{"id":1878,"date":"2022-05-20T08:30:00","date_gmt":"2022-05-20T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1878"},"modified":"2022-05-19T17:23:38","modified_gmt":"2022-05-19T15:23:38","slug":"pride-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/05\/20\/pride-2\/","title":{"rendered":"Pride"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieses Freitagswort ist notwendig. Vielleicht notwendiger als viele Freitagsworte davor. Denn dieses Freitagswort spricht ein Thema an, das wir in unserer muslimischen Gemeinschaft tabuisieren. Wir schweigen hartn\u00e4ckig zu diesem Thema. Denn das, was wir in den meisten F\u00e4llen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und \u00c4chtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser gemeinschaftlicher Umgang mit dem Thema Homosexualit\u00e4t und unser Umgang mit Menschen aus der LGBT-Community offenbart mit seinen verkrampften Abwehrreflexen, wie gest\u00f6rt wir uns von diesem Thema, ja von queeren Menschen selbst, f\u00fchlen. Ihre Anwesenheit, ihre N\u00e4he verst\u00f6rt uns. \u00dcber dieses Thema zu reden, ist uns unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen weder \u00fcber dieses Thema reden, noch wollen wir die N\u00e4he zu queeren Menschen. Diese Abwehrhaltung und peinlich ber\u00fchrte Ignoranz weisen auf ein Problem hin, das in unseren Reihen pr\u00e4sent ist. Darauf muss sich unser Blick konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es geht in diesem Freitagswort nicht darum, Sexualpraktiken theologisch zu legitimieren, die in der Mehrheit der Lehrmeinungen als religi\u00f6s verboten gelten. \u00dcber dieses Thema m\u00f6gen die theologischen Experten streiten. In diesem Text geht es um etwas anderes: Gemessen an der H\u00e4ufigkeit seiner Erw\u00e4hnung im Koran scheint das Thema Homosexualit\u00e4t f\u00fcr unser Verh\u00e4ltnis zu Allah weniger relevant zu sein, als zum Beispiel die Themen Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Friedfertigkeit oder Nachsicht und R\u00fccksichtnahme. Gleichwohl kehren wir in unserer tats\u00e4chlichen Religionspraxis dieses Verh\u00e4ltnis um. Warum tun wir das?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ebene der theologischen Verbote und Gebote, die Ebene von Fr\u00f6mmigkeit oder S\u00fcnde betrifft den einzelnen Menschen und sein individuelles Verh\u00e4ltnis zu Allah. Niemand hat sich in dieses Verh\u00e4ltnis einzumischen oder urteilend einzugreifen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was zwei vollj\u00e4hrige Menschen f\u00fcreinander empfinden und wie sie sich freiwillig und einvernehmlich zueinander verhalten, ob und wie sie sich lieben, darf nicht Gegenstand unserer pers\u00f6nlichen Wertung sein. Die Entscheidung dar\u00fcber, ob und was sich in einer solchen Beziehung an den Kategorien von Fr\u00f6mmigkeit, von g\u00f6ttlicher Vergebung oder Strafe orientiert, muss der g\u00f6ttlichen Instanz vorbehalten bleiben und darf nicht Gegenstand menschlicher Bewertung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl hat kein anderes Thema in unserer muslimischen Gemeinschaft eine \u00e4hnlich stigmatisierende und ausgrenzende Wirkung wie unsere kollektive Ablehnung queerer Menschen. Unsere Stigmatisierung reicht von Vorw\u00fcrfen der Besessenheit, \u00fcber die Pathologisierung und damit einhergehenden Vorstellungen von zu erzwingender medizinischer Heilung, bis hin zu offener Aggression und Legitimation von Gewalt gegen queere, insbesondere homosexuelle Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Vehemenz der Ablehnung \u00e4u\u00dfert sich auch in der absoluten Tabuisierung dieses Themas im Kontext unserer religi\u00f6sen Praxis. In Moscheen und ihren Gemeinden d\u00fcrfen queere Menschen kaum auf Verst\u00e4ndnis oder auch nur auf Offenheit und Unvoreingenommenheit hoffen. Geistlicher Beistand in Gewissensfragen, zum Beispiel rund um das Thema Homosexuallit\u00e4t, \u00e4u\u00dfert sich h\u00e4ufig in Verdr\u00e4ngung, Aufforderung