grabe eines ihnen nahestehenden Menschen verweilen.<\/p>\n<p>Als neues Kommunikationsmittel genie\u00dft das Selfie zweifellos eine enorme gesamtgesellschaftliche, ja, weltweite Popularit\u00e4t. Es ist also nicht nur unter uns Muslimen verbreitet. Trotzdem \u2013 oder vielleicht gerade deshalb \u2013 stellt sich aber die Frage, welche Rolle es denn eigentlich in der Verst\u00e4ndigung \u00fcber unseren Glauben spielen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Wieso bedienen wir uns \u00fcberhaupt so extensiv einer Mitteilungsform, die letztlich nur darauf aus ist, m\u00f6glichst viele Likes, Shares und Kommentare zu erhaschen? Warum sind wir entt\u00e4uscht und unzufrieden, wenn die erw\u00fcnschte Zahl der Likes einmal ausbleibt?<\/p>\n<p>Dabei spricht Gott im Koran (Sure 39, Vers 2) zu uns: \u201eWir haben die Schrift mit der Wahrheit zu dir hinabgesandt. Diene nun (dem einen) Allah und stell dich in deinem Glauben ganz auf Ihn ein!\u201c<\/p>\n<p>Auf Ihn sollen wir uns einstellen. Weshalb also noch die Suche nach Best\u00e4tigung der eigenen Fr\u00f6mmigkeit auf Facebook &amp; Co.? M\u00fcssen wir denn bei der Aus\u00fcbung unseres Glaubens all jenen oberfl\u00e4chlich daherkommenden und abgedroschenen Kommentaren \u00e0 la \u201emaschallah\u201c \u2013 im Idealfall gepaart mit ausdrucksstarken Emojis \u2013 wirklich eine Relevanz beimessen? Oder geht es in der religi\u00f6sen Praxis eigentlich um etwas v\u00f6llig Anderes?<\/p>\n<p>In einem ber\u00fchmten Hadith lehrt uns unser Prophet (s), dass Schamhaftigkeit und Zur\u00fcckhaltung Teil des islamischen Glaubens seien (Buchari). Die sogenannten sozialen Medien aber bewirken das genaue Gegenteil. Sie bef\u00f6rdern in uns eine nur schwer zu befriedigende und bisweilen unkontrollierbare Gier nach Aufmerksamkeit. Zugegeben, es ist nicht immer einfach, sich dem zu widersetzen. Laufen wir dann aber nicht Gefahr, einer Art digitalem Exhibitionismus anheimzufallen? Es mag zwar sein, dass es etwas Gutes hat, wenn der gelebte Islam auch in den sozialen Medien eine gewisse Sichtbarkeit erlangt. Das sollte uns jedoch keineswegs dazu verf\u00fchren, unsere Religiosit\u00e4t und uns selbst als praktizierende Muslime derart in Szene zu setzen.<\/p>\n<p>Als Vehikel einer narzisstischen Selbstdarstellung \u2013 und so muss man es nun einmal nennen \u2013 tut das Selfie aber genau das. Prim\u00e4r geht es nicht mehr um die Kaaba. Denn ihr kehre ich buchst\u00e4blich den R\u00fccken, um mich selbst in einer betont frommen Geste in den Vordergrund zu spielen. Seiner eigentlichen Bedeutung wird der Besuch dieses heiligen Ortes damit g\u00e4nzlich beraubt. Er dient nur noch als B\u00fchne f\u00fcr die Zurschaustellung meiner eigenen Fr\u00f6mmigkeit.<\/p>\n<p>Dies gilt im \u00dcbrigen f\u00fcr den Hadsch ebenso wie f\u00fcr scheinbar kleinere Gottesdienste wie den Besuch eines kranken Menschen. Auch bei diesem werden wir n\u00e4mlich, so der Prophet (s) in einer \u00dcberlieferung von Muslim, niemand Geringeren finden als Gott. Durch das Selfie wird daher jede Begegnung mit Gott, jede noch so tiefgehende Erfahrung in Seinem Angesicht zu einer banalen Pose degradiert.<\/p>\n<p>In einer \u00dcberlieferung von Buchari z\u00e4hlt unser Prophet (s) sieben Gruppen von Menschen auf, die Gott an jenem Tag, an dem es keinen anderen Schutz gibt, unter Seinen Schutz nehmen werde. Zu einer dieser Gruppen z\u00e4hlt, so der Prophet (s), derjenige, \u201eder in der Einsamkeit Gottes gedenkt, und ihm dabei die Tr\u00e4nen in die Augen steigen\u201c.<\/p>\n<p>Wenn wir also unserem Sch\u00f6pfer demn\u00e4chst wieder einen Dienst erweisen, dann sollten wir unsere spirituellen H\u00f6henfl\u00fcge lieber f\u00fcr uns behalten, das Handy ausnahmsweise einmal in der Tasche lassen und uns den Dingen unmittelbar zuwenden, anstatt ihnen den R\u00fccken zu kehren. Vielleicht finden wir dann Anerkennung bei Allah\u2026 Und zwar ganz ohne Likes! (as)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hadsch-Saison ist fast vor\u00fcber. Viele unserer Glaubensgeschwister haben auch dieses Jahr wieder M\u00fche und Strapazen auf sich genommen, um die heiligen St\u00e4tten des Islams zu besuchen. 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