{"id":1383,"date":"2020-06-05T08:00:00","date_gmt":"2020-06-05T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1383"},"modified":"2020-06-04T16:37:52","modified_gmt":"2020-06-04T14:37:52","slug":"solidaritaet-nach-belieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/06\/05\/solidaritaet-nach-belieben\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t nach Belieben"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Ein Gastbeitrag von B\u00fc\u015fra Delikaya<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht nur einmal, dass uns die soziale Ungerechtigkeit dieser Welt schmerzlich bewusst wird. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ein Schwarzer in den USA rassistischer Polizeigewalt zum Opfer fiel. Etliche Namen wie Michael Brown und Sandra Bland gingen mit trauriger Aktualit\u00e4t versehener Namen wie Breonna Taylor und George Floyd voraus. Die Liste ist lang, das Problem nicht neu, vielmehr verweilte es bis dato als potenzielles Todesurteil Schwarzer Menschen unber\u00fchrt im Alltag. Eine Ermordung folgte der n\u00e4chsten, ein neuer Verlust und derselbe Kampf nach Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die brutale Ermordung ging viral &#8211; George Floyds letzten Minuten unter den dr\u00fcckenden Knien eines uniformierten M\u00f6rders f\u00fcr immer in Timelines und Privatnachrichten konserviert. Der dokumentierte Schrecken der Tat zwingt die haftende Passivit\u00e4t in die Knie. Die strukturelle Deklassierung Schwarzer Menschen wirft derzeit Schatten \u00fcber die unbek\u00fcmmerte Gedankenwelt so vieler. Das Nicht-Schwarz-Sein und die damit einhergehenden Vorz\u00fcge, die erst mit der Diskriminierung Schwarzer Menschen eine Existenz finden, bleiben einigen mehreren nun wiederholt im Halse stecken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Erfreulich ist es aber, wie ein zwar verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringer, aber vergleichsweise gr\u00f6\u00dferer Teil Nicht-Schwarzer sich nun mit dem Ursprung ihrer Privilegien auseinandersetzen, der das Unrecht manifestiert, welches ebenjene Privilegien erst hervorbringt. Der nicht erst seit Jahrzehnten und auch nicht nur in den USA verankerte Rassismus gegen\u00fcber Schwarzen f\u00fchrt zu weltweiten Protesten und einer Welle tiefer Solidarit\u00e4t. Menschen sind fassungslos \u00fcber den unverhohlenen Rassismus und seine rohe Brutalit\u00e4t. Teilweise sind Menschen aber \u2013 und das birgt eine Ausweitung des Problems &#8211; fassungslos \u00fcber all das, was gleichsam in ihren eigenen L\u00e4ndern und Communities geschieht. Sie sind entr\u00fcstet dar\u00fcber, dass rassistische Ideologien solch eine Macht beanspruchen, der sie innerhalb der eigenen Community mindestens genauso viel Raum gew\u00e4hren, mit Worten und Haltungen &#8211; oder der Absenz beider.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Sprechen ist auch das Schweigen eine Entscheidung. Vor allem situatives und verh\u00e4ngnisvolles Schweigen fordert eine Erkl\u00e4rung, die der Mensch auch dem Sch\u00f6pfer der Leidtragenden schuldet. Denn es sind nicht nur Stimmen, die gegen Gerechtigkeit vorgehen, oft genug ist es auch ihre Enthaltung, die das Unrecht besonders laut stimmt. Menschen wissen das. Und Menschen entscheiden sich bewusst daf\u00fcr, zum Rassismus in den eigenen Reihen zu schweigen. So verschiedene Gr\u00fcnde dies auch haben mag, kann es im Grunde immer wieder zu einer priorisierten Rolle des eigenen Egos zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Und dem abhandengekommenen Kern der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn meist handelt es sich hierbei um Unrecht, dessen Annahme oder gar Bek\u00e4mpfung eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen diskursiven