{"id":1493,"date":"2020-10-29T18:15:40","date_gmt":"2020-10-29T17:15:40","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1493"},"modified":"2020-10-29T18:15:42","modified_gmt":"2020-10-29T17:15:42","slug":"frieden-sei-mit-ihm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/10\/29\/frieden-sei-mit-ihm\/","title":{"rendered":"Frieden sei mit ihm"},"content":{"rendered":"\n<p>In dieser Woche begehen viele Muslime weltweit Feierlichkeiten zum Gedenken an die Geburt unseres Propheten Mohammed (S.A.S.). Seiner wird in Liebe und Ehrerbietung gedacht. Es geh\u00f6rt zu dieser Achtung und Wertsch\u00e4tzung, dass sein Name, wann immer er ausgesprochen oder geschrieben wird, von dem Wunsch nach Frieden begleitet wird: S.A.S. steht als Abk\u00fcrzung f\u00fcr die Achtungsbekundung \u201eSalla -llahu Aleyhi wa-Salam\u201c &#8211; \u201eAllahs Segen und Frieden sei mit ihm\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist vielleicht eine der r\u00e4tselhaften F\u00fcgungen Allahs, dass unser Gedenken in diesem Jahr mit dem Streit um seinen Namen und seiner karikaturistischen Abbildung zusammenf\u00e4llt. Wir sollten das nicht als Zufall oder Provokation begreifen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir sollten diesen Umstand nicht zum Anlass f\u00fcr demonstrativen Protest oder Verurteilungen, nicht zum Anlass f\u00fcr Wut und Emp\u00f6rung nehmen. Wir sollten vielmehr versuchen, diesen Zusammenhang zwischen unserem Gedenken und der Respektlosigkeit anderer ihm gegen\u00fcber, als Gelegenheit zu betrachten. Als eine Ermahnung Allahs, unser Denken und Handeln zu pr\u00fcfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich beobachte viele unserer Glaubensgeschwister dabei, wie sie sich &#8211; angetrieben von Schmerz und Entt\u00e4uschung &#8211; in blinde Wut verstricken. Einige vergleichen Karikaturen unseres Propheten (S.A.S.) mit der Leugnung der Shoa: Sie meinen, man d\u00fcrfe solche Dinge nicht unter dem Schutz der Meinungsfreiheit sagen. Man d\u00fcrfe keine rassistischen oder frauenfeindlichen Beschimpfungen als Meinungsfreiheit entschuldigen. Aber uns Muslime d\u00fcrfe man beschimpfen und sich dabei auf Freiheitsrechte berufen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wer so argumentiert, hat die Bedingungen unseres Zusammenlebens nicht verstanden oder nicht verinnerlicht. Wer die historische Realit\u00e4t des V\u00f6lkermordes an J\u00fcdinnen und Juden leugnet oder ver\u00e4chtlich macht, relativiert und verharmlost eine historische Schuld. Wer sich rassistisch oder frauenfeindlich \u00e4u\u00dfert, w\u00fcrdigt ganz konkret Menschen herab und \u00f6ffnet den Weg zur Legitimation von Gewalt gegen sie. Die Shoa ist eine historische Tatsache. Eine Frau zu sein, ist eine Tatsache. Diese Tatsachen sind dem Beweis zug\u00e4nglich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Muslim zu sein, ist eine \u00dcberzeugung. Eine h\u00f6chstpers\u00f6nliche Gewissensentscheidung, der Ausdruck eines Glaubensbekenntnisses. Der Bezugspunkt dieses Bekenntnisses, der Islam, das Bekenntnis, dass es keinen Gott gibt au\u00dfer Allah, und dass Mohammed sein Gesandter ist, ist keinem weltlichen Beweis zug\u00e4nglich &#8211; gerade dies ist die Herausforderung unseres Glaubens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Uns wegen dieses Bekenntnisses zu beschimpfen und zu schm\u00e4hen, ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt, weil dadurch unser ganz individueller, h\u00f6chstpers\u00f6nliche Anspruch auf Geltung und Achtung als gleichberechtigte B\u00fcrger innerhalb einer Gesellschaft verletzt wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber den Islam als Religion zu schm\u00e4hen, ihn zur\u00fcckzuweisen, ihm gegen\u00fcber respektlos zu sein, darf und muss zu der Freiheit eines jeden Menschen geh\u00f6ren, insbesondere dann, wenn er unsere Glaubens\u00fcberzeugung nicht teilt. &nbsp; &nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir verstehen wollen, was Freiheit bedeutet, m\u00fcssen wir diese Unterscheidung nachvollziehen und aushalten: Die Respektlosigkeit einer Religion gegen\u00fcber &#8211; und gegen\u00fcber ihren Symbolen und Figuren &#8211; bedeutet nicht die Beleidigung ihrer Anh\u00e4nger.