{"id":259,"date":"2017-07-28T09:50:41","date_gmt":"2017-07-28T07:50:41","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=259"},"modified":"2017-07-28T08:58:13","modified_gmt":"2017-07-28T06:58:13","slug":"kein-konservativer-muslim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/07\/28\/kein-konservativer-muslim\/","title":{"rendered":"Kein konservativer Muslim"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber den Islam in unserem Land ist von einer Sprache gepr\u00e4gt, die\u00a0hinterfragt werden muss: H\u00e4ufig ist die Rede von \u201ekonservativen\u201c und \u201eliberalen\u201c Muslimen. Aber die Formulierung \u201ekonservativer Muslim\u201c ist \u2013 wenn man die Offenbarung des Koran ernst nimmt \u2013 ein Oxymoron, also eine in sich gegens\u00e4tzliche Beschreibung. Traditionen, althergebrachte Regeln und \u00fcberlieferte Ansichten sind beim Blick in den Koran mit gro\u00dfer Vorsicht, ja geradezu mit fundamentaler Skepsis zu behandeln.<\/p>\n<p>In verschiedenen Versen wird auf diesen Aspekt hingewiesen. So hei\u00dft es in Sure 2, Vers 170 und Sure 5, Vers 104 und leicht abgewandelt in Sure 31, Vers 21 \u00fcber jene, die von der Rechtleitung der Offenbarung abkommen: \u201eUnd wenn ihnen gesagt wird: \u201aFolgt dem, was Gott herabgesandt hat\u2018, sagen sie: \u201aWir folgen lieber dem, was wir bei unseren V\u00e4tern vorgefunden haben.\u2018 Was denn, auch wenn ihre V\u00e4ter nichts verstanden haben und der Rechtleitung nicht gefolgt sind?\u201c.<\/p>\n<p><!--more-->Im Koran weist Gott darauf hin, dass dieser R\u00fcckgriff auf Traditionen und etablierte Formen des Glaubens stets ein Hindernis auf dem Weg der Propheten war (Sure 43, Verse 23): \u201eSo haben Wir auch vor dir in keine Stadt einen Warner gesandt, ohne dass die, die in ihr \u00fcppig lebten, gesagt h\u00e4tten: \u2018Wir haben bei unseren V\u00e4tern eine bestimmte Glaubensrichtung vorgefunden, und wir treten in ihre Fu\u00dfstapfen.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Noch deutlicher hei\u00dft es in Sure 7, Vers 28: \u201eUnd wenn sie etwas Sch\u00e4ndliches tun, sagen sie: \u201aWir haben es bei unseren V\u00e4tern vorgefunden, und Gott hat es uns geboten.\u2018 Sprich: Gott gebietet nicht das Sch\u00e4ndliche. Wollt ihr denn \u00fcber Gott sagen, was ihr nicht wisst?\u201c<\/p>\n<p>Der Hinweis in diesen offenbarten Versen auf das individuelle \u201eVerst\u00e4ndnis\u201c und das konkrete \u201eWissen\u201c ist von grunds\u00e4tzlicher Bedeutung. Denn Gott setzt damit das Wissen vor die Nachahmung eines unhinterfragten Glaubens. Die g\u00f6ttliche Offenbarung, so wie sie uns im Koran zug\u00e4nglich ist, unterstreicht diesen Aspekt des Wissens und der verst\u00e4ndigen Pr\u00fcfung des Glaubens in Sure 3, Vers 18: \u201eGott bezeugt, dass es keinen Gott gibt au\u00dfer Ihm, ebenso die Engel und diejenigen, die das Wissen besitzen. Er steht f\u00fcr die Gerechtigkeit ein. Es gibt keinen Gott au\u00dfer Ihm, dem M\u00e4chtigen, dem Weisen.\u201c<\/p>\n<p>Das Zeugnis \u00fcber die Einzigkeit Gottes, also \u00fcber die Kernaussage des islamischen Glaubensbekenntnisses, legen in diesem Vers Gott selbst, die Engel und die Wissenden ab. Dies ist der Stand und die Bedeutung, die Gott dem Wissen einr\u00e4umt. Die arabische Formulierung dieses Zeugnisses lautet in etwa \u201evel melaiketu ve ulul ilmi kaimen bil k\u0131st\u0131\u201c. Das hei\u00dft so viel wie \u201edie Engel und die Wissenden best\u00e4tigen\/bezeugen in gerechter Weise\/durch Gerechtigkeit\u201c die Einzigkeit Gottes.