{"id":1632,"date":"2021-04-09T08:30:00","date_gmt":"2021-04-09T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1632"},"modified":"2021-04-08T15:07:34","modified_gmt":"2021-04-08T13:07:34","slug":"eine-gemeinschaft-der-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/04\/09\/eine-gemeinschaft-der-mitte\/","title":{"rendered":"Eine Gemeinschaft der Mitte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Ein Gastbeitrag von Dr. Patrick Isa Brooks<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben euch zu einer ummah wasa\u1e6d, einer Gemeinschaft der Mitte, gemacht\u201c (2:143), hei\u00dft es im Koran. Das Wort richtet sich zun\u00e4chst zwar an die Urgemeinde um den Propheten \ufdfa  in Medina, doch es ist auch f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis von Musliminnen und Muslimen weltweit pr\u00e4gend geworden. Diese Bezeichnung auf uns zu beziehen ist aber nur m\u00f6glich, wenn wir dabei anerkennen, dass sie keinen Ist-Zustand beschreibt, sondern stets ein Auftrag an uns bleibt: Es ist unsere Bestimmung, eine Gemeinschaft der Mitte zu werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber bedeutet es konkret, eine ummah wasa\u1e6d zu sein, sprich welche Aufgabe k\u00f6nnen wir daraus f\u00fcr uns ableiten? Der Koran bietet zur charakterlichen Haltung der wasa\u1e6diyya, also der Ausgewogenheit oder \u201eMittigkeit\u201c, mehrere Verst\u00e4ndniszug\u00e4nge an. Einige von diesen sind uns wohlvertraut, andere dagegen oft weniger gel\u00e4ufig. In jedem Fall aber lohnt es sich, sie hin und wieder ins Bewusstsein zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bekannteste Deutung zu wasa\u1e6diyya d\u00fcrfte das Ma\u00dfhalten bzw. das Streben nach der \u201egoldenen Mitte\u201c zwischen zwei Extremen, wie etwa zwischen Geiz und Verschwendung (17:29), sein. Im selben Zusammenhang wird zudem argumentiert, dass der Islam ein gesundes Gleichgewicht an religi\u00f6sen Regeln und pers\u00f6nlicher Freiheit gew\u00e4hrleiste oder dass er die Mitte zwischen Askese und Genussstreben suche.<br>Mit Blick auf das gesellschaftliche Miteinander sollte das Ideal der wasa\u1e6diyya aber auch stets als kategorisches Nein zu jeglicher Polarisierung sowie als Offenheit f\u00fcr den Kompromis gedacht werden. Ein R\u00fcckzug in ideologische \u201eSch\u00fctzengr\u00e4ben\u201c ist mit der Mitte nicht vereinbar. Sie sucht den Ausgleich und ist gegen jedwede Form eines \u201eWir gegen die Anderen\u201c zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierzu passt auch, dass der Koran die mittlere Haltung mit Besonnenheit gleichsetzt (68:28): Sie ruft zur Vernunft, vermittelt und ermahnt zum Tun des Rechten. Au\u00dferdem lernen wir aus der Sunna, dass wasa\u1e6d im koranischen Gebrauch ein anderes Wort f\u00fcr \u02bfadl, also \u201eGerechtigkeit\u201c oder \u201eGeradheit\u201c sein kann (Bu\u1e2b\u0101r\u012b \u00a7 3339). Eine ummah wasa\u1e6d w\u00e4re nach dieser Auslegung also eine Gemeinschaft, die in Streitf\u00e4llen unparteiisch ist, die Gerechtigkeit liebt und Frieden stiftet (49:9-10). Sie steht in der Mitte, weil sie sich zu keiner der beiden Seiten neigt. Auf diese Weise kann sie Schiedsrichterin f\u00fcr die gute Sache werden.<br>An das Stichwort \u201eGeradheit\u201c l\u00e4sst sich wiederum ein weiteres Verst\u00e4ndnis von wasa\u1e6diyya anschlie\u00dfen, welches erneut aus dem Koran selbst ableitbar ist: Das Konzept der Mitte wird dort n\u00e4mlich auch mit Gottes geradem Pfad, dem \u1e63ir\u0101\u1e6d mustaq\u012bm, in Verbindung gebracht (2:142). Ihn zu beschreiten und dabei weder nach rechts noch nach links abzuweichen, w\u00e4re demnach ein mittlerer Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was kennzeichnet diesen \u1e63ir\u0101\u1e6d mustaq\u012bm, welchen wir in unseren t\u00e4glichen Gebeten erw\u00e4hnen und auf den wir von Gott geleitet werden m\u00f6chten? Auf den Glauben bezogen, ist der \u1e63ir\u0101\u1e6d mustaq\u012bm als direkter Pfad zu Gott \u2013 und damit als Heilsweg \u2013 verstehbar (4:175). Auf die Ethik bezogen, ist er dagegen etwas, das der Koran mit den Zehn Geboten in Verbindung bringt: Der \u1e63ir\u0101\u1e6d mustaq\u012bm stellt hierbei einen Weg dar, der \u00fcber die gemeinsame Achtung elementarer Prinzipien zu gesellschaftlichem Zusammenhalt f\u00fchren und Gr\u00e4ben der Feindschaft nachhaltig \u00fcberwinden will (6:151-153). In diesem Sinne ist er ebenfalls ein Heilsweg, und zwar einer, der auf das Wohlergehen der Menschen auch im Hier und Jetzt abzielt!