{"id":1330,"date":"2020-04-17T08:30:00","date_gmt":"2020-04-17T06:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1330"},"modified":"2020-04-19T20:43:34","modified_gmt":"2020-04-19T18:43:34","slug":"zeit-der-erneuerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/04\/17\/zeit-der-erneuerung\/","title":{"rendered":"Zeit der Erneuerung"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist wieder ein Jahr vergangen und der Ramadan steht uns bevor. Jedes Jahr verbinden wir diesen Monat mit positiven Erlebnissen und den Segnungen des Fastens. Was f\u00fcr Au\u00dfenstehende h\u00e4ufig wie eine gro\u00dfe \u00dcberwindung und irrationale Selbstgei\u00dfelung wirkt, erleben wir Tag f\u00fcr Tag als zunehmende Erleichterung, als Zeit der Beruhigung unserer k\u00f6rperlichen Funktionen und Sch\u00e4rfung unserer Sinne, die nicht von dauerhaftem Konsum und dem Verzehr viel zu gro\u00dfer Mengen von Allem \u00fcbers\u00e4ttigt und abgestumpft sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir entdecken immer wieder aufs Neue, was das Wort \u201ebrauchen\u201c wirklich bedeutet. Wir erfahren, was wir wirklich brauchen, um uns nicht mehr hungrig zu f\u00fchlen. Was und wieviel wir brauchen, um uns nicht mehr durstig zu f\u00fchlen. Wir entdecken &#8211; wie jedes Jahr &#8211; wie wenig wir brauchen, um zufrieden und dankbar zu sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beobachten &#8211; im restlichen Jahr getrieben von der Hektik des Alltages &#8211; in diesen wenigen Tagen des Ramadan, wieviel Zeit uns zur Verf\u00fcgung steht, wenn wir uns nur auf eine wichtige Sache konzentrieren, wie lang ein Tag sein kann, in welchem wir uns nicht mit Nichtigkeiten von dem ablenken, was uns eigentlich wichtig sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bemerken mehr als sonst, wie verg\u00e4nglich unser K\u00f6rper tats\u00e4chlich ist, wie faszinierend er funktioniert und sich immer wieder neuen Bedingungen anpassen kann, aber letztlich doch von Tag zu Tag seiner vorbestimmten Frist entgegengeht. <\/p>\n\n\n\n<p>Dort, wo wir sonst immer neue Gelegenheiten suchen, um die Zeit totzuschlagen, ahnen wir, wie von Sekunde zu Sekunde die Zeit doch uns totschl\u00e4gt &#8211; ohne gro\u00dfe Gesten, ohne dramatische Effekte, ruhig und gleichm\u00e4\u00dfig wie das kaum h\u00f6rbare Ticken eines Sekundenzeigers.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prophet Mohammed (s.a.s.) soll gesagt haben: \u201eIn jeder Sekunde sterbe ich tausendmal und werde tausendmal wieder geboren.\u201c Ich wei\u00df nicht, ob er das wirklich gesagt hat. Aber selbst wenn er es nicht gesagt haben sollte, erf\u00fcllt mich doch die Vorstellung, dass er es gesagt hat, ja dass er es vielleicht nur gesagt haben k\u00f6nnte, mit gro\u00dfer Hoffnung. Denn diese Worte geben wieder, was der Islam uns bedeuten sollte. Die zigfache Wiedergeburt unseres Bewusstseins im hier und jetzt und der daraus gen\u00e4hrte Antrieb, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und zu erneuern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Fastens, etwa 12 bis 14 Stunden nach unserer letzten Mahlzeit am Abend zuvor, beginnen in unserem K\u00f6rper Stoffwechselprozesse, die als Autophagie bezeichnet werden. Der Begriff stammt aus dem altgriechischen \u201eautophagos\u201c, \u201esich selbst verzehren\u201c. Jetzt, da unser K\u00f6rper nicht mehr mit der Verdauung und Verwertung von Nahrung besch\u00e4ftigt ist, fangen unsere K\u00f6rperzellen an, die Energie, die sie ben\u00f6tigen, aus Zellbestandteilen zu gewinnen, die veraltet oder funktionsunt\u00fcchtig geworden sind. Unser K\u00f6rper verzehrt sich im Kleinsten selbst, um sich zu erneuern und die eigene Lebenszeit zu verl\u00e4ngern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was in uns, durch unseren Sch\u00f6pfer angelegt ist, kann uns als Vorbild f\u00fcr unser \u00e4u\u00dferes Verhalten dienen. Im Ramadan haben wir die Gelegenheit, darauf zu blicken, was in unseren Gewohnheiten und Traditionen veraltet ist, seinen Zweck nicht mehr erf\u00fcllt und uns mehr belastet, als dass es uns zu mehr Gl\u00fcck und Zufriedenheit verhilft.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ramadan haben wir die M\u00f6glichkeit, uns intensiv zu befragen, unsere einge\u00fcbten Verhaltensweisen zu \u00fcberdenken und zu fragen, warum und zu welchem Zweck wir uns so verhalten, wie wir es das ganze Jahr \u00fcber tun. Hat unsere Emp\u00f6rung im Alltag einen Nutzen? Tr\u00e4gt unser Verhalten anderen gegen\u00fcber dazu bei, dass wir uns wohler f\u00fchlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Fasten bedeutet nicht, ausschlie\u00dflich auf Essen und Trinken zu verzichten. Es bedeutet auch, auf alles zu verzichten, was uns oder andere ungl\u00fccklich macht. Dabei sollten wir gerade im Ramadan, gerade auch unsere Br\u00e4uche und Gepflogenheiten im Ramadan