{"id":1176,"date":"2019-09-20T09:10:01","date_gmt":"2019-09-20T07:10:01","guid":{"rendered":"https:\/\/freitagsworte.de\/?p=1176"},"modified":"2020-09-17T11:04:08","modified_gmt":"2020-09-17T09:04:08","slug":"werden-und-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freitagsworte.de\/index.php\/2019\/09\/20\/werden-und-sein\/","title":{"rendered":"Werden und Sein"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist das Jahr 1984. Los Angeles. Olympische Spiele. Das Finale der Judo Wettk\u00e4mpfe der M\u00e4nner in der offenen Klasse. Auf der Judomatte steht der \u00c4gypter Mohamed Ali Rashwan, bereit als erster afrikanischer Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen in die Geschichte des Judo-Sports einzugehen. Sein Gegner in diesem Finale ist einer der erfolgreichsten japanischen Judoka: In seiner etwa 15 Jahre dauernden Wettkampfkarriere hat er \u00fcber 500 K\u00e4mpfe gewonnen. Seit 1977 bis zu seinem R\u00fccktritt 1985 wird er in internationalen Wettk\u00e4mpfen unbesiegt bleiben und 203 K\u00e4mpfe gewonnen haben &#8211; Yasuhiro Yamashita gilt bei diesen Olympischen Spielen als unbesiegbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Yamashita bis zu diesem Finale versucht hat, vor seinen Gegner zu verbergen: Im Vorrundenkampf gegen Arthur Schnabel hat er sich eine schwere Verletzung in der Wadenmuskulatur zugezogen. Die Verletzung ist so schwer, dass sie nun vor diesem Finalkampf un\u00fcbersehbar geworden ist. Yamashita betritt die Judomatte mit langsamen Schritten, humpelnd. Sein rechtes Bein zieht er f\u00fcr alle sichtbar nach. Er kann es kaum mit seinem Gewicht belasten, geschweige denn im Kampf einsetzen. Seine Niederlage scheint gewiss, wenn sein Gegner Rashwan auch nur eine Kampftechnik gegen dieses verletzte Bein Yamashitas anwendet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber Rashwan unterl\u00e4sst jeden Versuch, Yamashita \u00fcber dessen verletztes Bein anzugreifen. Die Kontrahenten klammern sich am Kragen des jeweils anderen fest, st\u00fcrzen zu Boden, ringen miteinander, bis Yamashita seinen Gegner mit einer Haltetechnik fixiert und damit die h\u00f6chst m\u00f6gliche Wertung erh\u00e4lt. Nach einer Minute und f\u00fcnf Sekunden ist der Kampf beendet, Yamashita der Sieger, Rashwan der Verlierer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Siegerehrung wird nochmal deutlich, wie schwer die Verletzung Yamashitas ist: Rashwan st\u00fctzt seinen Bezwinger, damit dieser \u00fcberhaupt das Siegerpodest erklimmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll diese Geschichte in den Freitagsworten? Was hat sie mit dem Islam zu tun? Sie kann hilfreich dabei sein, Grundbegriffe des Islam n\u00e4her zu beleuchten, Nuancen im religi\u00f6sen Vokabular sichtbar werden zu lassen, mit deren Hilfe wir uns der Frage n\u00e4hern k\u00f6nnen, woran wir als Muslime \u00fcberhaupt glauben. <\/p>\n\n\n\n<p>Was ist der Unterschied zwischen Islam und Iman? Oder aus personeller Perspektive formuliert: Was ist der Unterschied zwischen einem Muslim und einem Mumin?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sure 49, Vers 14 hei\u00dft es: \u201eDie Beduinen sagen: &#8220;&#8221;Wir sind gl\u00e4ubig\u201c. Sag: Ihr seid nicht wirklich gl\u00e4ubig. Sagt vielmehr: &#8220;Wir haben den Islam angenommen!\u201c Denn der Glaube ist euch noch nicht ins Herz eingegangen. Wenn ihr aber Allah und seinem Gesandten gehorcht, schm\u00e4lert er euch nichts von euren Werken. Allah ist barmherzig und bereit zu vergeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Koran teilt uns hier mit, dass der Glaube mehr ist, als das f\u00f6rmliche Bekenntnis. Der Glaube, der Iman, ist nichts, was nur mit einer m\u00fcndlichen Glaubensformel bekundet werden kann. Er beschreibt vielmehr einen Zustand des Herzens, des Gewissens und der diese Zust\u00e4nde beglaubigenden T\u00e4tigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Schritt, in den Islam einzutreten, ist ein bedeutsamer Schritt. Er ist Ausdruck einer Absicht, aus dem Zustand des Widerstreits, des inneren und \u00e4u\u00dferen Konflikts in den Zustand des Friedens &#8211; f\u00fcr sich und andere &#8211; einzutreten. So wichtig dieser Schritt ist, beschreibt er dennoch keinen Triumph, keinen Sieg und keinen errungenen Erfolg. Er beschreibt den Moment eines Versprechens, einer Zusicherung. Er ist nicht die Manifestation des \u201eIch bin!