{"id":1728,"date":"2021-09-17T08:15:00","date_gmt":"2021-09-17T06:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1728"},"modified":"2021-09-16T21:17:28","modified_gmt":"2021-09-16T19:17:28","slug":"der-tanz-um-das-goldene-ich-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/09\/17\/der-tanz-um-das-goldene-ich-3\/","title":{"rendered":"Der Tanz um das goldene Ich"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Gesch\u00f6pfen in der Natur zu beobachten ist. Es geht dabei weniger um die Markierung eines Territoriums, welches durch Inbesitznahme und Verteidigung gegen\u00fcber Konkurrenten den eigenen Fortbestand sichern soll.&nbsp;Gleichwohl wir&nbsp;in dieser Beschreibung durchaus auch die zerst\u00f6rerischen Ideologien um kollektiven \u201eLebensraum\u201c erkennen k\u00f6nnen, ist hier ein anderes Ph\u00e4nomen gemeint.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Versuchungen des Menschen, sich durch individuelle Zuschreibungen ein h\u00f6heres Ma\u00df an Achtung und Wertigkeit beizumessen. Der individuelle Ansatz wird dabei gerechtfertigt durch die Ausdehnung dieser Perspektive auf das eigene Kollektiv. Das hei\u00dft, die individuelle Eitelkeit des Menschen versucht sich zu rechtfertigen, indem sie sich Komplizen schafft. Pl\u00f6tzlich sind es \u201eWir\u201c, die anders, n\u00e4mlich besser und anderen \u00fcberlegen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer solchen Gedankenwelt gibt es dann zwangsl\u00e4ufig keine Differenzierungen. Es gibt nur noch die Kategorien des Absoluten. Das \u201eWir\u201c wird als das absolut Gute idealisiert. Das \u201eIhr\u201c, das Andere, wird in die Rolle des absoluten B\u00f6sen verwiesen. Nur durch diese&nbsp;rigorose Grenzziehung gelingt die Aufrechterhaltung der Gedankenfigur kollektiver \u00dcberlegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bereich des Religi\u00f6sen ist dieser Mechanismus deshalb so verlockend und gef\u00e4hrlich, bezieht er seine vermeintliche Legitimation ja aus einer transzendenten Sph\u00e4re, die auf Skepsis und Hinterfragung jedenfalls nicht unmittelbar antwortet.<\/p>\n\n\n\n<p>Formulieren wir diese abstrakten Gedanken jetzt konkreter: Wir Muslime neigen dazu, aus dem historischen Status als letzte Offenbarungsempf\u00e4nger einen qualitativen Anspruch f\u00fcr unsere Gemeinschaft abzuleiten. Dabei verlieren wir aus den Augen, dass niemand ein besserer Mensch ist, nur weil er sich zum Islam bekennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr jede andere Religion: Mit dem Glaubensbekenntnis geht keine kategorische Ver\u00e4nderung der menschlichen Natur einher. Wir bleiben unvollkommen und fehlbar.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Gemeinschaft ist ein Verhalten zu beobachten, das Probleme leugnet, weil sie nicht mit dem Bild eines idealtypischen Muslim zu vereinbaren sind. Dabei wird nicht erkannt, dass das Streben nach diesem Idealtypus f\u00fcr den seiner Natur nach fehlbaren Menschen eben ein lebenslanges Bem\u00fchen bleibt und niemals sein Ziel der Vervollkommnung erreichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verkennen dabei, dass eine kategorische Bewertung nach Gruppenzugeh\u00f6rigkeit dem Inhalt der islamischen Offenbarung widerspricht. Im Koran finden wir zahlreiche Beschreibungen eines guten, anst\u00e4ndigen Menschen. Stets sind es konkrete, individuelle Handlungsnormen, die eine solche Bewertung st\u00fctzen, nie abstrakt-kollektive Zugeh\u00f6rigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koran selbst erinnert daran, dass die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gemeinschaft der Muslime noch lange nicht bedeutet, gl\u00e4ubig geworden zu sein. Das Bekenntnis, die bekundete Glaubens\u00fcberzeugung muss sich erst noch dadurch beweisen, dass sie in das Herz des Menschen dringt und sein Handeln anleitet (vgl. Sure 49, Vers 14). Nicht eine Gemeinschaft als solche, nach formalen Eigenschaften der Zugeh\u00f6rigkeit, ist das Idealbild des Koran, sondern eine Gemeinschaft, die zum Guten aufruft und das Schlechte verbietet \u2013 also ihre \u00dcberzeugungen zum Wohle aller konkret umsetzt (vgl. Sure 3, Vers 110).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wissen wir, dass der schwarze Bilal einer der ersten Anh\u00e4nger des Propheten (s.a.s.) gewesen ist, dass er es war, der den ersten Gebetsruf in Medina anstimmte. Und dass er es war, der als erster Muslim vom Dach der Kaaba in Mekka die Menschen zum Gebet rief. Aber deshalb k\u00f6nnen wir nicht die Augen davor verschlie\u00dfen, dass es eben auch Muslime waren, die vom Sklavenhandel profitierten. Und dass es bis heute rassistische Ablehnung schwarzer Menschen unter Muslimen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kennen wir die Abschiedspredigt unseres Propheten (s.a.s.) in welcher er dazu ermahnt, keinen Unterschied zwischen den Menschen zu machen und keine qualitativen Hierarchien zwischen den Menschen zu schaffen. Aber deshalb k\u00f6nnen wir nicht leugnen, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens gerade auch in muslimisch gepr\u00e4gten Herrschaftsgebieten den Status von Kriegsbeute und Eigentum hatten. Und dass selbst heute noch, gerade in den historischen Kernl\u00e4ndern des Islam Menschen anderen Glaubens oder auch nur anderer Abstammung ein Leben in faktischer Leibeigenschaft und im regelrechten Frondienst verbringen und ohne effektiven Rechtsschutz der Willk\u00fcr von Vorgesetzten ausgeliefert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles entwertet nicht die islamische Offenbarung. Es erinnert uns nur daran, dass wir als Muslime dem Idealbild des Menschen, wie es sich uns in der uns anvertrauten Offenbarung zu erkennen gibt, noch lange nicht entsprechen und auf diesem Weg noch gro\u00dfe Anstrengungen erbringen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Einsicht muss uns Mahnung und Erinnerung sein, unsere Eigenschaft als Muslime nicht als qualitative Garantie zu empfinden, sondern als eine Aufforderung zur Demut, zur Bescheidenheit und zur Besserung des eigenen Verhaltens.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gemeinschaft, die Probleme leugnet, statt sie als solche zu erkennen, kann aus dieser Erinnerung nicht die notwendigen praktischen Konsequenzen zur Vervollkommnung des eigenen Handelns ableiten. Eine Gemeinschaft, die von sich meint, keine Fehler, keine Probleme zu haben, kann sich nicht zum Besseren entwickeln und bleibt dazu verurteilt,&nbsp;ihre&nbsp;Fehler&nbsp;zu wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Gemeinschaft&nbsp;l\u00e4uft&nbsp;Gefahr, sich in der eigenen Selbstgewissheit und damit im Tanz um das eigene, goldene Ich zu verlieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mensch neigt dazu, sich abzugrenzen. Es ist aber mehr als ein Revierinstinkt, der bei vielen Gesch\u00f6pfen in der Natur zu beobachten ist. 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