{"id":293,"date":"2017-08-18T09:50:21","date_gmt":"2017-08-18T07:50:21","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=293"},"modified":"2017-08-18T09:19:45","modified_gmt":"2017-08-18T07:19:45","slug":"allahu-akbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/08\/18\/allahu-akbar\/","title":{"rendered":"Allahu akbar!"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEr ist Allah, der Sch\u00f6pfer, der Erschaffer, der Gestalter. Sein sind die sch\u00f6nsten Namen. Ihn preist alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Allm\u00e4chtige und Allweise.\u201c In diesem 24. Vers der Sure 59 werden einige der sch\u00f6nen Namen Gottes hervorgehoben. Im arabischen Original hei\u00dft es \u201eHuvallahul halikul bariul musavviru lehul esmaul husna\u201c. Zu diesen zitierten \u201eesmaul husna\u201c, zu den sch\u00f6nen Namen, geh\u00f6ren \u201eHaalik\u201c, der Sch\u00f6pfer, \u201eBari\u201c, der aus dem Nichts Erschaffende, \u201eMusavvir\u201c, der Bildende, der Gestaltende.<\/p>\n<p>\u201eMusavvir\u201c ist ein Name Gottes, in welchem sich das menschliche Bed\u00fcrfnis widerspiegelt, seinem Innersten, seiner Suche nach Gott, seiner Sehnsucht nach einem besseren Verst\u00e4ndnis seiner menschlichen Beziehung zu Gott, Ausdruck verleihen, Gestalt geben zu wollen.<\/p>\n<p><!--more-->In diesem Namen, \u201eMusavvir\u201c, findet sich sowohl der \u00fcber alle Zeiten und in jeder menschlichen Zivilisation vorhandene Impuls der gestaltenden und bildenden k\u00fcnstlerischen Verarbeitung menschlicher Eindr\u00fccke; die \u00fcber eine blo\u00dfe gegenst\u00e4ndliche Funktion hinausgehende, Hoffnungen, \u00c4ngste, Widerspr\u00fcche und Gef\u00fchle sichtbar machende gestalterische, ja sch\u00f6pferische Natur des Menschen. Als auch die Hybris des Menschen, in der Ahnung seines eigenen g\u00f6ttlichen Ursprungs den sch\u00f6pferischen Akt nachahmen und sich \u00fcber die Grenzen seiner Unvollkommenheit und Fehlbarkeit erheben zu wollen.<\/p>\n<p>Dies ist der ewige Widerstreit zwischen der sich nach der N\u00e4he zum Sch\u00f6pfer sehnenden Natur des Menschen, seinem Nafs, und der in diesem Nafs angelegten Neigung des Menschen zum Hochmut, zu seiner Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung bis hin zur Anma\u00dfung quasi g\u00f6ttlicher Kraft. Es ist das Wissen um diesen inneren Widerstreit des Menschen, warum das islamische Glaubensbekenntnis mit einer Negation beginnt: \u201ela ilaha illallah\u201c \u2013 Kein Gott, au\u00dfer Gott.<\/p>\n<p>Und gerade in der Besch\u00e4ftigung mit \u201eMusavvir\u201c, mit der bildenden, gestaltenden Sehnsucht des Menschen, wartet auf uns auch an v\u00f6llig unerwarteten Orten die Einsicht in diesen inneren Widerstreit des Menschen:<\/p>\n<p>In Rom steht die Kirche San Pietro in Vincoli. In ihr befindet sich das von Michelangelo gestaltete Grabmal f\u00fcr Papst Julius II. mit der zentralen Figur des Moses. Nach der Sixtinischen Kapelle ist diese zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus Carrara-Marmor geschaffene Skulptur wohl eines der wichtigsten Werke Michelangelos. Die 2,35 m gro\u00dfe Skulptur zeigt Moses in sitzender Position, in dem Augenblick als er mit nach links gewandtem Kopf sein Volk erblickt, das um das goldene Kalb tanzt. Sein linker Fu\u00df ist nach hinten versetzt und wird im n\u00e4chsten Moment den K\u00f6rper in die H\u00f6he sto\u00dfen. Seine linke Hand ruhte eben noch im Scho\u00df, den langen Bart umgreifend, aber der linke Arm ist schon in Spannung, um sogleich die Hand zu heben. Die rechte Hand, die eben noch die Gesetzestafeln fest umklammerte, lockert sich, als ob die Tafeln ihr zu entgleiten drohen. Gleich wird Moses sich erheben und wie in der biblischen Erz\u00e4hlung geschildert, die Gesetzestafeln auf dem Boden zerschmettern, weil sein Volk das g\u00f6ttliche Bilderverbot \u00fcbertreten hat. Diesen \u00dcbergang von beherrschter\u00a0Ruhe des vom Berg Sinai hinabgestiegenen Moses zum grimmigen, z\u00fcrnenden Propheten, diese Sekunde der sich aufbauenden Spannung im Augenblick der Wut \u00fcber die Verfehlung des Menschen h\u00e4lt die Skulptur in beeindruckender Weise fest.