{"id":1837,"date":"2022-03-18T02:22:55","date_gmt":"2022-03-18T01:22:55","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1837"},"modified":"2022-03-18T09:19:45","modified_gmt":"2022-03-18T08:19:45","slug":"opferneid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/03\/18\/opferneid\/","title":{"rendered":"Opferneid"},"content":{"rendered":"\n<p>Immer h\u00e4ufiger sto\u00dfe ich in meiner Bubble auf eine bestimmte Karikatur mit Fl\u00fcchtlingen: Zwei Frauen stehen jeweils vor einem Weg nach Europa. Eine Frau mit Kopftuch und einem dunkelhaarigen Kind und eine blonde Frau mit einem blonden Kind. Die Frau mit Kopftuch soll an die Flucht syrischer Fl\u00fcchtlinge erinnern. Sie steht vor einem sandigen Weg, der von einem Schlagbaum und viel Stacheldraht versperrt wird. Die Frau ohne Kopftuch soll ukrainische Fl\u00fcchtlinge repr\u00e4sentieren, die \u00fcber einen roten Teppich nach Europa marschieren d\u00fcrfen. Die Karikatur kritisiert die Ungleichbehandlung von Fl\u00fcchtlingen unterschiedlicher Herkunft. Eine Kritik, die teilweise ihre Berechtigung hat und sicherlich einer Aufarbeitung bedarf. Aber, muss diese Diskussion gerade jetzt gef\u00fchrt werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Einigen hat dieser Diskurs eine derma\u00dfen zentrale Bedeutung eingenommen, dass sie Berichten \u00fcber die Situation ukrainischer Fl\u00fcchtlinge jedes Mal mit einem bestimmten Wiederspruch begegnen: Aber der Umgang mit den syrischen oder muslimischen Fl\u00fcchtlingen war anders, es gibt doppelte Standards usw. Eine besch\u00e4mende Art des Opferneids, der von einer fast schon narzisstischen Ich-Bezogenheit gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ja, nicht alles lief in und nach 2015 optimal. Der Umgang vieler Staaten auf dem Weg der Fl\u00fcchtlinge nach Europa war leider gepr\u00e4gt von Schlagb\u00e4umen, Stacheldraht und einem entw\u00fcrdigenden Umgang mit diesen Menschen. Dies sind jedoch nicht die einzigen Bilder, die sich mir eingepr\u00e4gt haben. Es sind eher die Menschentrauben an den Bahnh\u00f6fen, die mit Blumen in den H\u00e4nden genau die Menschen empfangen haben, die ihnen von so manchen Medien und Politikern jahrzehntelang als kulturelle Gegner pr\u00e4sentiert wurden. Trotzdem standen viele Menschen an den Bahnsteigen, nahmen diese Menschen in ihre eigenen Wohnungen und H\u00e4usern auf. &#8220;Wir schaffen das&#8221; war zu diesem Zeitpunkt eine derma\u00dfen m\u00e4chtige Formel der Bereitschaft zu Barmherzigkeit und N\u00e4chstenliebe, dass der Widerspruch dazu zu einem Kampfbegriff der Menschenhasser in Deutschland geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es gab genug Akteure, die den Fl\u00fcchtlingen keine Scheibe Brot im Magen und keinen Quadratzentimer Dach \u00fcber dem Kopf geg\u00f6nnt haben. Sie haben stattdessen andere Opfer dieser Gesellschaft bem\u00fcht: Obdachlose, alleinstehende M\u00fctter, eine zur\u00fcckgelassene &#8220;wei\u00dfe Arbeitschaft&#8221;. Menschen, um die diese pl\u00f6tzlichen &#8220;Wir haben unsere eigenen Notleidenden&#8221;-Erkenner sonst einen gro\u00dfen Bogen machen, die nur allzu gerne im innergesellschaftlichen Diskurs bereit sind, Menschen nach ihrem marktwirtschaftlichen &#8220;Wert&#8221; abzustufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass auch f\u00fcr die ukrainischen Fl\u00fcchtlinge das Dasein als Geflohene im fremden Land kein Rotteppich-\u00c4quivalent sein wird. Jede Zugfahrt von Berlin weg gibt bereits einen kleinen Einblick in die Situation der Betroffenen. Die Zahl der Menschen aus der Ukraine in den Z\u00fcgen steigt von Tag zu Tag. Sie sind m\u00fcde, sie sind ersch\u00f6pft. Ungewissheit \u00fcber die eigene Zukunft, Sorge um die Hinterbliebenen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Kleine Kinder spielen im Flur und auf den Sitzen. Ihre ahnungslose Unbeschwertheit scheint den Schmerz und die Trauer der Erwachsenen noch weiter zu vertiefen. Welchen roten Teppich versuchen die &#8220;aber die anderen Fl\u00fcchtlinge&#8221;-Sager da krampfhaft zu sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion um Ungleichbehandlung und Diskriminierung von muslimischen oder syrischen Fl\u00fcchtlingen ist berechtigt, nur war und ist dieses Verh\u00e4ltnis