{"id":169,"date":"2017-05-12T09:50:59","date_gmt":"2017-05-12T07:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/freitagsworte.de\/?p=169"},"modified":"2017-05-12T09:25:27","modified_gmt":"2017-05-12T07:25:27","slug":"wir-muessen-aufhoeren-aus-mitmenschen-behinderte-zu-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2017\/05\/12\/wir-muessen-aufhoeren-aus-mitmenschen-behinderte-zu-machen\/","title":{"rendered":"Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, aus Mitmenschen \u201eBehinderte\u201c zu machen"},"content":{"rendered":"<p>650 Millionen Menschen weltweit. Das sind 10% der Weltbev\u00f6lkerung. Damit ist diese Gruppe weltweit die gr\u00f6\u00dfte Minderheit. Es handelt sich um Menschen mit Behinderung. Allein in Deutschland leben etwa 10 Millionen Menschen mit Behinderungen, davon etwa 7 Millionen mit einer Schwerbehinderung. Das hei\u00dft, dass etwa jeder zehnte Mensch in Deutschland behindert ist. Diese Zahl wird gr\u00f6\u00dfer werden. Mit zunehmendem Alter wird die Zahl der behinderten Menschen ansteigen. Jeder Dritte von Menschen \u00fcber 75-Jahren lebt mit Behinderungen.<\/p>\n<p>Warum ist uns diese Zahl im Alltag nicht bewusst? Weil Menschen mit Behinderung h\u00e4ufig am Rand der Gesellschaft leben, von einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, in der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Diese Menschen haben es schwerer, eine gute Bildung zu erhalten, sich im Alltag frei zu bewegen, ohne Einschr\u00e4nkungen Orte ihrer Wahl aufzusuchen. Sie haben es schwerer, Arbeit zu finden, selbst wenn sie daf\u00fcr qualifiziert sind.<!--more--><\/p>\n<p>Warum ist das so? Weil wir viel zu oft davon ausgehen, dass eine Behinderung ein Makel, ein Defizit ist, das der betroffene Mensch durch eigene Anstrengung selbst \u00fcberwinden muss, um sich unserem gesellschaftlichen Leben anzupassen. Dabei ist eine Behinderung h\u00e4ufig nur deshalb eine Einschr\u00e4nkung, weil wir die Bed\u00fcrfnisse behinderter Menschen in der Gestaltung unseres Alltages nicht ber\u00fccksichtigen. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, wird aber nur dann \u201ebehindert\u201c, wenn wir eine Treppe bauen, statt einer Rampe. Ein geh\u00f6rloser Mensch wird nur dann \u201ebehindert\u201c, wenn wir mit ihm reden, statt ihm etwas aufzuschreiben. Ein blinder Mensch wird nur dann \u201ebehindert\u201c, wenn wir ihm einen Text in die Hand dr\u00fccken, statt mit ihm zu reden.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, durch die Hindernisse und Barrieren, k\u00f6rperliche wie geistige, die wir in unserem Alltag errichten, schlie\u00dfen wir Menschen davon aus, an diesem Alltag teilzunehmen. In diesem Sinne sind sie eigentlich nicht &#8220;behindert&#8221;, sondern wir sind es, die sie behindern.<\/p>\n<p>Als Muslime m\u00fcssen wir uns aber die Frage stellen, wie wir unser Verhalten \u00e4ndern k\u00f6nnen, damit jeder Mensch in unserer Gesellschaft in gleicher Weise am Leben teilhaben kann.<\/p>\n<p>Es ist ein oft anzutreffender menschlicher Irrtum, eine Behinderung als eine Art Strafe zu verstehen. Ein solcher Gedanke darf unter Muslimen keinen Platz haben. Gott hat uns alle in gleicher Weise, n\u00e4mlich mit der F\u00e4higkeit und der Herausforderung, uns Gott zuzuwenden, erschaffen. Jeder von uns muss sich in seinem Leben in gleicher Ergebenheit Gott zuwenden.