{"id":1533,"date":"2020-12-18T07:10:00","date_gmt":"2020-12-18T06:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1533"},"modified":"2020-12-18T02:15:36","modified_gmt":"2020-12-18T01:15:36","slug":"die-religion-eurer-vaeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/12\/18\/die-religion-eurer-vaeter\/","title":{"rendered":"Die Religion eurer V\u00e4ter"},"content":{"rendered":"\n<p>Ambivalenz geh\u00f6rt zu jeder Religion. Zerrissenheit geh\u00f6rt dazu, wenn das G\u00f6ttliche auf das Endliche, dass Transzendente auf unser irdisches Leben treffen. Ambivalent ist zumeist auch das Verh\u00e4ltnis der Entstehung zur darauffolgenden Tradierung einer Religion. W\u00e4hrend die neue Botschaft Vorhandenes umst\u00f6\u00dft, verwirft, die Perspektive revolutioniert, f\u00e4llt den nachfolgenden Generationen die Aufgabe zu, diese Botschaft aufrechtzuerhalten und weiterzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ambivalenz, diese Zerrissenheit zwischen Aufbruch und Tradition ist die Herausforderung, die sich jeder Generation auf ein Neues stellt. Jeder Generation f\u00e4llt einerseits die Aufgabe zu, die Botschaft in all ihrer Authentizit\u00e4t zu empfangen, sie unverf\u00e4lscht in das eigene Leben aufzunehmen, sie an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben. Andererseits erh\u00e4lt sie jedoch jedes Mal, als w\u00e4re es wieder das erste Mal, die Aufforderung zu hinterfragen und damit eigene Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Worauf wir nicht hoffen k\u00f6nnen, ist die Errettung durch unsere Vorg\u00e4nger. Sie haben durch ihr Bestehen uns nicht die Verantwortung abgenommen, diese Ambivalenz zwischen Tradition und Aufbruch f\u00fcr uns selbst zu l\u00f6sen: \u201e<strong>Jenes Volk ist nun Vergangenheit. Ihm wurde nach ihrem Verdienst vergolten, und so wird euch nach eurem Verdienst vergolten; und ihr seid nicht f\u00fcr sie verantwortlich.<\/strong>\u201c (2:141)<\/p>\n\n\n\n<p>Uns Muslimen begegnet diese Ambivalenz jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis aussprechen. Das muslimische Glaubensbekenntnis beginnt mit einer Verneinung: &#8220;<strong>La ilaha illa &#8216;llah<\/strong>&#8220;. Es gibt keinen Gott au\u00dfer Allah. Mit diesem &#8220;La&#8221;, dem arabischen &#8220;Nein&#8221; sind nicht nur die G\u00f6tzen der mekkanischen Polytheisten gemeint. Es richtete sich auch gegen ihre Weltanschauung, ihre Art die Welt zu verstehen und ihre daraus folgenden Art, mit dem Menschen umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Prophet Ihnen mit dem Koran, mit dem Islam, mit einer anderen Perspektive auf ihr eigenes Leben und auf ihre Umwelt entgegentrat, suchten sie die Zuflucht in einem starren Verst\u00e4ndnis von Tradition:<br>\u201c<strong>Wenn man zu Ihnen sagt: \u201eFolgt dem, was Gott herabgesandt hat!\u201c Dann sagen Sie: \u201eNein, wir folgen dem, was wir bei unseren V\u00e4tern fanden!\u201c Doch wenn es nun so w\u00e4re, dass ihre V\u00e4ter nichts begriffen und sich nicht recht leiten lie\u00dfen?<\/strong>\u201d (2:170)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr sie lag Legitimation nur im \u00dcberlieferten. Auf diese konnten sie sich beziehen, ohne selbst reflektieren zu m\u00fcssen, ohne selbst Verantwortung f\u00fcr ihr Denken und ihr Handeln \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen. Denn sie hatten ja ihre V\u00e4ter, auf die sie alle Verantwortung abschieben konnten. Und diese hatten wiederum ihre eigenen V\u00e4ter. All das war ihnen genug. Was es gestern nicht schon bei ihren V\u00e4tern gegeben hat, konnte es auch heute nicht geben. Sie konnten die Ver\u00e4nderung nicht sehen, weil sie sie nicht sehen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat schon etwas Tragikomisches, dass heute innerhalb der muslimischen Community eine Art von Konservatismus zum Mainstream geworden ist. Es kann nur das gelten, was schon einmal in den B\u00fcchern stand \u2013 so behaupten es zumindest manch gl\u00fchenden Verfechter eines religi\u00f6sen Stillstandes. Es k\u00f6nne keine neuen Fragen geben, die alten Fragen h\u00e4tten einfach zu gen\u00fcgen, denn wir kennen nur die Antworten auf diese, aber nicht auf die Neuen. Nur das was wir bei unseren V\u00e4tern finden, nur das soll auch f\u00fcr uns gelten. Wir sollen uns nur mit den Antworten m\u00f6glichst verstorbener Gelehrter begn\u00fcgen, auch wenn sie unser, in ihrer Zukunft liegendes, Heute nicht begreifen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<strong>Und als zu ihnen gesprochen wurde: \u00bbKommt her zu dem, was Allah hinabgesandt hat, und zum Gesandten!\u00ab, antworteten sie: \u00bbUns gen\u00fcgt das, was wir bei unseren V\u00e4tern vorfanden.\u00ab Aber ist es nicht so, dass ihre V\u00e4ter nichts wussten und nicht rechtgeleitet waren?<\/strong>\u201d (5:104)<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht darum die Tradition abzuwerten oder die Erfahrung der Altvorderen zu entwerten. Vielmehr geht es darum, unsere eigene Verantwortung, den Islam in das Hier und Heute zu bringen, nicht zu Unrecht auf sie abzuw\u00e4lzen. Wir sind es, die sich den Fragen an den Islam stellen m\u00fcssen, egal ob sie von uns Muslimen kommen oder von einer nichtmuslimischen Umwelt. All die vergangenen Gelehrten der islamischen Tradition, sie sind ein Volk der Vergangenheit. Ihre Verdienste wurden Ihnen schon vergolten, wir k\u00f6nnen uns nicht auf ihnen ausruhen. Uns obliegt es, einerseits ihr Verst\u00e4ndnis als eine Form der Tradition anzuerkennen, ihr Erbe zu Ehren, gleichzeitig aber auch uns um unsere eigenen Verdienste zu k\u00fcmmern. Denn nur diese werden uns vergolten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ambivalenz geh\u00f6rt zum Islam, weil sie mit uns Menschen zu tun hat. An uns Menschen wurde der Islam herabgesandt, Allah braucht ihn nicht. Der Islam ist eine Religion, die im Hier und Jetzt gelebt wird, nicht in einer musealen Erinnerung. Generation um Generation, Gemeinschaft und Gemeinschaft, Individuum um Individuum m\u00fcssen sich der Herausforderung stellen, einen traditionell empfangenen Islam in ihrem aktuellen und zuk\u00fcnftigen Leben zu implementieren, ohne ihn zu ihrer \u201e<em>Religion der V\u00e4ter<\/em>\u201c zu verunstalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ambivalenz geh\u00f6rt zu jeder Religion. Zerrissenheit geh\u00f6rt dazu, wenn das G\u00f6ttliche auf das Endliche, dass Transzendente auf unser irdisches Leben treffen. Ambivalent ist zumeist auch das Verh\u00e4ltnis der Entstehung zur darauffolgenden Tradierung einer Religion. 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