{"id":1678,"date":"2021-06-25T08:19:00","date_gmt":"2021-06-25T06:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1678"},"modified":"2021-06-25T00:56:33","modified_gmt":"2021-06-24T22:56:33","slug":"regenbogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/06\/25\/regenbogen\/","title":{"rendered":"Regenbogen"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Symbol des Regenbogens hat in den vergangenen Tagen f\u00fcr \u00f6ffentliche Aufregung gesorgt. Gerade auch im muslimischen Kontext ist der Umgang mit Diversit\u00e4t sehr schwierig. Wenn es gar um die Frage sexueller Diversit\u00e4t geht, geraten die Diskussionen schnell in schrille Tonlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslime r\u00fchmen wir uns, dass wir jedes Leben um des Sch\u00f6pfers Willen achten und lieben. Wenn es aber um Menschen mit einer von den \u00fcblichen Normen innerhalb unserer Gemeinschaften abweichenden sexuellen Identit\u00e4t geht, verirren sich unsere Blicke selten in Richtung unseres Sch\u00f6pfers, wenn wir zornig und ablehnend auf andere herabblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Worte des muslimischen Mystikers Rumi: \u201eKomm! Wer immer du auch bist, komm!\u201c gelten uns als h\u00e4ufig zitierte Zusammenfassung muslimischer Ethik. Schnell nehmen wir beim Thema Diversit\u00e4t aber eine Haltung ein, die sich eher wie \u201eHau blo\u00df ab!\u201c anh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es geht in diesem Freitagswort nicht vordergr\u00fcndig um sexuelle Diversit\u00e4t. Es geht vielmehr darum, welche Ver\u00e4nderung unser Verh\u00e4ltnis zu unserem Glauben erf\u00e4hrt, wenn wir irritiert sind, wenn wir in uns selbst den Drang zur Ablehnung und Zur\u00fcckweisung sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir glauben zwar an die Allmacht, an den f\u00fcr uns Menschen unergr\u00fcndlichen Ratschluss unseres Sch\u00f6pfers.<br>Wir glauben fest daran, dass Er es am Ende immer besser wei\u00df als wir zu wissen \u00fcberhaupt in der Lage sind. Wir sind davon \u00fcberzeugt, dass wir im Vergleich zu Seiner Vollkommenheit so unermesslich weit zur\u00fcckbleiben. Dass wir irren. Und dass Er uns dereinst im Jenseits \u00fcber das aufkl\u00e4ren wird, wor\u00fcber wir irren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl erliegen wir immer wieder und in erstaunlicher Regelm\u00e4\u00dfigkeit und mit einem hochm\u00fctigen Anspruch auf Gewissheit der \u00dcberzeugung, im Recht zu sein, gerechtfertigt zu sein, wenn wir uns in w\u00fctender Ablehnung, in der Herabw\u00fcrdigung und Verurteilung anderer Menschen verlieren. Schnell fordern wir dann Eindeutigkeit in einer Welt, die Gott auf unermesslich vielf\u00e4ltige Weise erschaffen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In solchen Momenten k\u00f6nnen wir uns nicht vorstellen, dass Gott f\u00fcr etwas stehen k\u00f6nnte, das unserer Haltung, unseren \u00dcberzeugungen widerspricht. In solchen Momenten bef\u00e4llt uns kein Zweifel, ob unser Empfinden, ob unsere Ablehnung nicht vielleicht doch eine Auflehnung gegen den Willen Gottes bedeuten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beteuern t\u00e4glich im Gebet, dass wir nur Ihm dienen. Doch in unserer Wut und Ablehnung gegen\u00fcber anderen Menschen erheben wir uns nicht nur \u00fcber diese, sondern auch \u00fcber Gott, den wir zum Diener unserer \u00dcberzeugung machen. Wir berufen uns auf Ihn, wenn wir andere Menschen abwerten. Wir machen Ihn zum Rechtfertigungsgrund f\u00fcr unsere Verblendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir befragen uns nicht, ob nicht unser Hass eine Abweichung von Seinem Weg bedeuten k\u00f6nnte. Nein, wir zwingen Ihn an unsere Seite und deuten das, was uns von Ihm \u00fcberliefert ist ausschlie\u00dflich dergestalt, dass Er zum Alibi unseres Hasses wird. Wir missbrauchen Seinen Namen als Pfadfinder f\u00fcr unseren Irrweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Widerspr\u00fcche interessieren uns dabei nicht. Beim Thema sexuelle Diversit\u00e4t berufen wir uns auf Seine Strafen gegen\u00fcber dem Volk Lots. Wir sind bereit, in die fr\u00fcheste Fr\u00fchzeit g\u00f6ttlicher Offenbarungen zu blicken, um unsere heutige Ablehnung und Abwertung anderer Menschen durch Ihn zu legitimieren.<br>Doch Er hat auch die \u00c4gypter hart gestraft. Und zwar gerade daf\u00fcr, dass der Pharao die \u201eS\u00f6hne Israels\u201c nicht aus der Sklavenarbeit entlassen wollte. Warum kommt keiner von uns heute auf die Idee, sich auf diese Parteinahme Gottes &#8211; gegen die \u00c4gypter und f\u00fcr die Juden &#8211; zu berufen, wenn es um den Nahostkonflikt geht?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil wir uns viel zu h\u00e4ufig gar nicht von Ihm leiten lassen wollen, wenn das dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass wir unsere Vorurteile hinterfragen und \u00e4ndern m\u00fcssen. Stattdessen wollen wir, dass Er uns und unseren Interessen dient, wenn es uns gerade gelegen kommt.<br>Und wir zitieren Ihn selbst dann noch als Gefolgsmann, wenn wir immer schneller in den Irrtum rennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeichen der Gegenrede, der Kritik, des Widerspruchs, all die negativen Auswirkungen unseres Hasses und unserer Verachtung anderen Menschen gegen\u00fcber deuten wir dann nicht etwa als Seinen Hinweis, innezuhalten, nachzudenken und daran zu zweifeln, ob wir recht und gerecht handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Hochmut l\u00e4sst uns all das vielmehr als weitere Pr\u00fcfung deuten, als weiteren Auftrag immer weiter zu hassen und immer weiter zu z\u00fcrnen, um vermeintlich Ihm zu gefallen. Tats\u00e4chlich verdr\u00e4ngen wir damit die schmerzliche M\u00f6glichkeit, dass wir von Seinem Weg abgekommen sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Glaubenswelt unserer christlichen Glaubensgeschwister kennen wir die rhetorische Frage \u201eWenn Gott mit uns ist, wer mag wider uns sein?\u201c als Ausdruck einer tiefen Heilsgewissheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslim:innen m\u00fcssen wir diesem sch\u00f6nen Satz der Glaubenskraft stets eine weitere Frage hinzuf\u00fcgen, die wir nie nur rhetorisch begreifen d\u00fcrfen, sondern stets als reale M\u00f6glichkeit verinnerlichen m\u00fcssen: \u201eMag Gott wider uns sein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur die Auseinandersetzung mit dieser Frage bewahrt uns davor, uns stets im Recht zu w\u00e4hnen und damit vor der Hybris, Ihn in den Dienst unseres Irrtums zu stellen. (vgl. 41, 23)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Symbol des Regenbogens hat in den vergangenen Tagen f\u00fcr \u00f6ffentliche Aufregung gesorgt. 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