{"id":1552,"date":"2021-01-01T08:30:00","date_gmt":"2021-01-01T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1552"},"modified":"2020-12-31T23:59:09","modified_gmt":"2020-12-31T22:59:09","slug":"silvesterparanoia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2021\/01\/01\/silvesterparanoia\/","title":{"rendered":"Silvesterparanoia"},"content":{"rendered":"\n<p>Auch dieses Jahr w\u00e4re es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zur\u00fcckliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen f\u00fcr das bevorstehende Jahr f\u00fcr alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Muslime tun das sicher auch. Aber mindestens ebenso viele, allen voran innerhalb unserer organisierten Strukturen der muslimischen Gemeinschaften, sind mit etwas anderem besch\u00e4ftigt. Dort entfaltet sich eine besondere Form der Kreativit\u00e4t, die auf verschiedenen Ebenen offenbart, wie es um die muslimische Seele vielfach bestellt ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Jedes Jahr zum 31.12. zeigt sich, wie instabil h\u00e4ufig die eigene muslimische Glaubenswelt ist und wie jenseits der vielen \u00f6ffentlichen verbandlichen Bekundungen der Beheimatung von Muslimen in Deutschland und der Forderung nach Normalit\u00e4t von muslimischer Zugeh\u00f6rigkeit in diesem Land unsere muslimischen Gemeinschaften noch unter einer tiefen, selbstverursachten Unaufrichtigkeit leiden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Instabilit\u00e4t unseres eigenen Glaubens r\u00fchrt von unserer Gewohnheit her, unseren Glauben zuv\u00f6rderst als einen rein praktischen Glauben zu leben. Wir betrachten und leben unseren Glauben als einen Glauben des Ritus, des rituellen Brauchtums, der pseudoreligi\u00f6sen Tradition. Wir haben unseren Glauben zu einem Vehikel der nachahmenden, \u00e4u\u00dferen folkloristischen Kultur werden lassen. Unser Glaube wird von uns lediglich als \u00e4u\u00dfere Gestalt pr\u00e4sentiert. Folglich nehmen Nichtmuslime unseren Glauben auch als eine blo\u00df sichtbare, kulturelle Fremdheit wahr. Als unbekannte Gebr\u00e4uche. Woran wir glauben, k\u00f6nnen wir Muslime vielfach nicht beschreiben, ohne auf \u00e4u\u00dfere, praktische Riten zur\u00fcckzugreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem gleichen, rein formalen, rein auf \u00c4u\u00dferlichkeiten fokussierten Blick nehmen wir die uns umgebende nichtmuslimische Gesellschaft wahr. Sehen wir dort Gebr\u00e4uche und Riten, die wir nicht mit unserem Glauben vereinbaren k\u00f6nnen, wenden wir unseren Blick ver\u00e4chtlich ab und f\u00e4llen unser endg\u00fcltiges Unwerturteil.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist der Silvesterabend f\u00fcr viele Muslime, gerade und vor allem in den verbandlichen Gemeinschaften, eine Nacht der vielfachen S\u00fcnde, des exzessiven Alkoholkonsums, der sexuellen Ausschweifung, der moralischen Verwahrlosung und damit eine symbolische Nacht der kollektiven Lasterhaftigkeit dieser Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese missbilligende bis hin zu verachtende muslimische Haltung kann sich noch nicht mal die eigene g\u00f6ttliche Offenbarung zum Vorbild nehmen und sich ihre neutrale Gelassenheit im Augenblick religi\u00f6ser Unvereinbarkeiten aneignen: \u201eDein Glaube dir und mein Glaube mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenteil werden merkw\u00fcrdige Alternativen angeboten, damit die muslimische Jugend nicht den Verlockungen dieser Gesellschaft zum Opfer falle. Am 31.12. werden abends, bis nach Mitternacht Koranlesungen und religi\u00f6se Rezitationen in den Moscheen angeboten. Manche Gemeinden kommen gar auf die Idee, junge Muslime mit Unterhaltungsprogrammen mit mittern\u00e4chtlichen Geschenkverlosungen zu k\u00f6dern. Das muslimische Verbot des Gl\u00fccksspiels scheint im Kampf gegen den Silvesterabend an Bedeutung zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es werden vermeintliche historische Gro\u00dftaten der muslimischen Urgemeinde kalendarisch auf den 31.12. fixiert, um sie j\u00e4hrlich wiederkehrend in dieser Nacht feiern zu k\u00f6nnen &#8211; obwohl der sonstige religi\u00f6se Kalender doch dem Mondlauf folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es