{"id":180,"date":"2017-05-19T09:50:29","date_gmt":"2017-05-19T07:50:29","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=180"},"modified":"2017-06-29T22:44:08","modified_gmt":"2017-06-29T20:44:08","slug":"brueder-im-tin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/05\/19\/brueder-im-tin\/","title":{"rendered":"Br\u00fcder im Tin"},"content":{"rendered":"<p>Wir alle kennen den ber\u00fchmten Had\u00ees unseres Propheten, Friede sei mit ihm, in dem es sinngem\u00e4\u00df hei\u00dft: &#8220;Wer das, was er f\u00fcr sich liebt, nicht auch seinem Bruder w\u00fcnscht, der hat nicht die h\u00f6heren Stufen des Iman (Glauben).&#8221; Wir haben ihn sehr oft geh\u00f6rt, geben ihn h\u00e4ufig wieder und nicken jedes Mal zustimmend. Wir verstehen unter diesem Had\u00ees zun\u00e4chst, dass man auch seinem muslimischen Bruder das w\u00fcnschen soll, was man f\u00fcr sich selber liebt. Doch dieser Had\u00ees hat eine weitere Dimension, die wir oft au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Had\u00eesgelehrte Imam Nawawi erkl\u00e4rt in seinem Kommentar zu diesem Had\u00ees den Begriff \u201eBruder\u201c auf zwei verschiedene Weisen. Imam Nawawi weist darauf hin, dass mit \u201eBruder\u201c einerseits \u201eBr\u00fcderlichkeit im Din\u201c, also im Islam, gemeint ist. F\u00fcr seinen Bruder im Islam w\u00fcnscht man eben alles, was man auch f\u00fcr sich selber liebt.<\/p>\n<p>Aber zus\u00e4tzlich zur Br\u00fcderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die \u201eBr\u00fcderlichkeit im Tin\u201c. &#8220;Tin&#8221; steht f\u00fcr Lehm oder Erde. Mit der &#8220;Br\u00fcderlichkeit im Tin&#8221; verweist Imam Nawawi auf die Br\u00fcderlichkeit als Menschen, denn in Sure 15, Vers 26 hei\u00dft es im Koran: \u201eUnd wahrlich, wir haben den Menschen erschaffen aus trockenem, get\u00f6ntem Lehm, aus schwarzem, zu Gestalt gebildetem Schlamm.\u201c<!--more--><\/p>\n<p>Was man dann, nach Imam Nawawi, f\u00fcr seinen Menschenbruder w\u00fcnscht, ist das Geschenk des Islam, das man so liebt und wof\u00fcr man so dankbar ist.<\/p>\n<p>Ein Muslim w\u00fcnscht nicht nur einem anderen Muslim all das, was er liebt und f\u00fcr sich selber w\u00fcnscht, sondern er w\u00fcnscht auch all jenen Menschen, die keine Muslime sind, unter der \u00dcberschrift, dass Allah sie leiten m\u00f6ge, nur das Beste. Das ist ein wichtiger Punkt, da sowohl in ideologisierten muslimischen Kreisen als auch bei vielen Nichtmuslimen die Meinung herrscht, dass man als Muslim einen Nichtmuslim hassen muss oder zumindest ihm nichts g\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Hier wird der klassische Blickwinkel vergessen, dass der Mumin dem Nichtmuslim gegen\u00fcber nicht als Person irgendeine \u00dcberlegenheit besitzt, sondern nur durch das gottgegebene Geschenk des Islam\/Iman &#8220;\u00fcberlegen&#8221; ist, weil Iman an sich h\u00f6her ist als Kufr. Hinzu kommt, dass niemand eine Garantie hat, dass sein Iman fortbestehen wird: so mag -Allah bewahre- ein Mumin eines Morgens als Kafir aufwachen, und ein notorischer Kafir am Ende eines Tages Allah als Herren anerkennen. Die Dua darum, den letzten Atemzug mit Iman machen zu k\u00f6nnen\/d\u00fcrfen, ist eine, die jeder Muslim kennt.<\/p>\n<p>Dieser Aspekt, den Imam Nawawi betont, ist vielleicht in diesen Zeiten umso wichtiger und elementar, da es Anh\u00e4nger einer Verdrehung des Islam gibt, die immer wieder mit Hass und absto\u00dfenden Worten und Handlungen gegen\u00fcber Nichtmuslimen \u00f6ffentlich auffallen. Sie behaupten, dass man als Muslim sich so gegen\u00fcber Nichtmuslimen zu verhalten habe, und dass dies religi\u00f6s geboten sei. Aber diese Haltung hat wenig mit dem prophetischen Vorbild und der Offenbarung zu tun, was zwischenmenschlichen Umgang betrifft.