{"id":1376,"date":"2020-05-29T06:51:00","date_gmt":"2020-05-29T04:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1376"},"modified":"2020-05-29T03:05:41","modified_gmt":"2020-05-29T01:05:41","slug":"erkenne-dich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/05\/29\/erkenne-dich-selbst\/","title":{"rendered":"Erkenne dich selbst"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt Ideen und Anschauungen, die von derma\u00dfen vielen Kulturen, Religionen und Philosophien teilweise unabh\u00e4ngig voneinander aufgegriffen werden, dass man sie zu einem gemeinsamen menschlichen Erbe erkl\u00e4ren muss. Die Aufforderung &#8220;Gnothi seauton&#8221; (gr.) oder &#8220;Temet nosce&#8221; (lt.), zu deutsch: &#8220;Erkenne dich selbst&#8221;, darf man wohl zu den Aussagen z\u00e4hlen, die eine menschheitsgeschichtlich durchdringende Wirkung haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslim muss man nicht unbedingt Interesse an &#8220;griechischer&#8221; Philosophie zeigen, um \u00fcber diesen Ausspruch zu stolpern. Auch in der Literatur muslimischer Gelehrter hat diese Aussage sehr fr\u00fch einen festen Platz eingenommen. In der abgewandelten Form <em>&#8220;Wer seinen Nafs (sein Selbst) kennt, der kennt seinen Herrn&#8221;<\/em> wird er oftmals als Hadis dem Propheten selbst zugeschrieben, auch wenn das Vorliegen einer solchen \u00dcberlieferung von Hadis-Gelehrten angezweifelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stolpern \u00fcber diese Aussage aber auch bei Imam Maturidi (gest. 941 n. Chr.), dem Gr\u00fcnder der Maturidiyya-Theologie. Dieser theologischen Schule folgen insbesondere hanefitische Muslime, die zahlenm\u00e4\u00dfig in Deutschland die Mehrheit der Muslime darstellen d\u00fcrften. &#8220;Unserer Ansicht nach erkennt der seinen Herrn, der sich selbst (seinen Nafs) erkennt&#8221;, schreibt Imam Maturidi in seinem Hauptwerk &#8220;<em>Kit\u0101b at-tau\u1e25\u012bd<\/em>&#8221; (Buch \u00fcber den Monotheismus).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>F\u00fcr Maturidi ist die Selbsterkenntnis ein Weg des Staunens. Er geht davon aus, dass wir gerade nicht in der Lage sein werden, unser Sein in all seinen Facetten zu erkennen. Die Komplexit\u00e4t unserer Physiologie und unserer Psychologie, unserer K\u00f6rperlichkeit und unseres Geistes setzt unserer Erkenntnisf\u00e4higkeit Grenzen. Maturidi geht jedoch nicht von einer grunds\u00e4tzlichen Unf\u00e4higkeit des Erkennens aus. Die M\u00f6glichkeit des vollst\u00e4ndigen Erkennens ist es, die Maturidi anzweifelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaft scheint ihm in dieser Skepsis Recht zu geben. Das Voranschreiten der wissenschaftlichen Erforschung des Menschen beantwortet zwar viele Fragen, sie bringt jedoch noch viel mehr Fragen hervor. Jede m\u00fchsam erarbeitet Antwort versetzt uns in Erstauen und sorgt f\u00fcr noch mehr Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Maturidis Selbsterkenntnis f\u00fchrt zur Anerkennung der eigenen Grenzen, den Unzul\u00e4nglichkeiten des Menschen. &#8220;Gegen\u00fcber all diesen Wahrheiten, erreicht der Einzelne das Bewusstsein, dass er sich mit all den Eigenschaften nicht selbst erschaffen hat und nicht \u00fcber sich selbst herrschen kann.&#8221; Maturidi lehnt die Erkenntnis mit den Sinnen nicht ab. Gerade mit diesen Sinnen wird der Mensch f\u00fcr ihn zum sensibelsten und f\u00e4higsten Wesen unter den Gesch\u00f6pfen, der die Wahrheiten, denen er begegnet, begreifen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei muss der Menschen nicht gesondert dazu aufgerufen werden, seinen Verstand einzusetzen. F\u00fcr Maturidi kann der Mensch gar nicht anders, als verst\u00e4ndig zu denken. &#8220;Der Verstand neigt dazu, Widerstand gegen die Vernachl\u00e4ssigung seines Einsatzes zu leisten&#8221; postuliert er, genauso wie der M\u00fc\u00dfiggang lebenswichtiger Organe nicht m\u00f6glich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Maturidi fordert vielmehr dazu auf, das Denken nicht an physikalischen Grenzen enden zu lassen. Das Physische soll vielmehr den Weg zum Metaphysischen, zu dem Dahinter- und Dar\u00fcberliegenden er\u00f6ffnen. Die Besch\u00e4ftigung mit dem Selbst erm\u00f6glicht bei Maturidi dem Menschen das Erreichen der Erkenntnis, dass er das eigene Dasein einem Allm\u00e4chtigen (Qadir), der nicht in Hilflosigkeit verf\u00e4llt, einem Allwissenden (Alim), der nicht der Ignoranz verf\u00e4llt, einem seinen Willen Durchsetzenden (Dschabbar) verdankt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Ideen und Anschauungen, die von derma\u00dfen vielen Kulturen, Religionen und Philosophien teilweise unabh\u00e4ngig voneinander aufgegriffen werden, dass man sie zu einem gemeinsamen menschlichen Erbe erkl\u00e4ren muss. 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