{"id":1241,"date":"2019-12-13T08:07:09","date_gmt":"2019-12-13T07:07:09","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1241"},"modified":"2020-04-19T20:56:36","modified_gmt":"2020-04-19T18:56:36","slug":"niemandes-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/12\/13\/niemandes-richter\/","title":{"rendered":"Niemandes Richter"},"content":{"rendered":"\n<p>Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Wiederholen wir diesen Satz, damit er sich uns unausweichlich aufdr\u00e4ngt: Niemand ist  ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Versuchen wir, diesen Satz auf all seinen Bedeutungsebenen zu verstehen und zu akzeptieren: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gilt dieser Satz auch in seiner umgekehrten Aussage: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist. Auch in dieser Form verk\u00f6rpert dieser Satz eine wichtige Erkenntnis, die wir uns nicht h\u00e4ufig genug bewusst machen k\u00f6nnen: Niemand ist ein schlechterer Mensch, nur weil er kein Muslim ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Wiederholung dieses Satzes in beiden seiner Bedeutungsformen, ist von gro\u00dfer Dringlichkeit. Denn unsere Glaubenspraxis, unsere Glaubenstraditionen und die Art und Weise, wie wir Elemente unseres Glaubens leben und weitergeben, haben in vielen Facetten eine Gestalt angenommen, die das Gegenteil dieses Satzes verk\u00f6rpert &#8211; und das tut uns nicht gut. Wir verzerren damit ganz wesentliche Kernaussagen unseres Glaubens und verbiegen ihn, bis er sich unserem Wohlbefinden anpasst und uns in unserer Selbstgewissheit nicht mehr st\u00f6rt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Offenbarung, die uns zum stetigen Hinterfragen unseres Verhaltens anhalten soll, wird von uns in ihrer Intention ausgeh\u00f6hlt, bis sie nur noch zu best\u00e4tigen scheint, was wir f\u00fcr richtig und falsch halten. Wir erkennen dabei nicht oder verdr\u00e4ngen, dass wir damit eigentlich nur uns selbst und einander mit Gott und seiner Offenbarung betr\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen beginnt mit einem ganz einfachen Trugschluss. Weil der Islam die letzte Offenbarungsreligion ist, weil er das Richtige vom Falschen trennt, weil er unsere Religion, also unsere R\u00fcckbindung zu Gott, vervollst\u00e4ndigt, lassen wir uns sehr schnell dazu verleiten, zu glauben, diese Eigenschaften w\u00fcrden auch uns als Muslime beschreiben und unser Verhalten rechtfertigen. Dabei sind wir als Gesch\u00f6pfe unseres Sch\u00f6pfers eben nicht sein Abglanz, nicht sein Schatten auf Erden. Es sind nicht wir, die durch das Glaubensbekenntnis automatisch vollst\u00e4ndig werden, vom Falschen zum Richtigen werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es im Koran hei\u00dft, dass es an diesem Buch keinen Zweifel gibt, ist damit nicht gemeint, dass unser Verhalten als Muslime nicht angezweifelt werden kann, dass wir und alles was wir tun, nicht frei vom Zweifel der Verirrung bleibt. (s. Sure 2, Vers 2)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in unseren Glaubensquellen die Quellen des Guten und Makellosen erkennen, bedeutet dies nicht, dass unser Verhalten als Muslime aus sich heraus stets gut und makellos ist. Wir m\u00fcssen uns davor h\u00fcten, in uns etwas H\u00f6henwertiges zu erblicken, nur weil wir Muslime sind. Dieser Hybris, diesem Hochmut verfallen wir viel zu h\u00e4ufig und h\u00e4ufiger als wir es selbst erkennen. Dann schwingen wir uns im Nu zu W\u00e4chtern und Richtern des Glaubens auf und urteilen&nbsp;\u00fcber andere und deren Verhalten. Wir messen, wiegen und befinden f\u00fcr nicht w\u00fcrdig, f\u00fcr abf\u00e4llig oder sehr schnell f\u00fcr&nbsp;\u201enichtmuslimisch\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Rolle des