<\/p>\n<p>Und der tiefe Widerspruche des Menschen im Angesicht Gottes wird in der Rezension dieses Werkes sichtbar. Giorgio Vasaris, ein zeitgen\u00f6ssischer Biograph Michelangelos, schreibt:<br \/>\n\u201eEr (Michelangelo) vollendete den f\u00fcnf Ellen hohen Moses aus Marmor, eine Statue, der kein modernes Werk an Sch\u00f6nheit je gleichkommen wird, wie es gleicherma\u00dfen von den antiken gesagt werden kann. [\u2026] In seiner Sch\u00f6nheit besitzt das Gesicht in der Tat die Ausstrahlung eines wahren F\u00fcrsten, heilig und gewaltig, weshalb man ihn, w\u00e4hrend man ihn betrachtet, fast um einen Schleier bitten m\u00f6chte, der sein Gesicht verh\u00fcllt, so strahlend und hell leuchtend wirkt es. Und so trefflich hat er die g\u00f6ttliche Ausstrahlung wiedergegeben, die Gott diesem allerheiligsten Antlitz verliehen hat, [\u2026] ja, er ist in allen seinen Teilen so vollendet, dass Moses sich heute mehr denn je einen Freund Gottes nennen darf, da jener seinen K\u00f6rper durch Michelangelos H\u00e4nde lange vor allen anderen f\u00fcr seine Auferstehung hat zusammenf\u00fcgen und vorbereiten lassen.\u201c<\/p>\n<p>Die Euphorie \u00fcber die kreative F\u00e4higkeit des Menschen kann sich in die Anma\u00dfung steigern, der Mensch habe Gott an Sch\u00f6pferkraft eingeholt oder ihn gar \u00fcbertroffen. Es ist das Bewusstsein f\u00fcr diese Gefahr, f\u00fcr diese Versuchung des Menschen sich in der Faszination seiner eigenen F\u00e4higkeiten zu verlieren, die muslimische K\u00fcnstler \u00fcber Jahrhunderte hinweg in der Sitte vereinte, ihren Werken vor der Vollendung noch einen winzigen Makel, einen kleinen Fehler hinzuzuf\u00fcgen. Somit versicherten sie sich selbst ihrer Unvollkommenheit und Fehlbarkeit im Vergleich zu der sch\u00f6pferischen Kraft Gottes.<\/p>\n<p>Manchmal kommt es aber auch nur auf die\u00a0innere Haltung\u00a0an, mit der man sich ein und demselben Werk n\u00e4hert. Den von Vasaris so euphorisch besprochenen Moses bewundert Jahrhunderte sp\u00e4ter auch ein anderer Verehrer der k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten Michelangelos.<\/p>\n<p>Es ist Sigmund Freud, der gefesselt von der Wirkung dieser Skulptur zu der Einsicht kommt:<br \/>\n\u201eMichelangelo hat an das Grabdenkmal des Papstes einen anderen Moses hingesetzt, welcher dem historischen oder traditionellen Moses \u00fcberlegen ist. Er hat das Motiv der zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er l\u00e4\u00dft sie nicht durch den Zorn Moses&#8217; zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die Drohung, da\u00df sie zerbrechen k\u00f6nnten, beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen. Damit hat er etwas Neues, \u00dcbermenschliches in die Figur des Moses gelegt, und die gewaltige K\u00f6rpermasse und kraftstrotzende Muskulatur der Gestalt wird nur zum leiblichen Ausdrucksmittel f\u00fcr die h\u00f6chste psychische Leistung, die einem Menschen m\u00f6glich ist, f\u00fcr das Niederringen der eigenen Leidenschaft zugunsten und im Auftrage einer Bestimmung, der man sich geweiht hat.\u201c<\/p>\n<p>Wie zum Beweis der in vielen Koranversen wiederholten Ermahnung, dass Gott die Menschen in unterschiedlichen St\u00e4mmen und Glaubensrichtungen erschaffen hat, damit wir voneinander lernen: Hier, in einer r\u00f6mischen Kirche, vor einer 500 Jahre alten Skulptur begegnet uns wieder das in der Offenbarung beschriebene ewige Ringen des Menschen mit seiner Leidenschaft, mit seinem Nafs zugunsten seiner Ergebenheit in Gott. Denn Gott ist am gr\u00f6\u00dften. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEr ist Allah, der Sch\u00f6pfer, der Erschaffer, der Gestalter. Sein sind die sch\u00f6nsten Namen. Ihn preist alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Allm\u00e4chtige und Allweise.\u201c In diesem 24. Vers der Sure 59 werden einige der sch\u00f6nen Namen Gottes hervorgehoben. 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