{"id":1803,"date":"2022-01-21T08:22:00","date_gmt":"2022-01-21T07:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1803"},"modified":"2022-01-21T01:27:14","modified_gmt":"2022-01-21T00:27:14","slug":"ein-zimmer-zu-wenig-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/01\/21\/ein-zimmer-zu-wenig-2\/","title":{"rendered":"EIN ZIMMER ZU WENIG\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eGanz gleich, wen ich frage\u201c, schrieb einmal der t\u00fcrkische Dichter \u00d6zdemir Asaf (1923-1981), \u201ejeder ist der Ansicht, dass sein Haus ein Zimmer zu wenig habe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir diese Aussage doch zum Anlass und horchen kurz in uns hinein. Verfallen nicht auch wir hin und wieder diesem Glauben? Dem Glauben n\u00e4mlich, dass f\u00fcr das finale Gl\u00fcck in unserem Leben eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung, mehr Geld, ein teureres Auto, das neuste Smartphone, dieser oder jener Gegenstand fehle? Ist es nicht so, dass wir bereits von Kindesbeinen an lernen, Gl\u00fcck und eine h\u00f6here Lebensqualit\u00e4t seien vor allem durch mehr Besitz zu erlangen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts anderes gaukelt uns schlie\u00dflich die Werbung vor, der wir tagt\u00e4glich ausgesetzt sind. Ein richtiges und gutes Leben ist demnach nur durch den Erwerb bestimmter G\u00fcter m\u00f6glich. \u201eWohnst du noch oder lebst du schon?\u201c dr\u00f6hnt es uns etwa vorwurfsvoll und gef\u00fchlt an jeder Stra\u00dfenecke entgegen. \u201eEntdecke das Leben\u201c, werden wir andernorts aufgefordert. Eine Parf\u00fcmeriekette verhei\u00dft uns ein \u201esch\u00f6neres\u201c, ein Jeanshersteller ein \u201eerfolgreiches\u201c Leben. Die Botschaft ist klar: sich mehr Besitz anzueignen \u2013 wichtiger noch: mehr zu haben als andere \u2013, erh\u00f6ht augenscheinlich unseren Wert. Das Aufkommen immer neuer Bed\u00fcrfnisse und ein uferloser Konsum sind die Folge.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In dem Glauben, dass wir all diese Dinge tats\u00e4chlich br\u00e4uchten, kaufen wir daher unentwegt ein. Es m\u00fcssen noch nicht einmal die teuersten sein, aber verschiedene Paar Schuhe f\u00fcr jeden erdenklichen Anlass sind schon unerl\u00e4sslich, nicht wahr? Wenn man sich an den alten M\u00f6beln bereits sattgesehen hat, ist es nat\u00fcrlich auch in diesem Fall h\u00f6chste Zeit f\u00fcr eine Erneuerung. Wer wird schon abstreiten, dass es sich mit einem \u00fcberdurchschnittlich gro\u00dfen Ultra-HD-TV einfach besser fernsehen l\u00e4sst als mit einem gew\u00f6hnlichen Plasmager\u00e4t? Und da wir uns nun einmal in unsicheren Zeiten befinden, sollte man nicht nur eine, sondern am besten gleich mehrere Lebensversicherungen abschlie\u00dfen. Kurzum: wir leben in einer Welt der Waren\u00fcberflutung, einer Welt des Zu Gro\u00df, Zu Voll und Zu Viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr wir das Gebot des Immer-Mehr-Haben-M\u00fcssens verinnerlicht haben, wird schnell deutlich, wenn wir Menschen begegnen, die weniger haben als wir: wir bemitleiden sie. Seien wir ehrlich! Unter keinen Umst\u00e4nden m\u00f6chten wir mit ihnen tauschen, trotz all jener gut gemeinten Floskeln wie etwa, dass Geld allein nicht gl\u00fccklich mache. Nicht nur uns selbst, sondern auch die Menschen um uns herum definieren wir \u00fcber Besitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt die Frage, wie denn ein derart \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Konsum mit einer muslimischen Lebensweise in Einklang zu bringen w\u00e4re. Die Antwort ist ganz und gar einfach: \u00fcberhaupt nicht! Allen voran ist es der Koran, der unaufh\u00f6rlich auf die Verg\u00e4nglichkeit und die relative Bedeutungslosigkeit von diesseitigem Besitz hinweist, so beispielsweise in der Sure 10, Vers 24:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eMit dem diesseitigen Leben ist es genau wie mit Wasser, das wir vom Himmel hinabsenden, mit dem sich dann die Pflanzen der Erde vermengen, wovon Mensch und Vieh essen. Sobald die Erde ihren Prunk angenommen und sich geschm\u00fcckt hat und ihre Bewohner meinen, dass sie \u00fcber sie verf\u00fcgen, kommt nachts oder tags unsere Verf\u00fcgung \u00fcber sie (die Erde) und wir machen sie zu abgem\u00e4htem Land, als ob sie gestern nicht pr\u00e4chtig gewesen w\u00e4re. So legen wir die Zeichen genau dar f\u00fcr Leute, die nachdenken.