{"id":1629,"date":"2021-04-02T08:30:00","date_gmt":"2021-04-02T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1629"},"modified":"2021-04-01T16:33:07","modified_gmt":"2021-04-01T14:33:07","slug":"freitagsworte-verbinden-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/04\/02\/freitagsworte-verbinden-uns\/","title":{"rendered":"Freitagsworte verbinden uns"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">Ein Gastbeitrag von Superintendent Michael Raddatz<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herzen danke ich der Alhambra Gesellschaft f\u00fcr die Gelegenheit, ein Freitagswort zu schreiben. Die Freitagsworte sind f\u00fcr mich jede Woche der Auftakt in die geistliche Reise vom Freitag, \u00fcber den Sabbat bis zum Sonntag. Sie verbinden mich mit Ihnen, religi\u00f6s Suchenden und leidenschaftlichen Theologinnen und Theologen, eine gute Mischung, die ich nicht mehr missen m\u00f6chte. So danke ich allen Autorinnen und Autoren f\u00fcr diese alltagsdurchbrechende Power und allen Kommentaren von Lesenden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dieses Freitagswort ist ein Karfreitagswort. Der Tag, an dem Trauer und alle frommen Gedanken in Moll einen weiten Raum haben. Ich brauche das. Es erdet mich. Die gro\u00dfe Versuchung, alles mit einer frommen rosa Sahneso\u00dfe zu \u00fcbergie\u00dfen, ist aus diesem Tag verbannt. Das Leid steht unverbl\u00fcmt vor Augen. Nicht nur das in meiner N\u00e4he, sondern auch das in der Ferne. Ein Leid, das meist namenlos bleibt, bekommt an diesem Tag wenigstens ein menschliches Gesicht. So hat es sich Gott wohl vorgestellt, als er einen einzelnen, der unschuldig stirbt, in sein Herz hineinzieht, gesch\u00fctzt vor dem Furor der Masse, die ruft: T\u00f6tet ihn!<\/p>\n\n\n\n<p>Heute besch\u00e4ftigt mich sehr, dass viele Menschen im vergangenen Jahr einsam sterben mussten, da niemand sie besuchen durfte, nicht einmal die engsten Angeh\u00f6rigen. Das ist unertr\u00e4glich. Die biblischen Autoren haben diese unertr\u00e4gliche Vorstellung abgemildert und einzelne erw\u00e4hnt: Maria von Magdala, Maria, Maria, Salome und die Mutter der Zebed\u00e4uss\u00f6hne und wahrscheinlich Johannes als einzigen J\u00fcnger. Im scharfen Kontrast dazu steht das letzte Wort Jesu, ein Psalmwort: \u201eMein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Also, ist er doch einsam gestorben?<\/p>\n\n\n\n<p>Seit drei Jahren haben wir in unseren Karfreitagsandachten in Berlin-Sch\u00f6neberg immer ein Schicksal eines Menschen aus der Shoa erz\u00e4hlt. Dieses Schicksal ist mit einer Melodie verbunden, die diese Person auf ihrem Leidensweg im Ghetto oder auf den Transporten komponiert hat und als letztes Lebenszeichen hinterlassen hat. Ich bin der Alhambra Gesellschaft dankbar, dass sie diese Lebensmelodien mit bekannt macht. Wir erz\u00e4hlen mit ihnen vom Leben angesichts des rassistischen Furors, zu dem viele Menschen in der NS-Zeit f\u00e4hig waren. In diesem Jahr nehmen wir ein Wiegenlied in unsere Mitte. Das Lied vom einsamen M\u00e4dchen Sarah. Ihre Mutter, Rahel, konnte ihre Tochter nur retten, indem sie sich von ihr trennte. Sie gab Sarah in die Obhut einer nichtj\u00fcdischen Familie in ein Dorf bei Wilna. Diese zog sie wie ihr eigenes Kind auf. Sarah hat ein doppeltes Leid zu tragen. Die Trennung von ihrer Mutter und den Tod des Vaters. Er wurde bereits 1941 von Deutschen ermordet. Das Lied vom einsamen Kind ist wie ein Traum. Sarah sucht n\u00e4chtens ihre Mutter. Auch der Vater kehrt in ihrem Traum zur\u00fcck. Und dann h\u00f6rt das M\u00e4dchen seine Mutter ein Wiegenlied singen. Dieses Lied ist eine Aufforderung, kommenden Generationen von diesem Trennungsschmerz und der Einsamkeit zu erz\u00e4hlen. Niemals darf das Leid aus dem Ghetto in Wilna vergessen werden. Rahel, die Mutter, hat das Ghetto \u00fcberlebt. Nach Jahren findet sie ihre Tochter Sarah, die sich allerdings nicht mehr an ihre Mutter erinnern kann. Sie wandern gemeinsam in die Vereinigten Staaten aus. Der Dichter Shmerke Kaczerginski h\u00f6rte von diesem Schmerz der Mutter und der Tochter und schuf dieses Lied kurz nach dem Krieg in einem Lager f\u00fcr \u00dcberlebende. 50 Jahre sp\u00e4ter h\u00f6rt Sarah eine Aufnahme des Liedes, ihre eigene Geschichte, als sie das Holocaust Memorial Museum in den USA besucht. Sie sp\u00fcrt ihre Narben. Und sie wei\u00df, dass das Leid nicht vergessen ist.<br>Ich bin \u00fcberzeugt davon, dass auch Bibel und Koran die Geschichten von Narben bewahren. Die von Wunden herr\u00fchren, die wir Menschen einander zugef\u00fcgt haben. Diese Narben m\u00fcssen gezeigt werden. Sie m\u00fcssen unser Leben \u00e4ndern, weil Gott uns als Menschen ansieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Herzen dank f\u00fcr diese Verbindung in unserer gemeinsamen Lekt\u00fcre und unserem Austausch. Ich w\u00fcnsche einen gesegneten Freitag! Selbst wenn wir in der Pandemie nicht zusammen kommen k\u00f6nnen, so sind wir doch verbunden in unseren Gebeten und unseren Fragen. Und nat\u00fcrlich in den Tagen in Moll. Vielleicht schlagen wir ein gemeinsames Freitags-Karfreitags-Kapitel auf?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Superintendent Michael Raddatz Von Herzen danke ich der Alhambra Gesellschaft f\u00fcr die Gelegenheit, ein Freitagswort zu schreiben. Die Freitagsworte sind f\u00fcr mich jede Woche der Auftakt in die geistliche Reise vom Freitag, \u00fcber den Sabbat bis zum Sonntag. 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