{"id":1481,"date":"2020-10-09T08:25:46","date_gmt":"2020-10-09T06:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1481"},"modified":"2020-10-09T08:25:48","modified_gmt":"2020-10-09T06:25:48","slug":"das-wesen-unseres-glaubens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/10\/09\/das-wesen-unseres-glaubens\/","title":{"rendered":"Das Wesen unseres Glaubens"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn wir im Alltag danach gefragt werden, was der Islam ist, antworten viele von uns mit der Aufz\u00e4hlung der f\u00fcnf S\u00e4ulen des Islam &#8211; das Glaubensbekenntnis, das Ritualgebet, das Fasten, die Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir neigen h\u00e4ufig zu einer solchen Aussage, weil diese Elemente der Glaubenspraxis uns vertraut und durch h\u00e4ufige Wiederholungen einge\u00fcbt sind. Wir machen uns dabei aber selten bewusst, dass diese Aufz\u00e4hlung nur wiedergibt, in welcher Art und Weise wir unseren Glauben in ritualisierter Form leben. Es sind Elemente des \u201eWie\u201c unserer Glaubenspraxis. Sie geben aber kaum und nur mittelbar  Auskunft \u00fcber das \u201eWas\u201c unserer Glaubens, also \u00fcber die Grunds\u00e4tze und Prinzipien des Islam.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Manchmal neigen wir auch dazu, unsere Antwort abstrakter zu formulieren. Dann sagen wir h\u00e4ufig, dass Islam Frieden bedeutet. Diese Aussage ist nicht falsch. Aber sie beschreibt eher einen Zustand, den es zu erreichen gilt, als dar\u00fcber zu berichten, wie dieser Zustand erreicht werden soll. Und h\u00e4ufig f\u00fchrt diese Aussage zu Skepsis, wenn sie zum Abgleich ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit neben die vielen Beispiele gelegt wird, bei denen Muslime sich ausdr\u00fccklich auf den Islam berufen, um ihr gewaltsames Handeln zu rechtfertigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns also auch im Alltag viel h\u00e4ufiger damit auseinandersetzen, was die Grunds\u00e4tze unseres Glaubens sind. Wir m\u00fcssen dar\u00fcber reflektieren und es ausformulieren k\u00f6nnen, woran wir Glauben, was den Kern unseres Glaubens ausmacht, welche Auspr\u00e4gung das Wesen unseres Glaubens charakterisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Muslim wird bei der Reflexion \u00fcber diese Frage vielleicht zu unterschiedlichen Antworten kommen. An dieser Stelle soll der Versuch unternommen sein, ein m\u00f6gliches Ergebnis dieser gedanklichen Anstrengung in Worte zu kleiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grundgedanke dieser Glaubensreflexion lehnt sich an die Frage an, was der Zweck unserer Existenz ist. Bei dieser Frage sind wir jedoch zwingend inkompetent, nicht legitimiert, eine Pr\u00e4zision vorzunehmen. Denn wenn wir unseren Glauben ernst nehmen, sind wir Gesch\u00f6pfe, nicht Sch\u00f6pfer. Den Zweck einer Sch\u00f6pfung, kann indes nicht das Gesch\u00f6pf definieren. Diese Kompetenz ist dem Sch\u00f6pfer selbst vorbehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Offenbarung gibt uns Auskunft dar\u00fcber, was unser Zweck als Ergebnis einer g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung ist. Wir sind erschaffen, um Allah zu dienen. So hei\u00dft es in Sure 51, Vers 56: \u201eIch erschuf die Dschinn und die Menschen nur, damit sie Mir dienen.\u201c (vgl. Auch Sure 21, Vers 25)<\/p>\n\n\n\n<p>Im t\u00e4glichen Ritualgebet bekr\u00e4ftigen wir in stetiger Wiederholung diesen Zweck unserer Existenz. Wir rezitieren in jedem Gebet die Fatiha und bekennen: \u201eDir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe.\u201c (Sure 1, Vers 5)<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber soll nun unsere Dienerschaft konkret aussehen? Wie k\u00f6nnen wir unserem Zweck gerecht werden, Gott allein zu dienen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Frage antworten wir im Grunde selbst &#8211; durch unsere t\u00e4gliche wiederholte Rezitation der Sure Fatiha im Gebet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beten:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIm Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles Lob geh\u00f6rt Allah, dem Herrn der Welten,<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Herrscher am Tag des Gerichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Dir allein dienen wir, und zu Dir allein flehen wir um Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Leite uns den geraden Weg,<\/p>\n\n\n\n<p>Den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die Deinen Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDem Allerbarmer, dem Barmherzigen\u201c: Das in der Offenbarung am h\u00e4ufigsten genannte Attribut Allahs, seine Allbarmehrzigkeit, seine Gnade, sind das Motiv unserer Dienerschaft. Rahma, die Gnade Allahs, ist unsere Richtschnur. Dort, wo Gnade ist und Vergebung, finden wir den Islam. Wo Grausamkeit und Gewalt ver\u00fcbt werden, kann kein Anspruch erhoben werden, im Namen des Islam zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts anderes liegt dem Zweck der Erschaffung und Entsendung unseres Propheten (S.A.S.) zu Grunde: \u201eUnd Wir haben dich nur als Barmherzigkeit f\u00fcr die Weltenbewohner gesandt.\u201c (Sure 21, Vers 107)<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts anderem kann und darf unsere Dienerschaft nacheifern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDem Herrscher am Tag des Gerichts\u201c: Unsere Dienerschaft muss dem Grundsatz der Gerechtigkeit folgen. Al adl, die Gerechtigkeit, ist das Grundprinzip unseres weltlichen Handelns. Nach dieser Rechtschaffenheit, nach diesem Befolgen der Gerechtigkeit werden wir am Tag des Gerichts befragt werden. Wo wir gerecht handeln und urteilen, leben wir den Islam. Wo Ungerechtigkeit und Unterdr\u00fcckung herrschen, verleugnen wir den Islam.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Gerechtigkeit anderen gegen\u00fcber sind wir verpflichtet, selbst wenn sie uns selbst oder unseren N\u00e4chsten zum Schaden gereicht oder wo uns Hass und Feindschaft zum Unrecht verleiten. (vgl. Sure 4, Vers 135 oder Sure 5, Vers 8).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLeite uns den geraden Weg\u201c: Der gerade Weg ist der Weg der Mitte, des Ausgleichs, der R\u00fccksichtnahme und des Wohlergehens f\u00fcr jedermann. Das Handeln der Muslime muss dem Prinzip des Guten und F\u00f6rderlichen folgen. Sein Ziel muss das Gemeinwohl sein. Maslaha, diesem Prinzip des Wohlergehens und des Ausgleichs aller Interessen des Individuums und seiner Gemeinschaft &#8211; gleich ob es sich dabei um Muslime handelt oder nicht &#8211; muss eine Handlung folgen, die sich auf den Islam beziehen will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDen Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, \u2026, und nicht der Irregehenden\u201c: Der Islam fordert uns zum Erwerb und zur Verbreitung von Wissen, von Weisheit auf. Das Streben nach Einsicht und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Sch\u00f6pfung, die Suche nach ihren Wirkungsweisen und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten sind der Antrieb f\u00fcr unsere Dienerschaft. Wo Hikma, also Wissen ist und gemehrt wird, bl\u00fcht der Islam. Wo der Mensch aus Bequemlichkeit oder Eigennutz den Irrtum und die Unkenntnis f\u00f6rdert, weicht er vom Weg des Islam ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran glauben wir Muslime also, was ist der Zweck unseres Glaubens? Wir glauben und handeln, um Allah zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dienen ihm, indem wir seiner Gnade folgen &#8211; und Grausamkeit ablehnen. Indem wir die Gerechtigkeit leben &#8211; und uns dem Unrecht und der Unterdr\u00fcckung entgegenstellen. Indem wir das Gemeinwohl f\u00f6rdern &#8211; und Schaden von unseren Mitmenschen und der Sch\u00f6pfung abwenden. Indem wir unser Wissen mehren &#8211; und den Irrtum aufkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kann die Antwort auf die Frage sein, woran wir Muslime eigentlich glauben. Und ihr muss stets die Frage &#8211; an uns selbst gerichtet &#8211; folgen, ob wir jeden Tag auch nach diesem Glauben leben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir im Alltag danach gefragt werden, was der Islam ist, antworten viele von uns mit der Aufz\u00e4hlung der f\u00fcnf S\u00e4ulen des Islam &#8211; das Glaubensbekenntnis, das Ritualgebet, das Fasten, die Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt. 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