{"id":1607,"date":"2021-03-05T08:15:00","date_gmt":"2021-03-05T07:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1607"},"modified":"2021-03-05T08:19:02","modified_gmt":"2021-03-05T07:19:02","slug":"eine-moschee-nicht-ein-kulturinstitut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/03\/05\/eine-moschee-nicht-ein-kulturinstitut\/","title":{"rendered":"Eine Moschee, nicht ein Kulturinstitut"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als die ersten Muslime nach Syrien oder dem Irak kamen und dort die ersten Grundstrukturen eines muslimischen Lebens etablierten, kam keiner auf die Idee, eine Moschee wie sie sie aus Medina kannten, zu bauen. Vorbild f\u00fcr die neu errichteten Moscheen war immer die lokale Architektur. Man braucht nur einen Blick auf eine alte Moschee in Syrien zu werfen, um frappante \u00c4hnlichkeiten mit der r\u00f6mischen und byzantinischen Baukunst festzustellen oder den Turm der Samarra-Moschee im heutigen Irak zu betrachten, um darin Besonderheiten der mesopotamischen Architektur zu entdecken. Viele Moscheen in China kann man von buddhistischen oder taoistischen Tempeln nur wegen arabischer Kalligraphien unterscheiden. Eigentlich war die lokale Architektur und Baukunst immer f\u00fcr die Muslime Grundlage und Ma\u00dfstab f\u00fcr ihre Moscheen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Moscheeformen, die sich von Ort zu Ort und von Epoche zu Epoche unterscheiden. Genauer gesagt, Moscheen wurden immer im Hier und Jetzt gebaut.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wenn man sich allerdings die meisten Moscheen in Europa betrachtet, dann stellt man fest, dass sie genau der Architektur der L\u00e4nder entsprechen, aus welchen die Gemeindemitglieder vorrangig stammen. Warum ist dieses Ph\u00e4nomen nur bei Muslimen im 20. und 21. Jh. aufgetreten? Warum sind die Muslime fr\u00fcher nicht auf die Idee gekommen, die Architektur von weit entfernten Orten eins zu eins zu \u00fcbertragen? Auch wenn es aus unserer Sicht heute nicht so toll ist, wissen wir, dass die ersten Muslime Bausteine von pharaonischen Tempeln in \u00c4gypten oder r\u00f6mischen Geb\u00e4uden in Nordafrika f\u00fcr den Bau von Moscheen benutzten. Sie taten sich keinen Zwang an, das lokal vorhandene Baumaterial zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles, was man heute f\u00e4lschlicherweise islamische Architektur nennt, ist urspr\u00fcnglich nichts anderes als griechische, r\u00f6mische und persische Architektur, die an die Bed\u00fcrfnisse von Muslimen angepasst wurde und dadurch eine weitere Entwicklung erlebt hat. Man wird kaum in den muslimisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern auf eine Moschee treffen, die vor dem 20. Jh. gebaut wurde und nicht zum gesammten Stadtbild passt. Und wenn sie sehr alt ist, dann pa\u00dfte sie zumindest in der Zeit ihrer Gr\u00fcndung in das damalige Stadtbild. Man hatte damals nicht die absurde Idee, durch die Architektur einer Moschee eine konstruierte nationale Identit\u00e4t zu bewahren oder die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem weit entlegenen Ort auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in der Tat einen Ort an dem man alte Architektur, Ornamente und Kalligraphien aus fernen L\u00e4ndern und aus vergangenen Zeiten bewundern kann. Solch einen Ort nennt man ein Museum. Nat\u00fcrlich muss eine Moschee sch\u00f6n und einladend sein. Aber sch\u00f6n darf hier nicht mit einem statischen Verst\u00e4ndnis der \u00c4sthetik verwechselt werden, weil