{"id":1736,"date":"2021-10-01T08:30:00","date_gmt":"2021-10-01T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1736"},"modified":"2021-09-30T22:35:14","modified_gmt":"2021-09-30T20:35:14","slug":"ihr-werdet-was-wir-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/10\/01\/ihr-werdet-was-wir-sind\/","title":{"rendered":"Ihr werdet, was wir sind"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus dem antiken Rom ist bekannt, dass w\u00e4hrend der Siegesz\u00fcge erfolgreicher Feldherren, diese von einem Sklaven begleitet wurden, der in st\u00e4ndiger Wiederholung folgende Worte sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMemento mori.<\/p>\n\n\n\n<p>Memento te hominem esse.<\/p>\n\n\n\n<p>Respice post te, hominem te esse memento.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBedenke, dass du sterben wirst.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedenke, dass du ein Mensch bist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieh dich um und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Diesen stets pr\u00e4senten Gedanken der Verg\u00e4nglichkeit kennen wir zum Beispiel auch aus Motiven des \u201eTotentanzes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner heute bekannten und in vielen Kulturen weit verbreiteten Form geht die mahnende Erinnerung an unseren Tod auf den arabischen Dichter Adi bin Zayd aus dem sp\u00e4ten 6. Jahrhundert zur\u00fcck. Dieser l\u00e4sst die Toten aus ihren Gr\u00e4bern zu einem vorbeireitenden K\u00f6nig rufen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir waren, was ihr seid;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch kommen wird die Zeit,<\/p>\n\n\n\n<p>Und kommen wird sie euch geschwind,<\/p>\n\n\n\n<p>wo ihr sein werdet, was wir sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere muslimischen Bestattungsriten sind darauf ausgerichtet, die Verstorbenen m\u00f6glichst schnell zu beerdigen. Das ist bei einer sarglosen Bestattung nur im Leichentuch sicher auch sinnvoll und von durchgreifenden praktischen Beweggr\u00fcnden getragen. Aber diese Eile, dieses Getriebene sorgt f\u00fcr eine derartige emotionale \u00dcberw\u00e4ltigung, die nicht nur zu einer vielleicht kurzfristig n\u00fctzlichen Bet\u00e4ubung von Schmerz, sondern eben auch zu einer inneren Einsamkeit in der empfundenen Trauer f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Riten lassen eine aktive Trauer und einen verbalisierten Prozess der Trauerbew\u00e4ltigung kaum zu. Es gibt den Moment der Leichenwaschung. Es sind sehr intime, sehr z\u00e4rtliche Minuten der intensiven N\u00e4he und Vorbereitung des verstorbenen K\u00f6rpers auf die Beerdigung. Man kommt der oder dem Toten so nah, wie kaum zu Lebzeiten. Es sind Momente der letzten k\u00f6rperlichen F\u00fcrsorge und Pflege. Man w\u00e4scht den gesamten K\u00f6rper. Die F\u00fc\u00dfe, die Beine, die H\u00e4nde, die Arme, den R\u00fccken, die Brust, das Gesicht. Man streicht \u00fcber die Augenlider, \u00fcber die Haare.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Angeh\u00f6riger ist der Schmerz des Verlustes in diesen Momenten besonders intensiv und liegt nur wenige Stunden oder Tage zur\u00fcck. Man ist unerfahren in den praktischen Ritualen und Handgriffen. Man m\u00f6chte alles richtig machen und immer wieder bricht die Ohnmacht sich Bahn, diesen Zustand des geliebten Menschen nicht mehr ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Man w\u00fcnscht sich, allein zu sein mit dem Leichnam und gleichzeitig ist man angewiesen auf die Anleitung des Imam, wie genau zu waschen ist, wie genau die Leichent\u00fccher gewickelt werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel h\u00e4ngt davon ab, ob man es in der Person des Imam mit einem taktvollen, sensiblen Menschen zu tun hat. Man ahnt, dass dies f\u00fcr ihn quasi zum beruflichen Alltag geh\u00f6rt. Er ist routiniert. Vielleicht braucht es auch eine professionelle Distanz, um von dieser Arbeit nicht \u00fcberw\u00e4ltigt zu werden. Dennoch sind es schwierige Augenblicke, wenn man merkt, dass der Imam auf die Uhr guckt, die bevorstehende Gebetszeit nicht verz\u00f6gern will und zur raschen Beendigung der Waschungsrituale dr\u00e4ngt. Als Betroffener sind einem solche praktischen Gedanken und Sorgen in dieser Situation viel zu fern. Man will den Verstorbenen in Ruhe noch ein letztes Mal ber\u00fchren, noch ein letztes Mal ansehen, bevor auch das Gesicht unter dem Leichentuch verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Grabfeld steigt man zun\u00e4chst selbst ins ausgehobene Grab. Es sind eindringliche Momente. Die Trauergemeinde reicht den Leichnam ins Grab hinunter, man nimmt ihn entgegen und man bettet den geliebten Menschen eigenh\u00e4ndig zur letzten Ruhe. Irgendwie will man das Grab nicht verlassen, weil man wei\u00df, dass es keine warme Decke sein wird, mit der man den Verstorbenen gleich zudeckt. Das Hinaufsteigen aus dem Grab gibt einem das Gef\u00fchl, heute, in diesem Augenblick, dem letztlich gewissen eigenen Tod f\u00fcr unbestimmte Zeit entronnen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach bleibt man stumm. Man nimmt die Beileidsbekundungen entgegen. Erwidert diese in h\u00f6flichen Floskeln, ohne sich selbst reden zu h\u00f6ren. Man lauscht den Koranrezitationen, die auf wundersame Weise einem das Innerste aufw\u00fchlen, um dann Sekunden sp\u00e4ter f\u00fcr eine innere Ruhe und Kraft zu sorgen. Man schlie\u00dft das Grab, geht nach Hause, empf\u00e4ngt an den folgenden Tagen den Besuch von Freunden und Bekannten. Man h\u00f6rt zu, schweigt, bleibt mit den eigenen Gedanken f\u00fcr sich allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die praktischen Rituale bis zur Bestattung und die Minuten und Stunden w\u00e4hrend der Beerdigung lassen kaum Raum f\u00fcr eigene Worte \u00fcber den verstorbenen Menschen. Wer diese Person war, was sie einem bedeutet hat, wie man sich an sie erinnert, was ihr wichtig war, was sie uns noch mitgeben wollte, woran sie Freude hatte, was ihre Einzigartigkeit ausmachte. Das auszusprechen, daf\u00fcr fehlt es h\u00e4ufig an einge\u00fcbten Ritualen oder Momenten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollten wir \u00fcberlegen, ob es sich lohnt, unsere Trauerrituale zu ver\u00e4ndern. Oder auch nur zu erg\u00e4nzen. Um Augenblicke, in denen wir \u00fcber die Verstorbenen reden. Um sie ein letztes Mal in unseren Erinnerungen lebendig werden zu lassen, bevor wir vergessen, wie ihre Stimmen klangen, wie ihr L\u00e4cheln aussah und wie sie dufteten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bald werden auch wir, was sie jetzt sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem antiken Rom ist bekannt, dass w\u00e4hrend der Siegesz\u00fcge erfolgreicher Feldherren, diese von einem Sklaven begleitet wurden, der in st\u00e4ndiger Wiederholung folgende Worte sprach: \u201eMemento mori. Memento te hominem esse. Respice post te, hominem te esse memento.\u201c \u201eBedenke, dass du sterben wirst. Bedenke, dass du ein Mensch bist. 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