{"id":1710,"date":"2021-08-13T08:30:00","date_gmt":"2021-08-13T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1710"},"modified":"2021-08-12T23:15:55","modified_gmt":"2021-08-12T21:15:55","slug":"dem-moerder-die-ehre-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/08\/13\/dem-moerder-die-ehre-nehmen\/","title":{"rendered":"Dem M\u00f6rder die Ehre nehmen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wieder wurde innerhalb einer Familie beschlossen, dass eine Tochter, eine Schwester, eine Frau sterben muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder wird diskutiert, wie man so eine Mordtat nennen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder \u00e4u\u00dfern sich muslimische Verb\u00e4nde und ihre Vertreter, fast alles M\u00e4nner, gar nicht oder nur einsilbig zu dieser Tat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder hat die Tat nichts mit dem Glauben und der Kultur zu tun, von denen Opfer und T\u00e4ter gepr\u00e4gt sind. Wieder wird die Tat als v\u00f6llig \u00fcberraschender und willk\u00fcrlicher, fremder und anma\u00dfender Einbruch in die Sph\u00e4re des Glaubens und der Kultur behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder f\u00fchlen sich muslimische Verbandsvertreter f\u00fcr alles zust\u00e4ndig, was Muslime betrifft, aber f\u00fcr nichts verantwortlich, was Muslime tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es wichtig, genauer hinzusehen und zu begreifen, was sich wiederholt in unserer Gesellschaft ereignet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00dcber 90% der T\u00e4ter sogenannter Ehrenmorde, die zwischen 1996 bis 2005 in Deutschland ver\u00fcbt wurden, waren m\u00e4nnlich. Allerdings waren auch knapp \u00fcber 40% der Opfer dieser Taten m\u00e4nnlich. Das wird in unseren \u00f6ffentlichen Debatten nicht wahrgenommen und wird auch durch den in der Debatte angebotenen Begriff des \u201eFemizids\u201c nicht erfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00e4ter waren zu \u00fcber 60% in der T\u00fcrkei geboren. Herkunft, Kultur, religi\u00f6ses Umfeld k\u00f6nnen als wichtige Faktoren dieses Problems also nicht ignoriert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig ist, dass nicht die Religion, nicht der Islam an sich als Ursache und Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Morde herangezogen werden kann. Im Islam l\u00e4sst sich Vieles finden, das diesen Taten und den T\u00e4tern entgegengehalten werden kann. Ebenso richtig ist aber auch, dass die Motivation f\u00fcr diese Taten h\u00e4ufig im Zusammenhang mit religi\u00f6s beeinflussten Vorstellungen von sexueller Keuschheit und Sittlichkeit der Frau steht.<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Fall nimmt das Motiv dieser Taten in einem sozialen Geflecht der T\u00e4ter und Opfer Gestalt an, in welchem sie sich nicht als eigenst\u00e4ndig, sondern stets in Abh\u00e4ngigkeit zu ihrer sozialen Gruppe wahrnehmen. In diesen kollektiven Dimensionen der Tatmotive spielt der Begriff des \u201eNamus\u201c eine wichtige Rolle. Vordergr\u00fcndig bezeichnet dieser Begriff die Keuschheit, die sexuelle Reinheit und Unber\u00fchrtheit vornehmlich der Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sprachgeschichtliche N\u00e4he zum antiken griechischen Begriff des \u201eNomos\u201c ist nicht zuf\u00e4llig. \u201eNomos\u201c bezeichnet dort im weitesten Sinne das Recht, das Gesetz, die durch angewandtes Recht gesicherte Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>In patriarchalischen Familienverb\u00e4nden \u00fcben die M\u00e4nner nicht nur die Kontrolle \u00fcber die weiblichen Familienmitglieder aus, sondern tragen auch die Verantwortung daf\u00fcr, dass die durch soziale Regeln und Br\u00e4uche gefestigten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Zusammenlebens nicht zum Nachteil der Frauen oder durch Frauen gebrochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00dcbergriff von au\u00dfen auf die sexuelle Integrit\u00e4t der Frauen oder ein Ausbruch der Frauen aus den Zw\u00e4ngen dieser m\u00e4nnlich kontrollierten Regeln, f\u00fchrt in der Wahrnehmung des sozialen Umfelds zu einer