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch das Vorbild des Propheten l\u00e4sst in dieser Hinsicht keine Zweifel. Als Musliminnen und Muslime sind wir aufgefordert, uns auf das zu besinnen, was existenziell notwendig ist. In einem von Tirmidhi \u00fcberlieferten Hadith spricht der Prophet: \u201eJeder Mensch ist nur zu folgendem berechtigt: einer Wohnst\u00e4tte, worin er leben kann, Kleidung, um seine Bl\u00f6\u00dfe zu bedecken, einem St\u00fcck Brot und Wasser.\u201c Nicht mehr, nicht weniger!<\/p>\n\n\n\n<p>Umar ibn al-Chattab, der Gef\u00e4hrte des Propheten, berichtet hingegen: \u201eIch habe gesehen, wie der Gesandte Allahs \u2013 Allah segne ihn und gebe ihm Heil \u2013 einen Tag in ungeheurem Hunger verbrachte und nicht einmal verdorbene Datteln finden konnte, um seinen Hunger zu stillen.\u201c (Muslim)<br>Als die Gef\u00e4hrten des Propheten eines Tages \u00fcber das Diesseits sprachen, sagte er zu ihnen: \u201eHabt ihr denn nicht geh\u00f6rt? Habt ihr denn nicht geh\u00f6rt? Bescheidenheit und Gen\u00fcgsamkeit geh\u00f6ren zum Glauben.\u201c (Abu Dawud)<br>Er selbst habe sich, so berichtet seine Ehefrau Aischa, \u201ebis zum Tag seines Todes niemals an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit Brot aus Gerste sattgegessen\u201c (Buchari, Muslim).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zitate lie\u00dfen sich gewiss vervielfachen. Eines d\u00fcrfte jedoch klar geworden sein: indem der Prophet zeit seines Lebens ganz bewusst Verzicht praktizierte, stellte er sich gegen die Anh\u00e4ufung von Besitzt\u00fcmern im Diesseits.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten seinem Beispiel folgen und loslassen lernen, anstatt uns an Gegenst\u00e4nde, Geld und Wohlstand zu klammern. Ohne es vielleicht zu merken, geraten wir andernfalls n\u00e4mlich in eine Abh\u00e4ngigkeit von materiellen Dingen, die wir zwar meinen zu besitzen, von denen wir aber in Wirklichkeit selbst besessen sind. Nicht die Angst, unser Hab und Gut zu verlieren, sollte unsere Existenz bestimmen, sondern vielmehr das Streben nach einem \u2013 im buchst\u00e4blichen Sinne \u2013 unbeschwerten Leben. Vergessen wir nicht, dass das irdische Leben verg\u00e4nglich ist, \u201eder Unterhaltung und dem Spiel gleich. Das Jenseits aber ist das wahrhaftige Leben\u201c (Koran 29:64).<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen wir uns vor unseren zuk\u00fcnftigen Eink\u00e4ufen deshalb immer wieder aufrichtig die Frage: \u201eBrauche ich das hier wirklich?\u201c Trennen wir uns doch zumindest ab und an von Dingen, die wir nicht wirklich ben\u00f6tigen, indem wir sie zum Beispiel verschenken. Anders, als es uns die Werbeindustrie weismachen will, ist n\u00e4mlich nur ein gen\u00fcgsames Leben ein wirklich gelungenes Leben. Allein dieser Weg f\u00fchrt zu Zufriedenheit, wahrem Gl\u00fcck und, ja, Seelenruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGanz gleich, wen ich frage\u201c, schrieb einmal der t\u00fcrkische Dichter \u00d6zdemir Asaf (1923-1981), \u201ejeder ist der Ansicht, dass sein Haus ein Zimmer zu wenig habe\u201c. Nehmen wir diese Aussage doch zum Anlass und horchen kurz in uns hinein. Verfallen nicht auch wir hin und wieder diesem Glauben? 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