nicht nur durch Negativit\u00e4t gepr\u00e4gt. Die Diskussion verliert ihre Berechtigung, wenn sie im Angesicht von Notleidenden gef\u00fchrt wird. Was soll die Folge im hier und jetzt dieses Diskurses sein? Sollen die Verfehlungen und M\u00e4ngel in der Betreuung und im Umgang mit syrischen Fl\u00fcchtlingen nun auf den Schultern der neu ankommenden Fl\u00fcchtlinge ausgetragen werden? Wie aufrichtig kann ein Ungleichheitsdiskurs sein, wenn er die Bed\u00fcrftigkeit nicht an objektiven Kriterien der Not, sondern an der N\u00e4he zur eigenen Wir-Gruppe feststellt? Geht es dabei noch um muslimische und syrische Fl\u00fcchtlinge oder doch mehr um eine ideologische Aufrechnung und der Kanalisierung eines aufgestauten Zorns?<\/p>\n\n\n\n<p>Mich schmerzt es besonders, wenn ich solch eine Debatte innerhalb der muslimischen Community sehe. Die angef\u00fchrten Argumente greifen Aspekte wie eigene erlebte Ungleichbehandlung auf, postkoloniale Argumente, Auseinandersetzung zwischen Minderheits- und Mehrheitspositionen. Es fehlt jedoch der Blick auf die prophetische Tradition. Diese zeigt n\u00e4mlich eine v\u00f6llig andere Perspektive auf. Sie gibt uns ein Beispiel von Barmherzigkeit und Menschenliebe selbst in der extremen Situation eines bestehenden Kriegszustands.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine angespannte Zeit. Oft genug standen sich Mekka und Medina auf dem Schlachtfeld gegen\u00fcber. Zuletzt in der Grabenschlacht vor Medina hatte Mekka wieder angegriffen. Aber jetzt hungerte Mekka. Eine Hungersnot hatte ihre Bewohner in ihrem erbarmungslosen Griff. Am heftigsten sp\u00fcrten dies die \u00c4rmsten, die Schw\u00e4chsten. Aber es kam Hilfe in der Not. Medina hatte Nahrungsmittel aus dem verb\u00fcndeten Jemen nach Mekka senden lassen, auf Anordnung des Propheten (a.s.). Die Hilfe kam von dem Menschen, den die Mekkaner am meisten anfeindeten, sie kam von dem f\u00fcr sie verhassten Propheten des Islams. Der Prophet hatte seine helfende Hand zu einer Zeit ausgestreckt, zu der das Helfen jedem anderen wohl unm\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Er half Menschen, die ihm oft nach dem Leben getrachtet hatten. Doch f\u00fcr den Propheten waren sie in dem Moment keine Feinde, sondern Notleidende, von Hunger und Entbehrung gemarterte Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prophet wusste genau, Feindschaft kann es nicht gegen hungernde Menschen geben. Hungernde und Notleidende brauchen Hilfe. Notleidende bewertete er nicht an Kriterien wie Freund oder Feind. Das Menschsein stand im Zentrum. Wenn dieses Kriterium f\u00fcr den Propheten ein ausreichendes war, k\u00f6nnen wir an Hilfsbed\u00fcrftige andere, zus\u00e4tzliche Bedingungen stellen? K\u00f6nnen wir uns aufgrund zweit- und drittrangiger Vorbehalte unserer Verantwortung und Verpflichtung zur Hilfe entledigen? Unsere Situation ist nicht mal ann\u00e4hernd mit der Gefahr vergleichbar, der der Prophet ausgesetzt war. Wir haben es nicht mit Feinden zu tun, nicht mit Menschen, die uns etwas B\u00f6ses tun wollen. Und dennoch beginnen unsere Aussagen zur Hilfe zu oft mit einem &#8220;Aber&#8221;. Wir k\u00f6nnen nicht vor dieser Verantwortung fliehen, die wir mit ihm teilen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer h\u00e4ufiger sto\u00dfe ich in meiner Bubble auf eine bestimmte Karikatur mit Fl\u00fcchtlingen: Zwei Frauen stehen jeweils vor einem Weg nach Europa. Eine Frau mit Kopftuch und einem dunkelhaarigen Kind und eine blonde Frau mit einem blonden Kind. Die Frau mit Kopftuch soll an die Flucht syrischer Fl\u00fcchtlinge erinnern. Sie steht vor einem sandigen Weg,&hellip; <\/p>\n<p class=\"simppeli-read-more\"><a href=\"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/03\/18\/opferneid\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\">Opferneid<\/span> <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[361],"tags":[406,5,405,404,407],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8tv7g-tD","jetpack-related-posts":[{"id":22,"url":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/03\/24\/fluechtlinge-in-der-gemeinde\/","url_meta":{"origin":1837,"position":0},"title":"Fl\u00fcchtlinge in der Gemeinde","date":"24. 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