\u201c &#8211; er ist die Zusage des \u201eIch will sein!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hierin liegt einer der wundersamsten und bewegendsten Merkmale des Islam: Das Versprechen, vom Eintritt in den Islam an den Weg zu einem nicht nur bekundeten, sondern tief empfundenen, verinnerlichten, angeeigneten Glauben, also den Weg zum Iman zu suchen. Aber diese Suche ist kein heiliger Aktionismus, kein frommer Eifer. Sie ist die Bereitschaft zur Ergebenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel zu oft wird diese Ergebenheit im Islamdiskurs als \u201eUnterwerfung\u201c missverstanden und fehlinterpretiert. Was Allah uns abverlangt, ist nicht eine passive Unterwerfung, sondern ein t\u00e4tiger Akt gleichzeitiger Ab- und Hinwendung. Sich vom Zorn abzuwenden, und sich der Geduld hinzuwenden. Fort von der Vergeltung, hin zur Vergebung. Weg von Eigensucht, hin zu Mitgef\u00fchl und Mildt\u00e4tigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Sich zu ergeben bedeutet in diesem Sinne die \u00dcberwindung unseres Selbst, unseres Ego und das sich Ausliefern in die Zuversicht, dass diese \u00dcberwindung f\u00fcr uns und jeden um uns Gutes bewirken wird. So ist auch der Vers 18 in Sure 3 zu verstehen, wo es hei\u00dft: \u201cWahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Vers als Anspruch auf Exklusivit\u00e4t zu verstehen, ihn als Anspruch auf \u00dcberlegenheit zu verstehen, w\u00fcrde bedeuten, sich dem Konflikt, dem Widerstreit, der Hybris und der Verachtung anderer zuzuwenden. Es w\u00fcrde bedeuten, dass die eigene Begierde nach \u00dcberlegenheit \u00fcber andere sich an die Stelle der Demut und der Ergebenheit in Allah setzt. Es w\u00fcrde bedeuten, dass wir an unserem Versprechen, uns Allah zu ergeben, gescheitert sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Religion bei Allah ist also nicht die Beschreibung einer bestimmten Orthopraxie, nicht die k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung in religionspraktischen Ritualen. Die Religion bei Allah ist die fortw\u00e4hrende Herausforderung, sich selbst zum Wohle anderer zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb hei\u00dft es in Sure 4, Vers 94: \u201eOh, die ihr glaubt, wenn ihr auszieht auf Allahs Weg, so seid achtsam und sagt nicht zu jedem, der euch den Friedensgru\u00df bietet: &#8220;Du bist kein Gl\u00e4ubiger.&#8221; <\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist von dem die Rede, der friedlich gr\u00fc\u00dft, also den Frieden anbietet und sich und seinem N\u00e4chsten w\u00fcnscht. Diesem soll nicht abgesprochen werden, ein Mumin, also ein Gl\u00e4ubiger zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn das Rituelle mag uns trennen. Aber in dem Moment, in dem wir uns \u00fcber das Rituelle hinweg dem Essenziellen ergeben, k\u00f6nnen wir entdecken, was uns eint.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese uns einende Ergebenheit beschreibt der Koran in Sure 2, Vers 112 mit den Worten: \u201eDoch wer Allah sein Antlitz ergeben zuwendet und gute Werke verrichtet, hat seinen Lohn bei seinem Herrn. Diese brauchen keine Angst zu haben und sollen nicht traurig sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sich vom Triumph abzuwenden, auf die Ehrungen und Titel und Siegeshymnen zu verzichten, sich besiegen zu lassen, um dem N\u00e4chsten keinen Schaden zuzuf\u00fcgen, keine Schw\u00e4che auszunutzen, um der St\u00e4rkere zu sein &#8211; das sind Versprechen, die wir mit Eintritt in den Islam abgeben. Mancher kann sich \u00fcberwinden, sie einzuhalten. Der Lohn liegt in der Ahnung, dass wir uns in solchen Augenblicken mit unserem Antlitz Allah zugewandt haben. (mk)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist das Jahr 1984. Los Angeles. Olympische Spiele. Das Finale der Judo Wettk\u00e4mpfe der M\u00e4nner in der offenen Klasse. Auf der Judomatte steht der \u00c4gypter Mohamed Ali Rashwan, bereit als erster afrikanischer Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen in die Geschichte des Judo-Sports einzugehen. 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