{"id":1510,"date":"2020-11-13T08:00:00","date_gmt":"2020-11-13T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1510"},"modified":"2020-11-12T18:38:56","modified_gmt":"2020-11-12T17:38:56","slug":"alter-sprengstoff-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/11\/13\/alter-sprengstoff-2\/","title":{"rendered":"Alter Sprengstoff"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Unrecht schl\u00e4gt uns nicht wie ein nasses Handtuch ins Gesicht. Es f\u00e4llt nicht \u00fcber uns her. Es \u00fcberw\u00e4ltigt uns nicht. Das Unrecht kommt nicht als Feind, nicht als zwielichtige Gestalt, vor denen wir uns f\u00fcrchten. Das Unrecht st\u00f6\u00dft uns nicht ab, es erzeugt keinen Widerwillen in uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unrecht n\u00e4hert sich uns als alter Bekannter, als Vertrauter. Es zeigt sich uns im Gewand des Freundes, des Besorgten. Das Unrecht erscheint uns in Gestalt der F\u00fcrsorge und des legitimen Grundes. Es schleicht sich nicht von hinten an uns heran. Es sieht uns jeden Tag ins Gesicht, mindestens jeden Morgen im Spiegel. Es sagt uns, \u201eDu hast Recht!\u201c, \u201eDu musst so handeln!\u201c, \u201eEs geht hier schlie\u00dflich um Dich, um uns!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Unrecht stellt uns nicht infrage. Es l\u00e4sst uns nicht innehalten und zweifeln. Das Unrecht best\u00e4tigt uns. Es redet uns von Tag zu Tag immer \u00fcberzeugender ein, im Recht zu sein, rechtm\u00e4\u00dfig zu handeln. Das Unrecht fingiert Berechtigung und erobert uns im Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unrecht ist rastlos. Es begn\u00fcgt sich nicht damit, in einem fernen Winkel Geltung zu haben. Das Unrecht l\u00e4sst sich nicht z\u00e4hmen, nicht b\u00e4ndigen und einhegen. Erstarkt es in einem noch so winzigen Bereich, beginnt es, sich auszudehnen, um sich zu greifen. Das Unrecht, einmal zugelassen, kontaminiert jedes Denken, jedes Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unrecht braucht nur einen kleinen Ansto\u00df, um sich zu entfalten. Es begn\u00fcgt sich mit einem ersten Moment des Zugest\u00e4ndnisses, dem einen Augenblick der Eigensucht, der einen Sekunde der Relativierung. Danach ist es wirksam genug, sich fortzupflanzen, sich zu vermehren und auszubreiten. Es begn\u00fcgt sich danach mit der Gleichg\u00fcltigkeit, der Unt\u00e4tigkeit der Massen. Es reicht, wenn alle schweigen und wegsehen, damit das Unrecht Wurzeln schl\u00e4gt und sich festsetzt in unserem Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns viel zu lange an diese Zust\u00e4nde gew\u00f6hnt. Wir haben es verlernt, zu widersprechen, das Unrecht beim Namen zu nennen und mit dem Finger auf es zu zeigen, wenn es sich uns in der Verkleidung der sogenannten Realpolitik, der Staatsr\u00e4son oder dem Streben nach vermeintlicher Sicherheit zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll Sicherheit \u00fcberhaupt sein? Wie sicher ist eine Welt, in der es das Leben hungernder Menschen kostet, uns das Gef\u00fchl von Sicherheit zu geben? Was ist denn gesichert, wenn wir jeden Tag leidende, sterbende, ertrinkende Menschen \u2013 Alte, Frauen, Kinder \u2013 hinzunehmen bereit sind? Eine Grenze mag dadurch \u201esicher\u201c bleiben. Unser Hab und Gut mag dadurch scheinbar \u201esicherer\u201c sein vor dem Zugriff anderer. Aber eine Seele, die f\u00fcr ihr Heil mit dem Leben anderer Menschen zu bezahlen bereit ist, wie sicher kann diese Seele sein?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer einen Menschen t\u00f6tet \u2026, so ist es, als ob er alle Menschen get\u00f6tet h\u00e4tte.