<\/p>\n\n\n\n<p>Sich dies bewusst zu machen, ist wichtig, denn der Prophet \ufdfa und seine Gemeinde schufen in Medina keine gesellschaftliche Nische von rechtgl\u00e4ubigen Menschen, die abgewandt von der Welt in Ruhe ihrer Gebete und Kulthandlungen nachgingen. Vielmehr entwarfen sie das Ideal einer gerechten, aufrichtigen und g\u00fctigen Solidargemeinschaft, welche der Willk\u00fcr und Rechtlosigkeit der Stammesgesellschaft ein Ende setzen w\u00fcrde. Alle Menschen, die dieses Ideal teilten, sollten eingeladen werden, an dieser Gesellschaft mitzubauen und auf diesem Wege eine Wertegemeinschaft zu bilden, die \u00fcber religi\u00f6se Grenzen hinwegreichen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sollte in Medina auch eine Glaubensgemeinschaft entstehen, jedoch keine exklusive, die sich selbstgerecht als ummah wasa\u1e6d betrachten und alle \u00fcbrigen Gruppen der Gesellschaft sich selbst \u00fcberlassen w\u00fcrde, nein: Eine \u201eGemeinschaft der Mitte\u201c zu sein, war von Anfang an mit der besonderen Verantwortung verbunden, ein gutes Beispiel f\u00fcr andere abzugeben und so aktiv f\u00fcr das zu werben, was als ma\u02bfr\u016bf \u2013 d.h. \u201eallgemein anerkannt\u201c und \u201erechtm\u00e4\u00dfig\u201c \u2013 galt: Wer in der Mitte steht, dessen Tun bleibt bekanntlich nicht unbemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Verantwortung z\u00e4hlte au\u00dferdem der engagierte Einsatz f\u00fcr die Schwachen sowie das couragierte Aufbegehren gegen Unrecht und soziale Missst\u00e4nde. Eine ummah wasa\u1e6d w\u00e4re demnach weder weltvergessen noch selbstgen\u00fcgsam, sondern stets mitten im gesellschaftlichen Geschehen; eine Gemeinschaft, die der Menschen N\u00f6te und \u00c4ngste ernstnimmt, sich einmischt und beherzt zupackt; eine Gemeinschaft, die unter Fr\u00f6mmigkeit sowohl Gottes- als auch N\u00e4chstenliebe begreift.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Musliminnen und Muslime im Deutschland von heute geh\u00f6ren wir nat\u00fcrlich nicht der Urgemeinde um den Propheten \ufdfa an und k\u00f6nnen daher auch nicht wissen, ob wir den Ehrentitel \u201eGemeinschaft der Mitte\u201c \u00fcberhaupt noch verdienen. Wir k\u00f6nnen uns aber immer wieder der vielf\u00e4ltigen Deutungsm\u00f6glichkeiten dieses Begriffs besinnen und t\u00e4glich darum bem\u00fcht sein, eine solche Gemeinschaft zu werden. Lasst uns die vielen Denkanst\u00f6\u00dfe, die in ummah wasa\u1e6d stecken, weiterf\u00fchren und stets aufs Neue in gesellschaftliches Handeln \u00fcbersetzen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Dr. Patrick Isa Brooks \u201eWir haben euch zu einer ummah wasa\u1e6d, einer Gemeinschaft der Mitte, gemacht\u201c (2:143), hei\u00dft es im Koran. Das Wort richtet sich zun\u00e4chst zwar an die Urgemeinde um den Propheten \ufdfa in Medina, doch es ist auch f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis von Musliminnen und Muslimen weltweit pr\u00e4gend geworden. 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Aber eine solche Beschreibung w\u00e4re in sich bereits eine sprachliche Verharmlosung und damit ebenfalls eine Facette der Verirrung. Wir m\u00fcssen ehrlich mit uns sein. Und wir m\u00fcssen unsere Unvollkommenheiten schonungslos\u2026","rel":"","context":"In &quot;Gemeinschaft&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":1350,"url":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/05\/01\/der-segen-der-nacht\/","url_meta":{"origin":1632,"position":2},"title":"Der Segen der Nacht","date":"1. Mai 2020","format":false,"excerpt":"Es sind die gemeinschaftlichen Rituale von Religion, die auf uns besonders intensiv wirken. Das Dschuma-\/Freitagsgebet im Islam, der Gottesdienst am Sonntag in der Kirche oder die Zusammenkunft eines Minjan, einer Betgemeinde im Judentum. 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