{"id":1431,"date":"2020-08-07T08:30:00","date_gmt":"2020-08-07T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1431"},"modified":"2020-08-06T20:30:46","modified_gmt":"2020-08-06T18:30:46","slug":"mono-no-aware","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/08\/07\/mono-no-aware\/","title":{"rendered":"Mono no aware"},"content":{"rendered":"\n<p>Sakura hei\u00dft die japanische Kirschbl\u00fcte. Sie bl\u00fcht in verschiedenen Gegenden Japans zwischen Ende M\u00e4rz bis Anfang Mai und l\u00e4utet mit ihrer Farbenpracht den Fr\u00fchling ein. Der Kirschbaum tr\u00e4gt keine essbaren Fr\u00fcchte, hat daf\u00fcr aber viele Bl\u00fcten. Wenn man so will, erf\u00fcllt die japanische Kirsche ihren Lebenszweck nur f\u00fcr die Zeit ihres Erbl\u00fchens, welches lediglich bis zu 10 Tage im Jahr anh\u00e4lt. In dem Moment, in dem die Bl\u00fcte ihre prachtvollste Auspr\u00e4gung erlangt, stirbt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Japaner erkennen in diesem Zyklus der Sakura die Endlichkeit ihrer eigenen Existenz. Sie sind voller Trauer \u00fcber die unabwendbare Verg\u00e4nglichkeit dieser Sch\u00f6nheit. In den Schmerz und die Ergriffenheit \u00fcber den Verlust nach so kurzer Freude mischt sich die Erkenntnis der Fl\u00fcchtigkeit alles Irdischen. Wesentlich f\u00fcr die japanische Kultur ist diese Einsicht der Fl\u00fcchtigkeit des Lebens und gleichzeitig die Empfindsamkeit, in dieser Fl\u00fcchtigkeit eine verwundbare, zarte Sch\u00f6nheit zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die gesamte Sch\u00f6pfung ist in der stetigen Bewegung zwischen Werden und Vergehen. Gerade die Kenntnis von der Verg\u00e4nglichkeit und Endlichkeit alles Sch\u00f6nen, soll uns dazu bef\u00e4higen, nicht den Schmerz des Verlustes als pr\u00e4gendste Emotion zu empfinden, sondern aus diesem Schmerz das Gef\u00fchl der Freude und Dankbarkeit zu sch\u00f6pfen, die Sch\u00f6nheit eines Moments, die Anmut eines Anblicks, den Klang einer Stimme, letztlich die Anwesenheit und Liebe eines Menschen erlebt haben zu d\u00fcrfen &#8211; auch wenn sie nur von viel zu kurzer Dauer gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gef\u00fchl der Melancholie, dass jede Sch\u00f6nheit ganz wesentlich von ihrer Unbest\u00e4ndigkeit abh\u00e4ngt, gerade die Hinnahme des bevorstehenden Verlustes, \u00fcberwunden von der Wertsch\u00e4tzung des unmittelbar Erlebten beschreiben die Japaner als \u201emono no aware\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Gef\u00fchl, dem wir Muslime bei jedem unserer Ritualgebete, in jedem Moment unserer Dankbarkeit und Demut im Leben mit einer ganz bestimmten Formulierung Ausdruck verleihen: \u201eAlhamdu lillah\u201c &#8211; Alles Lob geb\u00fchrt dem Herrn!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Dank an den Herrn der Welten beginnt jedes unserer Gebete. Erfahren wir Momente gro\u00dfen Gl\u00fccks, geben wir diesem Dank, diesem \u201eHamd\u201c einen gesprochenen Ausdruck. In diesen Dank mischt sich die Erkenntnis, dass dieses Gl\u00fcck fl\u00fcchtig ist. Gerade weil es an uns vor\u00fcbergehen k\u00f6nnte, gerade weil sich unsere Sorgen auch verschlimmern k\u00f6nnten, weil Gott uns auch h\u00e4rtere Pr\u00fcfungen auferlegen k\u00f6nnte, danken wir ihm f\u00fcr den Augenblick der Erleichterung und f\u00fcr das, was wir ganz konkret und unmittelbar erleben d\u00fcrfen oder wovon wir verschont bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koran ist durchzogen mit vielen Versen, in denen wir dazu ermahnt werden, uns n\u00e4her