{"id":1864,"date":"2022-04-22T09:45:04","date_gmt":"2022-04-22T07:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1864"},"modified":"2022-04-22T09:45:05","modified_gmt":"2022-04-22T07:45:05","slug":"ende-des-ramadan-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/04\/22\/ende-des-ramadan-4\/","title":{"rendered":"Ende des Ramadan"},"content":{"rendered":"\n<p>Wieder neigt sich der j\u00e4hrliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder l\u00e4sst er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unm\u00f6gliches sich in ein allt\u00e4gliches Ritual verwandelt und uns vor Augen f\u00fchrt, wie tr\u00fcgerisch unsere Gedanken und Vorstellungen \u00fcber uns selbst sein k\u00f6nnen. Kaum sind wir in der Lage, hinter diesen Vorhang unserer Selbstwahrnehmung zu blicken, endet der Ramadan in Tagen der Freude, der famili\u00e4ren Verbundenheit und in vielfachen freundschaftlichen Begegnungen. Und wir fallen zur\u00fcck in unser einge\u00fcbtes Verhalten und der Ramadan verblasst wieder f\u00fcr 11 Monate zu einer fernen Erinnerung der \u00dcberwindung von Hunger und Durst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei f\u00fchrt uns der Ramadan gerade in seiner letzten Phase, in seinen letzten Tagen deutlich wie nie die Macht der Ver\u00e4nderung vor Augen \u2013 und die Illusion von Best\u00e4ndigkeit. In den letzten Tagen des Fastens, wenn wir feststellen, mit wie wenig an Nahrung und Wasser wir auskommen, wie wenig es eigentlich bedarf, um uns zufrieden zu stellen, ahnen wir, dass die Best\u00e4ndigkeit unseres Alltages eigentlich nichts Statisches ist, sondern die schleichende Gew\u00f6hnung an Zust\u00e4nde und Verhaltensweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind Ver\u00e4nderungsprozesse, die langsam, fast schon tr\u00e4ge ablaufen und uns in ein Korsett der vermeintlichen Normalit\u00e4t zw\u00e4ngen, uns dabei so gem\u00e4chlich einschn\u00fcren, dass wir diesen Zustand der Enge, der Selbsteinengung als Sicherheit und Verl\u00e4sslichkeit missverstehen. Unsere Normalit\u00e4t ist nichts anderes, als das Sich-Abfinden mit den Zust\u00e4nden, die wir vorfinden und die wir mit unserer Tr\u00e4gheit, die wir in unserer religi\u00f6sen Gemeinschaft all zu oft mit Loyalit\u00e4t, Vertrauensw\u00fcrdigkeit und Verbindlichkeit verwechseln, stetig verfestigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir nehmen diese langsame Ver\u00e4nderung nicht wahr. Wir erkennen nicht, wie sich in unserer Gemeinschaft Zust\u00e4nde ver\u00e4ndern, weil wir uns in ihnen eingerichtet haben und sie nicht zu hinterfragen bereit sind. Das Verst\u00e4ndnis von Gerechtigkeit weicht immer mehr dem Gedanken der N\u00fctzlichkeit, die Suche nach Wahrheit weicht der Anpassung an den Willen der politisch M\u00e4chtigen. Die Sorge um den N\u00e4chsten weicht der Gleichg\u00fcltigkeit bis hin zur Mitleidlosigkeit, der Reichtum der Vielfalt weicht der gedanklichen, \u00e4sthetischen und spirituellen Ein\u00f6de des Banalen. Nur weil das Banale uns als normal erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen unsere religi\u00f6se Gemeinschaft zu dieser Gedankenw\u00fcste werden, in der nichts f\u00fcr uns oder andere gedeiht. In dieser immer karger werdenden emotionalen Steppe entgehen wir dem traurigen Blick auf unsere inneren Zust\u00e4nde nur noch durch den scharfen Blick, den wir auf unseren N\u00e4chsten werfen \u2013 ob er richtig betet, ob er \u00fcberhaupt fastet, ob sie ein Kopftuch tr\u00e4gt, mit wem er Umgang pflegt, mit wem sie sich trifft, ob die Sitzordnung bei Veranstaltungen eingehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gemeinschaft, die ihren Glauben als eine Frage des Protokolls lebt und nicht als eine des Gewissens, hat Angst, zu erkennen, in was sie sich ver\u00e4ndert hat. Es verwundert nicht, dass j\u00e4hrlich eine Studie ver\u00f6ffentlicht wird, die misst, in welchen L\u00e4ndern die islamischen Lehren aus Koran und Sunna am deutlichsten praktisch gelebt werden. Unter den ersten 40 L\u00e4ndern ist kein einziges mit muslimischer Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ramadan setzt dem Blick auf diese Zust\u00e4nde der muslimischen Selbstaufgabe die Erkenntnis entgegen, dass eine akute Ver\u00e4nderung m\u00f6glich ist. Die Gewissheiten von gestern k\u00f6nnen heute hinterfragt werden. Die herrschende Ansicht einer selbsternannten Obrigkeit kann von heute auf morgen infrage gestellt werden. Wenn wir uns selbst \u00fcberwinden k\u00f6nnen, unsere elementarsten Begierden \u00fcberwinden k\u00f6nnen, ist kein Zustand unver\u00e4nderlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns dazu \u00fcberwinden, den Blick auf unsere Zust\u00e4nde zu richten, uns selbst zu hinterfragen und unser Denken und Verhalten zu \u00e4ndern, kann es uns gelingen, eine spirituelle Landschaft, die von anderen nur als unwirtlich, absto\u00dfend, bedrohlich empfunden wird, zuk\u00fcnftig f\u00fcr alle in das zu verwandeln, was sie f\u00fcr uns zu sein verspricht \u2013 n\u00e4mlich ein Ort und ein Zustand der Freude, des Friedens, der Sch\u00f6nheit und der Geborgenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das ist die Botschaft des Ramadan: Bevor sie auf Festtagstafeln wieder bis zur Unsichtbarkeit verschwindet, sollten wir uns fragen, worauf wir verzichten m\u00fcssen, worauf wir uns konzentrieren m\u00fcssen, wessen wir uns enthalten m\u00fcssen, was der Gegenstand unseres t\u00e4glichen spirituellen Fastens sein muss, um die Zust\u00e4nde, die uns umgeben, zum Positiven zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Suche wird sicher nicht m\u00fchelos und frei von Selbst\u00fcberwindung sein. Aber das verspricht uns der Ramadan in keinem Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder neigt sich der j\u00e4hrliche Fastenmonat seinem Ende zu. Und wieder l\u00e4sst er uns erleben, wie die Herausforderungen, die er mit sich bringt, uns fast zur Gewohnheit werden. Wie scheinbar Unm\u00f6gliches sich in ein allt\u00e4gliches Ritual verwandelt und uns vor Augen f\u00fchrt, wie tr\u00fcgerisch unsere Gedanken und Vorstellungen \u00fcber uns selbst sein k\u00f6nnen. 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