{"id":1701,"date":"2021-07-23T06:40:32","date_gmt":"2021-07-23T04:40:32","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1701"},"modified":"2021-07-23T06:40:34","modified_gmt":"2021-07-23T04:40:34","slug":"das-taegliche-opferfest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/07\/23\/das-taegliche-opferfest\/","title":{"rendered":"Das t\u00e4gliche Opferfest"},"content":{"rendered":"\n<p>In der zur\u00fcckliegenden Woche haben wir &#8211; wie jedes Jahr &#8211; das Opferfest gefeiert. Viele von uns haben Opfertiere geschlachtet. Viele haben das Fleisch mit verschiedenen Menschen geteilt. Viele haben Geld gespendet und damit die Schlachtung eines Opfertieres in unterschiedlichen L\u00e4ndern der Erde erm\u00f6glicht, so dass die Bed\u00fcrftigen vor Ort mit dem Fleisch versorgt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr wiederholen wir dieses Ritual. Wir hinterfragen dabei selten, warum wir an einem Ritual festhalten, das zumindest in unserer unmittelbaren N\u00e4he, in unserer Nachbarschaft nicht wirklich zur Linderung von Not sinnvoll ist. Wir leben in einem Land, in dem selbst Menschen, die wirtschaftliche Not leiden, nicht vollst\u00e4ndig auf Fleisch verzichten m\u00fcssen, weil es etwa zu teuer w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und wie sinnvoll ist eine Schlachtung und Fleischverteilung in \u00e4rmeren L\u00e4ndern, wenn unser Mitgef\u00fchl und unser Wunsch zu helfen auf einen Tag beschr\u00e4nkt bleiben und wir uns den Rest des Jahres keine Gedanken \u00fcber die Lebensbedingungen und Bed\u00fcrfnisse der dortigen Menschen machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund entstehen Gedanken, die sich mit einer abstrakteren Ebene des Opferritus und dem abrahamitischen Vorbild von Opferbereitschaft besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche neigen zu einer Deutung, die die Frage danach stellt, was uns heute wertvoll ist, was wir heute herzugeben, zu opfern bereit sind? Aufmerksamkeit? Zuwendung? Liebe? Zeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sind auch diese Gedanken beachtenswert:<\/p>\n\n\n\n<p>Abraham sehnte sich nach einem Sohn. Nach einem Nachkommen, der seinen Namen weitergibt, seinen Stamm erh\u00e4lt und damit daf\u00fcr sorgt, dass sein Name seine irdische Existenz \u00fcberdauert. Das sind Empfindungen und Sehns\u00fcchte, die nur uns Menschen zu eigen sind, weil wir uns der Begrenztheit unserer Lebensspanne bewusst sind.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte Abrahams Wunsch nach einem Sohn und sein Versprechen, diesen zu opfern, gerade den Moment unserer menschlichen Reifung widerspiegeln, in welchem wir uns das erste Mal unserer Sterblichkeit bewusst sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Sch\u00f6pfer hat uns mit dem Ph\u00e4nomen der infantilen Amnesie erschaffen. Wir k\u00f6nnen uns an die Ereignisse, die wir etwa vor dem Erreichen des dritten Lebensjahres erlebt haben, nicht erinnern. Wir haben keine Erinnerung an unsere Empfindungen im Mutterleib. Wir k\u00f6nnen uns nicht an unsere Geburt erinnern und auch nicht an die darauffolgenden Monate. Ungef\u00e4hr im \u00dcbergang zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr beginnen wir, uns als eigenst\u00e4ndiges Individuum zu erleben. Wir beginnen damit, eine sich selbst bewusste Pers\u00f6nlichkeit auszubilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser \u201eIch\u201c in der Welt kann sich nicht an seine Sch\u00f6pfung, an seine Menschwerdung erinnern, gewinnt aber zunehmend die Erkenntnis, sich mit dem bevorstehenden Ende der irdischen Existenz dieses Ichs abfinden zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Moment, in welchem der Mensch aus Erde erschaffen wurde, haben wir keine eigenen Kenntnisse. Aber wir wissen, dass unser K\u00f6rper dereinst zu Erde zerfallen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wissen um unsere Sterblichkeit n\u00e4hrt unseren Wunsch, unserer Existenz einen Sinn zu verleihen, der uns \u00fcberdauert. Versprechen wir unserem Sch\u00f6pfer ab diesem Moment der Einsicht in unsere Sterblichkeit nicht insgeheim, jeden Tag im Bewusstsein dieser Endlichkeit zu leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Zuweilen verdr\u00e4ngen wir die Bedeutung eines jeden Tages und f\u00fcllen sie mit Nichtigkeiten, mit Monotonie, mit Arbeit, die uns nicht gl\u00fccklich macht, mit Menschen, die uns nicht guttun, mit der Verschwendung von Lebenszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch unser Sch\u00f6pfer schickt uns immer wieder aufs Neue einen n\u00e4chsten Morgen, einen n\u00e4chsten Sonnenaufgang. Er schenkt uns bis zu jenem in der Regel ungewissen Tag immer wieder die M\u00f6glichkeit, unserer irdischen Existenz eine Bedeutung zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schenkt uns das Wunder des Lebens. Und gerade die Erkenntnis in die irdische Endlichkeit dieses Wunders motiviert uns dazu, es nicht zu vergeuden, sondern so zu nutzen, dass es einen Sinn erh\u00e4lt, der unseren Eigennutz \u00fcbersteigt. Wir erhalten jeden Tag unseres Lebens die Gelegenheit, diesen Tag so zu opfern, dass er anderen Menschen Freude und Gl\u00fcck beschert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine solche Quelle des Gl\u00fccks und der Freude in Erinnerung zu bleiben, ist das gr\u00f6\u00dfte Opfer, das wir in unserem Leben und mit unserem Leben bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn am Ende erreichen unseren Sch\u00f6pfer nicht das Blut oder das Fleisch, das wir opfern, sondern unser inneres Erschaudern, unsere Demut, in Dankbarkeit f\u00fcr das Geschenk unseres Lebens, Ihm zum Wohle seiner Sch\u00f6pfung dienen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der zur\u00fcckliegenden Woche haben wir &#8211; wie jedes Jahr &#8211; das Opferfest gefeiert. Viele von uns haben Opfertiere geschlachtet. Viele haben das Fleisch mit verschiedenen Menschen geteilt. 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