Zerr\u00fcttung der Ordnung, die durch die M\u00e4nner h\u00e4tte gesichert werden m\u00fcssen. Das Kollektiv bewertet diese Zerr\u00fcttung als Schw\u00e4che der M\u00e4nner eines Familienverbandes. Was folgt, ist die Erwartung, ob und wie die M\u00e4nner auf diese Infragestellung, diese Herausforderung ihrer Macht und St\u00e4rke reagieren werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ignorieren dieser Erwartung ist dort, wo dem Einfluss des sozialen Umfeldes nicht ausgewichen werden kann, h\u00e4ufig keine Option. Unt\u00e4tigkeit w\u00fcrde als so gro\u00dfer Ansehensverlust empfunden, dass die gesamte Familie ihren gesellschaftlichen Status verliert. Eine derart als \u201eschwach\u201c wahrgenommene Familie verliert ihre Kreditw\u00fcrdigkeit, ihre Verl\u00e4sslichkeit als Gesch\u00e4ftspartner und Kunde. Ihre Mitglieder kommen als zuk\u00fcnftige Ehepartner nicht mehr infrage. Die weiblichen Familienmitglieder k\u00f6nnten weiteren \u00dcbergriffen ausgesetzt sein, weil die M\u00e4nner der Familie als schwach und nicht zum Schutz f\u00e4hig wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kollektiven Dimensionen dieser Taten gehen also weit \u00fcber die immateriellen Assoziationen hinaus, die \u00fcblicherweise in den hiesigen Debatten auf die Verurteilung des Ehrbegriffs beschr\u00e4nkt bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den geschilderten Gr\u00fcnden handeln die T\u00e4ter h\u00e4ufig gemeinschaftlich im Familienverband. Auch wenn letztlich nur eine Person die T\u00f6tung vollzieht, sind es h\u00e4ufig mehrere Familienmitglieder, die in die Vorbereitung der Tat und in die Aus\u00fcbung durch einen eigenen Tatbeitrag eingebunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber einen Femizid, eine Beziehungstat hinaus sind es diese kollektiven Dimensionen der Motive, der Ausf\u00fchrung und der Wirkung sogenannter Ehrenmorde, die eine besondere Verantwortung f\u00fcr die betroffenen gesellschaftlichen Gruppen mit sich bringen. Mit der D\u00e4monisierung der M\u00f6rder als bestialische Einzelt\u00e4ter werden letztlich nur die kollektiven Verflechtungen dieser Taten verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verst\u00e4ndnis von Ansehen, W\u00fcrde und sozialem Status entsteht aber im sozialen Gef\u00fcge. Diese gesellschaftlichen Kr\u00e4fte werden begleitet von einer p\u00e4dagogischen Sozialisation, in der die Erziehung zur Individualit\u00e4t, zur Selbstbestimmtheit, zur Kritikf\u00e4higkeit und zur Infragestellung kollektiver Normvorgaben nicht erw\u00fcnscht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stehen die muslimischen Verb\u00e4nde in der Pflicht. Denn niemand wird als \u201eEhrenm\u00f6rder\u201c geboren. Die Vorstellung, mit einem Mord an einem Familienmitglied das Ansehen und den sozialen Geltungsanspruch der eigenen Familie wiederherstellen zu k\u00f6nnen, ist kein Gedanke, der im Inneren einer Person spontan entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Gedanke wird an ihn durch die gemeinschaftlichen Vorstellungen von Achtbarkeit, von sexueller Keuschheit, von m\u00e4nnlicher Dominanz und weiblicher F\u00fcgsamkeit herangetragen. Er festigt sich, je mehr diese Vorstellungen von Moral und Sittlichkeit reproduziert und best\u00e4tigt werden und je mehr das Recht auf Selbstbestimmung der Frauen in diesen Gemeinschaften als Zumutung und Normversto\u00df stigmatisiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Verb\u00e4nde k\u00f6nnen nicht den Tatentschluss eines M\u00f6rders ver\u00e4ndern. Sie k\u00f6nnen aber die Zust\u00e4nde \u00e4ndern, die M\u00e4nner einer sozialen Erwartung aussetzen, wenn sich Frauen nicht den geltenden Normen ihrer Gemeinschaft beugen. Verb\u00e4nde k\u00f6nnen es \u00e4ndern, dass ein Mord als etwas wahrgenommen wird, das die Macht hat Ansehen wiederherzustellen. Sie k\u00f6nnen dem M\u00f6rder die Ehre nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder wurde innerhalb einer Familie beschlossen, dass eine Tochter, eine Schwester, eine Frau sterben muss. Wieder wird diskutiert, wie man so eine Mordtat nennen soll. 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