<\/p>\n<p>Die in diesen wenigen Formulierungen enthaltenen Bedeutungsebenen sind in ihrer Vielfalt und aktuellen Relevanz kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen: Die Handlungen Gottes sind selbst durch Gerechtigkeit gepr\u00e4gt. Dies zu bezeugen, danach handeln und leben zu k\u00f6nnen, gelingt dem Menschen dadurch, dass er sich den Glauben durch seinen Verstand und immer wieder neu erworbenes Wissen erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Das Hineintreten in Fu\u00dfstapfen reicht daf\u00fcr nicht aus. Ein solches Nachahmen kann immer nur ein erster Schritt des Gl\u00e4ubigen sein, der sich der \u00e4u\u00dferen Form seines Glaubens n\u00e4hert. Als Konsequenz seiner Ergebenheit in Gott muss er aber dem Gebot des \u201eLies!\u201c, also der verst\u00e4ndigen Entschl\u00fcsselung der g\u00f6ttlichen Botschaft, die gleichzeitig alles ist, was ihn als Sch\u00f6pfung Gottes umgibt, folgen.<\/p>\n<p>Denn damit folgt er nicht dem Zeugnis seiner Vorfahren, die auch dem Irrtum erlegen sein k\u00f6nnen, die von der Rechtleitung abgekommen sein k\u00f6nnen, die in Ungerechtigkeit verstrickt sein k\u00f6nnen. Er folgt, wie im obigen Vers dargelegt,\u00a0vielmehr dem Zeugnis Gottes selbst und dem seiner Engel. Nur so kann er Gott in gerechter Weise bezeugen und damit die Gerechtigkeit zum Ma\u00dfstab seines gottgef\u00e4lligen Lebens und Handelns machen.<\/p>\n<p>Traditionen, Brauchtum und etablierte Ansichten sind nicht bedeutungslos oder ohne Wert. Ihr Wert liegt aber nicht darin, nachgeahmt oder als Ziel der Glaubensaus\u00fcbung angestrebt zu werden. Sie sind vielmehr wichtige Methoden und Mittel der Suche nach Erkenntnis. Sie d\u00fcrfen aber niemals die Erkenntnis selbst, das Wissen selbst ersetzen. Denn dann schlie\u00dfen sie die g\u00f6ttliche Offenbarung in den Stand traditionellen Wissens ein. Und der Stand unseres Wissens ist immer auch der Stand unserer letzten Irrt\u00fcmer.<\/p>\n<p>Die Offenbarung Gottes fordert von uns vielmehr die stetige Suche nach Wissen als Ausdruck des wahren Zeugnisses g\u00f6ttlicher Einzigkeit.<\/p>\n<p>Denn das Wort Gottes, dem wir im Koran begegnen, ist wie ein Ozean. Selbst wenn wir an der gleichen Stelle darin eintauchen, an der unsere Vorfahren in die Wellen gestiegen sind, werden es niemals die gleichen Tropfen sein, die unsere Haut benetzen. Jedes Eintauchen in die Offenbarung des Koran, wird unseren Verstand und unsere Herzen in immer neuer Weise ber\u00fchren. Und nur wenn wir bereit sind, uns immer wieder auf die Suche nach neuem Wissen zu begeben, um mit neu erworbenem Wissen immer wieder neu in Gottes Wort, in den Koran, einzutauchen, kann es uns gelingen, auf die Herausforderungen unserer eigenen Zeit gerechte und damit gottgef\u00e4llige Antworten zu finden.<\/p>\n<p>In diesem Sinne d\u00fcrfen, ja k\u00f6nnen Muslime niemals \u201ekonservativ\u201c sein. Ob sie \u201eliberal\u201c sein k\u00f6nnen, dar\u00fcber soll in einem anderen Freitagswort nachgedacht werden. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber den Islam in unserem Land ist von einer Sprache gepr\u00e4gt, die\u00a0hinterfragt werden muss: H\u00e4ufig ist die Rede von \u201ekonservativen\u201c und \u201eliberalen\u201c Muslimen. Aber die Formulierung \u201ekonservativer Muslim\u201c ist \u2013 wenn man die Offenbarung des Koran ernst nimmt \u2013 ein Oxymoron, also eine in sich gegens\u00e4tzliche Beschreibung. 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