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn was ist eine Beleidigung? Es ist die Kundgabe der Nichtachtung eines anderen Menschen. Der Islam ist aber kein Mensch. Er ist eine Religion, die man auch ablehnen darf. Die Kundgabe der Nichtachtung unserer Religion m\u00fcssen wir als Muslime aushalten, ohne sie als pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung oder Provokation zu verstehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weshalb m\u00fcssen wir das? Weil jede Glaubens\u00fcberzeugung gleichzeitig auch die Kundgabe einer gewissen Nichtachtung anderer Glaubens\u00fcberzeugungen in sich tr\u00e4gt. Wir glauben daran, dass zum Beispiel Christen f\u00e4lschlicherweise Jesus als Mensch gewordenen Gott verehren. Was unseren christlichen Mitb\u00fcrgern der Kern, das h\u00f6chste Gut ihrer Glaubens\u00fcberzeugung ist, deuten wir Muslime als H\u00f6chstma\u00df religi\u00f6ser Verirrung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere christlichen Freunde halten es aus, dass unsere Glaubens\u00fcberzeugung den Kern ihrer eigenen Glaubens\u00fcberzeugung vollst\u00e4ndig negiert. Gleichzeitig halten wir es aus, dass aus Sicht unserer christlichen Mitb\u00fcrger wir einer schlechten Kopie j\u00fcdischer und christlicher Offenbarungen anh\u00e4ngen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Glaubensfreiheit f\u00fcr alle verlangt von uns allen, dass wir wechselseitig die Zur\u00fcckweisung unserer jeweiligen Glaubens\u00fcberzeugungen aushalten. Gleichzeitig verlangt die negative Glaubensfreiheit von uns &#8211; egal welcher Religion wir folgen &#8211; all jene auszuhalten, die in unseren Glaubens\u00fcberzeugungen nur kindliche M\u00e4rchenerz\u00e4hlungen sehen und die Existenz eines Gottes vollst\u00e4ndig ablehnen. Wir k\u00f6nnen unter diesen Umst\u00e4nden nur dann friedlich zusammenleben, wenn wir die Respektlosigkeit in der Sache der Religion nicht als pers\u00f6nliche Kr\u00e4nkung verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall der franz\u00f6sischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo ragt aus diesen Betrachtungen in einer besonderen Weise hervor. Auch ich finde ihre Karikaturen absto\u00dfend. Sie regen mich nicht dazu an, \u00fcber meinen Glauben nachzudenken oder kritisch \u00fcber den Islam zu reflektieren oder ganz allgemein das Konzept der Religion aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Ich erkenne in ihnen vielmehr den Wunsch, lediglich zu beschimpfen, vielleicht auch Verachtung auszudr\u00fccken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch das kann und muss ich aushalten. Ich habe keinen Anspruch auf gute Satire. Die Kunst- und Meinungsfreiheit sch\u00fctzt auch geschmacklos und absto\u00dfend vorgetragene Inhalte. Es w\u00e4re kein Freiheitsrecht, wenn das um der Freiheit willen Vorgetragene, allen zu gefallen h\u00e4tte. Gerade auch die Kontroverse um den Grenzbereich der Freiheit, macht das Wesen der Freiheit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in diesem ganz besonderen Fall habe ich Anlass, besonders verst\u00e4ndnisvoll gegen\u00fcber der aktuellen Respektlosigkeit Charlie Hebdos zu sein. Es ist nur 5 Jahre her, dass zwei Muslime die Redaktionsr\u00e4ume dieser Zeitschrift \u00fcberfallen haben. Nach ihrem eigenen Bekunden haben sie damals \u201eden Propheten ger\u00e4cht\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ermordeten dabei Fr\u00e9d\u00e9ric Boisseau, St\u00e9phan Charbonnier, Jean Cabut, Bernard Verlhac, Philippe Honor\u00e9, Georges Wolinski, Bernard Maris, Mustapha Ourrad, Michel Renaud, Elsa Cayat, Franck Brinsolaro und verletzten elf weitere Menschen, einige davon schwer. Auf der Flucht verwundeten die T\u00e4ter den Polizisten Ahmed Merabet, den sie anschlie\u00dfend