<\/p>\n<p>Jeder von uns wird im Leben auf unterschiedlichste Weise gepr\u00fcft. Mancher durch Krankheit und wie er damit umgeht, mancher durch Gesundheit und was er draus macht, mancher durch Armut und wie er sie erduldet, mancher durch Reichtum und wof\u00fcr er ihn einsetzt. Aber niemand ist besser als der andere. Es ist Iblis, der sich dem Gebot Gottes widersetzt und sich vor Adam nicht verbeugen will: \u201eEr sprach: \u201aWas hat dich daran gehindert, dich niederzuwerfen, als Ich es dir befohlen habe?\u2018 Er sagte: \u201aIch bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Ton erschaffen.\u2018\u201c (Sure 7, Vers 12).<\/p>\n<p>Der Glaube, man sei durch seine k\u00f6rperliche St\u00e4rke oder \u00dcberlegenheit besser als jemand mit einer Behinderung, ist Ausdruck von Ignoranz und Hochmut und gewiss kein rechter Weg f\u00fcr uns Muslime. Denn wer kann sich denn sicher sein, dass er nicht in der n\u00e4chsten Minute durch ein Ungl\u00fcck, durch eine Krankheit, durch einen Schicksalsschlag in eine Situation ger\u00e4t, in der ihm pl\u00f6tzlich Hindernisse im Weg stehen, die er fr\u00fcher nicht als solche erkannt hat? Pl\u00f6tzlich kann er derjenige sein, der von einem Leben ausgeschlossen wird, das er fr\u00fcher als selbstverst\u00e4ndlich empfand.<\/p>\n<p>Gott ermahnt uns, dankbar daf\u00fcr zu sein, als wir in Zeiten der kindlichen Schw\u00e4che und Bed\u00fcrftigkeit von unseren Eltern gepflegt wurden. Diese Bed\u00fcrftigkeit kann sich im Alter wandeln und nun sind wir dazu berufen, in \u00e4hnlicher Weise ihnen Hilfe und Achtung entgegen zu bringen: \u201eUnd dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen sollt, und dass man die Eltern gut behandeln soll. Wenn eines von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sag nicht zu ihnen: \u201aPfui!\u2018 und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ehrerbietige Worte.\u201c (Sure 17, Vers 23)<\/p>\n<p>Es muss also unsere Aufgabe sein, allen Menschen zu helfen, die aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht mit der gleichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit am Leben teilnehmen k\u00f6nnen wie wir.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen \u2013 angefangen in unseren Gemeinden, in unseren Moscheen \u2013 Hindernisse abbauen, die Menschen den Zugang zu unserem Leben, zu unseren Gemeindeh\u00e4usern erschweren oder gar unm\u00f6glich machen. Denn es ist auch ihr Leben und es sind auch ihre Gemeindeh\u00e4user. Diese Hindernisse k\u00f6nnen\u00a0ganz handfester Art sein, wie Treppen, T\u00fcren, die Beschaffenheit unserer Waschr\u00e4ume, der Zugang zu unserem Gebetsraum oder sonstige bauliche Barrieren. Aber es k\u00f6nnen auch Hindernisse in unseren Herzen sein. All diese Barrieren m\u00fcssen wir \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Wenn Gott uns alle als Menschen erschaffen hat und uns allen die gleiche Verantwortung und Aufgabe mitgegeben hat, m\u00fcssen wir jeden Tag daf\u00fcr streiten, dass auch jeder von uns in gleicher Weise, ungehindert an diesem Leben teilhaben kann. Wir m\u00fcssen alle Barrieren und Hindernisse beseitigen, die aus unseren Mitmenschen erst \u201eBehinderte\u201c machen. Damit m\u00fcssen wir unverz\u00fcglich beginnen, denn \u201eGott fordert von niemandem mehr, als er vermag.\u201c (Sure 2, Vers 286) \u00a0(mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, wird aber nur dann \u201ebehindert\u201c, wenn wir eine Treppe bauen, statt einer Rampe. Ein geh\u00f6rloser Mensch wird nur dann \u201ebehindert\u201c, wenn wir mit ihm reden, statt ihm etwas aufzuschreiben. 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