\u201c(vgl. 5, 32). Dieser Vers wird h\u00e4ufig zitiert, wenn es um die Friedensbotschaft des Islam geht. Aber vielleicht weist dieser Vers auf etwas anderes hin? Vielleicht mahnt uns dieser Vers, dass sich Unrecht nicht begrenzen l\u00e4sst? Wir k\u00f6nnen nicht unrecht gegen ein Menschenleben handeln, ohne uns an dem Recht aller Menschen zu vers\u00fcndigen. Wenn wir bereit sind, diese eine Ausnahme zuzulassen, wenn wir bereit sind durch geistige Winkelz\u00fcge zu fingieren, dass ausnahmsweise das Unrecht in diesem einen Fall doch als Recht gelten soll, haben wir bereits das Tor aufgesto\u00dfen, dass uns alle der Gefahr aussetzt, dem Unrecht zu verfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn uns das Leben eines Fl\u00fcchtlings, der im Mittelmeer ertrinkt, gleichg\u00fcltig l\u00e4sst, werden wir uns schon in kurzer Zeit auch nicht mehr um das Leben sorgen, das in unserer Mitte, mitten in unserer Gesellschaft, vor unseren Augen der Gefahr des Unrechts und der Vernichtung ausgesetzt wird. Wir sind dabei, immer weiter zu verrohen und w\u00e4hnen uns doch in einem Stadium der endlich wachsam gewordenen Besorgnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entdecken hin und wieder alte Fliegerbomben unter der Oberfl\u00e4che unserer St\u00e4dte. Sie st\u00f6ren uns dabei, wenn wir Parkpl\u00e4tze oder Hochh\u00e4user bauen wollen. Wir haben Experten, die sich um diese Gefahren k\u00fcmmern. Sie legen behutsam und gr\u00fcndlich den Sprengsatz frei, entsch\u00e4rfen und entsorgen ihn, damit niemand durch diese alten Bomben zu Schaden kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir haben offenbar vergessen, dass es unsere gef\u00e4hrlichen, t\u00f6dlichen Gedanken waren, die wir zuerst niederschrieben, dann in w\u00fctenden Reden in die Welt hinausschrieen, bis wir sie zu Waffen formten und Leid und Vernichtung \u00fcber die Welt brachten. Es waren die Antworten auf diese menschenverachtenden Gedanken, die uns die Welt zur\u00fcck in unser Land brachte und die uns heute in Gestalt dieser Fliegerbomben begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir sind wieder dabei, zu \u00fcbersehen, dass es wieder gef\u00e4hrliche, t\u00f6dliche Gedanken gibt, die wie alte Sprengs\u00e4tze unter der Oberfl\u00e4che unserer Gesellschaft schlummern. Sie brechen die d\u00fcnne Kruste unserer Zivilisation auf und treten ans Tageslicht wie die Untoten, die Untaten unserer menschenverachtenden Vergangenheit. Und sie sagen uns, dass es rechtens sei, Menschen f\u00fcr unseren Wohlstand sterben zu lassen, dass es rechtens sei, Menschen wieder in Lagern zusammenzupferchen. Sie wollen uns glauben machen, das Retten von Menschenleben sei als Verbrechen zu bestrafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir sind wieder bereit, das alles zu glauben. Wir sind wieder bereit, das Unrecht zuzulassen, weil es sich f\u00fcr unsere Augen und Ohren angenehm tarnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, wer heute bereit ist, zu glauben, das Retten von Menschen sei Unrecht und als Schlepperei oder Schleuserei zu bestrafen, der wird morgen bereit sein zu glauben, dass das T\u00f6ten von Menschen rechtm\u00e4\u00dfige Pflichterf\u00fcllung sei. Wir haben nur die Gesetze befolgt, wir haben nur unsere Befehle befolgt, wird es dann wieder hei\u00dfen. Denn das Unrecht l\u00e4sst sich nicht eind\u00e4mmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind wieder auf einem historischen Weg, der uns n\u00e4her ans Unrecht f\u00fchrt und uns weiter vom Recht entfernt. Wollen wir auf diesem Weg wieder umkehren, brauchen wir Experten, die diese alten, gef\u00e4hrlichen Gedanken gr\u00fcndlich freilegen, entsch\u00e4rfen und aus der Mitte unseres gesellschaftlichen Diskurses dr\u00e4ngen. Denn sonst schweigen wir wieder, w\u00e4hrend das Unrecht immer weitere Teile unseres Lebens umschlingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unrecht schl\u00e4gt uns nicht wie ein nasses Handtuch ins Gesicht. Es f\u00e4llt nicht \u00fcber uns her. Es \u00fcberw\u00e4ltigt uns nicht. Das Unrecht kommt nicht als Feind, nicht als zwielichtige Gestalt, vor denen wir uns f\u00fcrchten. Das Unrecht st\u00f6\u00dft uns nicht ab, es erzeugt keinen Widerwillen in uns. 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