{"id":1206,"date":"2019-10-18T09:00:03","date_gmt":"2019-10-18T07:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1206"},"modified":"2020-04-19T21:01:05","modified_gmt":"2020-04-19T19:01:05","slug":"zur-freiheit-verurteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/10\/18\/zur-freiheit-verurteilt\/","title":{"rendered":"Zur Freiheit verurteilt?"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eUnd abermals wehe dir! und nochmals wehe!                                          W\u00e4hnt der Mensch etwa, er solle ganz ungebunden bleiben?\u201c [75:35-36]<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den\nfranz\u00f6sischen Existentialisten und Philosophen Jean-Paul Sartre war eines klar:\nDie wirkliche Einschr\u00e4nkung und Restriktion kommt von Gott her. Bis der Mensch,\nso Sartres anthropologische \u00dcberlegungen, diese letzte aller Fesseln nicht\nabgeworfen hat, bleibt er unfrei. Denn existierte ein Gott, so w\u00e4re die\nmenschliche Existenz weitestgehend vorgegeben \u2013 zumindest Dankbarkeit, Hingabe\noder Gehorsam w\u00e4ren unausweichliche Grundbedingungen des Lebens. Es w\u00fcrden auch\nR\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber den Menschen folgen, so zum Beispiel, dass er ein Gesch\u00f6pf\nist, dass seine Natur eine Wesensbestimmung hat und anderes. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Quintessenz der franz\u00f6sischen Freiheitsphilosophie von Sartre aber lautet: \u201eDer Mensch ist nichts anderes, als wozu er sich macht\u201c. Ja, damit ist tats\u00e4chlich die v\u00f6llige Freiheit erreicht. Ein jeder muss sich selbst erfinden. Ein jeder muss auch dar\u00fcber nachdenken, was es seiner Meinung nach bedeutet, ein Mensch zu sein. Das klingt ganz h\u00fcbsch, verlockend und humanistisch, oder?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber diese\nverf\u00fchrerische und nur auf den ersten Blick mutige Freiheitsphilosophie\nbedeutet das Ungl\u00fcck des Menschen. Denn dann wei\u00df der Mensch nicht, warum er\nist; geschweige denn, wof\u00fcr er ist und was er mit sich selbst tun soll. In den\nOzean eines gro\u00dfen Nichts hineingeworfen schreitet er f\u00fcr ein paar Jahrzehnte verdunkelt\ndurch eine feindliche oder gleichg\u00fcltige Welt. Mit dieser fehlenden Ahnung und\nneugewonnen Freiheit von Gott erwirbt sich der Mensch sartrescher F\u00e4rbung auch\ndie Freiheit von Sinn, beziehungsweise die Sinnlosigkeit. Man tausche die\nmetaphysische Perspektive gegen die zeitgen\u00f6ssische und schaue ganz genau hin,\nwas sie bedeutet: Die Welt \u2013 ein Chaos von Begebenheiten ohne allen Nutzen und\nPlan. Der Mensch \u2013 ein Tier unter Tieren. Das sich durch den Lauf seiner\nBiographie abstrampelt und wo doch keine Ruhe einkehrt. Des Menschen Lachen, Sorgen,\nLieben, seine \u00c4ngste, Gedanken, Pl\u00e4ne und W\u00fcnsche, die Momente des Gl\u00fccks sowie\ndes Schmerzes, der Aufregung und Langweile, der Erf\u00fcllung und der Trauer, also\nkurz unser gesamter kurzer Erdenlauf \u2013 all das wird nichtig, bald\nunwiderruflich verschwunden sein, verweht wie ein kurzer Windhauch. Ferner\nbliebe das alles ohne Bedeutung. Zum Bedauern hat dieses freiheitliche Postulat\nund all seine Konsequenzen im post-christlichen Deutschland in den\nherk\u00f6mmlichen Meinungen und Anschauungen unserer Mitmenschen viel Platz gewonnen.\nWelch ein elendes Ding ist der Mensch, sagte Montaigne, wenn er sich nicht\ndurch himmlische Mittel aufrichten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Muslime m\u00fcssen wir versuchen, unsere Schau der kosmischen Partitur zu verfeinern, so dass wir begreifen, dass wir weder aus dem Ganzen herausfallen k\u00f6nnen, noch dass es sinnlos ist. Selbst dann nicht, wenn unsere urbane Verlorenheit im durchhetzten Alltag uns manches Mal das Gegenteil bef\u00fcrchten l\u00e4sst. Unsere Weltwahrnehmung muss qualitativ unterschieden sein von der Sartres. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr unsere anthropologischen Vorstellungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sprechen wir \u00fcber den Menschen im Allgemeinen, so sollten wir auf den Gesandten schauen. Sein prophetisches L\u00e4cheln, auf ihm seien herzliche Gr\u00fc\u00dfe, lehrt uns Menschen des Glaubens, des Segnens, des Gebetes und des Vertrauens Gott gegen\u00fcber zu sein. Sein Weg ist ein Fluss, der in Gott m\u00fcndet und uns besch\u00fctzt vor eigenen, selbst versunkenen Bahnen. Hier d\u00fcrfen wir das Knien vor dem H\u00f6chsten lernen, die Sch\u00f6nheit des Offenbarungsworts erkunden und einf\u00e4ltig Gewissheit lernen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Offenbarung versichert uns auch den Sieg \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit. Wir bekommen die Zusage, dass nichts vergeblich war. Kein Z\u00e4hneknirschen, kein Lachen, das umsonst war. Und dass dereinst alle Tr\u00e4nen im Garten getrocknet werden. All diese kurzen Andeutungen sind Treppen zum Leben, in denen nicht der Tod und die Sinnlosigkeit das letzte Wort haben. Im Vertrauen darauf, d\u00fcrfen wir uns der hohen Allmacht ergeben, die uns durch alles Kommende f\u00fchren wird, in der Hoffnung, dass wir sicher \u00fcber die Mauern klettern k\u00f6nnen und nicht st\u00fcrzen und fallen m\u00fcssen.  (ts)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd abermals wehe dir! und nochmals wehe! W\u00e4hnt der Mensch etwa, er solle ganz ungebunden bleiben?\u201c [75:35-36] F\u00fcr den franz\u00f6sischen Existentialisten und Philosophen Jean-Paul Sartre war eines klar: Die wirkliche Einschr\u00e4nkung und Restriktion kommt von Gott her. Bis der Mensch, so Sartres anthropologische \u00dcberlegungen, diese letzte aller Fesseln nicht abgeworfen hat, bleibt er unfrei. 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