<\/p>\n<p>In der Sure al-Hudschurat, die Wohnungen, hei\u00dft es sinngem\u00e4\u00df \u00fcbersetzt: &#8220;O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu V\u00f6lkern und St\u00e4mmen gemacht, auf da\u00df ihr einander er\/kennen m\u00f6get.&#8221;<\/p>\n<p>Teil der Dankbarkeit f\u00fcr das Geschenk des Islam\/Iman ist, dass man diesen Schatz teilt, indem man auf ihn hinweist und ihn sichtbar macht, doch daf\u00fcr muss man es &#8220;dem Anderen&#8221; erst w\u00fcnschen, und das mit derselben Intensit\u00e4t, wie man es f\u00fcr sich selbst liebt. D.h. der Blick auf &#8220;den Anderen&#8221; ist vorrangig ein Blick der Barmherzigkeit und des Mitgef\u00fchls.<\/p>\n<p>Dies m\u00fcssen wir als muslimische Gemeinschaften vorleben, und auch unseren jungen Leuten nahebringen. Denn Miesmacher auf beiden Seiten nutzen gerne die \u00f6ffentlichen Kontroversen, Ausgrenzungen und Probleme dazu aus, Ressentiments gerade unter den jungen Menschen zu sch\u00fcren.<\/p>\n<p>Ein Muslim ist jemand, der das, was er hat, auch mit seinen Mitmenschen teilen soll. Wir teilen unseren \u00dcberschuss an Besitz, in dem wir einmal im Jahr einen bestimmten Anteil davon an Arme und Bed\u00fcrftige in Form der Zakat abgeben, die einer der Pfeiler des Islam ist. Das prophetische Wort, &#8220;Wer satt ist, w\u00e4hrend sein Nachbar hungert, der ist nicht von uns&#8221;, meint auch den nichtmuslimischen Nachbarn. Und ein Muslim ist jemand, der anstrebt, den Islam so zu leben, dass jene, die nicht Muslime sind, die Sch\u00f6nheit des Islams wahrnehmen und einen Einblick in das Geheimnis dessen bekommen, was einen Menschen edel sein l\u00e4sst, und gut.<\/p>\n<p>Die beste Dawa, die beste Einladung zum Islam, ist das Vorleben dieser urmenschlichen Zuneigung seinem N\u00e4chsten gegen\u00fcber, getragen davon, auch ihm nur das Beste zu w\u00fcnschen. So erreicht man die Herzen der Menschen. Und nur so entsteht ein Fundament, auf dem Menschen einander als Mit-Menschen begegnen und nicht als Widersacher.<\/p>\n<p>Diese grunds\u00e4tzlich auf eine Begegnung auf der Ebene der Br\u00fcderlichkeit im Menschsein ausgerichtete Haltung braucht aber auch den &#8220;Anderen&#8221;, der ebenfalls bereit ist, sich auf eine solche Begegnung auf der kleinsten verbindenden Grundlage einzulassen.<\/p>\n<p>Allah, der Erhabene, sagt in seinem Buch, sinngem\u00e4\u00df \u00fcbersetzt: &#8220;Und wer ist besser in der Rede als einer, der zu Allah ruft und Gutes tut und sagt: &#8216;lch bin einer der Gottergebenen?&#8217; Und nimmer sind gute Taten und schlechte Taten gleich. Wehre das Schlechte mit etwas Besserem ab, und siehe da, der, zwischen dem und dir Feindschaft herrschte, wird wie ein treuer Freund sein. Aber dies wird nur denen gew\u00e4hrt, die geduldig sind und dies wird nur denen gew\u00e4hrt, die ein gro\u00dfes Gl\u00fcck haben.&#8221;<\/p>\n<p><em>Gastbeitrag von <a href=\"http:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/kontakt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Malik Sezgin<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber zus\u00e4tzlich zur Br\u00fcderlichkeit im Din gibt es nach Imam Nawawi auch die \u201eBr\u00fcderlichkeit im Tin\u201c. &#8220;Tin&#8221; steht f\u00fcr Lehm oder Erde. 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