herrscht ein Zwang, jede Feierlichkeit der nichtmuslimischen Au\u00dfenwelt mit einem konstruierten muslimischen Anlass zu kontern und damit einen Wettbewerb der traditionellen, der rituellen Anziehungskraft zu veranstalten. Der eigene Glaube, reduziert auf einen Glauben der \u00e4u\u00dferen Praxis, muss mit allen anderen \u00e4u\u00dferlichen Praktiken konkurrieren k\u00f6nnen, um nicht an Glaubw\u00fcrdigkeit zu verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erstaunlich, dass in einem gesellschaftlichen Kontext, in welchem die muslimische Seele bereit ist, jede schlechte Karikatur als Verwundung religi\u00f6ser Gef\u00fchle zu empfinden, diese allj\u00e4hrliche spirituelle Selbstentleibung, diese eigenh\u00e4ndige religi\u00f6se Aush\u00f6hlung nicht als tiefe Selbstverwundung empfunden wird. Empfindlicher als wir selbst mit dieser Haltung, kann man den Islam kaum entwerten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch gesellschaftlich ist diese Haltung der Ausdruck einer tiefen Unaufrichtigkeit. Wir w\u00fcnschen uns Achtung und Respekt unserer religi\u00f6sen Werte und Praktiken. Wir finden es erfreulich, wenn unsere religi\u00f6sen Feierlichkeiten auch von Nichtmuslimen geachtet und gesch\u00e4tzt werden. Aber umgekehrt sind wir nicht in der Lage, \u00fcber die \u00e4u\u00dfere Form, die oberfl\u00e4chlichen Aspekte unseres kulturellen Zusammenlebens hinaus zu blicken und Gemeinschaft auch in den Momenten zu leben, in denen wir mit unseren \u00dcberzeugungen nicht vollst\u00e4ndig \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist daran aus muslimischer Sicht verwerflich, einen kalendarischen Jahreswechsel zum Anlass zu nehmen, einander Gl\u00fcck und Gesundheit zu w\u00fcnschen? Was ist daran schlecht, an die vergangenen gemeinsam erduldeten Widrigkeiten zu erinnern, all jenen zu Gedenken, die es schlechter getroffen hat als uns? Was daran ist unmoralisch, eine Nacht zum Anlass zu nehmen, mit Menschen in Kontakt zu treten, die man zu oft und zu lange nicht mehr beachtet hat? Was ist daran unsittlich, gemeinsam Freude und Heiterkeit zu erleben?<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslime k\u00f6nnen wir nicht mittrinken, aber wir k\u00f6nnen uns mitfreuen, gemeinsam Freundschaften beleben, Mitgef\u00fchl zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zusammenleben in einer vielf\u00e4ltigen Gesellschaft wird nicht funktionieren, wenn wir in den sch\u00f6nen, feierlichen Momenten des jeweils anderen nur Defizite sehen und nicht in der Lage sind, die Freude des anderen wenigstens zu einem Teil auch als Anlass zur eigenen Freude zu empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer glaubt, gegen die Tradition und die Gebr\u00e4uche seiner nichtmuslimischen Umwelt eine ganze\u00a0Nacht lang anbeten zu m\u00fcssen, kann nicht erwarten, dass die Sch\u00f6nheit seines muslimischen Glaubens von dieser Umwelt wahrgenommen und wertgesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer glaubt, seine Moscheen seien nicht St\u00e4tten der Einladung und Gelegenheiten zur gesellschaftlichen Ann\u00e4herung, sondern nur Wagenburgen gegen einen Ansturm der Silvesters\u00fcnden, der hat in eine falsche religi\u00f6se Zukunft investiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer glaubt, in einer vielf\u00e4ltigen Gesellschaft seien die Feierlichkeiten der anderen immer nur bedrohliche religi\u00f6se Verlockungen f\u00fcr die eigene Jugend, der lebt spirituell am falschen Ort und betreibt eine Selbstverw\u00fcstung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Freude nicht teilen kann, kann keine Gemeinschaft leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Frohes neues Jahr!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch dieses Jahr w\u00e4re es zum Ende des kalendarischen Jahres eine Gelegenheit gewesen, aus muslimischer Sicht auf die zur\u00fcckliegenden Monate zu Blicken, die vergangenen Ereignisse aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive zu kommentieren und die kollektiven Hoffnungen f\u00fcr das bevorstehende Jahr f\u00fcr alle Menschen in diesem Land positiv zu formulieren. 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