Rolle voraussetzt. In diesen Momenten mutieren selbst gerierte Gerechte zu chronischen Moralphlegmatikern, oft weil sie sich vor sozialer \u00c4chtung der Peergroup f\u00fcrchten. Oder sich die problembehafteten L\u00e4nder, Kreise, Systeme als alleinige Problemtr\u00e4ger wunderbar schick in der eigenen Ideologie machen. Und genauso oft oder h\u00e4ufiger, weil sie dem Problem und somit den Leidtragenden nicht genug Wert beimessen, das weil sie der sozialen Hierarchie unkritisch unterliegen und das wiederum, weil sie ihrer Nation und Community keine Ungerechtigkeit zugestehen wollen. Eben weil sie sich konstruierten Identifizierungen wie nationalen nicht entledigen wollen, sie unter keinen Umst\u00e4nden entwerten wollen. Selbstreflexion verlangt viele Zugest\u00e4ndnisse, und um diese zu machen, bedarf es einem Trotzen dem eigenen Ego gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Raum eigener sozialer Hoheit aber eher zur Brut- und Rastst\u00e4tte des Egos wird, ist es interessant, wie Solidarit\u00e4t in politischen Kontexten funktioniert &#8211; oder eben nicht funktioniert. Interessant ist, wie es derselbe Gerechtigkeitssinn ist, der Menschen zu einem wichtigen Protest gegen Unrecht f\u00fchrt, aber beim kleinsten Deut eines Perspektivwechsels ein j\u00e4hes Ende findet. Dann n\u00e4mlich endet die Gerechtigkeit mit den Grenzen der sozialen Komfortzone. In dieser ist es schlie\u00dflich bequem, hier setzt einem keine allzu gro\u00dfe Verantwortung zu, hier schl\u00e4gt die Kritik nicht zur\u00fcck. Es ist ein beh\u00e4nder Wurf nach au\u00dfen, so angenehm fern von der Rolle des Fangenden, vor allem der des Haltenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kann dann noch in irgendeinem Kontext von irgendeinem Gerechtigkeitssinn, von Aufrichtigkeit und Glaubw\u00fcrdigkeit dessen gesprochen werden &#8211; dann, wenn die eigene menschengemachten Position des \u00dcberlegen(er)en bedenkenlos ausgesch\u00f6pft wird, die Privilegien ausgiebig genossen w\u00e4hrend die Pfeiler der Erhebung niemals hinterfragt werden und nur mit dem Anflug von Verantwortung das Leid der Unterprivilegierten lediglich mittels Schweigsamkeit mundtot gemacht wird. Denn mehr braucht es oft gar nicht, wenn soziale Asymmetrie im Spiel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist man Teil einer Mehrheit, ist der R\u00fcckzug aus notwendigen Debatten ausschlaggebend. Es ist eine ungleiche Gesellschaftsordnung unserer und anderer Tage, die den Minderheiten nicht das Mitbestimmungsrecht \u00fcber Relevanz und Agenda einr\u00e4umt, das ja aber gottgegeben ist. Ihr Kampf gegen erlebtes Unrecht ist federf\u00fchrend, aber ohne essenzielle Unterst\u00fctzung diskursiv Dominierender in Form von Eingest\u00e4ndnissen kaum tragbar. Wer in einzelnen, meist nach dem Cherry-Picking-Prinzip ausgesuchten Diskursen gegen Mechanismen protestiert, zu denen er in den Diskursen der eigenen Nation und Community schweigt, ist Teil einer nicht minder verbreiteten und schwerwiegenden Form des Unrechts. Dieses ruht meist auf der Erhebung von Identifikationsmerkmalen, die wiederum in mindestens einem Kontext \u00dcberlegenheit versprechen \u2013 auf Kosten anderer. Und allersp\u00e4testens hier f\u00e4llt doch die Frage, wie viel Wert und Sch\u00f6nheit eine Tugend wie Solidarit\u00e4t noch besitzt, wenn ihr Einsatz von eigenen Interessen abh\u00e4ngt, noch vor denen aller Betroffenen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von B\u00fc\u015fra Delikaya Es ist nicht nur einmal, dass uns die soziale Ungerechtigkeit dieser Welt schmerzlich bewusst wird. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ein Schwarzer in den USA rassistischer Polizeigewalt zum Opfer fiel. 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