aufs Neue hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele von uns bleibt der j\u00e4hrlich wiederkehrende Ramadan als Monat der Gl\u00fccksmomente in Erinnerung: ein Tag voller innerer Einkehr und religi\u00f6ser Rezitation, voller Besinnung und Kontemplation, ein Abend im Kreis der Familie und umgeben von Freunden, vor einer reich gedeckten Tafel mit allerlei K\u00f6stlichkeiten und einer immensen Vielfalt an Speisen. Dann eine Nacht mit der Moscheegemeinde beim Tarawih-Gebet. Fr\u00fche Morgenstunden, kurz vor Beginn der Morgend\u00e4mmerung, im Beisein der verschlafenen Liebsten, die schnell noch etwas trinken und essen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind gl\u00fcckliche Erinnerungen an friedliche und ruhige Zeiten. Aber es sind auch m\u00e4nnliche Erinnerungen. Es sind Beschreibungen eines Ramadan-Ablaufs, wie nur M\u00e4nner ihn erleben. Die Realit\u00e4t des Ramadan f\u00fcr Frauen, die sich um eine Familie und deren Haushalt k\u00fcmmern, sieht hingegen weniger besinnlich aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Morgend\u00e4mmerung stehen sie fr\u00fcher auf, um das letzte Mahl der Nacht zuzubereiten &#8211; falls jemand noch etwas Warmes essen will. Am Tag, w\u00e4hrend sie selber fasten, r\u00e4umen sie die Wohnung auf, k\u00fcmmern sich um die Kinder und sind nahezu die ganze Zeit bis zum Fastenbrechen damit besch\u00e4ftigt, jedermanns Lieblingsspeisen zuzubereiten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ufig sehnt man sich zur Fastenzeit nach ganz bestimmten Gerichten &#8211; mit deren Zubereitung dann die Frauen in unseren Familien beauftragt werden. Sind auch noch G\u00e4ste eingeladen, muss es neben der Suppe mindestens zwei warme Speisen und mehrere kalte und warme Beilagen geben, damit die ungeschriebenen Regeln der Gastfreundschaft eingehalten werden:&nbsp; Wenn es keine Auswahl gibt, sind die G\u00e4ste einem nichts wert. Und wenn nichts \u00fcbrig bleibt, war es nicht genug.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir M\u00e4nner uns mit Magenknurren und trockenem Mund zu Koranrezitationen zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen, stehen unsere Frauen, M\u00fctter und T\u00f6chter im gleichen Zustand in der K\u00fcche &#8211; umgeben von garenden Speisen mit kr\u00e4ftigen, aromatischen D\u00e4mpfen, die in die Nase steigen. Da bleibt dann vielfach nur Zeit f\u00fcr ein Sto\u00dfgebet um mehr Kraft und Geduld.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr wird es kaum Gelegenheiten dazu geben, G\u00e4ste zum Fastenbrechen zu empfangen oder in der Nacht die Wohnung zum Gemeinschaftsgebet zu verlassen. Das sind die besten Bedingungen f\u00fcr uns M\u00e4nner, unser Verhalten im Ramadan zu hinterfragen und zu erneuern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lernen wir, eine einfache Suppe zu kochen. Lernen wir, ein unkompliziertes Gericht zuzubereiten, von dem die ganze Familie satt wird. K\u00fcmmern wir uns um den Abwasch und den Haushalt und entlasten damit unsere Frauen, M\u00fctter und T\u00f6chter von den Pflichten, die wir viel zu bequem all die Jahre nur ihnen auferlegt haben, weil das traditionell schon immer so war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erneuern wir uns und unser Denken. Erkennen wir in diesem Ramadan, dass es keine \u201eFrauenarbeit\u201c und keine \u201eM\u00e4nnerarbeit\u201c gibt. Wenn Frauen als \u00c4rztinnen und Krankenschwestern heute auf den Intensivstationen Leben retten, dann wird es uns M\u00e4nnern sicher auch gelingen, einen Teller Suppe auf den Tisch zu bringen. Wir m\u00fcssen nur dazu bereit sein, den Ramadan mit all seiner Kraft zur Erneuerung auf uns wirken zu lassen &#8211; dann erleben wir vielleicht, wie neu und anders ein wirklich gemeinsam gelebter Ramadan sein kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wieder ein Jahr vergangen und der Ramadan steht uns bevor. Jedes Jahr verbinden wir diesen Monat mit positiven Erlebnissen und den Segnungen des Fastens. Was f\u00fcr Au\u00dfenstehende h\u00e4ufig wie eine gro\u00dfe \u00dcberwindung und irrationale Selbstgei\u00dfelung wirkt, erleben wir Tag f\u00fcr Tag als zunehmende Erleichterung, als Zeit der Beruhigung unserer k\u00f6rperlichen Funktionen und Sch\u00e4rfung&hellip; <\/p>\n<p class=\"simppeli-read-more\"><a href=\"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2020\/04\/17\/zeit-der-erneuerung\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\">Zeit der Erneuerung<\/span> <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[98],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8tv7g-ls","jetpack-related-posts":[{"id":1852,"url":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2022\/04\/01\/zeit-der-erneuerung-2\/","url_meta":{"origin":1330,"position":0},"title":"Zeit der Erneuerung","date":"1. 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