zur Selbsttabuisierung oder gar in offen stigmatisierender Ablehnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche heftigen Reaktionen beobachten wir nicht bei Themen, die im Koran weitaus deutlicher, h\u00e4ufiger und st\u00e4rker als religi\u00f6se Verst\u00f6\u00dfe beschrieben werden. Diese Ambivalenz hat Gr\u00fcnde, die mehr mit unseren Vorstellungen als Gesellschaft zu tun haben, als mit queeren Menschen selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer muslimischen Gemeinschaft existiert \u2013 bef\u00f6rdert durch patriarchalische Gesellschaftsbilder \u2013 ein geradezu toxisches M\u00e4nnlichkeitsbild. Es ist gepr\u00e4gt von einem (Selbst-)Bild des Mannes als dominant, potent, stark, durchsetzungsf\u00e4hig, machtvoll und \u00fcberlegen. Jede Einschr\u00e4nkung, jede Relativierung dieses Selbstbildes f\u00fchrt zu Irritationen, auf die wir mit Ablehnung und Aggression reagieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00fcrde eines Menschen, seine Erschaffenheit durch und seine Zugewandtheit zu Allah, seine Hoffnung auf Vergebung und Annahme, seine Rechtschaffenheit, seine Tugenden und guten Werke, sein Einsatz f\u00fcr die Gemeinschaft \u00e4ndern sich aber nicht nach der Beschaffenheit seines Geschlechts, nach der Natur seiner geschlechtlichen Identit\u00e4t oder danach, wen dieser Mensch liebt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die unermessliche Gnade Allahs, der vergibt, wem er will und der richtet, wen er will, darf durch uns nicht zum Luxusgut pervertiert werden, das wir bestimmten Menschen vorenthalten oder \u00fcber das wir uns Verf\u00fcgungsmacht zuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Freitagsworte k\u00f6nnen keine letztg\u00fcltigen Antworten formulieren. Sie k\u00f6nnen und m\u00fcssen aber Probleme benennen und sichtbar machen, die wir viel zu lange verdr\u00e4ngt haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das f\u00fcr eine Gemeinschaft, in der die Liebe von V\u00e4tern und M\u00fcttern zu ihren Kindern von deren sexueller Identit\u00e4t abh\u00e4ngen soll? Was ist das f\u00fcr eine Gemeinschaft, in der sich viele Menschen nicht angenommen f\u00fchlen k\u00f6nnen, sich mit ihren \u00c4ngsten und Sorgen nicht in die geistige F\u00fcrsorge ihres religi\u00f6sen Personals begeben k\u00f6nnen, weil sie gerade dort mit der vehementesten Ablehnung rechnen m\u00fcssen?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das f\u00fcr eine Gemeinschaft, die im Hochmut \u00fcber die vermeintliche moralische Makellosigkeit der eigenen Lebensf\u00fchrung sich zur Richterin ihres N\u00e4chsten aufschwingt und ihm jeden Selbstwert abspricht und jede Achtung als Mensch verweigert?<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist das f\u00fcr eine religi\u00f6se Gemeinschaft, was ist das f\u00fcr eine Familie, in der man sich mit den schwierigsten Fragen seiner Selbstfindung nicht vertrauensvoll und frei von Angst seinen Br\u00fcdern und Schwestern anvertrauen kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht schwule oder lesbische, nicht bi-, trans- oder intersexuelle Menschen sind ein Problem. Es ist ein Problem, dass wir als muslimische Gemeinschaft auf die obigen Fragen keine Antworten haben und dass wir trotzdem immer noch das offene Gespr\u00e4ch \u00fcber diese Fragen scheuen und weiter so tun, als ob diese Menschen f\u00fcr uns nicht existieren. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir endlich reden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Freitagswort ist notwendig. Vielleicht notwendiger als viele Freitagsworte davor. Denn dieses Freitagswort spricht ein Thema an, das wir in unserer muslimischen Gemeinschaft tabuisieren. Wir schweigen hartn\u00e4ckig zu diesem Thema. Denn das, was wir in den meisten F\u00e4llen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und \u00c4chtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert. 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