aus n\u00e4chster N\u00e4he mit einem Kopfschuss t\u00f6teten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Menschen, die f\u00fcr sich die Freiheit in Anspruch nehmen, einer Religion gegen\u00fcber keinen Respekt zu zeigen, mit Waffengewalt und Mord dazu gezwungen werden sollen, Angst vor dieser Religion zu haben, dann verstehe ich es, wenn sie sich dieser Angst nicht ergeben wollen &#8211; und sich ihr mit noch ausdr\u00fccklicherer Respektlosigkeit widersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslime k\u00f6nnen wir nicht Respekt einfordern und gleichzeitig hinnehmen, dass diese aus Angst entspringen soll. Gerade in diesem Punkt, in der Reaktion auf Zur\u00fcckweisung und Spott und ausdr\u00fccklich auch gegen\u00fcber verletzender und schmerzvoller Verachtung, m\u00fcssen wir feststellen, dass wir zwar stets den Namen unseres Propheten ehren und sein Andenken nicht beschimpfen lassen wollen &#8211; aber zum Vorbild nehmen wir ihn uns nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als unser Prophet Mohammed (S.A.S.) den Menschen in der Stadt Taif, s\u00fcd\u00f6stlich von Mekka, die Offenbarung Allahs verk\u00fcnden wollte, wurde er verspottet und beschimpft. Man beleidigte ihn, bewarf ihn w\u00e4hrend seines Gebets mit Schmutz und verletzte ihn mit Steinw\u00fcrfen. Der Prophet hat sie nicht bestraft. Er hat sich nicht ger\u00e4cht. Er hat sich nicht emp\u00f6rt oder von Wut leiten lassen. Er vergab ihnen und betete daf\u00fcr, dass die Menschen in Taif ihren Irrtum erkennen und dass sie ihre Herzen f\u00fcr die Offenbarung Allahs \u00f6ffnen m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie k\u00f6nnen wir glauben und es hinnehmen, dass jemand, der \u201eals Segen f\u00fcr alle Welten\u201c gesandt wurde, aus Angst zu respektieren sei? \u201eFrieden sei mit ihm\u201c darf nicht nur bedeuten, dass Allah ihm im Jenseits Frieden geben m\u00f6ge. Wenn Frieden stets \u201emit ihm\u201c sein soll, dann m\u00fcssen wir Muslime immer und \u00fcberall und unter jeder Bedingung mit Friedfertigkeit und Nachsicht und Vergebung auffallen, wenn sein Name f\u00e4llt, wenn es um ihn und um den Islam geht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Realit\u00e4t sieht leider viel zu h\u00e4ufig noch anders aus. Wie k\u00f6nnen wir aber von anderen die Besserung ihres Verhaltens erwarten, wenn wir uns selbst nicht bessern und Schlechtes mit noch Schlechterem vergelten? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Koran hei\u00dft es: \u201eNicht gleich sind die gute Tat und die schlechte Tat. Wehre mit einer Tat, die besser ist, die schlechte ab, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Feindschaft besteht, so, als w\u00e4re er ein warmherziger Freund.\u201c (Sure 41, Vers 34)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben eine sch\u00f6ne, eine wundersch\u00f6ne Religion. Allerdings sind wir zu h\u00e4ufig nicht gut darin.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser Woche begehen viele Muslime weltweit Feierlichkeiten zum Gedenken an die Geburt unseres Propheten Mohammed (S.A.S.). Seiner wird in Liebe und Ehrerbietung gedacht. Es geh\u00f6rt zu dieser Achtung und Wertsch\u00e4tzung, dass sein Name, wann immer er ausgesprochen oder geschrieben wird, von dem Wunsch nach Frieden begleitet wird: S.A.S. steht als Abk\u00fcrzung f\u00fcr die Achtungsbekundung&hellip; <\/p>\n<p class=\"simppeli-read-more\"><a href=\"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/10\/29\/frieden-sei-mit-ihm\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\">Frieden sei mit ihm<\/span> <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8tv7g-o5","jetpack-related-posts":[{"id":1477,"url":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/10\/02\/danken-und-gedenken-der-wahre-pfad-zur-freiheit-der-seele\/","url_meta":{"origin":1493,"position":0},"title":"Danken und Gedenken \u2013 der wahre Pfad zur Freiheit der Seele!","date":"2. 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