das, was an einem Ort als sch\u00f6n und heimisch betrachtet wird, woanders als fremd und unverst\u00e4ndlich wirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcberhinaus erf\u00fcllten die meisten Elemente fr\u00fcherer Moscheen nicht nur \u00e4sthetische, sondern vor allem praktische Zwecke. Eine Kuppel, eine hohe Kanzel, ein Minarett waren unabdingbar f\u00fcr die Akustik, was in Zeiten von Mikrofon, Beamer und Gebetszeiten-Apps obsolet geworden ist. Nicht nur das, sondern die meisten Moscheen hier wurden durch das moderne Ph\u00e4nomen von separaten R\u00e4umen f\u00fcr die Frauen pervertiert. Komischerweise ist in diesen R\u00e4umen keine \u00c4sthetik aus fr\u00fcheren Zeiten vorhanden. Vielleicht deswegen, weil es fr\u00fcher gar keine separaten Frauenr\u00e4ume gab, aus welchen man etwas h\u00e4tte importieren k\u00f6nnen. Frauen haben im gleichen Raum hinten gebetet und konnten dem Imam oder dem Lehrer in der Moschee direkt ins Gesicht schauen. Eine weitere Pervertierung ist der Flaggenkult, als ob Gott eine Flagge h\u00e4tte. Was wollen Muslime mit einer Flagge eines Nationalstaates in einem Gotteshaus auf deutschem Boden ausdr\u00fccken? Welchen religi\u00f6sen und spirituellen Zweck erf\u00fcllt solch eine Flagge? Ich meine, in einer Moschee geht es doch um Gott und Seinen Propheten, oder? Wozu \u201cGott ist gr\u00f6\u00dfer\u201d mehrmals am Tag an diesem Ort rufen, wenn G\u00f6tzen wie der Nationalismus dort gefeiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Muslime sollen sich die ernsthafte Frage stellen, welche Signale man mit Moscheen sendet, die sich erstens stark von den hiesigen Geb\u00e4uden unterscheiden und zweitens inwieweit es Sinn macht, auf Elementen, die keinen praktischen Mehrwert mehr haben, zu beharren. Welche Wirkung h\u00e4tten Moscheen, die nach der postmodernen Architektur oder nach der Architektur des Dekonstruktivismus, des Art Deco, des Minimalismus, der High Tech Architektur oder im Bauhausstil gebaut sind oder \u2013 in kleineren Ortschaften \u2013 im Fachwerkhaus-Stil? Was w\u00fcrden die hiesigen Muslime damit verlieren? Nichts. Genauso haben die Sahaba des Propheten und fr\u00fche Muslime nichts verloren, als sie Moscheen nach byzantinischem Stil errichteten. Mit Sicherheit h\u00e4tte man zahlreiche unn\u00f6tige Debatten um Moscheebau, Minarette etc. vermeiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Muslim ist kein Identit\u00e4rer, sondern ihm geht es um einen Platz, an dem er beten kann und um einen Platz, der einladend auf alle Menschen wirkt. Ist eine bestimmte Architektur oder ein bestimmtes Element des Geb\u00e4udes eine Wand und Hindernis zwischen uns Muslimen und anderen, dann nieder mit dieser Wand. Man k\u00f6nnte die Frage stellen: aber wieviel will man von sich selbst oder vom \u201cIslam\u201d aufgeben? Darauf ist zu erwidern, dass es hier um Elemente geht, die keineswegs zum Glauben und zur Glaubenspraxis geh\u00f6ren, sondern um Elemente, die immer von der Zeit, vom Ort, von der Funktion und Wirkung abh\u00e4ngig waren. Denn schlie\u00dflich ist Gott kein Baubeh\u00f6rden-Beamter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Dr. Ali Ghandour Als die ersten Muslime nach Syrien oder dem Irak kamen und dort die ersten Grundstrukturen eines muslimischen Lebens etablierten, kam keiner auf die Idee, eine Moschee wie sie sie aus Medina kannten, zu bauen. Vorbild f\u00fcr die neu errichteten Moscheen war immer die lokale Architektur. 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