anzusehen, was uns umgibt. Die Sch\u00f6pfung ist eine ganz eigene weitere Form der Offenbarung Gottes. Wir erleben den Wechsel der Jahreszeiten, das sterbende Laub im Herbst und das neue Leben der Knospen im Fr\u00fchjahr. Wir erleben den t\u00e4glichen Wechselt zwischen Tag und Nacht, das Wechselspiel von Sonne und Mond, die verschiedenen Zyklen all dessen, was uns umgibt. (vgl. 16, 1 bis 16)<\/p>\n\n\n\n<p>(45, 3 bis 5) \u201eIn den Himmeln und auf der Erde sind wahrlich Zeichen f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen. Und in eurer Erschaffung und in dem, was Er an Tieren sich ausbreiten l\u00e4sst, sind Zeichen f\u00fcr Leute, die \u00fcberzeugt sind. Und auch in dem Unterschied von Nacht und Tag und in dem, was Allah an Versorgung vom Himmel herabkommen l\u00e4sst und dann damit die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht, und im Wechsel der Winde sind Zeichen f\u00fcr Leute, die begreifen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wohnen in H\u00e4usern, in denen zuvor andere wohnten und in denen nach uns wieder andere Menschen wohnen werden, wenn wir l\u00e4ngst zu Staub zerfallen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Rumi hei\u00dft es: \u201eWie eine Blume im Fr\u00fchjahr zu neuem Leben erwacht, kehrt der Mensch durch seine Auferstehung zu seinem Ursprung, zu Gott, zur\u00fcck\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>So auch im Koran (2, 156): \u201eWahrlich, von Gott kommen wir, und, wahrlich zu ihm werden wir zur\u00fcckgebracht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Offenbarung lehrt uns, dass neben den uns namentlich bekannten Propheten, Gott zu jeder Zeit seine Botschafter zu den Menschen gesandt hat, um zum Guten und Gerechten aufzurufen. (vgl. 16, 43, 44; 16, 63)<\/p>\n\n\n\n<p>Uns muss vor diesem Hintergrund bewusst werden, dass die Botschaft des Islam und die Zeichen, auf welche die Offenbarung uns hinweist, losgel\u00f6st sind von bestimmten Sprachen, Kulturen oder Gesellschaften. So wie der Tag und die Nacht uns alle begleiten, richten sich die Botschaften der Offenbarung an alle Menschen. Als Muslime m\u00fcssen wir uns nicht in einer exklusiven Weise kleiden oder in einer bestimmten Sprache sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrheit unserer Sch\u00f6pfung verbindet uns mit dem einen Sch\u00f6pfer. Und die Wahrheit unserer Sch\u00f6pfung kann die Vielzahl an Ausdrucksformen und Gestalten annehmen, die uns als Individuen ausmachen. Wenn Japaner, gleich welchen Glaubens, beim Anblick der vom Ast zu Boden fallenden Sakura voller Sehnsucht auf das Wunder des n\u00e4chsten Jahres hoffen und die Trauer \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit des Sch\u00f6nen in Dankbarkeit und Demut \u00fcberwinden, gleicht das dem dankbaren Seufzen von Muslimen, die im Wissen um die Unbest\u00e4ndigkeit jedes gl\u00fccklichen Moments ihren Sch\u00f6pfer preisen. So verbindet uns Gott \u00fcber eine in nur zehn Tagen verbl\u00fchende Kirschbl\u00fcte mit Menschen am anderen Ende der Welt: \u201eAl-\u1e25amdu l-ill\u0101hi\u00a0<em>rabbi l<\/em>&#8211;<em>\u02bf\u0101lam\u012bn<\/em>\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sakura hei\u00dft die japanische Kirschbl\u00fcte. Sie bl\u00fcht in verschiedenen Gegenden Japans zwischen Ende M\u00e4rz bis Anfang Mai und l\u00e4utet mit ihrer Farbenpracht den Fr\u00fchling ein. Der Kirschbaum tr\u00e4gt keine essbaren Fr\u00fcchte, hat daf\u00fcr aber viele Bl\u00fcten. 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