Richters&nbsp;\u00fcber den Glauben und das Verhalten unseres N\u00e4chsten kommt uns Muslimen aber nicht zu. Eine solche Rolle kam selbst unserem Propheten (s.a.s.) nicht zu. Im Koran hei\u00dft es, dass er nicht als H\u00fcter \u00fcber jene gesandt wurde, die sich abwenden. Ihm oblag nur die \u00dcbermittlung der Botschaft. (vgl. Sure 42, Vers 48)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir aber, im Glauben, den rechten Glauben zu besitzen, fangen an, willk\u00fcrlich zu urteilen. Wir fangen an, Unterscheidungen vorzunehmen, deren Grundlagen sich nicht aus der Offenbarung ergeben, sondern vielmehr Ausdruck unserer eigenen Befindlichkeit sind. Unser Verhalten zeigt sich an kleinen, harmlosen Beispielen, wie auch in ganz existenziellen Augenblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lehnen zum Beispiel ganz selbstverst\u00e4ndlich den Verzehr von Schweinefleisch ab und konstruieren daf\u00fcr Gr\u00fcnde, die so nicht der Offenbarung zu entnehmen sind und ma\u00dfen uns dabei sogar an, ein Gesch\u00f6pf Gottes, das mit seiner ganz eigenen, uns vielleicht noch verborgenen Bestimmung erschaffen wurde, als niederes Wesen, als widerw\u00e4rtiges und dreckiges Tier zu verurteilen. Dabei ist uns lediglich aufgetragen, auf den Verzehr von Schweinefleisch zu verzichten, aber nicht&nbsp;\u00fcber dieses Gesch\u00f6pf zu urteilen. Wissen wir denn, ob in diesem Wesen nicht ein Segen f\u00fcr uns verborgen ist, dem wir durch seine Nutzung zum Verzehr nicht im Wege stehen sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder unsere Vorstellungen von Moral und Anstand: Obgleich das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen gilt, ist unser Verhalten in dieser Frage von einer Doppelmoral gepr\u00e4gt, die sich durch nichts rechtfertigen l\u00e4sst. Wir sind dazu bereit, den M\u00e4nnern unserer Gemeinschaft in dieser Frage jedes Fehlverhalten nachzusehen, zu relativieren, zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. <br>Gleichzeitig scheuen manche von uns nicht einmal vor Gewalt und Mord zur\u00fcck, wenn Frauen das gleiche Verhalten an den Tag legen. Die Grunds\u00e4tze der Gleichbehandlung und der Gleichwertigkeit, die bei solchen Fragen als Handlungsma\u00dfst\u00e4be in unserer Offenbarung zu finden sind, verdr\u00e4ngen wir und setzen an ihre Stelle unsere Vorstellungen von m\u00e4nnlicher Dominanz, maskuliner Deutungshoheit&nbsp;\u00fcber die Moral und willk\u00fcrlicher Verf\u00fcgungsgewalt&nbsp;\u00fcber die Frauen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir z\u00f6gern keinen Moment, unser Verhalten mit Gott und seinen Geboten und Verboten zu rechtfertigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nichts, was wir tun, darf frei von Zweifeln sein. Denn wir sind unvollkommene, fehlbare Gesch\u00f6pfe. Dass wir uns zum Islam bekennen,&nbsp;\u00e4ndert nichts an dieser Eigenschaft und unserer Fehlbarkeit. Dass wir Muslime sind, ist kein G\u00fctesiegel, das uns zeitgleich mit unserem Glaubensbekenntnis auf alle Zeit unver\u00e4nderlich als gut und vollkommen pr\u00e4gt. Unser Bekenntnis ist nicht die Best\u00e4tigung unserer selbst als das Gute. Unser Glaubensbekenntnis beginnt vielmehr mit&nbsp;\u201eLa\u201c, also einer Verneinung, einer Negation: Damit ist unser Glaube eine Verpflichtungserkl\u00e4rung auf Lebenszeit, jede unserer Handlungen anzuzweifeln und zu hinterfragen, ob sie dem Guten dient und dazu geeignet ist, jeden Tag unsere Unvollkommenheit ein winziges St\u00fcckchen zu&nbsp;\u00fcberwinden. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. Wiederholen wir diesen Satz, damit er sich uns unausweichlich aufdr\u00e4ngt: Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er ein Muslim ist. 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